taz-Jubiläum: Warum ich bei der taz bin

Für Themen kämpfen und Freiheit genießen

Zwei Redakteure über politisches Profil und redaktionelle Unabhängigkeit, die sie nicht missen möchten.

taz-Werkzeug Fahrrad. IN diesem Fall Transportmittel der Gerichtsreporterin.  Bild: Miguel Ferraz

Für Themen kämpfen: Ein Statement von Kaija Kutter aus Hamburg

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Ich erinnere mich noch an die 20-Jahres-Feier der taz hamburg im Herbst 2001. Damals traf ich Ehemalige, die sagten: "Ach, du bist immer noch bei der taz". Nun, zehn Jahre später, wappne mich für die 30-Jahres-Feier innerlich für ähnliche Dialoge. Ja, ich bin jetzt - abzüglich fünf Jahren Erziehungszeit für meine Kinder - 20 Jahre bei der taz. Und ich plane nicht, dies in absehbarer Zeit zu ändern. Ich arbeite sehr gerne in dieser Regionalredaktion. Ich verstehe Kollegen, die nach einigen Jahren etwas anderes suchten, aber für mich ist dieser Arbeitsplatz ein ganz besonderer, den ich nicht aufgeben möchte.

Zwar bedaure ich, dass unsere Hamburg-Berichterstattung seit der Umstellung auf das Nord-Konzept auf eine tägliche Seite geschrumpft ist. Aber ich habe den Eindruck, dass auch dieser veränderte Fokus noch Sinn ergibt. Und trotz des täglichen Drucks, Texte zu produzieren, bietet dieser Arbeitsplatz Freiheiten, die ich sehr schätze.

Wie wichtig Pressevielfalt ist, habe ich als politisch interessierter Mensch schon in jungen Jahren gelernt. Beispielsweise wenn es Polizeieinsätze bei Demonstrationen gab, über die keine Zeitung so berichtete, wie ich sie erlebt hatte. Eine gute Bekannte wollte 1980 Berichte über junge Punks, die auf einer Polizeiwache misshandelt wurden, an die Öffentlichkeit bringen. Außer einem monatlichen Terminmagazin war keine Zeitung bereit, darüber zu berichten.

Die taz hamburg hat dafür gesorgt, dass solche Themen nicht unbeachtet bleiben. Und sie hat mittelbar dafür gesorgt, dass andere Hamburger Zeitungen ihr Spektrum erweitert haben. Das führt manchmal zu einer Umkehr der Situation: Mit Verwunderung habe ich als Berufsanfängerin gelernt, dass Missstände "Geschichten" sind, um die es eine Konkurrenz der Medien gibt. Sie haben sie am liebsten "exklusiv". Und mancher, der mit seiner Geschichte vor Jahren nur bei der taz Gehör gefunden hätte, arbeitet heute mit der auflagenstärkeren Konkurrenz, weil das mehr Durchschlagskraft verspricht.

Verzichtbar ist die taz aber noch lange nicht. Es gibt es immer wieder Situationen, in denen nur wir überhaupt über ein Thema berichten oder dies aus einem anderen Blickwinkel tun. In meinem Ressort Bildung und Soziales hat dies auch damit zu tun, dass Themen komplex und sperrig sind. Das sollte aber kein Hindernis sein, sie in die Zeitung zu holen.

Manchmal bringt schon das Bewegung, was vor dem Drucken des Textes passiert: Das Sammeln und Gegenchecken von Informationen, das Zusammenbringen von Pro und Contra, das viele Telefonieren. Wir können Fragen stellen, Ebenen ins Gespräch bringen, quer durch die Hierarchien.

Gelegentlich wünsche ich mir, die Texte würden mehr gelesen. Unsere Auflage ist überschaubar. Aber registriert werden wir vom Politikbetrieb doch. Wir nehmen Einfluss, indem wir gewichten. Lange dabei zu sein hat den Vorteil, dass man neue Entwicklungen in langfristigere Zusammenhänge einordnen kann. Unsere Arbeit ist nicht ohne Wirkung. Nur ist diese schwer zu kalkulieren. 

