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Das melancholische Tier

Nur denen vertrauen, die man nicht versteht: Andrej Kurkows Roman „Pinguine frieren nicht“ lebt von seiner wichtigsten Nebenfigur, einem Pinguin

An Land wirken sie rührend unbeholfen. Wegen ihrem schwankenden Gang laden sie dazu ein, an die letzten überlebenden Frackträger zu denken, die umso drolliger erscheinen, je würdevoller sie sein wollen. Nicht so Pinguin Mischa, die wichtigste Nebenfigur in Andrej Kurkows Roman „Picknick auf dem Eis“, der nun durch einen zweiten Roman, durch „Pinguine frieren nicht“, fortgesetzt wird.

Mischa ist nicht niedlich. Als ihn sein verarmter Zoo in Kiew zur Adoption freigibt, nimmt ihn ein erfolgloser Schriftsteller zu sich: Viktor. Fortan spiegeln sich die beiden in ihrer Melancholie, ohne dass der Pinguin zu einem Alter Ego, zu einer Metapher zusammenschnurren würde. Viktor, der jetzt auch noch seinen neuen Mitbewohner versorgen muss, braucht einen anderen Job: Er arbeitet für eine Tageszeitung an Nachrufen auf Prominente, die in ein Archiv wandern sollen, aber bald darauf gedruckt werden müssen, weil, kaum dass sie fertig sind, auch schon die sterben, um die es geht.

Obwohl sich in seiner Wohnung inzwischen nicht mehr nur der Pinguin, sondern auch die Tochter eines toten Bekannten und deren Kindermädchen tummeln, verliert Viktor mehr und mehr den Kontakt zur Wirklichkeit und wird immer einsamer. Da hilft es auch nichts, dass ihn der herzkranke Pinguin, der unter Depressionen leidet, weil es ihm permanent zu warm ist, immer mal in der Küche besucht, ihn eine Weile anstarrt und sich manchmal ein wenig an ihn lehnt. Der Pinguin ist fehl am Platz, er ist stumm und undurchdringlich, aber trotzdem wird er von Kurkow nie darauf beschränkt, etwas über den Postsozialismus, über die Schwierigkeiten Viktors zu sagen, sich in dieser Welt zurechtzufinden.

Als Viktor merkt, dass er in die Machenschaften der Mafia verwickelt wird, ist es zu spät – er muss flüchten, seine kleine Nichtfamilie allein lassen und die Schiffspassage in die Antarktis, die für Mischa bestimmt war, für sich selbst nutzen. Das ist der Moment, in dem „Pinguine frieren nicht“, der zweite Roman Andrej Kurkows um Mischa, einsetzt. Viktor ist der Mafia entkommen und muss ganz von vorn anfangen. Vor allem aber gilt es, ein altes Versprechen einzulösen: Er muss den Pinguin wiederfinden, der in den Wirren der Flucht verloren gegangen ist, und er muss ihn in die Kälte bringen. Zurück in Kiew, gerät Viktor aber zunächst in die Fänge eines undurchsichtigen Politikers, der Viktor als Wahlhelfer festnagelt.

Wie schon die Mafiosi in „Picknick auf dem Eis“ ist auch dieser kleine Gangster, der Menschen von Brücken stürzt, manchmal auch menschlich – er bietet Viktor Schutz vor seinen alten Verfolgern. Und trotzdem will Viktor weiter, nach Moskau, wo er den neuen Besitzer Mischas vermutet. In Moskau bekommt er heraus, dass dieser sich jetzt als Warlord in Tschetschenien durchschlägt, weiter geht die Reise, Kriegsgebiet hin oder her, es gilt, den Pinguin zu retten.

In Tschetschenien lässt sich Viktor, bis er den Warlord gefunden hat, bei einer Leichenverbrennungsanlage beschäftigen, in der sich Soldaten ihre toten Kameraden verbrennen lassen, um sie besser nach Hause verschicken zu können – eine bedrückende Atmosphäre, die mit Absicht Assoziationen weckt. Viktor schwebt wieder in Lebensgefahr – und alles für den Pinguin, der noch nicht wieder anwesend, dafür aber umso präsenter ist.

Als Viktor ihn endlich findet, seinen Mischa, da wird klar, warum dieser poetische Roman, dessen Held manchmal an die leisen Helden von Haruki Murakami erinnert, den Pinguin braucht: Viktor tritt ihm respektvoll entgegen und will gar nicht wissen, was ihm widerfahren ist. Obwohl er sich in Mischa am wenigsten hineindenken kann, ist er der Einzige, für den er Verantwortung übernimmt. Und dabei geht es nicht um tierische Unschuld. Es geht um Vertrauen, das man nur noch denen schenken kann, die man nicht versteht. Am Ende, wieder in Kiew, bricht Viktor noch einmal die Zelte ab. Der Pinguin kann nicht in der Ukraine bleiben. Es ist ihm zu heiß da.

SUSANNE MESSMER

Andrej Kurkow: „Pinguine frieren nicht“. Roman. Aus dem Russischen von Sabine Grebing, Diogenes Verlag, Zürich 2003, 535 Seiten, 22,90 €