taz-RedakteurInnen bereuen

Die Geschichte, die ich schrieb

aber es lieber hätte sein lassen sollen. Es gibt im Laufe eines AutorInnenlebens Texte, die man nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert und aufschreibt. Und es trotz aller Mühe hinterher bereut. Zwei Erfahrungen.

Nervennahrung: Wenn's stressig wird, greifen RedakteurInnen gerne in die Kiste.  Bild: Miguel Ferraz

Leichte Beute

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Ja, Kultursenatorin Dana Horáková war so schlimm. Aber muss man das bei jeder Winz-Verfehlung wieder schreiben? Da kann man jetzt natürlich viel drüber lamentieren, grübeln, rechten: Ob man in all den Jahren Böses geschrieben hat. Ja, hat man ganz bestimmt, selten mit Vorsatz, manchmal aber auch das. Oft aber war es schlicht die journalistische Lust am Draufhauen, die einen trieb, mainstreamig außerdem, ungefährlich und letztlich ein bisschen feige: Einen ohnehin Unbeliebten zu schmähen ist letztlich wenig originell.

So geschehen mit Dana Horáková, Hamburgs Kultursenatorin von 2002 bis 2004, die ich damals mehr als einmal anging. Oft geschah das zu Recht, zeigte sie doch wenig Gespür für die Szene, sagte Galeristen unumwunden, dass sie sie niemals zu Gesicht bekommen würden. Frauenprojekte und Geschichtswerkstätten suchte sie wegzusparen, um stattdessen ein Mohammed-Atta-Museum in Harburg eröffnen. Außerdem war sie für uns tazzler natürlich eine 1a-Feindin, von der Bild-Kolumnistin zur Kultursenatorin avanciert, das allerletzte Aufgebot des ratlosen Ole von Beust.

Und trotzdem: Ich würde das in der Intensität und Penetranz nicht wieder tun. Würde ein bisschen Maß halten, nicht bei jeder Kleinst-Verfehlung eine Kolumne schreiben, und sei es noch so lustig, im Kollegium darüber zu witzeln.

Denn Dana Horáková hatte nicht nur dieses Gesicht. Sie war auch eine, die vor der Ausweisung aus Tschechien im Samisdat-Selbstverlag Schriften von Dissidenten edierte, damals in den Siebzigern. Eine, die den erzwungenen Wegzug von dort nie verwand und darob in einer Talkshow einmal in Tränen ausbrach.

Nun kann man sagen, das war unprofessionell - so tat es die Journaille damals - oder aber: entwaffnend natürlich. Menschelnd, auch wenn ihre Untergebenen dies selten spürten. Aber im Keller ihres Privathauses nördlich von Hamburg hat sie jahrlang eine Leihbibliothek für die Kinder der Nachbarn und überhaupt ein offenes Haus gehabt. Kompensiert das eine unprofessionell-hartleibige Amtsführung, bei der es um weit mehr Geld und Schutzbefohlene ging? Sicherlich nicht. Aber ist der Journalist berechtigt, einen so offensichtlich überforderten Politiker wieder und wieder zu geißeln? Juristisch zweifellos. Ethisch aber - eventuell nicht.  PETRA SCHELLEN

Keinerlei Zweifel

Der Skandal kam auf dem Silbertablett: Die eigens gebildete Oldenburger "Antirepressionsgruppe" hatte ein Dossier erstellt, voller Fotos prügelnder Polizisten und "Gedächtnisprotokolle" verletzter Demonstranten. So etwas gibt es öfters, doch diesmal knallte die Sache richtig: Polizisten einer Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) sollten zwei linke Demonstranten, eine junge Frau und einen Mann am Rande einer Neonazidemo 2008 in Oldenburg absichtlich mit Messern verletzt haben. Einfach so! Die Antifa erwartete "lückenlose Aufklärung!".

Die Polizei war in der Defensive: Der Vorwurf könne unmöglich wahr sein, weil die Beamten im Einsatz gar keine Messer hätten, sagte der Sprecher. Am nächsten Tag füllte die Story trotzdem die Seite 1 der taz nord. Als das Innenministerium dann einräumte, dass die BFEs sogar zwei Messer im Einsatz bei sich tragen, boten die Erklärungsnöte von Justiz und Polizei Stoff für mehr. Das Opfer hielt telefonisch vom Krankenhausbett aus vehement an der Geschichte fest. Sie habe "jetzt wahnsinnige Angst vor der Polizei", sagte sie mit fester Stimme. "Absolut glaubwürdig," befand ihr Anwalt, ein Linken-Landtagsabgeordneter. Der Skandal hielt sich im Blatt. "Kann man ihr glauben?", fragte der Chef. Ich hatte keine Zweifel.

Doch schließlich überführten externe Ermittler der Polizei die Frau, sich die Stiche selbst zugefügt zu haben. Sie war psychotisch, das andere Opfer alkoholkrank. Sie hatten sich die Sache ausgedacht - vermutlich aus Polizeihass und Geltungssucht. Als der Anwalt dazu eine Erklärung von der mittlerweile abgetauchten Frau beschaffen sollte, klang er müde: "Tun Sie allen einen Gefallen und lassen es auf sich beruhen. Die Frau ist gestraft genug." Das sahen selbst Staatsanwaltschaft und Polizei so: Nachdem die Frau sich entschuldigt hatte, war "die Sache von uns aus in Ordnung." Kontakte mit der Oldenburger Justiz bereiten mir seither dennoch Unwohlsein."  CHRISTIAN JAKOB

 

Anlässlich von 25 Jahren taz bremen und 30 Jahren taz hamburg: eine selbstkritische Nabelschau, gewürzt mit nur einer kleinen Prise Lob.

 

12. 10. 2011

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