300 Menschen sitzen vor dem Reichstag und debattieren. Dabei lernt selbst die Polizei noch etwas dazu.von GEREON ASMUTH

Das Ende des Kapitalismus soll ganz ohne Megaphone funktionieren. Bild: dapd/ap, Michael Sohn
Es beginnt mit der Iso-Matte. Bis dahin ist alles ruhig am Sonntagnachmittag. Rund 300 Leute sitzen auf der Wiese vor dem Reichstag in der Sonne. Mittendrin die junge Frau mit der Iso-Matte. Eine Handvoll Polizisten kommt heran, es wird diskutiert. "Mic check! Mic check!", ruft ein Mann neben der Iso-Matten-Frau. "MIC CHECK!", schallt es zurück aus der Menge.
"Es gibt hier ein Problem", fährt der Mann fort. "ES GIBT HIER EIN PROBLEM", sprechen ihm die Umstehenden nach. "Die Polizei hat offenbar die Anweisung", sagt der Mann. "DIE POLIZEI HAT OFFENBAR DIE ANWEISUNG", echot die Menge. "Alle Gegenstände, die an Camping erinnern, zu beschlagnahmen", beendet der Sprecher seinen Satz. "ALLE GEGENSTÄNDE, DIE AN CAMPING ERINNERN", der Rest geht etwas unter. Der Satz war zu lang. Erst als der Mann in der Mitte ruft, "das lassen wir uns nicht gefallen!", sind die Nachsprecher wieder textfest. Zugleich halten sie ihre Hände wedelnd über die Köpfe. Es ist ihr Zeichen der Zustimmung.
Die Polizei versteht diese neuen Kommunikationsformen noch nicht so ganz. Oder ignoriert sie. Die Iso-Matte wird beschlagnahmt. Ihre Besitzerin vorübergehend festgenommen. Die Menge buht - ganz klassisch. Dabei hätte sie auch dafür einen Code: überkreuzte Unterarme, hochgehalten vorm Gesicht.
Diese Formen der Massenkommunikation machen den Charme der Occupy-Bewegung aus. Sie werden per Internet global weiter gegeben - und nun auch auf der Reichstagswiese adaptiert. Per "Mic check", also per Mikrofontest, meldet man sich zu Wort. Die Umsitzenden verstärken dann das Gesagte durch gemeinsames Nachsprechen. Das ist zeitaufwendig. Aber es schult das Zuhören. Kaum jemand fällt anderen ins Wort. Jedes gesprochene Wort wirkt bedacht.
Die Menge auf der Wiese debattiert mittlerweile darüber, ob sie, wie von der Polizei gefordert, einen Versammlungsleiter benennen soll. Da tritt ein Polizist in die Mitte. Blaue Uniform, blaues Käppi, blaugetönte Sonnenbrille. "Guten Tag, mein Name ist Manske, ich bin der …", beginnt der Beamte. "GUTEN TAG, MEIN NAME IST MANSKE", fällt ihm die Menge ins Wort. Manske lächelt irritiert. Einer der Demonstranten springt ihm zur Seite: "Das ist hier kein Gebet", erklärt er. Vielmehr werde alles nachgesprochen, damit auch der letzte Schwerhörige am Rand alles verstehen könne. Deshalb solle er kurze Sätze bilden. Oder lange in kurze Wortfolgen unterteilen.
Manske nickt. "Ich bin der Einsatzleiter der Polizei", ruft er dann. "ICH BIN DER EINSATZLEITER DER POLIZEI", verstärkt die Menge und trägt dann auch jede seiner Erklärung zum Demonstrationsrecht weiter. Inhaltlich aber folgt sie ihm nicht. "Wir brauchen keine Anführer", heißt es. Nach langer Debatte wird beschlossen, dass jeder seine eigene Spontandemo anmelden soll. Jetzt ist Manske wieder irritiert. Er muss nachhorchen, ob das geht und greift zum Handy.
Zeit für die Menge, weiter zu debattieren. Jedes Wort, jede Intonation, selbst ein grammatikalischer Fehler wird exakt wiederholt. Ganz gerecht ist das System nicht. Frauen kommen nicht ganz so einfach zu Wort. Und wer gegen die Mehrheitsmeinung spricht, erkennt das schon daran, dass das Echo leiser ausfällt. Auch dreht sich die Debatte manchmal im Kreis. Aber dafür gibt es ein einfaches Symbol: dann kurbeln die Umstehende die Hände umeinander.
Wie stark darf man die Verbote der Blockupy-Proteste verurteilen? Die Grünen sind sich nicht wirklich einig. Sie regieren in Frankfurt in einem Bündnis mit der CDU. von Timo Reuter

