taz vom 18.04.2009 Copyright: Contrapress media GmbH Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags Inhalt: (Druckseite/Zeile) taz - Seite 1 1/546 Obama liefert Munition für Folterer KOMMENTAR VON CHRISTIAN SEMLER 1/593 VERBOTEN 1/612 Straffreiheit für Bushs Folterknechte CIA-FOLTER Heftige Proteste gegen die Entscheidung von US-Präsident Barack Obama. Amnesty International: Gesetze gegen Folter machen nur Sinn, wenn man sie auch anwendet 1/644 Aktion gegen Kinderpornos im Internet 1/666 Lehman-Opfer ruft Karlsruhe an 1/685 Ein Jahr Haft für Internet-Piraten 1/705 Netto: 1.000 unbezahlte Überstunden AUSBEUTUNG Der Discounter verlangt Überstunden ohne Ende - ohne Bezahlung. "Ein 12-Stunden-Tag ist die Regel. Man ist der letzte Arsch", sagt ein Mitarbeiter. SEITE 3 taz - Themen des Tages 2/719 THEMA DES TAGES KINDERPORNOS 2/729 "Man will Akzeptanz für Zensur" Andreas Bogk vom Chaos Computer Club kritisiert die Internetpolitik von Ursula von der Leyen: "Hier wird nur ein Strohmann aufgebaut" 2/788 Danke für 30 Jahre taz die sonntaz 2/836 Stoppsymbol und Sperrklauseln KINDERPORNOS Auch ohne Gesetz wollen fünf Internetfirmen den Zugang zu Kinderpornoseiten erschweren 2/909 ANDREAS BOGK 2/919 Seeleute an Land verschleppt DEUTSCHER FRACHTER IN PIRATENHAND 2/943 Ausgeglitzert! 2/954 Wenig Unterstützung für Abschaffung SOLI-ZUSCHLAG 2/970 Linke wollen dagegen klagen SCHULDENBREMSE 3/985 DISCOUNTER Jede Menge unbezahlter Überstunden. Überwachung der Mitarbeiter. Klima der Angst. Ein Netto-Filialleiter packt aus 3/996 "Der letzte Arsch im Unternehmen" AUSBEUTUNG Bei Netto, dem zweitgrößten Discounter-Unternehmen, werden unbezahlte Überstunden systematisch einkalkuliert. Die Verkäuferinnen bekommen häufig nur die Hälfte ihrer Arbeit bezahlt. Netto ist "entsetzt" und spricht von "Einzelfällen" 3/1147 DIE GROßEN DISCOUNTER 4/1172 30 JAHRE TAZ Er will mehr Globalisierung. Ohne den Kapitalismus der Eliten. Wie das? Interview mit Klaus Werner-Lobo zum taz-Kongress 4/1184 "Elite missbraucht das System" KAPITALISMUS Autor und Clown Klaus Werner-Lobo sagt: Ökologisch und sozial shoppen reicht heute nicht. Was denn dann? Das profitgesteuerte System muss durch die solidarische Ökonomie ersetzt werden 4/1348 DER TAZKONGRESS 4/1374 KLAUS WERNER-LOBO taz - Inland 6/1394 "Lafontaine wird in den Landtag einziehen" SAARLINKE Der Bundesvorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, will nach der Wahl im Saarland sein Landtagsmandat auf jeden Fall annehmen - auch wenn er keine Chance hat, Ministerpräsident zu werden. Das sagt Saarlands Landeschef Rolf Linsler 6/1474 Ahmadinedschad spaltet UN-Konferenz DURBAN II Der Auftritt von Irans Präsident droht die Antirassismuskonferenz in Genf platzen zu lassen. Westliche Staaten haben Angst vor antisemitischen Hetzreden. Ein Boykott der Veranstaltung durch die Bundesregierung ist dennoch umstritten 6/1535 "Quinta" setzt sich gegen "Quirin" durch WETTER 6/1550 Bushido würde gern Merkels Groupie sein BEKENNTNISSE EINES RAPPERS 6/1569 WAHLEN IM SAARLAND 6/1590 ROLF LINSLER 6/1602 24 Menschen verletzt ZUGUNGLÜCK IN BERLIN 6/1618 Ärztinnen therapieren Frauen besser CHRONISCHE HERZSCHWÄCHE 6/1634 Politiker: Erdogan soll Preis nicht kriegen KRITIK AN AUSZEICHNUNG 8/1650 Streiten für das Gymnasium ab Klasse vier PROTESTDEMO In Hamburg gehen Eltern gegen die geplante sechsjährige Primarschule auf die Straße. Sie wollen das Gymnasium-Wahlrecht nach vier Jahren Grundschule beibehalten. Beobachter spotten: "Porsche-Demo" 8/1725 Gesine Schwan will Manager nicht pauschal verdammen PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF Anders als der Amtsinhaber warnt die Kandidatin vor moralischen Urteilen. Die Ursachen für die Krise sieht sie im "System" 8/1791 Großbetrug bei Abwrackprämie 8/1806 Harte Strafen für Mord in Dessau taz - Wirtschaft und Umwelt 9/1822 Gegen Mehrwegzwang GETRÄNKEFLASCHEN Ministerium prüft Mehrwegpflicht für Läden. Einzelhandel: "Das wäre vielleicht in der DDR gegangen, aber nicht in der Marktwirtschaft" 9/1869 Lehman-Geschädigte will unter Rettungsschirm KRISENOPFER Eine Rentnerin, die 40.000 Euro mit Lehman-Zertifikaten verloren hat, geht in Karlsruhe gegen den Bankenrettungsfonds vor. Es verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz, wenn der Bund Banken Schrottpapiere abkaufe, sie aber auf ihren sitzen lasse 9/1948 Freiheit gegen höhere Abfindung GEISELNAHMEN 9/1964 Prost Mahlzeit! Jetzt auch Wirte in der Krise GASTGEWERBE 9/1981 Erste Interessenten für Filialen WOOLWORTH 9/1997 Verlust geringer als erwartet CITIGROUP 10/2014 Gensoja statt Alpenklee MILCHERZEUGUNG Eine Stichprobe von Greenpeace bei vier großen Molkereien zeigt: Im Futtertrog der Milchkühe landet häufig gentechnisch verändertes Soja. Ob es sich gänzlich ersetzen lässt, darüber streiten die Experten 10/2085 Politischer Druck GORLEBEN Bereits in den 80er-Jahren gab es Zweifel an Eignung des Salzstocks als Atomendlager 10/2148 Kartellamt prüft Stromanbieter PREISPOLITIK Vattenfall und Co müssen ihre Kalkulationen rechtfertigen. Das Kartellamt fürchtet, dass "etwas im Argen liegt" - und Kunden zu viel zahlen 10/2218 G-20-Opfer erlag innerer Blutung 10/2236 Verstaatlichung der HRE beginnt 10/2254 20.000 Bauern protestieren für höhere Preise 10/2275 Währung für Südamerika taz - Ausland 12/2294 Straffreiheit für Folterknechte CIA-PAPIERE US-Präsident Barack Obama veröffentlicht Folterdokumente 12/2358 Netanjahus neue Forderung ISRAEL Mit einer trickreichen Kehrtwende stellt die Regierung unerfüllbare Bedingungen für Verhandlungen über einen palästinensischen Staat 12/2417 "Gelbhemden"-Führer verletzt ANSCHLAG IN THAILAND 12/2435 Drei mutmaßliche Terroristen getötet BOLIVIANISCHE POLIZEI 12/2451 Mindestens zwanzig Tote bei Erdbeben OSTAFGHANISTAN 12/2467 Nach 20 Jahren in der Todeszelle exekutiert HÄFTLING IM US-STAAT ARIZONA 12/2483 Kundgebung gegen König Juan Carlos SPANISCHES BERGBAUGEBIET 13/2499 Afrikanischer Ausverkauf am Äquator LANDNAHME Kongo-Brazzavilles Präsident Denis Sassou-Nguesso will fast ein Drittel seines Staatsgebiets kostenlos an weiße Farmer aus Südafrika verpachten. Betroffen ist auch viel unberührter Regenwald 13/2593 Webpiraten hinter schwedischen Gardinen gespeichert INTERNET Stockholmer Gericht verurteilt Filesharing-Seite Pirate Bay zu Gefängnis und Schadensersatz in Millionenhöhe. Die Verurteilten trotzen: "Uns wird nichts passieren." Der Fall dürfte über Jahre die schwedische und europäische Justiz beschäftigen 13/2661 Mumbai: Attentäter widerruft taz - Meinung und Diskussion 14/2684 Nicht nur ein PR-Gag BEATE WILLMS ÜBER BANKEN UND VERBRAUCHER 14/2724 Sieg mit Holzbein JANKO RÖTTGERS ÜBER DAS URTEIL IM PIRATE-BAY-PROZESS 14/2764 Verbraucher für "Faironika" HEIKE HOLDINGHAUSEN ÜBER MILCHPREISE 14/2801 Ihr und Wir RASSISMUS Die Presse verweigert beharrlich den genauen Blick auf Migranten. Dabei hat die Politik längst entsprechende Studien in Auftrag gegeben 14/2919 EBERHARD SEIDEL 15/2931 Versagen die Linken in der Krise? 15/3012 LESERINNENBRIEFE 15/3095 Eine gotteslästerliche Abbildung taz - Leibesübungen 16/3118 Im Rhythmus NBA-BASKETBALL Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks treffen in den Play-offs auf die San Antonio Spurs, den viermaligen Champion der US-Profiliga. In Dallas kann man das texanische Duell kaum erwarten 16/3161 daily dope (379) 16/3190 Die Fakten 16/3217 DIE LIGA 28. Spieltag: Fr.: Schalke 04 - Energie Cottbus Sa.: Bielefeld - Bayern München 1. FC Köln - VfB Stuttgart VfL Wolfsburg - Leverkusen VfL Bochum - Borussia Dortmund Eintracht Frankfurt - Gladbach Karlsruher SC - 1899 Hoffenheim So.: Hertha BSC - Werder Bremen Hamburger SV - Hannover 96 16/3270 Extremisten der Krise BUNDESLIGA Die TSG Hoffenheim ist die zweitschlechteste Mannschaft der Rückrunde. Der Absturz des Halbzeitmeisters ist jäh, die Konflikte häufen sich. Kann Trainer Ralf Rangnick die Saison noch retten? 16/3352 Astana in Zahlungsschwierigkeiten RADSPORT 16/3369 Bekenntnisse in der Betrugsaffäre HANDBALL 16/3385 Der FC Bayern in der Bredouille BUNDESLIGA taz Berlin lokal - Berlin Aktuell 41/3403 Kongress gestartet 41/3450 Bahnhof Berlin-Karow, 22.16 Uhr Bahnunglück In Karow knallte ein Regionalexpress auf einen Güterzug, der Flüssiggas geladen hatte. Der Güterzug blieb heil. Insgesamt aber wurden 24 Menschen verletzt 41/3507 Die Wirtschaft fährt Achterbahn WIRTSCHAFTSKRISE Die Investitionsbank empfiehlt Berliner Unternehmen, sich auf 30 Prozent Umsatzrückgang einzustellen. Dann kommen rosige Zeiten 42/3559 "Kunden zahlen für ehrliche Produkte" VORBILD München hat mit Regionalmarken Erfolge erzielt, sagt Unternehmensberater Ludwig Karg. Davon will Berlin profitieren 42/3617 ...UND SONST 42/3640 Kenner essen Brandenburger REGIONALMÄRKTE Spargel, Sülzwurst, Schnaps. In Zukunft sollen in Berlin mehr regionale Produkte auf den Tisch. Dafür wurde nach Münchner Vorbild die Regionalmarke "Von hier" gegründet. Erste Supermärkte sind dabei 42/3701 Was macht eigentlich? 42/3736 Frühling macht erst mal Pause 42/3753 LUDWIG KARG 42/3764 SPD gewinnt etwas WAHLUMFRAGE 42/3781 Gedenken an Gettoaufstand 42/3795 Mehr Zeit für Bieter VERKEHRSVERBUND 42/3812 Schützen gestützt Landessportbund taz Berlin lokal - Berlin 43/3829 Reli spaltet türkische Community 43/3866 Todesstrafe für Schüler KGB-KNAST Das Potsdamer Gefängnis des ehemaligen sowjetischen Geheimdiensts steht für eine bislang kaum erforschte Geschichte der Unterdrückung 43/3948 DAS GEDENKJAHR IN POTSDAM 43/3970 Gegendarstellung 43/4021 Kritik an SPD-Flyer zu "Pro Reli" taz Berlin lokal - tazplan-Programm 45/4042 Streichquartette in den Technoschuppen und jetzt die Arte Lounge: Klassik ist der neue Klub VORMERKEN 45/4073 Alles jetzt so bunt hier Tulpen Ein Farbenrausch im Britzer Garten 46/4090 Tante Prusseliese sucht nach den schönsten Spielsachen 46/4124 Betr.: "Das Zauberflötchen" 47/4137 Betr.: "Rescue Dawn" 47/4151 NEU IM KINO taz Berlin lokal - Kultur 48/4171 Das Leben ohne mich berliner szenen Abwesenheitsnotiz 48/4204 Hart, offen und glanzvoll inszeniert TEUFLISCHER ROCK Schon Nirvana und Henry Rollins liebten ihn - der Metalgitarrist Scott "Wino" Weinrich zu Gast im Red Rooster 48/4276 Bevor die Ohnmacht einsetzte BEFREIUNG Sollte in der Wirtschaftskrise nicht die Stunde der Linken schlagen? Tatsächlich steht sie unter Druck. Die Reihe "Revolutionen aus dem Off" im Zeughaus-Kino bietet historisches Material zu einer Analyse der Lage taz Nord - Nord Aktuell 41/4364 Lieber fit gegen den braunen Mob KOMMENTAR VON PETER MÜLLER 41/4400 Malteser vergessen behindertes Kind im Fahrzeug SCHULDEINGESTÄNDNIS Nachdem ein als vermisst gemeldetes Mädchen in einem Transportfahrzeug der Bremer Malteser gefunden wurde, räumen die Mitarbeiter ihre Verantwortung ein 41/4447 Zwo-drei-null, bei Kalefeld mit Gebrüll SCHLACHTFELD Durch neue Münzfunde lässt sich die Schlacht auf dem Harzhorn zwischen Römern und Germanen nun genauer datieren als bisher. Gekämpft wurde irgendwann zwischen 230 und 235 41/4527 Stelle frei südwester 41/4546 Anzeige gegen Nordbank-Chef 41/4562 KALEFELD IN ZAHLEN 42/4583 Falsche Wasserhunde! urdrüs wahre kolumne 42/4624 Nazi-Demo bleibt verboten Gericht sieht in Hannover "neues Gefahrenpotential" von Rechts. Veranstalter wollen in die nächste Instanz gehen. Konflikt zwischen DGB und Polizei wegen Antifa-Aufrufs 42/4679 DER TAG 42/4704 Klasni-Klage geht in die nächste Runde PILLENPROZESS Vergleich im Rechtsstreit um Behandlungsfehler des Ex-Werder-Profis Klasni abgelehnt 42/4752 Neue Kühlung für Kohlekraftwerk Moorburg 42/4769 kommt der Stör zurück 42/4787 Gabriel will Asse-Ausschuss Atommüll taz Nord - Bremen Aktuell 47/4804 Zwischen Theorie und Praxis MUSIKMESSE Zum vierten Mal zieht die Messe "Jazzahead!" zieht Fachleute und Fans, Musiker und Macher aus ganz Europa nach Bremen - ihr Motto lautet "Face To Face" 47/4862 Umwertung im Park Kulturensemble im Park widmet sich Nietzsche 47/4896 Ein Quantum Schaum Shakespeare Company ziehts in die Manege 47/4927 Faust auf Faust Theater in Walle 47/4951 Fanfare Ciocarlia Balkan Brass 47/4977 Die Vorleser 48/5012 CDU-Erfolg wäre von Vorteil KOMMENTAR VON KLAUS WOLSCHNER 48/5042 Warum nichts Anständiges? Ein Blick auf den Kalender zeigt: Es ist der 18./19.4.! 48/5086 Chefin für Brema 48/5114 Klinikkonzept mündlich Betriebsrat soll nichts schriftlich bekommen 48/5139 Bremer geheime Atom-Gewinne STADTWERKE Die SWB hat pro Jahr 15 Millionen Euro Gewinn von den Stadtwerken Bielefeld kassiert, der aus dem AKW Grohnde kommt. Jetzt will Bielefeld seine Stadtwerke zurück 48/5203 Ohne Deutsch keine Integration BILDUNG Mit Fachtag zu Schule und Migration geben Grüne ein Wahlkampf-Präludium: Cem Özdemir nennt Bildung "die zentrale Gerechtigkeitsfrage" 48/5258 Nachteil durch Migration 48/5274 das wetter taz Nord - Hamburg Aktuell 47/5286 Bewegende Rückkehr nach 70 Jahren Der Film "Brigadistas" dokumentiert die Rückkehr betagter Interbrigadisten nach Spanien 47/5328 Zeitzeuginnen Erinnerung 47/5353 Junge oder Mädchen? Konzert / Performance 47/5377 Punk-Geschichte Lesung / Clips 47/5396 Flüchtlingspolitik Radio 48/5415 Kunst der Verschwendung KURZKRITIK 48/5448 "Auch ein liebevoller Akt" Gedenksteine für NS-Opfer werden geputzt 48/5494 "Zeitung mit Witz" Schon 35 Schul-Abos gespendet. Richter verschenkt taz an die Schule seines Patenkindes 48/5523 IN KÜRZE 48/5552 Schuld war die "Routinefalle" KINDSTOD Sozialsenator Wersich legt Bericht zum Fall des toten Babys Lara vor. ASD-Mitarbeiter hatte das Kind nicht im Blick. Seine Dienststelle war überlastet 48/5616 das wetter 48/5627 Rot-Bunt im Bezirk Nord Schwarz-Grün verliert Bezirksamtsleiterwahl 48/5646 Betr.: taz salon taz Nord - Kultur 43/5665 Fenster zur Farbe VORHER-NACHHER: Erstmals überhaupt und weltweit zeigt das Sprengel-Museum in Hannover wie August Macke, Franz Marc und Robert Delaunay von 1910 bis 1914 gemeinsam und doch getrennter Wege das Licht der Welt in seinen Brechungen suchten. Eine Ausstellung die zeigt, wie sich eine Idee im Schaffen ihren Weg bahnt 43/5801 MACKE, MARC, DELAUNAY taz Nord - Spezial 44/5823 "Negative Erfahrungen mit Freiwilligkeit" EQUAL PAY Das durchschnittliche Lohngefälle zwischen Frauen und Männern liegt bei 23 Prozent. Karin Tondorf schult Betriebsrätinnen und Gleichstellungsbeauftragte, wie man dagegen vorgehen kann. Ein Interview 44/5910 In aller Kürze 44/5955 Recht in Kürze 44/5991 Wenn das Kind auf der Strecke bleibt FAMILIENRECHT Viele Alleinerziehenden nutzen ihre Macht über die Kinder aus, um den anderen Elternteil zu verletzen. Dabei laufen auch Väter, die sich kümmern wollen, Gefahr, zum bloßen Unterhaltszahler zu werden 44/6087 Freie Einreise VISAFREIHEIT Ein Hamburger Anwalt hat eine Petition mitinitiiert, die türkischen Touristen künftig das Visum ersparen soll 44/6149 KARIN TONDORF 44/6160 WENN VÄTER SICH NICHT KÜMMERN 45/6186 Recht in Kürze 45/6240 Piratengericht in Hamburg PIRATERIE Eine breite Koalition macht sich für ein Piraten-Tribunal am Hamburger internationalen Seegerichtshof stark. Kritiker monieren, dass der Gerichtshof für Prozesse dieser Art kein Mandat habe 45/6332 Unser Mann bei der UNO UN-DIENSTGERICHT Der Hamburger Verwaltungsrichter Thomas Laker wird künftig über arbeitsrechtliche Streitfälle bei der UN urteilen. Das ist Neuland - für ihn und für die UN. Denn bislang gab es dort kein Beschwerdesystem für die MitarbeiterInnen Sonntaz - Meinung und Diskussion 18/6399 Ökologie versus Ökonomie In der Finanzkrise bricht der alte Konflikt aus Anfangszeiten der Umweltbewegung wieder auf FELIX LEE 18/6452 nächste frage 18/6466 Bringt Obama nun die Wende? ZWISCHENBILANZ Am 30. April ist Barack Obama 100 Tage im Amt. Menschenrechte, Krise, Kriege - Obama und die Hoffnungen 19/6623 Nur Jagd, nicht Politik - (UZ wird gebaut:) Tragödien auf See und demnächst zweifelhafte Piraten-Prozesse: Der Kampf gegen die Piraterie ist eindrucksvoll fantasielos Bettina Gaus 19/6690 Zeit der Heldin FRAUEN In Island brachte die Finanzkrise Frauen an die Macht. Kommende Woche steht bei der Parlamentswahl der nächste Sieg einer Frau bevor. Hat eine neue Ära begonnen? Sonntaz - Politisches Buch 33/6779 Immuner Sloterdijk TANIA MARTINI 33/6826 Ausruhen von den Städten LANDSCHAFTSARCHITEKTUR Von Beirut über São Paulo nach Innichen - ein Bildband zeigt schönere und weniger schöne Eingriffe in unsere Umgebung 33/6899 "Aus den Minen von Buchara" GELD Vom Mittelalter bis heute: Michael North hat eine "Kleine Geschichte des Geldes" verfasst 33/6980 MICHAEL NORTH Sonntaz - Hintergrund 20-21/6993 Der Spielemacher GESELLSCHAFTSSPIELE Einst hat Andreas Steinbach ein Spiel erfunden, das den Irrsinn der DDR-Wirtschaft aufspießte: Planopoly. Nun steckt der Dresdener Physiker mitten im Irrsinn des Kapitalismus 21/7275 DIE AUTORIN & DER FOTOGRAF 21/7290 STEINBACHS WELT 22/7319 Wenn der Arzt das Wort erhebt STETHOSKOP 22/7377 Die Höschen bleiben an! EXZESSE Die New Burlesque ist ein erotischer Tanz, bei dem der unperfekte Körper gefeiert wird. Für Frauen, die Lust haben, einmal so richtig die Frau rauszulassen 22/7497 NEW BURLESQUE 24/7514 Der Linke, der die Banken linkte ANTIKAPITALISMUS 68 Kredite erschwindelte sich der Katalane Enric Duran - zusammen eine halbe Million Euro. Mit dem Geld finanzierte er linke Projekte 24/7594 AKTION DER WOCHE Sonntaz - Kultur 18/7620 sonntazwette 25/7656 Den Banken ist genug geholfen (UZ: Die Verbraucher zahlen für die Banken - wo Regulierung bislang völlig versagt hat, noch viel mehr) HERMANN-JOSEF TENHAGEN HAUSHALTSGELD 25/7724 Hybrid gegen Schrott AUTOS Die "Umweltprämie" wird ihm nichts nützen. Doch der neue Honda Insight Hybrid könnte trotzdem Erfolg haben: Wenn saubere Autos schick werden 25/7839 Toyota Prius gegen Honda Insight 27,29/7853 "Wir inszenieren kein Getto-Theater" KANAK-SPRAK Deutschlands Migranten drängen auf die Bühne. Shermin Langhoff leitet seit Herbst das Ballhaus Naunynstraße in Berlin und macht dort "postmigrantisches" Theater. Ethno-Zoo oder überfällige Korrektur? 