Ein Jahr ist es her, seit der NSU aufflog. Bei taz-Gesprächsrunden diskutierten Betroffene, Zeugen und Politiker über die Verantwortung.von Daniel Bax

Es wurde auch über Mölln und Sarrazin gesprochen: Zuschauer bei einer der Gesprächsrunden. Bild: Wolfgang Borrs
BERLIN taz | Nachdem in der Keupstraße in Köln im Juni 2004 eine Nagelbombe explodiert war, vermuteten die meisten Anwohner, dass Nazis dahintergesteckt haben mussten. „Das haben alle gesagt“, unterstrich Hülya Özdag, die in der Keupstraße eine Konditorei betreibt. Doch die Polizei ging von einem Streit zwischen Türken und Kurden oder Schutzgelderpressung aus.
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Fast 300 Zuhörer drängten sich am Donnerstag abend im Theatersaal des „Ballhaus Naunynstraße“ in Berlin, um die Sicht von Betroffenen, Zeitzeugen und Politikern über den „braunen Terror“, dessen blutige Spur sich von Mölln und Solingen bis zu den Taten des NSU-Trios zieht, zu erfahren. Eingeladen hatten die taz und die Heinrich-Böll-Stiftung.
Ein großer Teil der beiden Gesprächsrunden drehte sich um die Frage, warum die Behörden so lange so blind sein konnten, das Motiv – mörderischen Türkenhass – zu übersehen. „Das Wort Panne kann ich in diesem Zusammenhang nicht mehr hören“, bekannte Petra Pau, die für die Linke im Bundestags-Untersuchungsausschuss sitzt. Und Mehmet Daimagüler, der als Anwalt zwei Opferfamilien vertritt, befand: „Wir können nicht über den NSU reden, ohne über Thilo Sarrazin zu sprechen“.
Das sah Ibrahim Arslan genau so. Er war sieben Jahre alt, als zwei Neonazis einen Anschlag auf das Haus seiner Familie in der Mühlenstraße in Mölln verübten. Der Junge überlebte nur, weil seine Großmutter ihn in ein nasses Tuch wickelte, seither trägt er einen nervösen Reizhusten mit sich; seine Cousine, seine Schwester und seine Großmutter starben in den Flammen. Vor zwei Jahren kam Ibrahim Arslan nach Berlin, als Thilo Sarrazin dort erstmals sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorstellte. „Es war wichtig für mich gegen einen Menschen zu demonstrieren, der Nazis aufpusht“, erklärte er dazu.
Jahrelang musste Arslan um eine Opferentschädigungsrente kämpfen, auch von seiner Stadt fühlt er sich schlecht behandelt. Jetzt, wo sich der Anschlag dort zum zwanzigsten Mal jährt, wird es in Mölln ein Solidaritätskonzert mit Musikern wie Jan Delay geben, zu dem Ibrahim Arslan alle Anwesenden einlud. Allerdings, so der 27-jährige, gebe es in Mölln derzeit Graffitis mit dem Slogan „Nationalsozialismus jetzt“ . „Die Medien haben einen großen Teil dazu beigetragen, Vorurteile zu säen“, kritisierte Hülya Özdag, die nach dem Anschlag in der Keupstraße mithalf, dort ein Solidaritätsfest zu veranstalten. Doch der Ruf der Straße war ruiniert.
Auch Wolfgang Richter, der ehemalige Ausländerbeauftragte von Rostock, mahnte die Verantwortung der Medien an. Er erinnerte daran, dass es eine Lokalzeitung war, die jenen anonymen Drohbrief abdruckte, der Gewalt ankündigte, mit dem 1992 das Drama im Stadtteil Lichtenhagen begann. Die organisierte Naziszene sei erst später auf den Zug aufgesprungen, so Richter, der vor zwanzig Jahren in Lichtenhagen mehrere angstvolle Stunden mit verängstigten Vietnamesen und einem ZDF-Kamerateam im Sonnenblumenhaus eingeschlossen war.
Leider gebe es immer wieder Anzeichen dafür, dass man vor den Rechten zurückweiche, hat Wolfgang Richter festgestellt. Erst im Mai sprach sich ein Ortsbeirat der Stadt dagegen aus, eine Straße nach dem Mordopfer der Neonazi-Zelle NSU, der dort in einem Imbissstand erschossen worden war, in Mehmet-Turgut-Weg umzubennennen. „Das kommt aus der Mitte der Gesellschaft, nicht von organisierten Nazis“, betonte Richter.
Im der Wochenschrift "DAS BLÄTTCHEN" (online) ...
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