piwik no script img

UNTERSUCHUNGEN AN MEINHOFS GEHIRN WERDEN DIE RAF NICHT ERKLÄRENSinnlos und illegal

Das Bestreben, Verstöße gegen gesellschaftliche Normen auf Erkrankungen des Gehirns zurückzuführen, hat eine lange Tradition. Schon kurz nachdem die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof im Juni 1972 verhaftete worden war, hatten die Strafverfolgungsbehörden versucht, medizinische Beweise dafür zu finden, dass sie verrückt sei. Es wäre doch zu schön gewesen, hätten sich die gesellschaftlichen Verwerfungen der Sechziger und Siebziger mit einem „kranken Hirn“ erklären lassen.

Dass sich auch heute Mediziner finden, die das Phänomen RAF mit einem Hirnschaden als Folge einer Kopfoperation erklären wollen, verwundert nicht. Schließlich haben biologistische Erklärungsversuche für individuelles Verhalten sowohl bei den Hirnforschern als auch bei den Humangenetikern Hochkonjunktur. Vergessen scheint, dass bereits nach dem Tode Lenins der renommierte Berliner Hirnforscher Oskar Vogt im Geheimauftrag nach Moskau reiste, um in dem in Scheiben geschnittenen Hirn des Revolutionärs geniale Windungen zu suchen. Vogts Nachfolger haben mittlerweile viele neue Kenntnisse und Methoden. Trotzdem suchen sie immer noch.

Überrraschend ist – und das ist auch der Skandal hinter der Geschichte –, dass ausgerechnet die Hirnforscher anscheinend nichts aus dem menschenverachtenden und kriminellen Verhalten ihrer Berufskollegen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gelernt haben. Noch Jahrzehnte nach dem Ende der Nazimordmaschinerie schwammen in den Instituten die Gehirne der Opfer in Formalin – zu wissenschaftlichen Zwecken.

Nach Aussage der Meinhof-Tochter Bettina Röhl wurden die Angehörigen im Glauben gelassen, die Leiche sei bei ihrer Beerdigung vollständig gewesen. Eine Erlaubnis, Meinhofs Gehirn wissenschaftlich zu untersuchen, habe es nie gegeben. Jenseits der Frage, ob die Taten Meinhofs durch Untersuchungen des Gehirns erklärt werden können, muss sich der Magdeburger Hirnforscher Bernhard Bogerts und auch die Uni Magdeburg dem Vorwurf stellen, dass sie illegale Foschung betrieben. WOLFGANG LÖHR

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen