30. März - 11. April / 19. - 31. Okt. 2015

Tunesien

Reiseleitung: Edith Kresta und Renate Fisseler-Skandrani

Das Dahargebirge wird seit Jahrtausenden bewohnt – berühmt sind die besonderen Höhlenbehausungen.  Bild: Raja Skandrani

Tunis – Kairouan – Sidi Bouzid – Douz – Dahargebirge – Mahdia

Eine Gelegenheit, die Stimmung in dem Land, in dem die arabische Revolution 2011 begann, sowie das Ringen um eine neue politische Kultur kennenzulernen. Und Tunesien - anders als Ägypten, Libyen, Syrien oder Jemen - durchlebt einen interessanten Prozess gesellschaftlichen Wandels.

PROGRAMM

PREISE UND LEISTUNGEN

LITERATUR ZUM EINLESEN

 

PREIS: 1.380 € (DZ/HP/ohne Anreise)

VERANSTALTER: SKR-Reisen, Köln, Tel: 0221-93 372-700, sondergruppen@skr.de www.skr.de

Die Reise kann nur beim Veranstalter gebucht werden

Trotz aller neuer Probleme: die Entmachtung Ben Alis wird von allen als Zeitenwende wahrgenommen. Gleich zu Beginn der Reise erleben wir in Tunis, welche Kräfte die Jasmin-Revolution 2011 im Lande freigesetzt hat.

Edith Kresta, Redakteurin der taz-Reiseseiten; Autorin des MarcoPolo-Reiseführers Südtunesien

Renate Fisseler-Skandrani; Publizistin und taz Autorin, Dozentin, u.a. am Goethe-Institut in Tunis, wo sie seit 25 Jahren lebt.

 

 

 

Wir bleiben mehrere Tage in der Hauptstadt und treffen Akteure des neuen Tunesiens. Dann startet eine Rundfahrt durch die reizvollsten Landschaften Tunesiens.

Erste Station der Rundreise ist die „heilige Stadt“ Kairouan. Weiter geht es über Sidi Bouzid, den Ort, in dem die Revolution begann, nach Gafsa, Hauptort der Phosphatregion und Hochburg der Gewerkschaften.

Dann fahren wir über die Chotts (Salzseen) Richtung Sandwüste. Im Oasengebiet Nefzzaoua besuchen wir eine FairTrade Dattel-Kooperative.

Entlang der „Straße der Ksours“geht es ins Dahar-Gebirge bis zum Ort Douiret, wo wir bei einer Umwelt-Initiative von Frauen zur Entwicklung des Ortes übernachten. Auf der Rückfahrt nach Tunis bleiben wir noch eine Nacht in dem reizvollen Fischerort Mahdia.

Protestierende in der Avenue Bourguiba in Tunis kurz nach dem Sturz von Ben Ali Ende Januar 2011.  Bild: Renate Fisseler-Skandrani

Zur Entwicklung Tunesiens seit der Revolution 2011

Am 14. Januar 2011 ging von Tunesien aus eine Botschaft um die Welt: Diktatoren können gestürzt werden, das Recht auf ein würdiges Leben in Freiheit und Demokratie ist ein Menschenrecht. Die behauptete „arabische Ausnahme“ – Demokratieunfähigkeit und Freiheitsfeindlichkeit – wurde widerlegt.

Der Aufbau des neuen Tunesien wird daher Bezugspunkt vieler unserer Gespräche mit engagierten Frauen und Männern sein. Dabei werden wir verschiedene Vereinigungen und Projekte der Zivilgesellschaft und deren Arbeit kennen lernen. Aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten Jugendliche, Frauenrechtlerinnen, Blogger, Theaterleute und JournalistInnen, Gewerkschafter und politische FunktionsträgerInnen das Demokratie-Labor Tunesien. 

Denn Tunesien befindet sich seit dieser „Jasmin-Revolution“ im Januar 2011 in einer Art Laborsituation: Es gilt, einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit zu bewerkstelligen: Aufklärung, Aufarbeitung und Beseitigung der Hinterlassenschaft der korrupten und mafiösen Einparteiendiktatur in der Exekutive, im Sicherheitsapparat und in der Justiz und zugleich eine Verfassung zu erarbeiten sowie Reformen einzuleiten, die die Fundamente legen für eine soziale, demokratische und egalitäre Republik. 

Frauen forderten seit Beginn der Revolution - hier im März 2011 - die volle Gleichberechtigung  Bild: Archiv

Seinen Anfang nahm der Arabische Frühling in Tunesien nicht in den städtischen Zentren an der Nordküste, sondern im armen, von struktureller Entwicklung abgehängten Südwesten des Landes, wo der Funke zum Aufbegehren schon länger schwelte; mindestens seit der 2008 gewaltsam niedergeschlagenen sozialen Bewegung gegen Arbeitslosigkeit und ungerechte Einstellungspolitik in der Phosphat-region um Gafsa.

Als sich am 17. Dezember 2010 der Straßenhändler Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid (rund 100 km nord-westlich von Gafsa) aus Verzweiflung selbst anzündete, löste dies im Landesinneren (Sidi Bouzid, Kasserine, Thala, Gafsa) spontane Massenproteste aus. Vor allem junge, oft gut ausgebildete Menschen erhoben sich mit Unterstützung der Gewerk-schaftsbasis gegen Arbeitslosigkeit, unwürdige Lebensbedingungen, Unterdrückung und mafiöse Strukturen. Es folgte eine brutale Unterdrückung mit mehr als 300 Toten.

Die erschütternden Bilder, von mutigen BloggerInnen im Netz verbreitet, rüttelten das ganze Land wach. Die Aufstandswelle, zunehmend mitgetragen von der Gewerkschaft, von zivilgesellschaftlichen Gruppen, KünstlerInnen und Teilen der Mittelschicht, erreichte die Hauptstadt. Am 14. Januar 2011 machte sich der Diktator Ben Ali aus dem Staub und mit ihm zwei Familienclans, die das Land mehr als zwei Jahrzehnte unterdrückt und ausgeplündert haben. 

Graffiti 2013 in Tunis: "Bleibt standhaft, Tunesier, die ganze Welt ist stolz auf Euch!"  Bild: Gabriele Gräfe

Eine neue politische Landschaft

Im ersten Jahr entstanden bis Januar 2012 an die 200 Zeitungen und Zeitschriften, neue private Radio- und Fernsehsender wurden zugelassen oder sind in der Planung. Facebook spielt als Medium der Informationsverbreitung, des politischem Austauschs und zur raschen politischen Mobilisierung weiterhin eine wichtige Rolle. Tagtäglich entstehen neue zivilgesellschaftliche Vereinigungen, in denen sich bürgerrechtliches und soziales Engagement ebenso bündelt wie spezifische Anliegen verschiedener Gesellschafts- und Berufsgruppen. Mehr als 110 Parteien haben ihre Zulassung erhalten.

Die Zentren der Städte, große Avenuen und Plätze, sind seit Beginn des Umbruchs vielfach genutzter, öffentlicher politischer Raum, wo in Kleingruppen diskutiert und sozialen wie politischen Forderungen durch Demonstrationen und Sit-ins Nachdruck verliehen wird. Zweimal kamen „Karawanen der Freiheit“ aus den Regionen in die Hauptstadt, besetzten den „Place du Gouvernement“ und erzwangen so im Februar und März 2011 zwei Umbildungen der Übergangs-regierung, d.h. den Ausschluss von Ben Ali-Getreuen. 

Mehrere Tausend Personen, zivilgesellschaftliche Zusammenschlüsse und Gruppen, Familien der Opfer der Revolution, Frauenvereinigungen wie die „Femmes Démocrates“, Hochschulvertretungen, Hochschul-absolventInnen ohne Arbeit, die Liga für Menschenrechte, Amnesty u.a. haben beim Zusammentreten der Verfassungsgebenden Versammlung am 22. November 2011 die Abgeordneten vor dem Parlament im ehemaligen Bey-Palast in Bardo erwartet, um ihr „Engagement citoyen“ zum Ausdruck zu bringen. Dieses Engagement hat die Arbeit der Verfassungsgebenden Versammlung anhaltend begleitet und schließlich den Rücktritt der von der islamischen Ennadha dominierten Übergangsregierung erzwungen.

