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09.08.2009  55 Kommentare 

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Nazi-Lied als Landes-Hymne

Steige hoch, du brauner Adler

Eigentlich wirkt das Brandenburglied wie eine harmlose Heimathymne. Doch ihr Komponist steckte tief im braunen Sumpf, wie neue Dokumente zeigen. VON UWE RADA

Matthias Platzeck singt viel: Hier sieht man den damaligen SPD-Parteichef mit einem Bergarbeiterchor beim SPD-Parteitag im November 2005.    Foto: ap

Diesmal könnte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) das Singen vergehen. Nachdem schon im letzten Jahr bekannt wurde, dass der Komponist der Brandenburghymne "Märkische Heide", Gustav Büchsenschütz (1902-1996), bekennender Nazi war, hat der Bielefelder Historiker Daniel Siemens nun neue Einzelheiten vorgelegt. Diese zeigen, so Siemens gegenüber der taz, "dass Büchsenschütz schon beim Entstehen des Liedes 1923 mit dem völkischen Milieu verbunden war".

Dass die "Märkische Heide", von Matthias Platzeck gerne auch bei offiziellen Anlässen gesungen, braunes Liedgut war, ging aus einem 2008 entdeckten Zeitschriftenartikel hervor. In der Erstausgabe der Brandenburger Hefte, die 1934 von Wilhelm Kube, dem NSDAP-Gauleiter Brandenburg, herausgegeben wurden, schrieb Büchsenschütz unter anderem: "Auf den großen Veranstaltungen der NSDAP im ,Sportpalast' und im Lustgarten erklang das Brandenburg-Lied und warb immer neue Kämpfer für das neue Deutschland."

Damals konnte Brandenburgs Landesregierung noch argumentieren, Büchsenschütz sei kein NSDAP-Mitglied gewesen und seine Hymne sei ein harmloses Heimatlied. Nun aber hat Siemens entdeckt, dass der Komponist schon Anfang der 20er-Jahre Mitglied des antidemokratischen Bismarckordens war. Dessen Chef war derselbe Kube, für den Büchsenschütz geschrieben hatte. Während des Krieges war Kube als Generalkommissar von Weißrussland für die Ermordung hunderttausender Juden verantwortlich.

Für Siemens, der seine Erkenntnisse in einer neuen Biografie von Horst Wessel vorlegt, ist die Mitgliedschaft im Bismarckorden ein Hinweis darauf, "dass Wessel und Büchsenschütz aus derselben völkischen ideologischen Ecke kommen".

Im Deutschen Musikarchiv hat Siemens auch viele Schallplatten dieser Zeit gefunden: "Auf der A-Seite fand sich das Wessel-Lied, und auf der B-Seite das Lied von Büchsenschütz." Nicht zuletzt deshalb wundert sich der Historiker, "warum das Horst-Wessel-Lied immer noch verboten ist, während die Märkische Heide bei offiziellen Anlässen gesungen wird".

Für die Linkspartei sind die neuen Dokumente ein Grund, die Abschaffung der Brandenburghymne zu fordern. "Man sollte zeitgenössische Künstler auffordern, eine neue Hymne zu entwerfen", sagt Spitzenkandidatin Kersin Kaiser. Brandenburgs Regierungssprecher Thomas Braune aber will erst einmal die Veröffentlichung des Buchs am 22. August abwarten.

http://www.taz.de/nc/regional/berlin/aktuell/artikel/1/steige-hoch-du-brauner-adler
 
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