 

Relikte von Freiheit. Ein Statement von Jan Zier aus Bremen

Das wäre jetzt die Gelegenheit. Für hehre, für kämpferische Worte. Für Lobreden - auf den Journalismus im Allgemeinen, die taz im Besonderen. Zeit für ein paar eitle Selbstgefälligkeiten. Aber ich dränge mich ja nicht so gerne selbst in den Vordergrund. Auch wenn ich natürlich durchaus gerne meinen Namen in der Zeitung lese. Die Sache ist im Grunde ganz einfach: Ich bin bei der taz, weil ich Glück gehabt habe. Zur rechten Zeit da war. In Bremen bleiben wollte. Und unwillig war, weiter der Wissenschaft, in diesem Falle der politischen, zu huldigen. Ich wollte ja gelesen werden.

Nein, nicht nur einfach auch "was mit Medien" machen. Ich will schreiben, Geschichten erzählen. Aber ich verstehe mich dabei als niemandes Interessenvertreter. Ich will zwar Teil der oft zitierten kritischen Öffentlichkeit, doch nicht das Sprachrohr von Grünen, Linken, AktivistInnen - wessen auch immer - sein. Und schon gar nicht der journalistische Arm meiner FreundInnen. Zwar verschaffe ich gerne mal Entrechteten und Unterdrückten Gehör, jenen die es bei den Herrschenden sonst nicht finden. Aber ich bin nicht ihr Anwalt.

Das hat nichts mit Beliebigkeit oder gar Haltungslosigkeit zu tun. Im Gegenteil. Und ich bin auch keiner von jenen, die dem berühmten, Hajo Friedrichs zugeschriebenen Diktum unserer Branche anhängen, wonach sich unsereins nicht gemein machen sollte, auch nicht mit einer guten Sache. Ich würde mich, bei aller Liebe zur Wahrheit, nicht als objektiv bezeichnen wollen. Und ich will, ohne Sendungsbewusstsein, Stellung beziehen, will Sachen gut finden dürfen, ja, sie auch in der Zeitung lobpreisen können. Und doch nicht Sprecher sein. Ich habe Prinzipien. Aber kein politisches Programm und keine Mission.

"Utopie seit 1979" steht auf einem der taz-Werbeflyer, der dann noch davon spricht, Teil eines "guten Lebens" geworden zu sein. Nun gut, das ist ein weites Feld. Doch die Zeiten, in denen die taz so etwas wie ein Projekt war, sind ja, ehrlich gesagt, lange vorbei. Auch wenn sich Relikte dessen in Bremen womöglich noch etwas länger gehalten haben als andernorts in der taz. Noch ein Grund, warum ich seit sieben Jahren hier bin.

A propos: Was ich, bei allem, was man gegen die taz sagen kann - und manchmal auch muss - ihr zugute halten muss: Die Freiheit, die sie einem gibt. Stilistisch wie thematisch. Gerade im Lokalen. Man darf seinen eigenen Stil pflegen, frech schreiben, lästerlich und auch provokativ, Texte über Kultur, die nicht dem Feuilletonistensprech anheim fallen, Texte über Politik, die mehr sind als Nachrichtenticker. Man darf seine heimliche Liebe für den Boulevard, ja, auch für Klatsch, Tratsch und Trash ausleben. Heute über Parteipolitik, morgen über Leibesübungen und übermorgen über zeitgenössische Kunst schreiben und doch auch noch Gerichtsreporter sein. Aber nicht nur.

Ob ich in zehn Jahren immer noch bei der taz bremen sein will? Keine Ahnung. Das, was man gemeinhin "Karriere" nennt, schwebt mir jedenfalls nicht vor. Aber vielleicht ja etwas wirklich ganz anderes.

 

 

Anlässlich von 25 Jahren taz bremen und 30 Jahren taz hamburg: eine selbstkritische Nabelschau, gewürzt mit nur einer kleinen Prise Lob.

 

23. 10. 2011

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