Bei den ersten freien Wahlen am 23. Oktober 2011 hat die gemäßigt islamische Partei Ennahda mit etwas über 40 Prozent der abgegebenen Stimmen die Wahlen gewonnen. Der Mord an dem linken Politiker Chokri Belaid am 6. Februar 2013 und an dem linken Oppositionsabgeordneten Mohamed Brahmi am 25. Juli 2013 führte zu einer tiefen politischen Krise: Opposition und Zivilgesellschaft forderten den Rücktritt der Regierung Laarayedh sowie die Einsetzung einer reinen Expertenregierung bis zu den Neuwahlen, ein Teil der Abgeordneten boykottierte die Arbeit der Nationalversammlung.

Tunis: Protest gegen die Regierung Laarayedh im Oktober 2013  Bild: Klaus Ehrmann

Oktober 2013: "Nationaler Dialog" statt Polarisierung wie in Kairo

Nach langwierigen Verhandlungen und Vermittlung unter der Leitung des Gewerkschaftsbundes UGTT einigten sich Regierung und Opposition im Oktober 2013 im Rahmen eines „Nationalen Dialogs“ auf die Fortführung der Arbeit an der Verfassung sowie die Bildung einer neuen Übergangsregierung aus parteilosen Experten, die bei den nächsten Wahlen (im Herbst 2014) nicht kandidieren durften. Am 9. Januar 2014 schließlich trat Premierminister Laarayedh zurück und machte den Weg frei für diese Experten-Regierung.

Am 26. Januar 2014 wurde nach zähem Ringen auch die neue Verfassung mit der erforderlichen Mehrheit von zwei Dritteln der Mitglieder der Versammlung angenommen. Tunesien wird künftig eine parlamentarische Republik mit besonderen Vorrechten des Staatspräsidenten in den Bereichen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik sein.

Bei den Parlamentswahlen am 26. Oktober 2014 erhielt die säkulare Partei Nidaa Tounes („Ruf Tunesiens“) mit 37 Prozent die meisten Stimmen. Sie wurde stärkste Kraft vor der islamisch geprägten Ennahda-Partei, die nur noch 27 Prozent der Stimmen erhielt. Zwei Wochen später fanden Präsidentschaftswahlen statt, bei denen kein Kandidat die nötige Mehrheit erhielt.

Bei der für Ende Dezember 2014 geplanten Stichwahl geht der 88-jährige Vorsitzende von Nidaa Tounes, Beji Caid Essebsi, als Favorit ins Rennen. Sein Kontrahent ist der bislang amtierende Präsident Moncef Marzouki. Der 69-jährige ehemalige Oppositionelle und Menschenrechtler kam auf Platz 2, obwohl er keine eigene Hausmacht hat. Dass er dennoch gegen Essebsi in die Stichwahl kam, verdankt Marzouki vor allem den Ennahda-Wählern, um die er wirbt. Denn die Islamisten schickten keinen eigenen Kandidaten ins Rennen.

Der Favorit Essebsi schreibt sich ein "modernes, säkulares Tunesien" auf die Fahne. Er führt seine lange politische Erfahrung ins Feld und verspricht Stabilität und wirtschaftlichen Aufschwung. Er war unter Habib Bourgiba, dem ersten Präsidenten Tunesiens nach der Unabhängigkeit 1956, Innen- und später Außenminister. Für viele symbolisiert er die Restauration der alten Kräfte.

Die politische Herausforderung für das neue Tunesien, das als einziges Land des arabischen Frühlings den demokratischen Prozess weiterführt, besteht darin, wirtschaftliche Perspektiven zu entwickeln und die Jugendlichen einzubeziehen. Blogger und junge Aktivisten haben den Sturz der Diktatur wesentlich mitgetragen, viele fühlen sich jetzt von den Parteien nicht mitgenommen.

Renate Fisseler-Skandrani erinnert an die Jasmin-Revolution und die Monate danach