Tue Buße, Benedikt!

Keine Bewegung hin zu den evangelischen Kirchen, keine offene Diskussion gegenüber Muslimen, keine Entschuldigung bei den Juden: Der Papst hat in Deutschland den geschichtlichen Augenblick nicht genutzt

Liebe Gemeinde! Wir sind heute hier zusammengekommen, um zu trauern. Zu trauern um eine Gelegenheit, die unser Mitbruder in Christo, der Bischof von Rom, Papst Benedikt XVI., hat verstreichen lassen. Er hat viele junge Katholiken enttäuscht, die meisten Protestanten und einige Muslime. Er hat den Kairos, den geschichtlichen Augenblick, leider nicht genutzt. Geh in dich, Benedikt!

Unser erster Diener, der Diener Gottes, ist in seine Heimat nördlich der Alpen gefahren, hat zu über einer Million junger Menschen gesprochen – und hat ihre Herzen nur selten erreicht. Bestenfalls ihre Köpfe.

Sicher, ihm ist die Gabe des Menschenfischens, die sein Vorgänger besaß, einfach nicht geschenkt. Aber auch dort, wo er zumindest die Köpfe hätte erhellen können, blieb er hinter dem zurück, was wir erwartet, erhofft, ja erbeten hatten – und was Gott wohlgefällig gewesen wäre:

Gegenüber den Muslimen wenig mehr als das übliche Salbadern und der implizierte Vorwurf, sie sollten mehr Distanz zum Terrorismus wahren. Den Vertretern unserer evangelischen Schwesterkirchen schien er zunächst keine Gesprächsmöglichkeit geben zu wollen. Dann deutete er an, dass sie für ihn weiterhin nur Vertreter „kirchlicher Gemeinschaften“, also keine Kirchen seien. Schließlich erklärte er, theologisch verbrämt, dass eine vollständige Ökumene nur auf dem Weg der Rückkehr der Kirchen Luthers in den Schoß der römisch-katholischen Kirche möglich sei. Ach, Bruder Benedikt, hast du unseren Brüdern und Schwestern mit dem anderen Gebetbuch nicht mehr zu sagen?

Aber wir wollen nicht ungerecht sein und sehen auch das Gute: Dein Auftritt in der Kölner Synagoge war sicherlich richtig und wichtig: der zweite Besuch eines Papstes bei unseren „älteren Brüdern“ überhaupt – und das als „deutscher“ Papst im Land der Täter des Holocaust. Schade nur, dass du nicht die Größe deines Vorgängers hattest, dich im Namen der Kirche zu entschuldigen. Für das Schweigen von Pius XII. angesichts des Judenmords. Du weißt, Unterlassungssünden sind auch Sünden.

Tue Buße, Benedikt! Erwäge, welche Macht dir der HERR gegeben hat und was du damit Gutes tun kannst. Tun könntest. Und dann, dann komm bald wieder nach Deutschland. Mit mehr im Gepäck. Amen!

PHILIPP GESSLER

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