Die Mieten im sozialen Wohnungsbau steigen rasant. Bewohner des Kottbusser Tors wollen bei einem Straßenfest am Samstag Lösungen suchen. von Christoph Villinger

Im Juli 2011 schlug die Redaktion der kanadischen antikonsumeristischen Adbusters-Zeitschrift vor, angesichts der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich die Wall Street zu besetzen. Als Protestbeginn schlugen sie den 17. September, den Verfassungstag der USA vor. Die Idee wurde von vielen Aktivisten aufgegriffen und am 17. September wurde die Wall Street tatsächlich besetzt. So begann die Protestbewegung "Occupy Wall Street", die inzwischen zahlreiche Länder erfasst hat.
Doch die Wurzeln der Occupy-Bewegung sind vielfältiger. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde die Weltöffentlichkeit von mehreren demokratischen Proteste in arabischen und nordafrikanischen Ländern überrascht. Im Sommer begannen in krisengebeutelten europäischen Ländern Proteste gegen Einsparungen durch die Regierungen. Der Tenor: Banken bekommen in der Krise Milliardensummen zugesprochen während Renten und Sozialausgaben gekürzt werden.
Schon im Mai gab es von den spanischen Protestierenden den Aufruf für einen weltweiten Protest am 15. Oktober. Und so kam es. An diesem Tag gingen Menschen in fast 1.000 Städten in zahlreichen Ländern und Kontinenten auf die Straße.
Die Forderungen und Ziele der Bewegungen sind vielfältig, häufig geben sie auch vor, keine eindeutigen Ziele zu haben: Es geht um Partizipation, um Diskussion, um Gemeinsamkeit, um ein Unbehagen mit der Welt. Das Unbehagen wird durch den weltweit verbreiteten Slogan „We are the 99 percent“ ausgedrückt, dass trotz Demokratie und Freiheit eine kleine Anzahl von Menschen den Großteil der ökonomischen Produktionsmittel und der politischen Macht besitzen.
Hier finden Sie Berichte, Reportagen und Kommentare zur globalen Protestbewegung. Unser Reporter Jannis Hagmann bloggt aus Frankfurt am Main über die dortigen Proteste.
Starre Rituale, öde Debatten, ein Haus der Langeweile? Nicht in der Ukraine! Hier werden Parlamentsdebatten noch mit Leidenschaft, Herzblut und handfesten Argumenten geführt!

Echte Stars, begeisterte Fans, prima Shopping-Tipps - wir freuen uns auf die Fußball-Europameisterschaft.

Weltraumtouristen, Satelliten und Versorgungsflüge zur ISS – die Raumfahrt wird privatisiert und kommerzialisiert.

Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
18.10.2011 10:28 | Claudia
das mit dem chor und den handbewegungen erinnert mich stark an "aram sam sam aram sam sam, gulli gulli gulli sam sam sam" a ...
18.10.2011 09:18 | blub
Frauen kommen nicht ganz so einfach zu Wort? ...
17.10.2011 20:41 | Bernd
Ich wünsche der Bewegung überall noch mehr "Zulauf"; ...