Die Läuterung der Lauterer

Seit Samstag steht fest: Die „roten Teufel vom Betzenberg“ sind nur noch zweitklassig. Der sportliche Abstieg aber spiegelt und besiegelt endgültig den Niedergang eines vergessenen Provinzvölkchens

von ARNO FRANK

In Kaiserslautern waren die Teufel los. Zwei Tage lang herrschte der Ausnahmezustand, als fast 100.000 Pfälzerinnen und Pfälzer ihren Klub feierten, den 1. FCK, die „roten Teufel vom Betzenberg“, im Volksmund kurz und knackig „de Betze“ genannt. Im Kerzenlicht des feierlich geschmückten Festsaals der Fruchthalle wurden 500 geladene Gäste – darunter der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck – vom Deidesheimer Meisterkoch Manfred Schwarz verköstigt, der einst auch Kanzler Helmut Kohl und Michail Gorbatschow mit erlesenen Speisen verwöhnt hatte. Zu den Klängen von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ betraten Spieler, Trainer und Funktionäre die von bengalischen Lichtern umsäumte Bühne. Dort sangen sie alle gemeinsam Queens dümmliche Gewinnerhymne „We Are the Champions“ … halt, falscher Film, sorry.

Zwar haben sich die eben beschriebenen Szenen tatsächlich abgespielt, nur leider nicht am vergangenen Wochenende, sondern vor fast zehn Jahren. Am 18. Mai 1996 hatte sich Kaiserslautern tränenreich nach 33 Jahren ununterbrochener Erstklassigkeit verabschiedet, nur um bereits im folgenden Jahr mit einem Schwung in die 1. Bundesliga zurückzukehren, der am Ende sogar für die Meisterschaft reichen sollte, zur vierten schon nach 1951, 1953 und 1991.

Wer hier geboren wurde, vielleicht sogar in den Siebzigerjahren, der konnte sich dieser ach so traditionsreichen Fußballmythologie kaum entziehen. Schon deshalb nicht, weil sich die Stadt zu diesem Zeitpunkt ihrer tatsächlich beachtlichen Geschichte vollends entledigt hatte.

Das kleine Flüsschen Lutra, an dem es den Kaisern des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation so gut gefallen hatte? Ist als unsichtbarer Kloakenkanal unter dem Beton verschwunden und heute unauffindbar. Die stolze Kaiserpfalz, vom jungen Friedrich I. („Barbarossa“) 1152 erbaut? Die Ruine ist heute aufs Allerentzückendste in die zentrale Bushaltestelle der „Barbarossa-Stadt“ integriert, das alte Wappen mit dem Hecht durch eine grotesk anonyme Gebrauchsgrafik ersetzt. Und die legendäre Fruchthalle, nach der Revolution von 1849 Sitz einer „Provisorischen Regierung“? Wird heute von einem beispiellosen Monument der Bürokratie überragt, dem 84 Meter hohen Rathaus. Gebaut wurde es 1968, als die „Stadt der Pfaff-Nähmaschinen“ und einer Fabrik für Opel-Bodenbleche noch boomte und bald den 100.000sten Einwohner begrüßen würde. Heute dient das Rathaus noch immer als natürliche Wegmarke der mit infernalischem Lärm das nahe Ramstein ansteuernden Militärflugzeuge der amerikanischen Luftwaffe. Zugleich ist nicht nur die Einwohnerzahl wieder unter 100.000 geschrumpft, auch das Gros der fast 60.000 in „K-Town“ stationierten, kaufkräftigen US-Soldaten hat ihre housing für nachrückende Russlanddeutsche geräumt. Strukturwandel, ick hör’ dir trapsen.

Hier, weitab von jedem Schuss, den nicht ein Jäger im idyllischen Pfälzer Wald abgegeben hätte, waren Gestalten wie die „Helden von Bern“ – Fritz und Ottmar Walter –, der schwedische Torhüter Ronny Hellström, Peter „die Walz aus der Pfalz“ Briegel und sogar Otto Rehhagel tatsächlich Heilige jener Säulen, auf denen das Restselbstvertrauen einer vergessenen Zonenrandbevölkerung ruhte.

Zonenrandbevölkerung, weil der hügelige und bewaldete Landstrich jahrhundertelang als Puffer zwischen Frankreich und Deutschland sowie als Aufmarschgebiet fast jeder Armee diente, die in den vergangenen 2.000 Jahren in Mitteleuropa unterwegs war: von den Legionen Roms über die Heere Schwedens, von der Grande Armée bis zu den US-Marines. Vergessen, weil sich nach der Wiedervereinigung alle Augen auf innerdeutsche Randgebiete richteten.

Nicht einmal die Aussicht auf die WM konnte die Kaiserslauterer von ihrem Defätismus abbringen – das „neue“ Fritz-Walter-Stadion auf dem Betzenberg, das über der Stadt thront wie eine Krone auf einen Misthaufen, wurde unter der Ägide eines kleinkriminellen Boutiquebesitzers hochgezogen und gilt jetzt schon als baufällige Investitionsruine par excellence.

Im Gegensatz zum leutseligen Rheinpfälzer aus der sonnengeküssten Tiefebene im Osten also ist der Waldpfälzer seit jeher eine fatalistische Seele, die falschen Verheißungen generell mit gesunder Skepsis begegnet. Gäbe es eine lokaltypische Geste, dann wäre das in Kaiserslautern ohne Zweifel das Abwinken.

„Wenn wir einmal absteigen“, hatte der größte Sohn der Stadt 1996 düster prophezeit, „kommen wir nie wieder hoch.“ Wie es aussieht, hat sich Fritz Walter nur um zehn Jahre verschätzt.