27/8148 SHERMIN LANGHOFF 28/8169 Mit Musik geht alles besser KRISENTHEATER Nicolas Stemann hat Elfriede Jelineks Komödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" in Köln uraufgeführt 28/8230 DAS KOMMT 28/8307 ELFRIEDE JELINEK 29/8325 Duffy Duck lässt Federn PHANTOM GHOST Nächste Woche erscheint das neue Album von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Wir lieben es schon jetzt 30-31/8397 Moses in Ostpolen GESCHICHTSKINO "Unbeugsam - Defiance", "John Rabe" oder "Der Vorleser", das Kino liebt historische Stoffe, besonders aus der Zeit des Nationalsozialismus. Woher resultiert das doch etwas sehr auffällige Interesse? 31/8557 GESCHICHTE IM KINO 31/8569 BERT REBHANDL 32/8579 Dudweilers weite Horizonte Essays Der Journalist Nils Minkmar macht sich auf, die veränderte Normalität zu durchleuchten: "Mit dem Kopf durch die Welt" 32/8676 Extrem harter Stoff KATHARINA GRANZIN 32/8721 Lesenswerte Bücher 39/8753 "Wenn man ein Gesicht bekommt" JUBILARE In Bayern mögen die Uhren anders ticken, aber darauf, dass die CSU regiert, ist stets Verlass. Und darauf, dass Gerhart Polt und die Biermösl Blosn ein Lied dagegen singen - seit nunmehr 30 Jahren! 39/8934 GERHART POLT UND DIE BIERMÖSL BLOSN Sonntaz - Reise 36-37/8954 Wenn du nicht lieb bist, kommst du ins Bauhaus! BAUHAUS Die Kunstschule kommt aus Weimar, doch sie wurde dort nur schwer ertragen und musste 1925 auf politischen Druck und wegen Streichung der Mittel nach Dessau übersiedeln. Ein Bauhaus-Spaziergang in der Klassikerhochburg 37/9118 Bauhaus satt WEIMAR goes Modernity: Zeitgenössische Künstler nervt der Kult ums Bauhaus. Sie fordern mehr Mittel und Aufmerksamkeit für die neue Kunst 37/9171 JUBELFEIERN Sonntaz - Flimmern und Rauschen 34/9189 Stadt als Körper der wochenendkrimi von christian buss 34/9221 Sam, der Seelenfänger eine kleine gastkritik von martin thomas 34/9252 SONNTAGSTIPP 34/9268 SAMSTAGSTIPP 35/9284 "Meine Arbeit speist sich aus dem Leben" FERNSEHFILM Der Schauspieler Matthias Brandt über den Zauber von Oldenburg, die Konferenzsucht der Senderhierarchen, Nordkorea und - Götz George 35/9481 MATTHIAS BRANDT Sonntaz - Die Wahrheit 40/9505 Den Menschen zur Zier WISSENSCHAFT Forscher besiegen größte Geißel der Menschheit 40/9570 wahrhaftig und verborgen 325 von UD Die Ziffern hinter den Fragen zeigen die Buchstabenanzahl 40/9672 RÜCKRUFAKTION: PAPST DEFEKT 40/9695 das wetter: die romanze 40/9713 GURKE DES TAGES ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: Obama liefert Munition für Folterer Untertitel: KOMMENTAR VON CHRISTIAN SEMLER CHRISTIAN SEMLER Präsident Barack Obama hat entschieden, Angehörige der CIA, die sich im "Krieg gegen den Terror" der Folter schuldig gemacht haben, von einer Strafverfolgung freizustellen. Dieser Entschluss ist rechtlich problematisch, vor allem aber politisch verheerend. Juristisch handelt es sich beim Folterverbot um eine völkerrechtliche Fundamentalnorm, die nicht mit Rücksicht auf "nationale Interessen" suspendiert werden kann. Politisch bedeutet die schützende Hand des Präsidenten, dass der Einsatz für die internationale Geltung der Menschenrechte weiter Schaden erleidet. Obamas Entscheidung liefert denjenigen Machthabern, die die Geltung der Menschenrechte in ihrem Herrschaftsbereich mit dem Argument ablehnen, die westlichen Demokratien würden bei Menschenrechtsverletzungen mit zweierlei Maß messen, neue Munition. Die Folterer selbst verteidigen sich mit dem Hinweis auf Rechtsgutachten des US-Justizministeriums zur Verhörpraxis aus den Jahren 2002-2005. Diese "Memos" sind gestern von Obama vollständig veröffentlicht worden. Sie untermauern die Rechtmäßigkeit "verschärfter Verhöre" und legen deren Umfang fest. Und sie statuieren, dass der Präsident freie Hand habe, das Folterverbot nach seinem Dafürhalten außer Kraft zu setzen. Obama hat in seiner Erklärung zur Veröffentlichung der "Memos" festgestellt, dass die CIA-Folterer sich auf diese Gutachten verlassen konnten und deshalb im guten Glauben gehandelt hätten. Aber Gottgläubigkeit ist bei offensichtlichen, jedermann/frau als Folter erscheinenden Verhörmethoden wie dem Waterboarding ausgeschlossen. Weshalb eigentlich nur eine Schlussfolgerung bliebe: Nicht nur die CIA-Folterer müssen vor Gericht, sondern auch die Juristen, die sie mit rechtswidrigen Rechtfertigungen versorgten. In seiner Erklärung verteidigte Obama seinen Entscheid damit, "dass in Zeiten großer Herausforderung und erschreckender Uneinigkeit nichts gewonnen werden kann, wenn wir unsere Zeit und Energie darauf verschwenden, die Vergangenheit zu verurteilen". Wie vertraut dieses Argument klingt - und wie wenig es stets genutzt hat. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: VERBOTEN Guten Tag, meine Damen und Herren. verboten, Ihre Seite-1-Rubrik und Stimme der Vernunft in einer absurden Welt, wird heute 8 Jahre, 1 Monat und 14 Tage alt. Das wollten wir feiern. Doch dann der Schock. Wo sind wir hier eigentlich? Erst standen wir oben links auf der Seite. Topp. Dann unten rechts. Na ja. Und wo stehen wir jetzt? Irgendwo links in der Mitte. Das ist ja Steinmeier-Niveau. Um das mal klar zu sagen: Dafür wurde verboten nicht gegründet. Und, hey, schauen Sie mal nach unten. Unser lebenswichtiger Zusatz fehlt: "verboten darf nicht tagesschau heißen." Er wurde brutal ausgelöscht. Weil man angeblich "nicht versteht", was das soll. Pfff. Als ob es darum ginge. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: Straffreiheit für Bushs Folterknechte Untertitel: CIA-FOLTER Heftige Proteste gegen die Entscheidung von US-Präsident Barack Obama. Amnesty International: Gesetze gegen Folter machen nur Sinn, wenn man sie auch anwendet CIA-FOLTER BERLIN taz | Die Folterer des US-Geheimdiensts CIA bleiben unbehelligt: Präsident Barack Obama sicherte ihnen am Donnerstag Straffreiheit zu. CIA-Mitarbeiter, die in Verhören mit Terrorverdächtigen Methoden wie das sogenannte Waterboarding angewandt haben, hätten ihre Aufgaben erfüllt und sich dabei auf die rechtliche Beratung des Justizministeriums verlassen, sagte Obama in Washington. Menschenrechtler reagierten darauf mit Empörung. Sie fordern eine Bestrafung der Folterer. Man dürfe so ein Versprechen nicht machen, wenn man noch gar keine Ermittlungen der Vorfälle abgeschlossen habe, sagte der Aclu-Direktor Anthony Romero. Dokumente bewiesen mit absoluter Sicherheit, dass die Regierung Bush "auf höchster Ebene" Foltermethoden autorisiert habe. Der Direktor von Amnesty International USA, Larry Cox, sagte, Gesetze gegen Folter hätten nur Bedeutung, wenn sie auch angewendet würden. Patrick Leahy, der Vorsitzende des Justizausschusses im Senat, forderte die Einsetzung einer Untersuchungskommission. Man müsse die Ursprünge dieser "alarmierenden" Verhörmethoden finden. ausland SEITE 12 ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: Aktion gegen Kinderpornos im Internet BERLIN taz | Der Zugriff auf Internetseiten mit Kinderpornografie soll künftig erschwert werden. Der Bund unterzeichnete am Freitag in Berlin mit fünf großen deutschen Internetanbietern ein Abkommen, nach dem die Provider den Zugang zu den Websites spätestens in sechs Monaten blockieren. Kinderschutzorganisationen begrüßten die Vereinbarung, mahnten aber weitere Maßnahmen gegen das kriminelle Geschäft mit Kinderpornografie an. Dagegen kritisierte der Chaos Computer Club (CCC) den Vertrag und sprach von "Internetzensur". "Hier wird nur ein Strohmann aufgebaut. Es geht darum, Akzeptanz für Zensur zu schaffen", sagte Andreas Bogk vom CCC der taz. Von der Leyen wies Vorwürfe zurück, die Maßnahmen seien wirkungslos. Sie betonte zugleich, das Sperren könne nur ein Baustein im Kampf gegen Kinderpornografie sein. der tag SEITE 2 ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: Lehman-Opfer ruft Karlsruhe an BERLIN taz | Die 68-jährige Münchnerin Hannelore Sporberg hat Verfassungsbeschwerde gegen den Ausschluss von Privatpersonen aus dem Finanzmarktstabilisierungsgesetz eingereicht. Es sei "verfassungswidrig", wenn der Gesetzgeber "uferlose Rettungsmaßnahmen zugunsten der Institute" ergreife und gleichermaßen betroffene Kleinanleger übergehe. Die ehemalige Zahnarztangestellte hatte 40.000 Euro mit Zertifikaten der insolventen US-Bank Lehman Brothers verloren. wirtschaft und umwelt SEITE 9 meinung und diskussion SEITE 14 ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: Ein Jahr Haft für Internet-Piraten STOCKHOLM dpa/taz | Vier Betreiber der Onlinetauschbörse The Pirate Bay müssen wegen Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung für jeweils ein Jahr ins Gefängnis. Dieses Urteil erging gestern in Stockholm. Außerdem haben die vier Schweden umgerechnet 2,7 Millionen Euro Schadenersatz zu zahlen - an Musik- und Filmunternehmen wie Warner Bros., Sony, EMI und Columbia Pictures. Die Verteidigung will das Urteil anfechten. Über Pirate Bay konnten Nutzer bisher kostenlos nach Raubkopien von Filmen, Musik und Computerprogrammen suchen, das Material dann untereinander tauschen und herunterladen. ausland SEITE 13 meinung und diskussion SEITE 14 ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Seite 1 Seite: 1 Titel: Netto: 1.000 unbezahlte Überstunden Untertitel: AUSBEUTUNG Der Discounter verlangt Überstunden ohne Ende - ohne Bezahlung. "Ein 12-Stunden-Tag ist die Regel. Man ist der letzte Arsch", sagt ein Mitarbeiter. SEITE 3 AUSBEUTUNG ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: THEMA DES TAGES Untertitel: KINDERPORNOS ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: "Man will Akzeptanz für Zensur" Untertitel: Andreas Bogk vom Chaos Computer Club kritisiert die Internetpolitik von Ursula von der Leyen: "Hier wird nur ein Strohmann aufgebaut" taz: Herr Bogk, ist es schwierig, die Freiheit des Internets beim Thema Kinderpornografie zu verteidigen? Andreas Bogk: Das Thema ist natürlich sehr heikel, und wir sind uns alle einig, dass Kindesmissbrauch und seine Darstellung bekämpft werden müssen. Aber wer etwas vom Internet versteht, erkennt leicht, dass hier nur ein Strohmann aufgebaut wird und es vor allem darum geht, Akzeptanz für Zensur zu schaffen. Glauben Sie wirklich, dass Ursula von der Leyen nur im Interesse der Sicherheitsbehörden agiert? Sie will sich mit dem Thema Kinderpornografie, das scheinbar keinen Widerspruch erlaubt, sicher auch profilieren. Aber wenn bei mancher Veranstaltung links von ihr der BKA-Präsident sitzt und rechts von ihr ein Vertreter des Innenministeriums, dann sagt das schon viel aus. Außerdem sind ja auch die Musikindustrie und die staatlichen Glücksspielmonopole an der Einführung von Internetzensur interessiert. Wird der Chaos Computer Club jetzt gesperrte Kinderpornoseiten selbst anbieten, um die Zensur zu unterlaufen? Selbstverständlich nicht. Aber Hacker werden dafür sorgen, dass die Liste der zensierten Seiten öffentlich wird. Dann kann sich jeder ein eigenes Bild machen, was eigentlich zensiert wird. Warum sagen die Kritiker, man sollte die Seiten ganz abschalten? Diese Aussage bezieht sich nur auf die Seiten, bei denen wirklich Kinder vor der Kamera missbraucht und vergewaltigt werden, was aber weniger als ein Prozent des zensierten Angebots betrifft. In diesen Fällen helfen keine Zugangssperren, sondern müssen Produzenten und Anbieter verfolgt werden - was möglich ist, weil die Server wegen der guten Internetanbindung überwiegend in westlichen Rechtsstaaten stehen. Kommt jetzt eine leistungsfähige Zensur-Infrastruktur? Die Sperrung auf der Ebene der Domain Name Server ist für Einzelne leicht zu umgehen, wenn sie wissen, was sie suchen. Eine Massenmobilisierung, wie zur heutigen Mahnwache, könnte durch solche Methoden aber wirkungsvoll behindert werden. Wie geht der Protest weiter? Wir machen jetzt gegen die Provider mobil, die sogar ohne Gesetz mit der Internetzensur beginnen wollen. Deren Kunden sollten den Provider verklagen. INTERVIEW: CHRISTIAN RATH ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: Danke für 30 Jahre taz Untertitel: die sonntaz Liebe Leserinnen und Leser, An diesem Wochenende wird die taz 30. Das hat, bei aller Bescheidenheit, eine historische Dimension. Möglich geworden ist das durch das immense Engagement von Mitarbeitern, Autorinnen, Lesern, Genossinnen, Wohlgesinnten und Freundinnen der taz. Und selbstverständlich auch durch den Widerstand unserer Kritiker und Feinde. Ihnen allen sagen wir herzlichen Dank. Die taz erscheint regelmäßig seit dem 17. April 1979. Sie ist ein Kind der Bundesrepublik, entstanden aus der großen gesellschaftlichen Revolte von 1968. In diesen Tagen werden wir hin und wieder gefragt, ob die taz heute nicht "normal" oder "zu normal" sei, "nicht mehr links genug" und dergleichen mehr. Diese Sorge gibt es seit 1980. Wir teilen sie nicht. Die taz war ein solitäres Projekt und ist heute ein solitäres Medienunternehmen. Sie gehört ihren Genossen, Lesern und Mitarbeitern. Das ist die Grundlage, um auch in Zukunft unabhängigen, guten Journalismus machen zu können. Darum geht es uns. Seit gestern läuft in Berlin der tazkongress. Falls Sie nicht kommen: Wir berichten das ganze Wochenende auf taz.de. Heute erscheint die taz erstmals im neuen Layout. Und wir starten unsere neue Wochenendausgabe mit der "sonntaz". Das ist ein Magazin für Politik, Gesellschaft, Kultur, Medien, Alltag und Konsum, das Sie auf die kommende Woche einstimmt. Am Samstag ist die taz jetzt übrigens farbig. Wir sind überzeugt, dass wir mit der Wochenendzeitung eine publizistische (und gedruckte!) Innovation schaffen, die stilbildend sein wird. Dafür bitten wir Sie um Ihre Blattkritik. Wie gefällt Ihnen die neue Samstagausgabe, wie gefällt Ihnen das neue Layout? Was muss besser werden? Haben Sie Fragen? Bitte mailen Sie an neuetaz@taz.de. Wir rufen Sie auch gerne an, wenn Sie uns Ihre Telefonnummer mailen und einen Zeitraum, in dem wir Sie erreichen. Auf die nächsten 30 Jahre. Wir zählen auf Sie. Redaktion, Verlag und Genossenschaft Ihrer taz ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: Stoppsymbol und Sperrklauseln Untertitel: KINDERPORNOS Auch ohne Gesetz wollen fünf Internetfirmen den Zugang zu Kinderpornoseiten erschweren KINDERPORNOS AUS BERLIN CHRISTIAN RATH Ursula von der Leyen hat sich durchgesetzt. Gestern unterzeichneten fünf Internetprovider in einer öffentlichen Zeremonie Verträge mit dem Bundeskriminalamt über die Sperrung von Kinderporno-Angeboten im Internet. Die CDU-Familienministerin hatte diese Verträge propagiert. "Es darf nicht sein, dass Bilder von der Vergewaltigung kleiner Kinder scheinbar problemlos im Internet anklickbar sind", sagte sie. Die Sperrung soll in drei bis sechs Monaten beginnen und erfasst rund 75 Prozent aller deutschen Internetanschlüsse. Mit dabei sind neben Marktführer T-Online (45 Prozent Marktanteil) auch Vodafone/Arcor, Alice/Hansenet, Kabel Deutschland und O2/Telefonica. Konkret wird das Bundeskriminalamt täglich den Internetfirmen eine aktuelle Liste der gesperrten Kinderpornoseiten übermitteln. BKA-Präsident Jörg Ziercke geht davon aus, dass er rund 1.000 Webseiten auf die Liste setzen lässt. Die Provider sorgen dann dafür, dass ihre Kunden nicht auf diese Seiten zugreifen können. Dabei werden die Domain Name Server (DNS) der Firmen verhindern, dass etwa der nachgefragte (erfundene) Seitenname www.lolita.de nicht in die erforderliche IP-Adresse (z. B. 195.44.5.25) übersetzt wird. Stattdessen wird dem Kunden ein Stoppzeichen mit Erläuterung oder eine einfache Fehlermeldung angezeigt. Das Stoppzeichen werden zunächst Vodafone, Alice und O2 einsetzen, Telekom und Kabel Online warten auf eine gesetzliche Regelung. Der Grund: Bei der Umleitung auf eine Stoppseite wird die IP-Adresse des Nutzers gespeichert, was datenschutz- und strafrechtliche Probleme aufwirft. Ein entsprechendes Gesetz über Internetsperrungen soll ohnehin bald kommen. Schon nächsten Mittwoch wird die Bundesregierung einen Gesetzentwurf zur Änderung des Telemediengesetzes auf den Weg bringen. "Dann werden 100 Prozent des Marktes erfasst", verspricht Ursula von der Leyen. DNS-Sperren sind allerdings leicht zu umgehen. Man muss nur die genaue IP-Adresse der gesuchten Webseite kennen oder einen nicht zensierten DNS-Server im Ausland benutzen. Dennoch hält BKA-Chef Ziercke die Zugangserschwernis für sinnvoll. "Erfahrungen aus Norwegen zeigen, dass 80 Prozent der Personen, die gesperrte Kinderpornoseiten aufrufen, Gelegenheitstäter sind. Diese lassen sich durch die Sperrung wirksam abschrecken." Nur die bis zu 20 Prozent schwer pädokriminellen Täter würden die Umgehungsmöglichkeiten nutzen. "Es ist im besten Sinne Prävention, wenn wir die durch Spam-Mails angefixte Gelegenheitstäter davor bewahren, süchtig zu werden", betonte Ministerin von der Leyen. BKA-Chef Ziercke sagte zu, er werde genau prüfen, welche Angebote wirklich kinderpornografisch im Sinne des deutschen Strafrechts sind. "Um die pornografische Darstellung von Jugendlichen geht es im Moment nicht", betonte Ziercke. Ausländische Listen würden "nicht eins zu eins" übernommen. Im BKA werden für die Erstellung der Listen vier bis sechs neue Mitarbeiter eingestellt. "Im Zweifelsfall werden wir auf eine Sperrung verzichten", sagte Ziercke zur taz. Die Familienministerin verwies auf das Beispiel Dänemark, wo es bisher lediglich fünf Beschwerden von vermeintlich falsch eingestuften Webseiten gegeben habe. Vor dem Bundespresseamt, wo die Verträge unterzeichnet wurden, demonstrierten gestern morgen rund 300 Gegner der Internetzensur. Angesichts der nur dreitägigen Mobilisierung war die angekündigte "Mahnwache" erstaunlich groß geraten. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: ANDREAS BOGK 34 Jahre alt, ist studierter Betriebswirt und einer der Sprecher des Chaos Computer Clubs ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: Seeleute an Land verschleppt Untertitel: DEUTSCHER FRACHTER IN PIRATENHAND BERLIN/NAIROBI | Der Fall des vor gut zwei Wochen von Piraten im Indischen Ozean gekaperten deutschen Frachters "Hansa Stavanger" hat eine dramatische Wende genommen. Fast die gesamte Schiffsbesatzung wurde laut der NGO "Ecoterra" auf das somalische Festland verschleppt. Unklar ist, ob auch die fünf deutschen Besatzungsmitglieder als Geiseln darunter sind. Die Bundesregierung lehnte es ab, sich zu dem Bericht über die Verschleppung zu äußern. Ein AA-Sprecher sagte, der Krisenstab versuche "alles", damit die Geiseln freigelassen würden. Offenbar aus Furcht vor einer Befreiungsaktion hätten die Piraten 20 der 24 Seeleute an Land gebracht, berichtete die Organisation. Demnach befinden sich weiterhin "vier wichtige Besatzungsmitglieder" an Bord und werden von den Seeräubern bewacht. Die "Hansa Stavanger" liegt derzeit in der Nähe von Haradhere vor Anker. Der Hafen in der halbautonomen Region Puntland ist als Piratenhochburg bekannt. Derzeit haben die Piraten vor der Küste Somalias mindestens 18 Schiffe mit mehr als 300 Seeleuten in ihrer Gewalt. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: Ausgeglitzert! Mangels Nachfrage nach Diamanten will Botswana die Produktion der wertvollen Edelsteine 2009 von 33,6 auf 15 Millionen Karat reduzieren. Die Absatzkrise hat die Diamantenindustrie in Botswana bereits 4.500 Jobs gekostet. (epd) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: Wenig Unterstützung für Abschaffung Untertitel: SOLI-ZUSCHLAG MÜNCHEN/BERLIN | Ein erneuter Vorstoß zur Abschaffung des Solidaritätszuschlags nach der Bundestagswahl findet nur wenig Unterstützung. Der Soli könne gestrichen werden, "wenn die Wirtschaft wieder anspringt", hatte Baden-Württembergs CDU-Generalsekretär Thomas Strobl der Berliner Zeitung gesagt. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) nannte den Vorstoß verwunderlich. "Ich glaube auch nicht, dass er in der CDU mehrheitsfähig ist", sagte Schavan dem Südkurier. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 2 Titel: Linke wollen dagegen klagen Untertitel: SCHULDENBREMSE HAMBURG | Die Linken wollen gegen eine Verankerung eines Verschuldungsverbots der Länder im Grundgesetz juristisch vorgehen. Die Schuldenbremse bedeute für den Föderalismus den Tod auf Raten, sagte Thüringens Linken-Spitzenkandidat Bodo Ramelow gestern. Vor allem Schleswig-Holstein, Bremen und das Saarland könnten bei einem Verschuldungsverbot allein nicht überleben, sagte Ramelow. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 3 Titel: DISCOUNTER Untertitel: Jede Menge unbezahlter Überstunden. Überwachung der Mitarbeiter. Klima der Angst. Ein Netto-Filialleiter packt aus ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 3 Titel: "Der letzte Arsch im Unternehmen" Untertitel: AUSBEUTUNG Bei Netto, dem zweitgrößten Discounter-Unternehmen, werden unbezahlte Überstunden systematisch einkalkuliert. Die Verkäuferinnen bekommen häufig nur die Hälfte ihrer Arbeit bezahlt. Netto ist "entsetzt" und spricht von "Einzelfällen" AUSBEUTUNG VON ANDRÉ SEIFERT Es gibt Tage, da kann Joachim Schulz nicht mehr. Der Mann, der aus Angst, arbeitslos zu werden, seinen richtigen Namen nicht nennen will, hat im zurückliegenden Jahr mehr als 1.000 Überstunden geleistet. Unbezahlte Überstunden. "Ich arbeite jeden Tag mindestens 12 Stunden", sagt Schulz, der für einen Discountmarkt in einer Stadt in Sachsen-Anhalt verantwortlich ist. "Es gibt 13-, 14-, 15-Stunden-Tage, teilweise von 5 bis 21.30 Uhr." "Sittenwidrig" und "kriminell" sei es, wie sein Arbeitgeber mit seinen Mitarbeitern umgehe. Sein Arbeitgeber, das ist die Netto Marken-Discount AG & Co. KG mit Hauptsitz im bayerischen Ponholz. Kein anderes Unternehmen der Discounterbranche hat in den vergangenen Jahren so stark expandiert. Im Jahr 2005, als Netto von der Edeka-Gruppe übernommen wurde, begann das Wachstum. Zuerst übernahm Netto 2007 den Discounter Kondi. Und im vergangenen Jahr erlaubte das Kartellamt die Übernahme des Konkurrenten Plus. Inzwischen gibt es fast 3.800 Netto-Filialen in Deutschland. Mehr Märkte haben nur Aldi Nord und Aldi Süd zusammen. Die Leidtragenden dieses rasend schnellen Wachstums sind die Mitarbeiter. Im Netto-Markt von Joachim Schulz werden unbezahlte Überstunden nach Feierabend sogar schriftlich angeordnet. An der Bürotür oder in Arbeitsordnern stünden Anweisungen an das Personal, Sonderaktionsregale umzuräumen und umzuetikettieren, erzählt Schulz. Diese Anordnungen verstoßen gegen geltendes Recht, meint Arbeitsrechtler Wolfhard Kothe "Wenn Überstunden einkalkuliert sind, dann ist es rechtwidrig, wenn sie nicht bezahlt werden." Filialleiter Schulz zückt den Taschenrechner und tippt Zahlen ein. "Wenn man das umrechnet - alle Überstunden im Jahr -, dann sind das vier, fünf Euro Stundenlohn." Laut Arbeitsvertrag stehen ihm mehr als acht Euro netto zu. "Man ist der letzte Arsch im Unternehmen", sagt er mit schiefem Lächeln. Gewerkschafter beobachten bei Netto immer häufiger Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz, aber auch katastrophale Arbeitsbedingungen. Diese Discounterkette gehöre momentan zu den "schlimmsten" der Branche, sagt Jörg Lauenroth-Mago, Ver.di-Fachbereichsleiter für den Handel. Netto weigert sich, die Tarifverträge des Einzelhandels zu akzeptieren. Es zahlt Löhne "in Anlehnung an die Verträge". "Für die betroffenen Kolleginnen, das sind hauptsächlich Frauen, führt das häufig dazu, dass sie quasi für die Hälfte des Geldes arbeiten, das ihnen zusteht", sagt Lauenroth-Mago. Netto weist die Vorwürfe zurück. Es sei Unternehmensmaxime, jede Überstunde zu bezahlen, beteuert die Pressesprecherin Christina Stylianou. Sie sei "entsetzt" sagt sie, als sie mit diesen Berichten konfrontiert wird, um sie schnell zu "Einzelfällen" zu erklären. Mitarbeiter, die betroffen seien, sollten sich an die Unternehmenszentrale wenden, um "das aufzuklären". Was sie nicht erzählt: Netto verankert die Ausbeutung seiner Mitarbeiter durch Überstunden häufig schon im Arbeitsvertrag. So hat Joachim Schulz einen Vertrag über eine 38-Stunden-Woche unterschrieben. "Der Arbeitnehmer verpflichtet sich, Überstunden im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen zu leisten", heißt es in dem der taz vorliegenden Papier. "Durch die Planung des Gehalts" seien alle Überstunden abgegolten. Netto ist kein Einzelfall. Die Gewerkschaft Ver.di erhält regelmäßig Anrufe von Mitarbeitern bei Lidl, Penny, Norma und anderen Discountern, manchmal auch von entnervten Ehepartnern, sagt Lauenroth-Mago. Meist klagten die Anrufer über Überstunden. Dabei ist die gesetzliche Lage klar, weiß Wolfhard Kothe, Arbeitsrechtler an der Universität Halle. Es verstößt gegen das Arbeitszeitgesetz "regelmäßig mehr als zehn Stunden Arbeit pro Tag zu verlangen". Alles, was darüber hinausgehe, müsse vergütet werden. Auch im sachsen-anhaltischen Landesamt für Verbraucherschutz melden sich oft erschöpfte Verkäuferinnen und Verkäufer. Das Amt, das Verstöße gegen die Arbeitszeit ahndet, schickt stichprobenartig Kontrollen zu Discountern, sagt der zuständige Fachbereichsleiter Günter Laux. Die Namen der Märkte, in denen am häufigsten Gesetzesverstöße festgestellt werden, darf Laux nicht nennen. Er hat in den vergangenen zwölf Monaten Bußgelder über drei große Discounter verhängt. "Schichtpläne und Aufzeichnungen werden getürkt. Die Leute werden verpflichtet, Stillschweigen zu bewahren. Und es wird Angst erzeugt", sagt Laux. Wie diese Angst erzeugt wird, das hat im Februar der "Tatort" "Kassensturz" vor Augen geführt: In der Discounterhierarchie werden Druck, Stress und Frustration von oben nach unten weitergegeben: Der Geschäftsführer hat Angst vor dem Vorstand, der Gebietsleiter vor dem Geschäftsführer und die Kassiererin vor dem Gebietsleiter. Im "Tatort" führte das zu einem Mord, in der Realität etwa zu den Lidl-Affären: Erst vor wenigen Wochen hatte Lidl eingestehen müssen, geheime Krankenakten über seine Beschäftigten geführt zu haben. Das Unternehmen protokollierte sogar, wer psychische Probleme hat oder sich künstlich befruchten ließ, um schwanger zu werden. Vor einem Jahr beherrschte der Lidl-Bespitzelungsskandal die Schlagzeilen. Lidl hatte seine Mitarbeiter durch Detekteien überwachen lassen, die selbst den Gang zur Toilette notierten. Bei Netto ist es ähnlich. Joachim Schulz weiß, dass misstrauische Gebietsleiter heimlich Spinde der Mitarbeiter kontrollieren. Einmal wurde er spätabends aufgefordert, sein Auto zu öffnen. "Der wollte sehen, ob ich Sachen geklaut habe. Er hat mein Auto durchsucht, nichts gefunden und einen schönen Feierabend gewünscht." Mitarbeiter, die in Ungnade gefallen sind, müssen mit Fiesheiten rechnen. Ein Gebietsleiter habe da seine "Mittel", erzählt Joachim Schulz. "Zum Beispiel, dass er tagtäglich Inventuren anordnet. Diese Inventuren nehmen ein, zwei Stunden in Anspruch. Nach Feierabend natürlich." Kaum ein Mitarbeiter traut sich, öffentlich über die Arbeitsbedingungen bei Lidl, Netto & Co. zu reden. Zu groß ist die Angst, den Job zu verlieren. Anonym tauschen sich Verkäuferinnen in Internetforen wie hilferuf.de, wiwi-treff.de oder halleforum.de aus. Dort heißt es: "Ich habe die letzten 2 Jahre fast 2.000 Stunden umsonst arbeiten müssen und ich bin mit Sicherheit keine Ausnahme." Mehr Arbeit mit weniger Personal - das lässt sich mit einem Blick in die Datenbank des Bundesamts für Statistik in Wiesbaden belegen: Die Zahl der Beschäftigten im Lebensmitteleinzelhandel ist seit 1998 um etwa ein Drittel gesunken. Mehr als jede dritte Vollzeitstelle wurde ersatzlos gestrichen. Zugleich eröffnen die Discounter aber allerorten neue Filialen. Lidl hat laut seiner Homepage allein in diesem April fünf neue Filialen eingeweiht. Der Netto-Website ist zu entnehmen, dass der Discounter künftig pro Jahr bis zu 150 neue Märkte eröffnen will. Um Personalkosten zu sparen, beschäftigen Discounter immer öfter sogenannte Auspackhilfen, meist Hartz-IV-Kräfte, ohne schriftlichem Arbeitsvertrag, die sich ein paar Euro dazuverdienen wollen. Im Netto-Markt von Schulz arbeiten "vier, fünf Festangestellte und zehn bis zwölf Aushilfen". Vom Umräumen der Regale bis zum Kassieren erledigen diese Auspackhilfen alle Arbeiten, sagt Schulz. "Auch von ihnen wird verlangt, dass sie ein, zwei Stunden pro Tag umsonst länger machen. Die machen das mit, um vielleicht später mal ein Festangestelltenverhältnis zu kriegen." Auspackhilfen verdienen in Discountmärkten meist rund 5 Euro pro Stunde. Schulz bestätigt das. Dabei kümmert es die Discounter wenig, dass deutsche Arbeitsgerichte die Zahlung von derart niedrigen Löhnen als "Lohnwucher" einstufen. Erst vor einem Monat hatten im Ruhrgebiet zwei Packerinnen des Textildiscounters KiK mit ihrer Klage Erfolg. Das Landesarbeitsgericht Hamm urteilte, ihr Stundenlohn von 5,20 Euro brutto sei "sittenwidrig". KiK muss den Frauen insgesamt 19.400 Euro nachzahlen. Ein halbes Jahr zuvor hatte das Landesarbeitsgericht Bremen im Fall einer Auspackhilfe, die 5 Euro verdient hatte, ähnlich entschieden. Als Marktverantwortlicher hat Schulz seine Vorgesetzten hin und wieder auf den Feierabend hingewiesen. "Da kommt als Antwort: 'Dann müssen Sie sich besser organisieren, das ist nicht meine Schuld.' " Schulz kauft kaum noch in Discountermärkten ein. Er empfiehlt: "Einfach die Kassiererin fragen, wie die Arbeitsbedingungen sind. Und nicht immer nur auf die Preise achten." ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 3 Titel: DIE GROßEN DISCOUNTER ALDI Erste Filiale: 1913; 1962 Aufteilung in Aldi Nord und Aldi Süd Filialen: knapp 4.300 in Deutschland, weitere 3.700 Niederlassungen in 14 Ländern Umsatz 2007: 40 Mrd. Euro, davon 24 Mrd. Euro im Inland Mitarbeiter im Inland: k. A. Firmensitz: Essen (Aldi Nord), Mülheim an der Ruhr (Aldi Süd) Sortiment: zirka 800 Artikel LIDL Erste Filiale: 1973 Filialen: etwa 3.000 im Inland, über 5.000 weitere Niederlassungen in 23 Ländern Umsatz 2007: 50 Mrd. Euro, davon 24 Mrd. in Deutschland Mitarbeiter im Inland: 45.000 Firmensitz: Neckarsulm (Baden-Württemberg) Sortiment: zirka 1.500 Artikel NETTO Erste Filiale: 1971 Filialen: knapp 3.800 in Deutschland (seit der Plus-Übernahme) Umsatz 2007: 37,8 Mrd. Euro, davon 35,8 Mrd. im Inland (gesamte Edeka-Gruppe) Mitarbeiter im Inland: 42.000 (seit der Plus-Übernahme) Firmensitz: Ponholz (Bayern) Sortiment: ca. 3.600 Artikel ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 4 Titel: 30 JAHRE TAZ Untertitel: Er will mehr Globalisierung. Ohne den Kapitalismus der Eliten. Wie das? Interview mit Klaus Werner-Lobo zum taz-Kongress ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 4 Titel: "Elite missbraucht das System" Untertitel: KAPITALISMUS Autor und Clown Klaus Werner-Lobo sagt: Ökologisch und sozial shoppen reicht heute nicht. Was denn dann? Das profitgesteuerte System muss durch die solidarische Ökonomie ersetzt werden KAPITALISMUS INTERVIEW JAN FEDDERSEN UND JAN MICHAEL IHL taz: Herr Werner-Lobo, für den Spiegel gehören Sie zu den zehn wichtigsten Menschen, die die Antiglobalisierungsbewegung mit repräsentieren. Schmeichelt Ihnen das? Klaus Werner-Lobo: Das ist ja völlig übertrieben, wenn ich in eine Reihe mit Noam Chomsky, Naomi Klein und Michael Moore gestellt werde. Mein Buch war erfolgreich, ja. Aber vor allem bin ich nicht glücklich mit dem Begriff Globalisierungsgegner. Kein gutes Label? Erstens will ich mehr Globalisierung. Wir leben in einer globalisierten Welt, das ist eine Tatsache, da kann man dagegen sein oder dafür, das ist völlig belanglos. Ich will eine Globalisierung von Menschenrechten, von Sozialrechten, von Umweltschutz, überhaupt von Demokratie, von Rechtsstaatlichkeit. Ist das nicht etwas, worin wir uns alle einig sind? Nein. Die Profiteure der neoliberalen Globalisierung verhindern dies mit allen Mitteln. Die Globalisierung, die wir erleben, ist kein Naturereignis, sondern eine von Regierungen und Konzernen vorangetriebene Globalisierung des Kapitalismus. Unterschiedlichste Länder haben von der Globalisierung profitiert, die asiatischen Tigerstaaten beispielsweise, oder? Das kann man nicht so sagen. Die soziale Ungleichheit ist in den meisten dieser Länder ebenfalls gestiegen. Die meisten dieser Länder sind, gemessen an ihren Ressourcen, extrem reich, aber die Profite haben die Eliten eingefahren. Investoren wandern weiter, wenn sie in einem Land Restriktionen unterworfen werden. Das ist genau das, was ja passiert. Konzerne drohen, in ein anderes Land zu gehen, bekommen sie keine guten Bedingungen. China wollte vor zwei Jahren die Sozialstandards erhöhen, die ohnehin kaum existierenden Gewerkschaftsrechte verbessern, worauf Konzernverbände gesagt haben, wenn ihr das tut, dann siedeln wir ab in die Nachbarländer. Liegt das nicht eigentlich in der Verantwortung der Konsumenten in den westlichen Industrieländern? Nein, denn das käme einer Privatisierung von Verantwortung und der Absage an politische Gestaltungsmacht gleich. Verantwortung steigt mit dem Einfluss, und der Einfluss der Konsumenten ist im Vergleich zu den ökonomischen und politischen Eliten extrem gering. Wie trostlos! Ich wills nicht kleinreden, und ich bin selbstverständlich auch dafür, dass man so ökologisch, so regional, so sozialverträglich, so fairtrade wie möglich einkauft, aber wenn wir das pragmatisch betrachten, hat das relativ wenig Potenzial. Eigentlich geht es um den Systemfehler. Der wie beschaffen ist? Dass das derzeitige Wirtschaftssystem fast nur den Reichen nutzt. Da nützt es wenig, wenn ich jetzt meinen Kaffee oder mein T-Shirt aus fairer Produktion kaufe. Ich glaube, das Potenzial ökologischen und fairen Handels liegt eher darin, dass man sagt, dass das überhaupt das oberste Wirtschaftsprinzip sein sollte. Das heißt? Man müsste den profitgesteuerten Kapitalismus durch ein Fairtradeprinzip, durch solidarische Ökonomie ersetzen. Das mag plausibel sein - aber das schafft doch keiner. Das dachte man auch im Mittelalter, zu Zeiten von Feudalismus, Diktatur und Sklaverei. Es war immer eine gut informierte und gut organisierte Minderheit, die etwas zum Besseren verändert hat. Also wenn wir sagen würden, wir können eh nichts ändern, dann gäbe es heute keine Demokratie, keine Gewerkschaftsrechte, keine Frauenrechte, keinen Umweltschutz, keine Schwulenrechte. Kampf nützt? Natürlich, und es fängt immer mit wenigen an, übrigens auch jetzt erfolgreich. Was die Welthandelsorganisation WTO in den letzten Jahren an Wahnsinnigkeiten geplant hat, davon ist ja das meiste verhindert worden. Denken wir an das multilaterale Investitionsabkommen, das es Konzernen ermöglicht hätte, einzelne Länder anzuklagen, wenn die höhere Sozial- und Umweltstandards einführen - das wurde gekippt. Durch wen? Von größtenteils 18- bis 25-Jährigen, die in Organisationen wie Attac oder in Gewerkschaften aktiv sind und sich und andere informiert haben. Wie macht man denn aus dieser Minderheit mal eine Mehrheit? Optimistisch würde ich sagen, dass die Möglichkeiten gewachsen sind, auch durch das Internet. Das Wichtigste ist Bildung. Wobei man sehen muss, dass die kapitalistischen Eliten auch die Bildungssysteme für ihre Zwecke missbrauchen und privatisieren wollen. Gerade in der Krise bräuchten wir riesige Konjunkturprogramme für Bildung, wie Barack Obama sie vorschlägt, aber unsere Regierungen wollen da offenbar nicht recht investieren. Warum fallen die Proteste gegen die Finanzkrise so schwächlich aus? Ein Grund könnte sein, dass die Leute das Gefühl haben, keinen klaren Feind und kein klares Ziel zu haben, weil uns die Banken und die Rentenprivatisierung de facto fast alle zu kleinen Finanzspekulanten gemacht haben. Oder geht es den Leuten, wie manche sagen, noch zu gut, als dass sie protestierten? Ich bin mir da nicht sicher. Es gibt das Potenzial einer grundsätzlichen Systemkritik in der Bevölkerung, aber ich glaube, die Leute haben das Gefühl, dass sie ja irgendwie selbst schuld sind an der ganzen Misere. In den letzten 30 Jahren ist es der herrschenden Elite gelungen, den Leuten das Gefühl zu geben, dass alle eigentlich im gleichen Boot säßen. Ignoriert wird nur, dass einige wenige an dieser Finanzkrise wahnsinnig verdient haben. Können wir heute überhaupt noch mit gutem Gewissen konsumieren? Es geht nicht darum, ob wir ein gutes Gewissen haben - es geht darum, dass wir rational denken. Wir müssen uns gemeinsam an einer Neugestaltung von Demokratie und Gesellschaft beteiligen, und das lösen wir nicht, indem wir Gewissensforschung betreiben. Wie denn? Indem wir überlegen, was im System falsch ist, wenn wir als Gesellschaft die Fluglinien hoch subventionieren und die Umwelt- und die sozialen Kosten externalisieren. Und dann muss ich die politisch Verantwortlichen dafür zur Verantwortung ziehen. Und nicht den kleinen Mann, die kleine Frau, jene, die womöglich Hartz-IV-Empfänger sind und sich endlich mal leisten können, für 29 Euro nach Mallorca zu fliegen. Gelegentlich schlüpfen Sie in ein Clownskostüm. Warum? Humor hat sehr viel subversives Potenzial, er ist das beste Mittel gegen die Angst vor den Mächtigen. Schon im Mittelalter war der Narr der Einzige, der den König kritisieren durfte. Wie verstehen Sie als Clown denn Wahrheit in der Gegenwart? Der Clown ist das Sinnbild der Imperfektion, des Scheiterns, und das ist zutiefst menschlich. Diese Menschlichkeit gilt es der Scheinperfektion der großen Ideologien, der Marken und Shoppingcenter entgegenzustellen. Der Clown ist die Anti-Gewalt. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 4 Titel: DER TAZKONGRESS Wann? Der tazkongress 09 findet noch bis zum Sonntag, 19. April, statt. Restkarten gibt es an der Tageskasse. Wo? Im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin-Tiergarten Wer? Mit dabei sind: Maria Sveland, Ulf Poschardt, ©TOM, Stefan Niggemeier, Daniel Cohn-Bendit, Yes Men, Friedrich Küppersbusch, Sascha Lobo, Jürgen Trittin, Karl Lauterbach, Wolfgang Schäuble, Sven Giegold, Richard Sennet, Saskia Sassen, David Cohn, Carolin Emcke, Dagmar Herzog, Necla Kelek, Barbara Lochbihler und viele andere. Was? Es gibt zahlreiche Podiumsdiskussionen und Vorträge über Menschenrechte, Globalisierung, Klimawandel, ökologischen Konsum, Politik und die Wirtschaftskrise. Außerdem: Kultur und Konzerte am Samstag und Sonntag. Und dann? News, Berichte, Bilder und Blogs vom Kongress auf taz.de - und außerdem zwölf Sonderseiten am kommenden Montag. In der taz. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Themen des Tages Seite: 4 Titel: KLAUS WERNER-LOBO Der Werdegang: Klaus Werner-Lobo wurde 1967 in Salzburg geboren. Er studierte Umweltbiologie, Romanistik und Germanistik in Wien sowie Schauspiel in Rio de Janeiro. Er arbeitete als Pressesprecher des Österreichischen Ökologie-Instituts und als Journalist für Tages- und Wochenzeitungen wie taz, Der Standard, Die Presse u. a. Der Autor und Clown lebt in Wien und Brasilien. Die Bücher: Zuletzt veröffentlichte er die Bücher "Uns gehört die Welt!" und "Macht und Machenschaften der Multis". Mehr unter www.unsdiewelt.com Der Kongress-Auftritt: "Vom Schlauchboot zum Flashmob", Samstag, 18. April, 20 Uhr. Veranstaltung "Tu was!", Sonntag, 19. April, 15 Uhr. Foto: Paul Sturm ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: "Lafontaine wird in den Landtag einziehen" Untertitel: SAARLINKE Der Bundesvorsitzende der Linkspartei, Oskar Lafontaine, will nach der Wahl im Saarland sein Landtagsmandat auf jeden Fall annehmen - auch wenn er keine Chance hat, Ministerpräsident zu werden. Das sagt Saarlands Landeschef Rolf Linsler SAARLINKE INTERVIEW KLAUS-PETER KLINGELSCHMITT taz: Herr Linsler, glauben Sie wirklich, dass die Linkspartei bei den Saarland-Wahlen im August besser abschneiden wird als die SPD? Rolf Linsler: Das ist Kaffeesatzleserei. Sagen kann man aber schon heute, dass es knapp ausgehen wird. Nach den letzten Umfragen käme die SPD auf 23 Prozent, die Linke auf 22. Bei uns beginnt die heiße Wahlkampfphase aber erst nach dem Listenparteitag an diesem Samstag. Da ist noch Luft nach oben. Klar ist allerdings, dass wir zum ersten Mal in einem westdeutschen Flächenland der SPD auf Augenhöhe begegnen werden. Doch nur wegen Oskar Lafontaine, der in diesem Superwahljahr sowohl als Spitzenkandidat im Saarland antreten als auch für die Bundestagswahl im September kandidieren wird. Natürlich ist Oskar Lafontaine die herausragende Persönlichkeit. Er hat bewiesen, dass er es kann. Er war Oberbürgermeister von Saarbrücken, dann Ministerpräsident im Saarland und ist nun Bundesparteichef der Linken. Wir wären schön dumm, wenn wir seine Popularität und seinen politischen Sachverstand nicht nutzen würden. Lafontaine ist im Saarland Spitzenkandidat. Wenn er nicht über Heiko Maas von der SPD triumphiert, will er wieder in den Bundestag einziehen. Ist das nicht Betrug an den Wählern? Am Donnerstagnachmittag hat Oskar Lafontaine erklärt, sein Landtagsmandat auf jeden Fall annehmen zu wollen. Sollte es zu Koalitionsverhandlungen kommen, wird er daran teilnehmen und natürlich ein Bündnis gegen die CDU vorbereiten wollen. Auch wenn die Sozialdemokraten die Linkspartei dann doch abhängen? Das Fell des Bären verteilt man nach der Landtagswahl. Bis zur Bundestagswahl gibt es dann vier Wochen Zeit. Aber die SPD an der Saar wird in diesen vier Wochen schwer unter Druck geraten. Die Alternative zu einem Bündnis mit uns ist eine Koalition mit der CDU. Dies wird bei der SPD bestimmt zu einer Zerreißprobe führen. Würde es helfen, wenn der stellvertretende SPD-Landeschef Eugen Roth anstelle von Heiko Maas die Verhandlungen führen würde? Dazu sage ich nichts. Das muss die SPD selbst entscheiden. Ich fordere Heiko Maas allerdings auf, noch vor den Kommunalwahlen im Juni zu erklären, dass es ihm ernst ist mit der Ablösung der Regierung Müller. Das ist Maas allen Wählerinnen und Wählern schuldig. Programmatisch passt zwischen SPD und CDU eh kaum etwas zusammen. Mit uns hingegen fast alles: Bergbau, Wirtschaftspolitik, Bildung. Die Grünen im Saarland haben sich bislang nicht eindeutig zu einem Linksbündnis bekannt. Wäre es deshalb nicht angebracht, die Grünen ein bisschen zu hofieren? Hofieren werden wir die Grünen ganz gewiss nicht. Die Grünen wissen aber genau, dass ihre Wähler nach links tendieren und sie es sich deshalb gar nicht leisten können, die chaotisch-konservative Regierung von Ministerpräsidenten Müller zu stützen. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: Ahmadinedschad spaltet UN-Konferenz Untertitel: DURBAN II Der Auftritt von Irans Präsident droht die Antirassismuskonferenz in Genf platzen zu lassen. Westliche Staaten haben Angst vor antisemitischen Hetzreden. Ein Boykott der Veranstaltung durch die Bundesregierung ist dennoch umstritten DURBAN II BERLIN taz | Es wäre das erste Mal, dass Deutschland eine wichtige UN-Konferenz boykottiert. Doch bei der Antirassismuskonferenz kommende Woche in Genf könnte genau das passieren. Am Freitag hat sich die Bundesregierung einen Boykott der Konferenz offengehalten. Vor einer Entscheidung wollte sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) aber noch mit seinen EU-Kollegen abstimmen. Zuvor hatte der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), eine Teilnahme Deutschlands als unwahrscheinlich bezeichnet: "Ich würde es für richtig halten, wenn die EU geschlossen nicht an der Konferenz teilnehmen würde." Kritiker fürchten, dass die Konferenz zu einem Forum für antiisraelische und antisemitische Hetze wird, zumal sich als Gast der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad angekündigt hat. Seit Wochen zanken sich die Diplomaten über den Wortlaut des Abschlussdokuments der sogenannten Durban-Nachfolgekonferenz. In der ersten Fassung des Textes wurde als einziger Staat Israel wegen des Palästinenserkonflikts an den Pranger gestellt, andere Konflikte wie der in Darfur wurden nicht erwähnt. Die Leitung des Vorbereitungskomitees hatte Libyen, zu den weiteren beteiligten Staaten gehörten der Iran und Pakistan. In einem von Russland ausgearbeiteten Kompromissentwurf wurden zwar die umstrittenen Passagen über Israel getilgt. Doch noch am Freitag soll der Iran erneut versucht haben, einen Absatz aufzuweichen, der sich gegen das Vergessen des Holocaust richtet. Israel, Italien und Kanada wollen die Konferenz boykottieren. Auch die USA werden höchstwahrscheinlich nicht erscheinen. In der großen Koalition ist ein Boykott der Konferenz umstritten. "Eigentlich muss man jetzt erst recht nach Genf fahren, um das Schlimmste zu verhindern", sagte der SPD-Menschenrechtsexperte Christoph Strässer der taz. "Das Thema ist zu wichtig, um es Personen wie Ahmadinedschad zu überlassen." Ähnlich sieht das auch der Leiter des Deutschen Instituts für Menschenrechte, Heiner Bielefeldt. "Die Gefahr, dass Ahmadinedschad und andere antisemitische Hetzreden halten, ist groß", sagte er. "Dennoch sollte Deutschland die Konferenz nicht von vornherein boykottieren." Die Delegierten aus der EU sollten sich aber die Option offenhalten, "jederzeit aus der Konferenz herauszumarschieren". Ein Scheitern des Durban-Prozesses würde nach Ansicht Bielefeldts "die UN-Menschenrechtspolitik um Jahrzehnte zurückwerfen". Denn bei aller Kritik an der UN-Antirassismuskonferenz sei in Durban 2001 auch Positives erreicht worden. So seien erstmals Kolonialismus und Sklavenhandel als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geächtet worden. Im südafrikanischen Durban hatten sich 160 Staaten auf ein Aktionsprogramm gegen Rassismus geeinigt. Damals hatte Syrien versucht, Israel als rassistischen Staat verurteilen zu lassen. Das wurde verhindert, dennoch reisten die USA und Israel vorzeitig ab. WOLF SCHMIDT ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: "Quinta" setzt sich gegen "Quirin" durch Untertitel: WETTER Der Wetterabsturz ist doch nicht so drastisch wie vorausgesagt. Im Duell von Tief "Quirin" gegen Hoch "Quinta" scheint "Quinta" bessere Karten zu haben. "Quirin" sorgt heute zwar in der Mitte und im Süden Deutschlands für Wolken und Regen. Aber schon am Sonntag wird "Quinta" überall die Sonne rauslassen. An der Ostsee wirds am Wochenende 9 bis 13 Grad warm, am Oberrhein kann das Thermometer 22 Grad anzeigen. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: Bushido würde gern Merkels Groupie sein Untertitel: BEKENNTNISSE EINES RAPPERS MÜNCHEN | Rapper Bushido hat erklärt, die Zeiten, "wo Frauen mich mit Sex ködern konnten, sind vorbei". Der 30-Jährige sagte dem Magazin InStyle, er habe die Erfahrung gemacht, dass Erfolg und Geld falsche Freunde anziehen. "Die erzählen dann immer, dass sie Anis kennen lernen wollen und nicht Bushido", sagte der Rapper, der eigentlich Anis Mohammed Ferchichi heißt. Sobald dieser Spruch komme, "bin ich sofort raus aus der Nummer". "Wobei es umgekehrt auch eine Frau gibt, mit der ich allein aufgrund ihres Status Sex haben würde: Angela Merkel." Illustration: Fubu-toonpool ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: WAHLEN IM SAARLAND Landesparteitag: Delegierte der saarländischen Linkspartei stellen an diesem Samstag in Saarbrücken ihre Landeslisten für die Landtagswahl im August auf. Die Bundestagswahl ist nur einen Monat später. Landesspitzenkandidat: Platz eins auf der Liste zur Landtagswahl ist bereits gesetzt: Oskar Lafontaine. Er wurde bereits im vergangenen Jahr auf einem Sonderparteitag zum Spitzenkandidaten gewählt. Es gab keinen Konkur- renten. Bundestagsspitzenkandidat: Auch bei der Wahl zum Listenführer für die Bundstagswahl geht Lafontaine konkurrenzlos ins Rennen. Um die Plätze zwei und drei hingegen balgt sich gleich eine ganze Schar. Zu viele Männer jedenfalls, finden die Frauen der Linkspartei. Sie berufen sich auf die Satzung, der zufolge ihnen eigentlich jeder zweite Listenplatz zusteht. (kpk) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: ROLF LINSLER 67, ist Landesvorsitzender der Linken im Saarland. Bevor er der Partei im August 2007 beitrat, war er Mitglied der SPD. Linsler arbeitete viele Jahre lang als Gewerkschaftsfunktionär, zuletzt war er Landesvorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di im Saarland ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: 24 Menschen verletzt Untertitel: ZUGUNGLÜCK IN BERLIN BERLIN | 24 Menschen sind am Donnerstag in Berlin bei einem Zugunglück verletzt worden. Fünf Personen, darunter der Lokführer, erlitten laut Polizei schwere Verletzungen. Kurz nach 22 Uhr fuhr ein Regionalzug im Berliner Bahnhof Karow auf einen langsam fahrenden Güterzug auf. Die Ursache war zunächst ungeklärt. Beim Aufprall entgleisten die ersten Wagen des Regionalzuges. Der Lokführer wurde im Führerhaus eingeklemmt und musste von der Feuerwehr durch die Frontscheibe befreit werden. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: Ärztinnen therapieren Frauen besser Untertitel: CHRONISCHE HERZSCHWÄCHE MANNHEIM | Frauen mit chronischer Herzschwäche werden von Ärztinnen besser behandelt als von deren männlichen Kollegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Uniklinikums des Saarlandes, die gestern auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie vorgestellt wurde. Während weibliche Ärzte ihre Patienten gleich behandeln, und zwar unabhängig von deren Geschlecht, therapieren männliche Ärzte Patientinnen signifikant seltener und auch mit geringeren Dosierungen, so die Studie. (afp) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 6 Titel: Politiker: Erdogan soll Preis nicht kriegen Untertitel: KRITIK AN AUSZEICHNUNG BERLIN | Die geplante Auszeichnung des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdogan mit einem Toleranzpreis ist parteiübergreifend auf Kritik gestoßen. Politiker von Union, SPD und Grünen forderten Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) als Schirmherren des Preises in der gestrigen Bild-Zeitung auf, von der Ehrung mit dem Avicenna-Preis Abstand zu nehmen. Die SPD-Europaexpertin Lale Akgün kritisierte, Erdogan sei nicht mal in seinem eigenen Land eine Integrationsfigur. (afp) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 8 Titel: Streiten für das Gymnasium ab Klasse vier Untertitel: PROTESTDEMO In Hamburg gehen Eltern gegen die geplante sechsjährige Primarschule auf die Straße. Sie wollen das Gymnasium-Wahlrecht nach vier Jahren Grundschule beibehalten. Beobachter spotten: "Porsche-Demo" PROTESTDEMO AUS HAMBURG KAJA KUTTER Nur weil einer im teuren Wagen zum Demo-Vorbereitungstreff anreist, muss er nicht schlechte Argumente haben. Doch der Elternprotest, der für heute in Hamburgs City angemeldet ist, wird schon als "Porsche-Demo" bespöttelt. Nicht nur, dass diese Gefährte gesichtet wurden. Den Aufruf zur Demo unterzeichneten viele Eltern aus den vornehmen Elbvororten, darunter Anwälte und PR-Spezialisten. Die Protestveranstaltung richtet sich gegen die vom schwarz-grünen Senat geplante sechsjährige Primarschule, die ab 2011 kommen soll. Damit wird die Möglichkeit für Eltern, ihre Kinder nach vier Jahren Grundschule auf das Gymnasium zu schicken, abgeschafft. "Eltern werden entmündigt!", protestiert das Demo-Bündnis. "Unser Elternwahlrecht wird abgeschafft." Eltern dürften nicht mehr entscheiden, welche weiterführende Schule ihr Kind besucht. Und statt der bisherigen 50 Prozent dürften "nur 30 Prozent aufs Gymnasium". Letzteres ist eine unbelegte Behauptung. Die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch beteuert in einem Brief an alle Schulen, dass keine solche 30-Prozent-Grenze geplant sei. Richtig ist aber, dass alle Kinder zwei Jahre länger gemeinsam lernen, bevor es in Klasse 7 eine Aufteilung auf Stadtteilschule und Gymnasium gibt. Ob ein Kind gymnasialberechtigt ist, entscheidet die Zeugniskonferenz. Allerdings können Kinder auch auf der Stadtteilschule Abitur machen - dort allerdings erst nach 13 Jahren, auf dem Gymnasium hingegen schon nach 12 Jahren. Die Argumente für und wider diese Regelung werden in Hamburg seit einem Jahr gewälzt. Die oppositionelle SPD zum Beispiel streitet dafür, den Eltern diesen Spielraum zu lassen. Die Spitze der SPD-Bürgerschaftsfraktion unterstützt sogar die heutige Demo, obwohl die Partei eigentlich die "Schule für alle" will. In Fachkreisen wird das Elternwahlrecht kritisch gesehen. Ein Recht auf Gymnasium in Klasse 7 gab es auch bisher in Hamburg nicht. Nach Ende der fünften und sechsten Klasse fliegen Kinder, die schlechte Noten haben, vom Gymnasium. Hamburgs frühere Schulsenatorin Rosie Raab (SPD) nennt diese Selektionsphase ein "zutiefst unpädagogisches System". Künftig soll so eine Unsicherheitsphase entfallen. Auch die Gymnasien übernehmen Verantwortung, indem sie die Kinder von Klasse 7 bis 10 behalten. Doch gäbe es davor ein Elternrecht, so fürchtet Raab, würde die Schulwahl "noch stärker von der sozialen Herkunft gelenkt". Die aktiven Eltern in den Elternvororten müsste diese Frage nicht kümmern. Dort sind die häuslichen Voraussetzungen so gut, dass fast alle Kinder eine Gymnasialempfehlung bekommen. Doch es regt sie anderes auf. Schulprofile, wie etwa Latein oder ein Chor ab Klasse 5, können dort künftig erst zwei Jahre später beginnen. "Was nützt ein Schulchor, wenn die Kinder im Stimmbruch sind?", fragt ein Vater. Die Schulsenatorin will dies lösen, indem sie Profile wie Chor oder Latein schon in der Primarschule anbietet. Wie das alles zusammenpasst und welche Schule mit wem kooperiert, wird noch bis zum 15. Mai in 22 regionalen Schulkonferenzen beraten. Zu viel Chaos, viele "Experimente auf dem Rücken der Kinder", halten die Kritiker dagegen, die als Logo eine missmutig dreinblickende Anti-AKW-Sonne, schwarz vor grünem Grund, mit der Aufschrift "Schulchaos - nein danke!" wählten. "Wir müssen die Grünen mit ihrer eigenen Sprache schlagen", sagte eine Frau aus der Demo-AG auf dem Vorbereitungstreffen. Man gehöre einer Generation an, "die nie auf die Straße gegangen ist". Darum gibt es nun Basteltipps für Transparente im Internet. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 8 Titel: Gesine Schwan will Manager nicht pauschal verdammen Untertitel: PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF Anders als der Amtsinhaber warnt die Kandidatin vor moralischen Urteilen. Die Ursachen für die Krise sieht sie im "System" PRÄSIDENTSCHAFTSWAHLKAMPF BERLIN taz | Auf die "Berliner Rede" des Bundespräsidenten hatte die Herausforderin eigentlich schon geantwortet, mit einem Grundsatzreferat über die Globalisierung vor zwei Wochen an der Hamburger Bucerius Law School. Weil der Vortrag aber zwischen Nato-Gipfel und Barack Obamas Abrüstungsrede ziemlich unterging, nahm Gesine Schwan am Freitag einen zweiten Anlauf und trug ihre Ideen noch einmal vor Journalisten in Berlin vor. Im Vergleich zu dem Verbalradikalismus, mit dem Horst Köhler neuerdings die Manager schilt oder das Wachstumsdenken geißelt, gab sich die SPD-Kandidatin zahm. "Meines Erachtens können wir nicht auf Wachstum verzichten", sagte Schwan etwa - vorausgesetzt, es finde in den richtigen Bereichen statt. Auch moralische Urteile über die Manager lehnte Schwan ab. "Das sind nicht alles böse Menschen", erklärte sie. "Das System hat sehr dazu beigetragen, dass sie sich so verhalten haben." Diese Erkenntnis erwarte sie von ihren Studenten "in jeder Zwischenprüfung". Schwan betonte, an Marktwirtschaft und Privateigentum halte sie fest. Auch gegen eine direkte Staatsbeteiligung an notleidenden Unternehmen wie Opel sprach sie sich aus. Man dürfe das Konkurrenzprinzip aus dem Wirtschaftsleben aber nicht auf alle anderen Gesellschaftsbereiche übertragen. Durch ihre Machtstellung hätten die Manager das Privileg gehabt, "nicht lernen zu müssen", zitierte sie den Soziologen Karl W. Deutsch. Das sei aber nicht allein deren eigene Schuld. Im Fall ihrer Wahl wolle sie die Wirtschaftsführer ins Schloss Bellevue einladen, kündigte Schwan an. Dabei solle es aber nicht um eine "moralische Anklage" gehen, sondern darum, durch "Abfrage ihrer Kompetenz" die Ursachen der Krise zu erklären. All dies klang einigermaßen akademisch, und das schien der Kandidatin wohl bewusst zu sein. "Das würde dann in eine Vorlesung ausarten", unterbrach sie sich bei einer Antwort selbst. "Da ich sowieso als zu professoral gelte, lasse ich das lieber." Andererseits wies sie den Institutionen, "die in der Gesellschaft noch Autorität haben", eine "Bringschuld" im Krisendiskurs zu - und zählte neben den Kirchen und dem Amt der Bundespräsidentin insbesondere die Universitäten dazu. Dass ihr Parteifreund Gerhard Schröder im vorigen Bundestagswahlkampf erfolgreich gegen einen "Professor aus Heidelberg" agitierte, konnte Schwans Urteil über das gesellschaftliche Prestige von Akademikern offenkundig nicht erschüttern. Auf Tagespolitik im engeren Sinn kam die Professorin Schwan, die gegen den Banker Köhler nun schon zum zweiten Mal einen Präsidentschaftswahlkampf der Nichtpolitiker führt, nur an einer einzigen Stelle zu sprechen. Sie teile voll und ganz die Analyse des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, erklärte sie, wonach die Kür des Bundespräsidenten keinerlei Konsequenzen für die Bundestagswahl habe. Einem positiven Schub durch ihre Wahl stehe das Risiko einer neuerlichen Rote-Socken-Kampagne gegenüber - wobei ein Bündnis mit der Linkspartei auf Bundesebene selbstverständlich ausgeschlossen sei. Mit einer neuerlichen großen Koalition oder einem Ampelbündnis sei sie hingegen "kompatibel", sagte Schwan. RALPH BOLLMANN ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 8 Titel: Großbetrug bei Abwrackprämie BERLIN afp Händler sollen in hunderten Fällen bei der Abwrackprämie betrogen haben, indem sie die Prämie kassiert und die zur Verschrottung bestimmten Autos danach weiterverkauft haben. Laut dem Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) wurden mindestens 500 Wagen illegal nach Afrika verschifft. Es handele sich dabei um "professionelle Betrüger", sagte BDK-Vize Wilfried Albishausen der Bild-Zeitung. Die Polizei Hamburg bestätigte, dass jüngst bei Stichproben im Hafen 25 Wagen auf Schiffen Richtung Afrika sichergestellt wurden. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Inland Seite: 8 Titel: Harte Strafen für Mord in Dessau DESSAU afp Das Landgericht Dessau hat einen 24-jährigen Mann wegen Mordes an einem Obdachlosen zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein 34 Jahre alter Mitangeklagter erhielt gestern eine Freiheitsstrafe von 12 Jahren. Die beiden hatten im August 2008 ohne jeden Anlass einen 50-jährigen Obdachlosen vor dem Dessauer Hauptbahnhof zu Tode geprügelt. Das Opfer starb an Herz- und Lungenquetschungen. Laut Gericht handelten die Täter aus niedrigen Beweggründen. Der Vorsitzende Richter sprach in der mündlichen Urteilsbegründung von einer besonders widerwärtigen Tat. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 9 Titel: Gegen Mehrwegzwang Untertitel: GETRÄNKEFLASCHEN Ministerium prüft Mehrwegpflicht für Läden. Einzelhandel: "Das wäre vielleicht in der DDR gegangen, aber nicht in der Marktwirtschaft" GETRÄNKEFLASCHEN BERLIN taz | Die Vorschläge zur Steigerung der Mehrwegquote bei Getränkeverpackungen (taz von Freitag) sind beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) auf scharfe Kritik gestoßen. Eine bessere Kennzeichnung sei unnötig, sagte Geschäftsführer Hubertus Pellengahr der taz. Weitergehende Vorschriften wie eine Mehrweg- pflicht lehnte er entschieden ab. Als Reaktion auf den drastischen Rückgang der Mehrwegquote auf unter 50 Prozent hatten Umweltverbände und Teile der Getränkeindustrie am Mittwoch gefordert, Einweg- und Mehrwegflaschen deutlicher zu kennzeichnen, weil viele VerbraucherInnen sie nicht unterscheiden könnten. Dies hält Pellengahr für unnötig. "Die Kennzeichnung ist klar genug", sagte Pellengahr. "Und der Kunde hört doch schon am Sound des Automaten, dass Einwegflaschen zerschreddert werden." Empört zeigte sich der HDE-Chef über weitergehende Vorschläge. Die Deutsche Umwelthilfe hatte gefordert, eine zusätzliche Abgabe von 20 Cent auf Einwegflaschen zu erheben; das Bundesumweltministerium prüft zudem, ob alle Einzelhändler verpflichtet werden können, auch Mehrweg anzubieten. "Man kann Geschäften nicht vorschreiben, was sie verkaufen müssen", sagte Pellengahr dazu. "Das wäre vielleicht in der DDR gegangen, aber nicht in der Marktwirtschaft." Das Bundesumweltministerium reagierte verwundert auf diese Position. "Wir sind beeindruckt, dass der Einzelhandelsverband in der Lage ist, spontan eine juristische Entscheidung zu treffen", sagte ein Sprecher. "Wir hingegen wollen den Sachverhalt zunächst sorgfältig prüfen." Auch Cornelia Ziehm, Juristin bei der Deutschen Umwelthilfe, teilt die rechtliche Einschätzung des HDE nicht. Einschränkungen der Gewerbefreiheit aus übergeordneten Gründen seien durchaus möglich. Auch die EU-Wettbewerbsregeln stünden dem nicht automatisch entgegen. "Einzelstaatliche Umweltregeln können durchaus zulässig sein, wenn sie gut begründet sind." MALTE KREUTZFELDT ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 9 Titel: Lehman-Geschädigte will unter Rettungsschirm Untertitel: KRISENOPFER Eine Rentnerin, die 40.000 Euro mit Lehman-Zertifikaten verloren hat, geht in Karlsruhe gegen den Bankenrettungsfonds vor. Es verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz, wenn der Bund Banken Schrottpapiere abkaufe, sie aber auf ihren sitzen lasse KRISENOPFER VON BEATE WILLMS Die 68-jährige ehemalige Zahnarztangestellte Hannelore Sporberg will es mit der Bundesregierung aufnehmen. Über die Rechtsanwaltskanzlei Mattil und Kollegen hat die Münchnerin Verfassungsbeschwerde gegen das Finanzmarktstabilisierungsgesetz eingelegt. Sie verlangt, auch als Privatperson unter den Rettungsschirm für die Banken genommen zu werden. Dabei beruft sie sich auf den Gleichheitsgrundsatz in Artikel 3 des Grundgesetzes. "Es ist verfassungswidrig, wenn Banken toxische Papiere, die ihre Bilanzen belasten, an den Soffin auslagern dürfen, Privatanleger aber nicht, die die gleichen Papiere gekauft haben", sagt Rechtsanwalt Peter Mattil. Nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers im Herbst, nach dem die Hypotheken- und Finanzkrise eine neue weltweite Dynamik entfaltete, hatte die Bundesregierung einen Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung, kurz: Soffin, eingerichtet und mit 480 Milliarden Euro ausgestattet. Das Geld kann die Behörde für Bürgschaften oder Eigenkapitalhilfen ausgeben. Sie kann aber Banken und Geldinstituten auch sogenannte Risikopositionen, also ansonsten unveräußerliche Wertpapiere für bis zu 5 Milliarden Euro pro Institut abkaufen. Was mit Privatanlegern geschieht, regelt das Gesetz nicht. Sporbergs Weg kreuzt sich mit dem vieler Banken bei der Lehman-Pleite. Die Rentnerin hatte rund 40.000 Euro, die Hälfte ihres Vermögens, auf Anraten ihrer Hausbank, der Dresdner Bank, in Lehman-Zertifikate investiert, die sie für eine sichere Geldanlage hielt. Dass Zertifikate als Inhaberschuldverschreibungen wertlos werden, wenn das ausgebende Unternehmen Konkurs macht, wusste sie nicht. Nun kann sie aus dem Insolvenzverfahren, das sich nach Einschätzung von Experten noch mindestens zwei Jahre hinziehen wird, allerhöchstens 10 Prozent des Einsatzes zurückerwarten, 4.000 Euro. Sie könnte den Verkäufer bei der Dresdner Bank wegen Falschberatung verklagen, aber das finanzielle Risiko ist groß. Bis zu 20.000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten drohen, wenn sie verliert. Und sie fürchtet, dass sie "alleine gegen die Bank sowieso nicht ankommt". Schließlich könne diese sich nach den staaatlichen Hilfen für die Mutter Commerzbank "die besten Anwälte von meinen Steuergeldern" nehmen. "Der Beschwerdeführerin ist nicht zuzumuten, eine Klage gegen die Beraterbank zu führen", argumentiert auch Anwalt Mattil in der 31-seitigen Verfassungsbeschwerde. Zugleich handle es sich um einen Fall von "allgemeiner Bedeutung", da allein in Deutschland mindestens 50.000 Kleinanleger ihr Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren hätten. Darum könnten sich die Karlsruher Richter nicht herumdrücken. "Die Privatanleger dürfen nicht nur als Opfer der Krise betrachtet werden, die ihr Schicksal hinzunehmen haben." In den USA beispielsweise hätten die Behörden die Citibank verpflichtet, 40.000 Kunden zu entschädigen, die sie nicht über die Risiken eines zertifikateähnlichen Produkts aufgeklärt hatte. Beim Bundesfinanzministerium hat man die Verfassungsbeschwerde "zur Kenntnis genommen", wie Sprecherin Jeanette Schwamberger sagt, warte nun aber "ganz entspannt ab", ob und was die Karlsruher Richter unternehmen. Tatsächlich räumen Verfassungsrechtler dem Vorstoß keine großen Erfolgsaussichten ein. Markus Heintzen, Professor an der FU Berlin, würde "fast eine Kiste Rotwein darauf wetten", dass sie gar nicht erst angenommen wird. Schließlich gehe es um Geld: "Da hat sich das Bundesverfassungsgericht noch nie sonderlich engagiert." Andere Rechtsanwälte, die Lehman-Geschädigte in Zivilprozessen gegen ihre Bankberater vertreten, wie der Bremer André Ehlers, verweisen jedoch auf die Öffentlichkeitswirkung. Gerade jetzt, wo die ersten Prozesse angelaufen seien, sei es gut, noch einmal auf die Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen, "auch wenn es eher eine moralische als eine juristische sein mag". meinung und diskussion SEITE 14 ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 9 Titel: Freiheit gegen höhere Abfindung Untertitel: GEISELNAHMEN PARIS | Geiselnahmen sind in Frankreich weiter en vogue. Jetzt traf es fünf Manager des Logistikunternehmens FM Logistics bei Metz. Rund 100 wütende Mitarbeiter gaben ihre Vorgesetzten erst nach zwölf Stunden wieder frei, dafür mussten sie den von Entlassung betroffenen Arbeitnehmern Gespräche über bessere Abfindungen zusichern. In allen Fällen von Geiselnahmen der vergangenen Woche, etwa bei Sony und dem Baumschinenhersteller Caterpillar, sagten die Topmanager für ihre Freiheit höhere Abfindungen zu. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 9 Titel: Prost Mahlzeit! Jetzt auch Wirte in der Krise Untertitel: GASTGEWERBE WIESBADEN | Das Feierabendbier trinken viele Menschen derzeit lieber zu Hause als in der Kneipe. Deutschlands Gastwirte bekommen die Wirtschaftsflaute zu spüren. Im Februar setzten sie real 8,9 Prozent weniger um als ein Jahr zuvor. Das teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. In konstanten Preisen (real) war dies der stärkste Einbruch seit Dezember 2002. Damals sanken die Umsätze im Jahresvergleich um 13,2 Prozent, weil viele Menschen wegen radikaler Preiserhöhungen zur Euro-Einführung auf Kneipenbesuche verzichteten. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 9 Titel: Erste Interessenten für Filialen Untertitel: WOOLWORTH FRANKFURT/KARLSRUHE | Kurz nach der Insolvenz von Woolworth Deutschland gibt es erste Interessenten für Filialen der Billigkaufhauskette. "Woolworth hat sicher einige Standorte, die für uns sehr gut denkbar wären", sagte der Chef der Drogeriekette dm, Erich Harsch, der FTD. Auch dm-Konkurrent Rossmann soll Interesse an Woolworth-Filialen angemeldet haben. Ein Sprecher des vorläufigen Woolworth-Insolvenzverwalters Ottmar Hermann bestätigte gestern konkrete Anfragen, wollte aber keine Namen nennen. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 9 Titel: Verlust geringer als erwartet Untertitel: CITIGROUP NEW YORK | Die angeschlagene US-Großbank Citigroup hat mit erneut roten Zahlen ihren sechsten Quartalsverlust in Folge erlitten. Allerdings fiel das Minus deutlich geringer als von Experten erwartet aus. In den ersten drei Monaten des Jahres lag der Verlust unter dem Strich bei 966 Millionen Dollar (733 Mio. Euro), wie die Bank am Freitag mitteilte. Ein Jahr zuvor lag das Minus im gleichen Zeitraum noch bei 5,1 Milliarden Dollar. Die Citigroup ist damit die bereits vierte US-Bank, die besser abschneidet als vom Markt erwartet. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: Gensoja statt Alpenklee Untertitel: MILCHERZEUGUNG Eine Stichprobe von Greenpeace bei vier großen Molkereien zeigt: Im Futtertrog der Milchkühe landet häufig gentechnisch verändertes Soja. Ob es sich gänzlich ersetzen lässt, darüber streiten die Experten MILCHERZEUGUNG VON HEIKE HOLDINGHAUSEN Das Bärchen steht auf einer grünen Almwiese und schüttet frischeste Alpenmilch in eine Milchkanne. Den drolligen Werbeträger der "Bärenmarke" kennt wohl jeder - doch die Idylle trüge, sagt Greenpeace. "In den Futtertrögen der Kühe, die die Milch für Bärenmarke geben, landet gentechnisch verändertes Soja aus Südamerika", erklärt Alexander Hissting, Agrarexperte der Umweltorganisation. Diese hat sich jeweils vier Höfe vorgenommen, die vier Molkereien beliefern, die Milch im Premiumsegment anbieten: Weihenstephan, Allgäuland, Bärenmarke und Landliebe. In den entnommenen Futterproben der ersten drei genannten Molkereien fanden die beauftragten Labore jeweils gentechnisch verändertes Soja. "Gerade in diesem Hochpreissegment wiegt die Täuschung der Verbraucher besonders schwer", sagt Hissting. Den Kunden würde in der Werbung und auf den Verpackungen vorgegaukelt, ein regional und naturnah erzeugtes Produkt zu erwerben. "Dafür zahlen sie ja auch mehr", so der Greenpeace-Experte. Bei einer ähnlichen Aktion war Greenpeace schon einmal erfolgreich. Jahrelang startete die Organisation Aktionen gegen die Molkerei Landliebe. Im vergangenen Jahr verpflichtete diese ihre Lieferanten schließlich dazu, auf Genfutter zu verzichten. Die Proben des zu dem holländischen Milch-Riesen Campina gehörenden Unternehmens wiesen denn auch keine Spuren von gentechnisch verändertem Soja auf. "Das zeigt doch, dass eine Fütterung ohne Gentechnik möglich ist", sagt Hissting. Stimmt nicht, sagt die Molkerei Weihenstephan. Die Tochter der Müller-Milch-Gruppe wehrt sich in einem Schreiben an die Verbraucher gegen die "gegen unser Unternehmen stellvertretend für die ganze Branche geführte Greenpeace-Kampagne". Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass eine genetische Veränderung von Tierfutter auf die Milch keine Auswirkungen habe. Denn das Futter werde im Tierorganismus ganz normal verdaut und abgebaut. Greenpeace gehe es allerdings vor allem darum, dass der Anbau von Genpflanzen nicht nur in Europa, sondern weltweit zurückgedrängt werde, so Hissting. "Es ist ja schön, dass wir in Deutschland jetzt ein Verbot des Genmaises MON 810 haben", sagt er, "aber mit unserem Konsum tragen wir dazu bei, dass die umweltschädlichen Pflanzen etwa in Brasilien weiter angebaut werden." Weihenstephan meint dagegen, gentechnisch verändertes Futter lasse sich aus der Landwirtschaft sowieso nicht mehr wegdenken. Genverändertes Tierfutter sei bei fast allen deutschen Landwirten seit langem ein fester Bestandteil der Tierfütterung. Auch der Deutsche Verband Tiernahrung (DVT) in Bonn hält die Umstellung auf gentechnikfreies Tierfutter für die gesamte Branche nicht machbar. Ein Großteil des importieren Sojas stamme aus den USA, Brasilien und Argentinien - und dort werde nun einmal großflächig Gensoja angebaut, sagt Sprecherin Britta Noras. Ein einseitiger Ausstieg der deutschen Landwirte aus Gentechnikfutter führe zudem zu einem verzerrten Wettbewerb, den sie auf dem europäischen und dem Weltmarkt nicht bestehen könnten, so Noras. Natürlich könne man auf die Fütterung von Gensoja verzichten, sagt hingegen Romuald Schaber. Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter hält eine Umstellung des Tierfutters auf gentechnikfreies Soja oder Raps für möglich. Auf dem Markt sei davon genügend erhältlich, meint der Milchbauer. Greenpeace-Experte Histing verweist unterdessen auf das "fantastische Magensystem" von Kühen, das die Fütterung von eiweißreichem Soja nicht erfordere. "Raps, Lupinen, Ackerbohnen und Kleegras sind ein prima Ersatz." ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: Politischer Druck Untertitel: GORLEBEN Bereits in den 80er-Jahren gab es Zweifel an Eignung des Salzstocks als Atomendlager GORLEBEN HANNOVER taz | Die maßgebliche Endlagerexperten des Bundes haben schon 1983 die Untersuchung von Alternativen zum Salzstock Gorleben verlangt. Eine entsprechende Empfehlung wurde aber auf massiven politischen Druck aus dem ersten offiziellen Gutachten zu dem Endlagerstandort gestrichen. Professor Helmut Röthemeyer, der als Abteilungsleiter in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) damals verantwortlich für den "Zusammenfassenden Zwischenbericht über bisherige Ergebnisse der Standortuntersuchung in Gorleben" war, erinnert sich heute mit Schrecken an das Gespräch mit Ministeriumsvertretern, das der Änderung des Gutachtens vorausging. Der taz sagte Röthemeyer am Freitag: "Ich habe ansonsten nie wieder ein solches Gespräch geführt in meinem ganzen Leben." Professor Röthemeyer war seinerzeit der höchste staatliche Endlagerexperte. Die von ihm geleitete Abteilung wurde später zur Abteilung "Sicherheit nuklearer Entsorgung" im Bundesamt für Strahlenschutz umgewandelt. Dem zusammenfassenden Gutachten von 1983 ging die Erkundung des Salzstocks durch eine Vielzahl von Bohrungen voraus, die aber nicht das erhoffte Ergebnis brachten. Röthemeyers Kollegen mussten in ihrem Gutachten deshalb etwa feststellen, dass das von einer eiszeitlichen Rinne durchzogene Gestein über dem Salzstock nicht ausreichend ist, "Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten". Die Wissenschaftler wollten dann auch die Schlussfolgerung ihres Gutachtens entsprechend gestalten. "Wegen des Erkundungsrisikos in Gorleben und aus Gründen der Akzeptanz des Standorts haben wir in den Bericht die Empfehlung hineingeschrieben, einen zweiten Standort zu untersuchen", erinnert sich Röthemeyer. Der Entwurf der Empfehlung sei dann den beteiligten Wissenschaftlern zugesandt worden, um ihn zunächst unter den Experten zu diskutieren. Dies sollte auf einem Treffen in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover geschehen. "Zu dem Treffen erschienen dann aber unerwartet auch Vertreter des Bundeskanzleramtes und der Bonner Ministerien für Forschung und Technologie und Inneres", erinnerte sich Röthemeyer. Die Ministeriumsvertreter forderten die Physikalisch-Technische Bundesanstalt zur Änderung ihres Gutachtens auf. "Es gab nichts Schriftliches, keine schriftliche Weisung, aber wir mussten das Gespräch klar als Weisung auffassen", sagt Röthemeyer. Die Forderung nach "vorsorglichen Erkundungsmaßnahmen an anderen Standorten" wurde deshalb aus dem Gutachten gestrichen. Immerhin gibt es noch den einstigen Entwurf. Dieser attestiert dem Salzstock nicht für hochradioaktiven, sondern nur für schwach- und mittelaktiven Atommüll eine "sicherlich gegebene Eignung". Die Union hält Gorleben nach wie vor für den geeigneten Endlagerstandort in Deutschland. Ihre Forderung deshalb: das Endlager jetzt zügig zu bauen. JÜRGEN VOGES ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: Kartellamt prüft Stromanbieter Untertitel: PREISPOLITIK Vattenfall und Co müssen ihre Kalkulationen rechtfertigen. Das Kartellamt fürchtet, dass "etwas im Argen liegt" - und Kunden zu viel zahlen PREISPOLITIK BERLIN taz | "Auf den ersten Blick scheint die Einführung des Wettbewerbs auf den Strom- und Gasmärkten geglückt zu sein", sagte am Freitag der Vorsitzende des Bundes der Energieverbraucher, Aribert Peters. "Ein zweiter Blick enthüllt jedoch, dass unter dem Deckmantel des Wettbewerbs die Verbraucher kräftiger als je zuvor ausgeplündert werden." Ob und inwiefern Energieunternehmen ungerechtfertigte Gewinne durch Preismanipulationen einfahren, will nun das Bundeskartellamt genau unter die Lupe nehmen. In einer sogenannten Sektoruntersuchung will sich das von Bernhard Heitzer geleitete Amt eine umfangreiche Datengrundlage verschaffen. Im Visier stehen die rund 60 größten Kraftwerksbetreiber und Großhändler, die zusammen über 90 Prozent der deutschen Erzeugungskapazität abdecken. Allein die vier größten Unternehmen - Eon, Vattenfall, RWE und EnBW - kontrollieren über 80 Prozent der Stromproduktion. Untersucht werden die Jahre 2007 und 2008. Das Bundeskartellamt kann seit 2005 mit den Sektoruntersuchungen detaillierte Einsichten in die Akten der Unternehmen verlangen. Bereits in der Vergangenheit nutzte das Amt das Instrument der Sektoruntersuchung, um den Wettbewerb in der Mineralölindustrie und auf dem Markt der Ferngasnetze zu prüfen. Beide Verfahren laufen noch. Im jetzigen Fall sollen in erster Linie Daten zu Kosten der Stromerzeugung, zur Nutzung der Kraftwerke sowie zum Angebot auf den Großhandelsmärkten zusammengestellt werden. Die Wettbewerbshüter wollen gegen die Stromanbieter vorgehen, wenn sie ihnen missbräuchliche Verhaltensweisen nachweisen können. Unter anderem wird geprüft, ob die Unternehmen ihre Angebotsmengen eventuell künstlich an der Strombörse in Leipzig verknappen, um so die Preise in die Höhe zu schrauben. Das Bundeskartellamt betonte, dass kein konkreter Verdacht die jetzige Untersuchung ausgelöst habe. "Aber wir machen so eine Prüfung natürlich nicht auf Märkten, wo der Wettbewerb tobt, sondern dort, wo wir die Ahnung haben, dass etwas im Argen liegen könnte", sagte ein Amtssprecher zur taz. So stelle sich angesichts des starken Sinkens der Rohstoffpreise im dritten und vierten Quartal 2008 die Frage, warum die Stromgroßhandelspreise in diesem Zeitraum so hoch lagen wie im Jahr 2007. Die Stromanbieter haben jetzt Datenbögen erhalten. Sie müssen diese bis zum 6. Mai an das Kartellamt zurückschicken. Die Wettbewerbshüter veranschlagen mehrere Monate für die Auswertung der Unterlagen, denn sie werden mehrere Millionen Einzeldaten analysieren müssen. Martin Pack, RWE-Sprecher, sagte: "Wir haben bereits vor zwei Jahren nachgewiesen, dass wir nicht manipulieren. Seitdem hat sich an unserem Verhalten nichts geändert." Vattenfall wollte am Freitag keinen Kommentar abgeben, ein Eon-Sprecher verwies auf den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Dieser Verband sieht der Prüfung anscheinend sehr gelassen entgegen. In einer schriftlichen Stellungnahme hieß es: "Wir haben hierzulande auf dem Strommarkt eine Vielfalt, die in Europa ihresgleichen sucht." In anderen europäischen Ländern sei die Marktkonzentration viel stärker. Bereits im Mai 2006 hatte die Europäische Kommission belastendes Material bei einer Untersuchung der Eon-Geschäftsräume zutage gefördert. Die Folge: Eon muss sich von Teilen seiner Kraftwerke und vom Netz trennen. NADINE MICHEL ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: G-20-Opfer erlag innerer Blutung LONDON dpa | Wende in der Affäre um Polizei-Übergriffe bei den G-20-Protesten in London: Der Mann, der kurz nach einer Attacke eines Polizisten tot zusammenbrach, starb an inneren Blutungen. Das ergab eine am Freitag bekannt gewordene zweite Obduktion. Zunächst hatte die Polizei erklärt, der 47-jährige Mann sei auf natürliche Weise an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Die britische Polizei war aber unter Druck geraten, nachdem auf einem im Internet verbreiteten Video die Schlagstockattacke eines Polizisten zu sehen war. Der Polizist wurde dann vom Dienst suspendiert. Jetzt wurde er von der Polizeiaufsichtsbehörde wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung befragt. Die Ursache der Blutungen ist noch nicht geklärt. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: Verstaatlichung der HRE beginnt BERLIN dpa | Mit einem Übernahmeangebot an die Aktionäre hat der Bund die vollständige Verstaatlichung des maroden Immobilienkonzerns Hypo Real Estate (HRE) eingeleitet. Bis zum 4. Mai könnten die Aktionäre ihre Aktien zu einem Preis von 1,39 Euro an den Bund verkaufen, teilte der Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung am Freitag mit. Die Finanzaufsicht Bafin hatte das Übernahmeangebot zuvor genehmigt. Durch die Offerte will sich der Bund 100 Prozent der Anteile an der HRE sichern. Das betrifft insbesondere Großaktionär J. C. Flowers, der erklärt hat, seinen Anteil von knapp 22 Prozent halten zu wollen. Notfalls will der Bund enteignen. Dann würde er einen geringeren Preis für die Aktien zahlen. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: 20.000 Bauern protestieren für höhere Preise HAMBURG dpa | Mehr als 20.000 Milchbauern sind in der Nacht zu Freitag für höhere Milchpreise auf die Straßen gegangen. Sie zogen mit Fackeln vor rund 80 Molkereien in Deutschland. Die Bundesregierung prüft nun eine finanzielle Entlastung der Milchbauern. Sie erwägt, die EU-Direktzahlungen, die sonst am Ende des Jahres gezahlt werden, vorzuziehen. Das sei "anzuerkennen", sagte Hans Foldenauer vom Bundesverband der deutschen Milchviehhalter. Das Problem der Überproduktion werde aber nicht gelöst. Die Bauern sehen sich wegen des niedrigen Milchpreises in ihrer Existenz gefährdet. Der von den Molkereien gezahlte Preis ist seit Oktober 2008 um rund 10 Cent auf 20 bis 26 Cent pro Liter gesunken. Für den 29. April kündigten die Landwirte weitere Demonstrationen an. meinung und diskussion SEITE 14 ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Wirtschaft und Umwelt Seite: 10 Titel: Währung für Südamerika BUENOS AIRES epd | Die Bündnisstaaten der Bolivarianischen Alternative für Amerika haben die Einführung einer gemeinsamen Währungseinheit beschlossen. Die Staaten Venezuela, Kuba, Bolivien, Nicaragua, Honduras und Dominica einigten sich am Donnerstag in Venezuela darauf, den Sucre als gemeinsame Verrechnungseinheit einzuführen. Gegen Ende 2009 wird eine Testphase stattfinden, ab 2010 wird er als Zahlungsmittel beim Handelsaustausch dienen. Das berichtete die venezolanische Tageszeitung El Universal am Freitag. "Der Sucre wird die Diktatur des Dollars beenden", sagte Venezuelas Präsident Hugo Chávez. Vorbild des Sucre ist der Euro. Ob und wann der Sucre auch in Form von Scheinen und Münzen als alltägliches Zahlungsmittel eingeführt wird, ist allerdings noch nicht klar. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: Straffreiheit für Folterknechte Untertitel: CIA-PAPIERE US-Präsident Barack Obama veröffentlicht Folterdokumente CIA-PAPIEREVON RALF LEONHARD BERLIN | Applaus und Empörung erntete US-Präsident Barack Obama, als er am Donnerstag bis dahin geheime Memoranda freigab, in denen die Foltermethoden der CIA detailliert vorgegeben werden. Gleichzeitig garantierte er allen, die diese "harten Verhörmethoden" bei Verdächtigen angewandt haben, Straffreiheit. Die Geheimdienstagenten, so Obama in einer Mitteilung, arbeiteten "mutig an den Frontlinien einer gefährlichen Welt". Ihre Identität müsse weiterhin geschützt werden. Die Veröffentlichung der einst von George W. Bush bestellten Memoranda war von der Bürgerrechtsvereinigung American Civil Liberties Union (Aclu) gerichtlich erzwungen worden. Einige der 14 darin beschriebenen Verhörtechniken werden von Obama-Mitarbeitern, etwa Oberstaatsanwalt Eric H. Holder, dezidiert als Folter eingestuft. Die umstrittenen Memoranda bestätigen einen Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, der auf der Grundlage von Aussagen entlassener Gefangener eine Reihe von gängigen Foltermethoden auflistet. Schlafentzug und eisiges Wasser auf den nackten Körper sind noch die harmloseren Techniken. Die Memoranda sind Rechtsgutachten, die infolge von 9/11 in den Jahren 2002 und 2005 vom Rechtsberatungsbüro des Justizministeriums in Washington erstellt wurden. Das erste beschreibt die zugelassenen Verhörmethoden, die anderen drei bestätigen, dass die Anwendung der umstrittenen Techniken immer noch legal sei, und bemühen sich dabei, die Vereinbarkeit mit dem Völkerrecht und dem nationalen Strafrecht zu konstruieren. Dass das Zuziehen von Medizinern empfohlen wird, deutet aber darauf hin, dass auch die Bush-Rechtsexperten ihre Zweifel hatten. So wird festgehalten, dass die Verhörexperten nicht zwischen verstockten Terroristen unterscheiden könnten, die Auskunft verweigern, und jenen, die schlicht keine Informationen preiszugeben haben. Ein Problem, das schon bei der heiligen Inquisition erkannt wurde. Wie die New York Times am Donnerstag berichtete, sei das gefürchtete "Waterboarding" nicht nur in der erlaubten sanfteren Form mit wenig Wasser praktiziert worden, sondern auch in einer nicht ausdrücklich genehmigten Variante, bei der der Gefangene mit großen Wassermengen traktiert und fast ertränkt wird. Eine besonders infame Methode, die ausdrücklich erlaubt, aber nie verwendet wurde, war speziell für den mutmaßlichen Terroristen Abu Subaydah vorgesehen, der Angst vor Insekten hatte. Er hätte in seiner Zelle harmlosen Raupen ausgesetzt werden sollen, von denen man ihm gesagt hätte, sie hätten giftige Stachel. Barack Obama sprach von einem "dunklen und schmerzlichen Kapitel" in der Geschichte seines Landes. Er hatte ja gleich zwei Tage nach seinem Amtsantritt die Gutachten außer Kraft gesetzt und Folter ausdrücklich verboten. Dass er eine Untersuchung gegen die Verantwortlichen ausschließt, sorgte aber bei den Bürger- und Menschenrechtsaktivisten für Empörung. Aclu-Direktor Anthony Romero forderte eine Untersuchung, da jetzt erwiesen sei, dass die Bush-Regierung "auf höchster Ebene" Folter genehmigt habe. Unzufrieden ist auch Ex-CIA-Direktor Michael Hayden, allerdings aus anderen Gründen. Er sieht im Folterverbot einen Freibrief für Terroristen. Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt im vergangenen Januar hatte er erklärt: "Diese Techniken haben funktioniert." ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: Netanjahus neue Forderung Untertitel: ISRAEL Mit einer trickreichen Kehrtwende stellt die Regierung unerfüllbare Bedingungen für Verhandlungen über einen palästinensischen Staat ISRAEL VON SILKE MERTINS JERUSALEM | Der neue israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erwägt erstmals, über die Gründung eines palästinensischen Staates zu verhandeln. Doch diese prinzipielle Bereitschaft des rechtskonservativen Likud-Chefs, der die Zwei- staatenlösung bisher immer abgelehnt hat, ist an nahezu unerfüllbare Bedingungen geknüpft: "Israel erwartet von den Palästinensern, Israel zuerst als jüdischen Staat anzuerkennen, bevor über zwei Staaten für zwei Völker geredet wird", zitiert einer seiner Berater den Regierungschef nach einem Gespräch mit dem US-Sondergesandten für Nahost, George Mitchell, am Donnerstagabend. Netanjahu hat damit eine trickreiche Wende vollzogen. Zum einen kommt er den USA und Europa entgegen, die ein Bekenntnis zur Zweistaatenlösung verlangen. Das enge amerikanisch-israelische Verhältnis ist deutlich angespannt. Zum anderen ist die Forderung nach der Anerkennung Israels als jüdischen Staat eine unüberwindbare Hürde für die Palästinenser. Sie zu erfüllen würde bedeuten, dass sie das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge in Gebiete des heutigen Israel aufgeben. Dieses Recht ist neben der Jerusalem-Frage der emotionalste und heikelste Streitpunkt im Konflikt mit Israel. Es vorab aufzugeben wäre für jede Palästinenserführung politischer Selbstmord. Bestenfalls könnte ein Kompromiss beim Rückkehrrecht am Ende eines Verhandlungsprozesses stehen, der den Palästinensern in anderen Punkten entgegenkommt. Bisherige Friedenspläne- und entwürfe, etwa die Genfer Initiative, sehen vor, dass das Rückkehrrecht eingeschränkt wird und die Israelis im Gegenzug Jerusalem als geteilte Hauptstadt akzeptieren. Israels umstrittener neuer Außenminister Avigdor Lieberman, der rechtspopulistische Chef der Partei "Unser Haus Israel", betonte nach seinen Gesprächen mit Mitchell: Alle bisherigen Ansätze "sind eine Sackgasse". Nun seien "neue Ideen" gefragt. Er selbst machte aber keinen Vorschlag, wie neue Wege aussehen könnten. Netanjahu selbst hat im Wahlkampf den Palästinensern lediglich einen "ökonomischen Frieden" als Alternative angetragen. Die US-Administration von Präsident Barack Obama hat Israel deutlich gemacht, dass eine Wiederbelebung des Friedensprozesses ganz oben auf der Agenda steht. Obamas Stabschef, Rahm Emanuel, wird von der israelischen Zeitung Jedioth Achronot mit den Worten zitiert: "Innerhalb von vier Jahren wird es ein Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern geben, egal, wer Ministerpräsident ist." Wenn Israel Unterstützung im Kampf gegen das iranische Atomprogramm wolle, dann solle die Regierung erst einmal illegale Siedlungen im Westjordanland räumen. In Israel wird das als Kampfansage verstanden. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: "Gelbhemden"-Führer verletzt Untertitel: ANSCHLAG IN THAILAND BANGKOK afp | Der Gründer der thailändischen "Gelbhemden"-Bewegung, die 2008 maßgeblich zum Sturz der Regierung beigetragen hat, ist bei einem Anschlag verletzt worden. Laut Polizei schossen mindestens zwei Angreifer auf Sondhi Limthongkul, als dieser in Bangkok im Auto unterwegs war. Nach einer zweistündigen Operation war Sondhi außer Lebensgefahr, so die Leitung der zuständigen Klinik. Bei dem Anschlag wurden auch der Fahrer und ein Begleiter Sondhis verletzt. Ein Sprecher der von Sondhi gegründeten königstreuen Volksallianz für Demokratie sagte, zwar seien die Attentäter unbekannt, klar sei aber, dass der Angriff "politisch motiviert" gewesen sei. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: Drei mutmaßliche Terroristen getötet Untertitel: BOLIVIANISCHE POLIZEI LA PAZ | In Bolivien ist laut der Regierung eine Terrorgruppe zerschlagen worden, die Präsident Evo Morales ermorden wollte. Eine Polizeieinheit tötete am Donnerstag in einem Hotel in Santa Cruz drei Mitglieder der mutmaßlichen Terrorzelle. Bei ihnen soll es sich um einen Iren, einen Rumänen und einen Bolivianer handeln. Zwei weitere Männer seien festgenommen worden. Über mögliche Motive wurde zunächst nichts bekannt. Morales bezichtigte die rechte Opposition, für die Ereignisse verantwortlich zu sein. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: Mindestens zwanzig Tote bei Erdbeben Untertitel: OSTAFGHANISTAN KABUL | Bei zwei dicht aufeinanderfolgenden Erdbeben sind gestern in Ostafghanistan mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen. Wie Präsident Hamid Karsai erklärte, erschütterte das erste Beben mit der Stärke 5,4 die Provinz Nangarhar kurz nach Mitternacht. Wenige Stunden später habe es in der Region im Hindukusch-Gebirge ein Nachbeben mit der Stärke 5,1 gegeben. Mindestens 50 weitere Menschen seien durch herabstürzende Trümmer verletzt worden. Rettungskräfte suchten nach weiteren Opfern, hieß es. (afp) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: Nach 20 Jahren in der Todeszelle exekutiert Untertitel: HÄFTLING IM US-STAAT ARIZONA WASHINGTON | Nach fast 20 Jahren in der Todeszelle ist im US-Bundesstaat Alabama ein verurteilter Mörder hingerichtet worden. Der 49-jährige Jimmy Lee Dill erhielt am Donnerstagabend eine Giftspritze. Der Afroamerikaner Dill hatte 1988 einen Dealer beraubt und dann getötet und war 1989 deswegen zum Tode verurteilt worden. Dill hatte mehrfach Beschwerde gegen das Urteil eingelegt und insbesondere geltend gemacht, dass er die juristischen Ausführungen des Gerichts nicht vollständig verstanden habe. (afp) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 12 Titel: Kundgebung gegen König Juan Carlos Untertitel: SPANISCHES BERGBAUGEBIET OVIEDO dpa | Spanische Antimonarchisten haben gegen einen Besuch von König Juan Carlos in einem Bergbaugebiet in Asturien protestiert. Bei der Ankunft des Monarchen in Langreo schwenkten Demonstranten Flaggen der II. Republik (1931-1939) und spielten über Lautsprecher die republikanische Hymne ab. Der König hatte in dem Kohlerevier ein Fortbildungszentrum des Bergbaukonzerns Hunosa besucht. Der Parteichef der Vereinten Linken, Cayo Lara, forderte Juan Carlos kürzlich zum Abdanken auf. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 13 Titel: Afrikanischer Ausverkauf am Äquator Untertitel: LANDNAHME Kongo-Brazzavilles Präsident Denis Sassou-Nguesso will fast ein Drittel seines Staatsgebiets kostenlos an weiße Farmer aus Südafrika verpachten. Betroffen ist auch viel unberührter Regenwald LANDNAHME VON DOMINIC JOHNSON UND MARTINA SCHWIKOWSKI BERLIN/JOHANNESBURG | Es wäre das größte Landgeschäft Afrikas: Die Regierung der Republik Kongo, besser bekannt als Kongo-Brazzaville, will zehn Millionen Hektar Land an weiße Farmer aus Südafrika verpachten - 100.000 Quadratkilometer, fast ein Drittel des Staatsgebiets. Faktisch wird das Land verschenkt: "Kongo bietet Pachtverträge auf 99 Jahre, umsonst", sagt Theo de Jager, Vizepräsident des südafrikanischen Farmerverbands Agris SA. "Wenn die Farmer Überschüsse erwirtschaften, kann das in Eigentumstitel umgewandelt werden. Die ersten fünf Jahre sind steuerfrei, die Importe von Saatgut, Dünger und Maschinen auch. Profite können wieder ausgeführt werden." Viele Länder in Afrika haben riesige Ländereien an Investoren aus Nahost oder Asien vergeben, um Nahrungsmittel oder Agrarsprit anzubauen. Auch weiße Farmer aus Simbabwe oder Südafrika sind als kapitalkräftige Investoren vielerorts willkommen. In Madagaskar stürzte vor einem Monat die Regierung, nachdem sie Gespräche mit dem südkoreanischen Daewoo-Konzern über die Vergabe von 1,3 Millionen Hektar Land aufgenommen hatte; die neue Regierung hat das Projekt gestoppt. Nun stellt ausgerechnet Kongo-Brazzavilles Präsident Denis Sassou-Nguesso, der das Land 1979 bis 1992 als sozialistischer Militärdiktator regierte und sich 1997 zurück an die Macht kämpfte, alle bisherigen Projekte in den Schatten. Eigentlich hat Kongo-Brazzaville das gar nicht nötig. Als einer der größten Ölproduzenten und Tropenholzexporteure Afrikas kann es problemlos jährlich Lebensmittel im Wert von geschätzt 150 Millionen Euro importieren, hauptsächlich aus der alten Kolonialmacht Frankreich. Aber diese Importgüter sind teuer, Öl und Tropenholz schaffen nur wenige Arbeitsplätze, viele der Einnahmen daraus verschwinden, und seit den Bürgerkriegen der 90er-Jahre liegen die meisten fruchtbaren Gebiete im Süden des Landes brach. 70 Prozent der etwas über vier Millionen Einwohner Kongo-Brazzavilles leben in absoluter Armut, und 70 Prozent leben von der Landwirtschaft; größtenteils sind das dieselben Menschen. Nach offiziellen Angaben hat Kongo-Brazzaville zehn Millionen Hektar Agrarfläche, von denen nur zwei Prozent bebaut werden. Das wichtigste Agrargebiet ist die Provinz Niari im Südwesten, die von der Stadt Dolisie bis zur Grenze Gabuns reicht. Hier gründeten französische Kolonialsiedler einst große Zucker-, Mais- und Reisplantagen. In den 70er-Jahren verstaatlicht und ruiniert, gingen die Plantagen und Farmen in den 90er-Jahren teilweise wieder an Private: So bekam die französische Familie Vilgrain 1991 in Niari 12.000 Hektar Zuckerplantagen zurück. Ihre Gemeinschaftsfirma mit dem kongolesischen Staat "Somdiaa" ist heute das größte private Agrarunternehmen des Landes, mit 68.000 Tonnen Zuckerproduktion 2008. Schon damals scheiterte ein Versuch, in Niari südafrikanische Farmer anzusiedeln. Kongo-Brazzaville und Südafrika gründeten 1995 die Société Agricole et Industrielle du Vallée de Niari (SAIVN), um Land an weiße Farmer zu vergeben, aber nur eine Handvoll Südafrikaner bemühten sich an den Äquator, bis neuer Bürgerkrieg dieses Experiment beendete. Das Niari-Tal gehört nun zu den Gebieten, wo Sassou-Nguesso jetzt erneut Südafrikaner ansiedeln will. Auserkoren sind außerdem nach Angaben von Theo de Jager die drei Provinzen Cuvette, Likouala und Plateaux - faktisch der gesamte Norden Kongo-Brazzavilles. Diese Region ist zum großen Teil von unberührtem tropischen Regenwald bedeckt und ansonsten die Heimatregion des Präsidenten. "Wir waren im März dort und haben die Flächen angesehen, die bewirtschaftet werden sollen", erklärt der Südafrikaner de Jager. "Es sind riesige, unbewohnte Gebiete. Bisher haben sich 1.300 Farmer bei uns interessiert gezeigt, und einige sind jetzt da, um sich alles anzusehen." Warum interessieren sie sich? "Für größere Farmbetriebe ist es eine Gelegenheit, zu diversifizieren und zu expandieren", so der Farmerführer. Die Regierung Kongo-Brazzavilles drängt, so de Jager: "Der Präsident hat gesagt: Er will, dass das erste Saatgut noch vor dem Regen im Oktober in der Erde ist." Sassou-Nguesso hat Grund zur Eile. Im Juni sind Wahlen, und in Zeiten niedriger Ölpreise muss er zeigen, dass er etwas für die Bauern tut. Und ein wertvoller politischer Nebeneffekt ist auch dabei. Denn einer der wichtigsten Gegenkandidaten Sassou-Nguessos ist ausgerechnet der bisherige Vorstandschef des mächtigen Zuckerfabrikanten Somdiaa, Nicéphore Fylla. Er trat im Januar von seinem Posten zurück, um für seine Partei PRL (Republikanische Liberale Partei) zu kandidieren. In Interviews erklärt er, 90 Prozent der Kongolesen lebten im Elend, und es sei Zeit, die Macht an eine neue Generation zu übertragen. Für den 66-jährigen Sassou-Nguesso ist das ein Affront. Eigentlich wollte Somdiaa selbst diversifizieren, zum Beispiel in Mais und andere Produkte für den lokalen Markt. Jetzt sollen das stattdessen die weißen Südafrikaner machen. Wie meist in Kongo-Brazzaville ist auch diese ökonomische Entscheidung zuallererst ein Machtspiel. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 13 Titel: Webpiraten hinter schwedischen Gardinen gespeichert Untertitel: INTERNET Stockholmer Gericht verurteilt Filesharing-Seite Pirate Bay zu Gefängnis und Schadensersatz in Millionenhöhe. Die Verurteilten trotzen: "Uns wird nichts passieren." Der Fall dürfte über Jahre die schwedische und europäische Justiz beschäftigen INTERNET VON REINHARD WOLFF STOCKHOLM | Ein Jahr Haft für alle vier Angeklagten und ein Schadensersatz in Höhe von umgerechnet rund 3,3 Millionen Euro. So lautete am gestrigen Freitag das Urteil des Amtsgerichts Stockholm im Prozess gegen die Gründer der Filesharing-Seite thepiratebay.org. Das Gericht bejahte mit diesem Urteil die Frage, ob die Pirate-Bay-Macher sich der Beihilfe zur Urheberrechtsverletzung schuldig gemacht haben: Sie hätten es zumindest billigend in Kauf genommen, dass eine unbegrenzte Zahl von InternetuserInnen mithilfe dieser von ihnen zur Verfügung gestellten Plattform unter Anwendung der BitTorrent-Technik urheberrechtlich geschütztes Material auf ihre eigenen Rechner herunterladen konnten. Die auf Pirate Bay bereitgehaltenen "Wegweiser" zu dem fraglichen Material, so das Gericht, seien ein Puzzleteil im Gesamtprozess der Verletzung von Urheberrecht, das nicht weggedacht werden könnte, ohne dass damit der Tatbestand einer Copyrightverletzung erfüllt worden wäre. Und die Aktivitäten von Pirate Bay hätten - da durch Reklame finanziert - auch einen kommerziellen Hintergrund gehabt. Die Verurteilten nahmen das Urteil gelassen auf. "Nur die Ruhe: Pirate Bay und uns persönlich wird nichts passieren", twitterte Pirate-Bay-Sprecher Peter Sunde unmittelbar nach dessen Bekanntgabe. "Selbstverständlich", antwortete Gottfrid Swartholm Warg, einer der Angeklagten auf die Frage, ob man Berufung gegen diese Entscheidung einlegen werde. Und ironisch sprach er von "der Überraschung, die dieses Urteil wohl für den Staatsanwalt darstellt". Dieser hatte nämlich ursprünglich eine Anklage abgelehnt, weil er an keine Chance für eine Verurteilung geglaubt hatte. Vermutlich wird der Rechtsstreit nun alle Instanzen der schwedischen Justiz beschäftigen, und auch ein Umweg über die EU scheint nicht ausgeschlossen - das kann sechs bis acht Jahre dauern. Ludvig Werner, Vorsitzender der Musikbranchenvereinigung Ifpi Schweden, sprach von einem "positiven und grundsätzlich wichtigen" Urteil. Henrik Pontén, Sprecher des schwedischen "Antipiratenbüros", kommentierte: "Eine klare Markierung, dass das illegal ist, eine passende Strafe und ein deutliches Signal an alle, die Pirate Bay oder ähnliche Dienste benutzen." Eine erste Analyse zeigt eine deutliche Schwachstelle der jetzigen Entscheidung. So stellte das Schöffengericht vorwiegend auf die generellen Möglichkeiten von Pirate Bay für potenzielle Urheberrechtsverletzungen ab. Es machte sich aber nicht die Mühe, im Einzelnen zu beweisen, inwieweit bei den konkreten 33 Fällen von Urheberrechtsverletzung, um die es bei der Anklage ausschließlich ging, der BitTorrent-Tracker Pirate Bay technisch überhaupt eine Rolle gespielt hatte. Verwunderlich ist das allerdings nicht: Auch die Anklageschrift war trotz ihres Umfangs von 4.620 Seiten zu dieser Frage ausgesprochen dünn. "Das gibt eine schnelle Berufungsschrift", kommentiert ein Verteidiger. Das Gericht sprach überdies weniger als ein Drittel des von der Film-, Musik- und Computerspielbranche geforderten Schadensersatzes zu. Die Begründung: Man habe den Schaden geringer eingeschätzt. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Ausland Seite: 13 Titel: Mumbai: Attentäter widerruft MUMBAI dpa | Der Prozess gegen den einzigen überlebenden Attentäter von Mumbai ist am Freitag mit der Verlesung der Anklageschrift fortgesetzt worden. Staatsanwalt Ujwal Nikam warf dem 21-jährigen Pakistaner Ajmal Amir Kasab nach indischen Medienberichten Mord in 166 Fällen vor. Zudem habe Kasab zugegeben, er selbst und seine mindestens neun Mittäter seien unter Aufsicht pakistanischer Sicherheitskräfte im Nachbarland auf den Terrorangriff vorbereitet worden. Auch andere Großstädte sollten angegriffen werden, um die indische Regierung zu destabilisieren, so Nikam weiter. Ziel sei es gewesen, den Anschluss des indischen Teils der umstrittenen Kaschmirregion an Pakistan vorzubereiten. Kasabs Strafverteidiger Abbas Kazmi erklärte dagegen, das angebliche Geständnis sei von den Sicherheitsbehörden "erzwungen" worden. Sein Mandant habe angegeben, nach seiner Festnahme gefoltert worden zu sein. Kazmi war erst am Donnerstag als Anwalt des Angeklagten ernannt worden. Dessen erste Anwältin war unmittelbar nach Prozessbeginn am Mittwoch wegen eines Interessenkonflikts abgesetzt worden. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 14 Titel: Nicht nur ein PR-Gag Untertitel: BEATE WILLMS ÜBER BANKEN UND VERBRAUCHER Juristisch mag die Verfassungsbeschwerde gegen den Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung (Soffin) wenig Aussicht auf Erfolg haben. Trotzdem sollte man sie nicht nur als PR-Gag abtun. Immerhin verdeutlicht sie noch einmal das moralische und politische Problem des Krisenmanagements: Staatlich unterstützt werden jene, die für die Entwicklung und Ausbreitung der Krise mitverantwortlich sind: die Banken. Hängen gelassen und zur Finanzierung der Hilfen herangezogen werden die Verbraucher, die durch privatisierte Altersvorsorge zu Geldanlagen und zum Kauf von Finanzprodukten gezwungen wurden. Bei unverkäuflichen Wertpapieren fällt die Ungleichbehandlung besonders auf: Geldinstitute und Anleger tätigten teils die gleichen Fehlkäufe. Dabei verfügten die Banker nicht nur über einen Know-how-Vorsprung, der ihnen größere Verantwortung verleiht. Sie haben die Anleger offenbar auch wissentlich falsch beraten. Keine Frage: Hier ist eindeutig mehr Anlegerschutz vonnöten. Deshalb den Bankenrettungsschirm auf Privatanleger ausweiten zu wollen würde aber am Ziel vorbeischießen. Warum sollte jeder Geldanleger die Verluste seiner Fehlspekulationen an die Steuerzahler weiterreichen können - egal, ob sie krisenbedingt, aus Dummheit oder aus Gier zustande kamen? Im Gegenteil muss die Frage sein, warum die Banken das dürfen sollten. Und das demnächst womöglich noch einfacher in einer Bad Bank, zu der der Finanzminister in der kommenden Woche sein Konzept vorstellen will. Auch wenn die Dynamik der politischen Diskussion das insinuiert: Es wäre nicht gleich das Ende des Systems, wenn man mal eine Bank pleitegehen ließe. Das Allermindeste aber ist, dass die Nutzung solcher Abschiebungsaktionen an den Soffin oder die Bad Bank mit sehr hohen Gebühren verbunden wird. Und dass die Banken für alle Ausfälle selbst haften. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 14 Titel: Sieg mit Holzbein Untertitel: JANKO RÖTTGERS ÜBER DAS URTEIL IM PIRATE-BAY-PROZESS Insgesamt vier Jahre Haft sowie 2,7 Millionen Euro Schadenersatz: Das ist die vorläufige Bilanz im größten Piratenprozess des Jahres. Nein, wir reden hier nicht von somalischen Seeräubern, sondern von drei Betreibern und einem maßgeblichen Unterstützer des Pirate Bays, der Lieblingsplattform aller Musik- und Filmpiraten. Plattenfirmen und Hollywoodstudios freuen sich, als wäre ihnen Störtebeker persönlich ins Netz gegangen. So ganz falsch liegen sie damit nicht. Bis zu 25 Millionen Menschen nutzen den Pirate Bay zum Dateientausch. Das sind 25 Millionen Menschen, deren System-Administratoren schon bald im Knast sitzen könnten. Das Urteil könnte über die Website hinaus Folgen haben. Die Filesharing-Szene gibt sich nach außen gerne unverletzlich, hinter vorgehaltener Hand zeigen sich Insider aber besorgt. Viele Websites sind vom Pirate Bay abhängig. Eine Abschaltung könnte zumindest kurzfristig zum Tauschbörsen-Supergau führen. Langfristig ist das Urteil jedoch nur ein weiterer Phyrrussieg. Napster, Morpheus oder Kazaa sind nur einige der Tauschbörsen und P2P-Sites, die in den letzten Jahren geschlossen wurden. Die betroffenen Nutzer störte das wenig, sie wechselten einfach zum nächsten Anbieter. Jeder Schlag gegen die Piraten stachelte kreative Programmierer an, schnellere, bessere und größere Tauschbörsen zu entwickeln. Gleichzeitig haben gerade Plattenfirmen allen Gerichtserfolgen zum Trotz mit herben Verlusten zu kämpfen. 1999 wurden in den USA 939 Millionen CDs verkauft, 2008 nur 384 Millionen. Das Urteil über die Pirate-Bay-Betreiber ist nichts anderes als ein letzter Sieg in einem verlorenen Kampf. Man feiert das Versenken eines Piraten. Die eigene Flotte steuert unaufhaltbar auf den Abgrund zu. Janko Röttgers ist Autor des P2P-Blogs www.p2p-blog.com ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 14 Titel: Verbraucher für "Faironika" Untertitel: HEIKE HOLDINGHAUSEN ÜBER MILCHPREISE Den Milchbauern geht es wieder schlecht. Oder immer noch? Ihre Proteste für höhere Milchpreise werden uns jedenfalls die nächsten Jahre begleiten. Sie sind Zeichen eines tiefgreifenden Wandels der Milchwirtschaft, den ein Paradigmenwechsel in der EU-Agrarpolitik ausgelöst hat. Kurz beschreiben lässt er sich mit "mehr Markt". Der Bundesverband der Milchviehhalter (BDM) will eine Abkehr von diesem Prinzip und die Mengensteuerung auf europäischer Ebene wieder einführen. Das scheint wenig realistisch, die EU-Kommission und viele Mitgliedstaaten werden sich dagegen stemmen. Derzeit zeichnet sich ein Szenario ab, in dem nur wenige große Betriebe EU-subventioniert weltmarktfähige Produkte liefern - und possierliche Überbleibsel alter Zeiten, etwa in Bergregionen für Landschaftspflege und Tourismusförderung, vom Staat erhalten werden. Wünschenswert ist das nicht. Darum ist das Projekt "Faironika" des BDM ein mehr als interessantes Experiment. Die Bauern wollen in Zusammenarbeit mit kleineren Molkereien eine eigene Milch zu fairen Preisen in den Handel bringen - möglichst aus der Region, am besten von gentechnikfrei gefütterten und artgerecht gehaltenen Kühen. Das klingt einfacher als es ist. Ostdeutsche Betriebe wissen schon, wie schwierig es sich gestaltet, neue Produkte in den Supermarktregalen zu platzieren. Doch ist der Versuch jede Anstrengung wert, denn er birgt die Vision einer anderen, einer regionalen und nachhaltigen Landwirtschaft. Ob das Modell eine Chance hat, wird vom Verbraucher und seiner Bereitschaft abhängen, die faire Milch zu kaufen. Politische Unterstützung werden die Bauern nämlich nicht bekommen. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 14 Titel: Ihr und Wir Untertitel: RASSISMUS Die Presse verweigert beharrlich den genauen Blick auf Migranten. Dabei hat die Politik längst entsprechende Studien in Auftrag gegeben RASSISMUS Jeder dritte Einwanderer: arbeitslos. Migranten im Bremer Norden: heimatlos. Eine Armada von Helfern: machtlos. [...] Es ist schwer, nicht wütend zu werden." (Stern, 5. 4. 2009) Seit nunmehr fünf Jahren wird das Lied der gescheiterten Integration gesungen. Ralph Giordano, Seyran Ates, Necla Kelek und Henryk M. Broder trällern es, ebenso die FAZ und die taz. Längst hat sich ein binäres Weltbild vom "Fremden" und "Eigenen" in die Köpfe eingefräst. "Integration und Migration" - an keinem anderen Thema lässt sich der Wandel der Öffentlichkeit in den zurückliegenden Jahre besser illustrieren. Als ein Teil der politischen Klasse Anfang der Neunzigerjahre eine Kampagne gegen Asylsuchende entfachte, boten hunderte Journalisten den Scharfmachern aus den Parlamenten die Stirn. Sie informierten, kritisierten und kommentierten. Und sie warnten: Hier werden Freiheits- und Menschenrechte zur Disposition gestellt. Am Ende stand ein Aufbruch der Zivilgesellschaft - Proteste, Lichterketten und schließlich, unter der rotgrünen Regierung, ab 1998 eine Phase der Selbstkritik und der Besinnung. Zehn Jahre später ist alles anders. Nun ethnisieren und polarisieren vor allem bürgerlich aufgeklärte Kreise, allen voran Journalisten - in der Qualitätspresse ebenso wie im Boulevard. Ein Berufsstand, der so große Stücke auf seine Aufgeklärtheit, Kritikfähigkeit und seine Wächterrolle hält, entpuppt sich mehr und mehr als eine Ansammlung enthemmter Kleinbürger. Ressentimentgeladen, unfähig und unwillig, den aktuellen Entwicklungsstand der Einwanderungsgesellschaft zu reflektieren. Ihr vermeintlich aufklärerisches Tun ist gespeist von Ängsten vor Verlust der gesellschaftlichen Kontrolle. Eifrig sammeln sie Eindrücke in den gesellschaftlichen Randzonen, den Neuköllns und den Rütli-Schulen der Republik. Ohne Skrupel werden Anomien auf die Gesamtheit der Eingewanderten übertragen, ein aggressives Ihr und Wir konstruiert. Heute sind es Repräsentanten der Macht, die dem Wüten der Journaille entgegentreten. Kanzlerin Merkel, Innenminister Schäuble, SPD-Chef Müntefering und Außenminister Steinmeier - sie alle bemühen sich um neue Wege der Integration. Die Politik als Korrektiv der vierten Gewalt - eine Paradoxie der deutschen Geschichte. Seit 2007 sind eine Reihe von umfangreichen Studien und Untersuchungen zum Migrationsgeschehen in Deutschland erschienen. "Muslime in Deutschland" zum Beispiel. Ein 500-seitiges erhellendes Werk zu Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt. Aufschlussreiche Ergebnisse, die in Vielem die Berichterstattung ad absurdum führen. Differenzierung nach Milieus Seit Ende 2008 liegt nun die komplette "Sinus-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland" vor. Sie wurde 2006 begonnen und veröffentlichte erste Ergebnisse im Herbst 2007. Die quantitativen und qualitativen Ergebnisse der repräsentativen Studie räumen gründlich mit der medialen Konstruktion auf: Migranten sind keine homogene Gruppe; sie definieren sich nicht vor allem über den ethnischen Hintergrund oder Religion. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik werden Migranten, analog zu der deutschen Mehrheitsbevölkerung, differenziert nach sozialer Lage und Grundorientierung betrachtet. Acht Milieus werden vorgestellt. Sie reichen vom interkulturell-kosmopolitischen Milieu über das statusorientierte und traditionelle Arbeitermilieu bis hin zum religiös-verwurzelten. Ergebnis: Nur rund 7 Prozent der Migranten gehören dem religiös-verwurzeltem Milieu an, das strenge und rigide Wertvorstellungen vertritt, den patriarchalen und religiösen Traditionen der Herkunftsregionen verhaftet ist und sich in kulturelle Enklaven zurückzieht. Seit 2007 veröffentlicht das sozialwissenschaftliche Institut Sinus Sociovision aus Heidelberg nun schon Teilergebnisse der groß angelegten Untersuchung, die den Migrantinnen und Migranten ein hohes Maß an Integrationsbereitschaft attestiert. Und die darauf aufmerksam macht, dass der Einfluss religiöser Traditionen überschätzt wird. So bekennen sich 84 Prozent zur Trennung von Staat und Religion und meinen, Religion sei Privatsache. Wahrgenommen oder gar diskutiert werden die Ergebnisse der Studie kaum. Die taz widmete ihnen seit 2007 einen einzigen Artikel. Im gleichen Zeitraum erschienen rund 300 Artikel zu Ehrenmord, Zwangsheirat und Rütli-Schule; Stichworte, die für das Scheitern der Integration stehen. Natürlich bemühen sich eine Reihe dieser Artikel um Differenzierung. Allein durch ihr Referenzsystem bleiben sie allerdings Teil der insgesamt problematischen bis reaktionären Integrationsdebatte. Ähnlich sieht es in den anderen Qualitätszeitungen der Republik aus. Integration gilt als überflüssig Diese Berichterstattung und nicht die Erkenntnisse der Sinus-Studie prägen folglich das Alltagsbewusstsein. Demgegenüber beschreibt die Sinus-Studie die Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen unter Migranten: 98 Prozent wählen ihren Ehepartner selber; 83 Prozent der befragten Menschen mit Migrationshintergrund leben gern in Deutschland; 82 Prozent sprechen mit ihren engsten Freunden deutsch, und für 74 Prozent sind Bildung und Wissen wichtige Werte. Obwohl die Migranten den Deutschen also immer ähnlicher werden, beharrt die Publizistik darauf, Migranten weiterhin nach ihrer ethnischen Herkunft und nicht nach ihren tatsächlichen Wertvorstellungen und Lebensstilen zu definieren. Nach einer Ende März veröffentlichten, repräsentativen Studie der Forschungsgruppe Sinus Sociovision halten 40 Prozent der detuschen Bürger Antidiskriminierungspolitik für "überflüssig". So wird es zwar zu Recht als wichtig empfunden, Frauen den gleichen Lohn zu bezahlen wie Männern oder Ältere und Behinderte nicht zu benachteiligen. Weniger Verständnis haben viele Deutsche für die Gleichbehandlung von Migranten, Homosexuellen oder Andersgläubigen. Maßnahmen auf politischer und insbesondere auf gesetzlicher Ebene werden abgelehnt. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 14 Titel: EBERHARD SEIDEL Eberhard Seidel, 54, ist Journalist und Geschäftsführer von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage". Gemeinsam mit Sanem Kleff veröffentlichte er "Stadt der Vielfalt. Das Entstehen des neuen Berlin durch Migration" (Berlin 2009). ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 15 Titel: Versagen die Linken in der Krise? Pro Natürlich gibt es "die Linke" nicht. Aber es gibt ein Versagen aufseiten derer, die sich als nicht systemkonform begreifen. Und dieses hat mit der Wissensakkumulation in den letzten 20 Jahren zu tun. Ob Poplinke oder ob Bewegungslinke: Jeweils wurde über Systemalternativen nicht mehr nachgedacht. Für solche Überlegungen nämlich war das Einsehen in die eigene Ohnmacht zu groß. Doch ebenso groß war und ist verblüffenderweise das Vertrauen, dass man trotzdem selbstbestimmt handeln würde. Von Ausgebeutetsein keine Spur; bestenfalls wurde die Selbstausbeutung zur Sprache gebracht. In diesem Paradox hatte man sich prima eingerichtet. In der Folge wurde es vorrangig, die feinen Unterschiede zu begreifen, ging es darum, das Bewusstsein für sexistische und rassische Distinktionsgewinne zu schärfen. Das grobe Denken mithin, das über die Frage: "Wem nützt es?" die Lebens- und Erfahrungswelt sortiert, hatte das Über-Ich der Systemkritiker nachhaltig unter Strafe gestellt. Für das Über-Ich der Eliten übrigens war das Denken von "Wir versus ihr" die systematisierte Voraussetzung ihres Wirtschaftens. Wie wir jetzt sehen. Denken können "wir" es ja immer noch nicht. Und nun? Nun weigern sich die Linken, ausgerechnet das einzusetzen, was sie sich als kulturelles Kapital in den Zeiten der akzeptierten systematischen Alternativlosigkeit erworben haben: Selbstkritik. Sie weigern sich, ihre eigene Neoliberalisierung zum Thema zu machen - und bleiben einfach staatstragend und steuerbar. Um aber wieder relevant zu werden, um ein vom Status quo abweichendes Gesellschaftsmodell entwickeln zu können, bedarf es der Neugierde. Man benötigt eine Offenheit, die die Expertise in ökonomischen Zusammenhängen nicht mehr gegen das kulturelle Wissen um Selbstentwürfe und Selbstregulierungen ausspielt. Diese peinlich genau durchgehaltene Trennung ist nämlich Teil des Problems, das die Linken so ruiniert hat. Ambros Waibel Meinungsredak-teur der taz Foto: Alexander Janetzko Contra Die Linke hat die richtigen Antworten auf die Krise - nämlich konservative: Ost- wie Westdeutsche sehnen sich nach einer Gesellschaft unter der Führung des nicht zufällig seine mediale Auferstehung feiernden Helmut Schmidt - einer Gesellschaft, in der die Unterschiede zwischen Reich und Arm, oben und unten dem gesunden Menschenverstand entsprechen. Wo sollte die Linke auch sonst anknüpfen? An 68? Wo doch die Basis des Aufbruchs eine nach heutigen Maßstäben robuste Konjunktur war? Oder an den "dritten Weg", den dann nach 1989, als er frei gewesen wäre, niemand einschlagen wollte? Der einzige historische Bezugspunkt für eine revolutionär gestimmte Linke wäre der "reale Sozialismus", konkret die DDR. Denn die DDR machte mit der Mauer klar, dass ihr Verhältnis zum Kapitalismus ein antagonistisches und gewalttätiges war - mit den bekannten Folgen. Die Linke kann gar nicht anders, als an die Reparaturfähigkeit des Kapitalismus, an die Wohlgesinntheit seiner Repräsentanten zu appellieren. Wer die Linken verspottet, man höre von ihnen "kein revolutionäres Tönchen" (FAZ), verschweigt, dass der Epochenbruch von 1989 sie immer noch lähmt. Ausbeutung, Herrschaftsverhältnis, antagonistische Widersprüche - bloß nicht, da beginnt von den Gewerkschaften über Poplinke bis hin zu Attac das große posttraumatische Zittern! Die Geschichte ist keine Geschichte von Konjunkturprogrammen: Entweder diese Krise ist tatsächlich systemrelevant - dann wird es zu sozialen Kämpfen kommen, die 1989 in historische Ferne entrücken; oder sie ist es nicht, und die Dinge laufen erst mal weiter, mit oder ohne Opel, HRE oder Woolworth. Die Linke wartet. Einst wird man mit Rührung an sie denken: als die netteste Linke, die es hierzulande je gegeben hat. Ines Kappert Meinungsredak-teurin der taz Foto: Privat ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 15 Titel: LESERINNENBRIEFE LESERINNENBRIEFE betr.: "Wir wollen Fahrräder", tazzwei vom 16. 4. 09 Veräppelung der Fahrradfahrer Was manche Leute unter "Radfahren" verstehen, verdeutlicht das Interview mit dem Mannheimer Bürgermeister Lothar Quast sehr anschaulich. Wenn ihm 10 Kilometer zu weit sind als Radfahrdistanz, liegt die Frage nahe, ob er sich im Rathaus mit einem Elektromobil fortbewegt. Diese Entfernung habe ich bereits als Schüler morgens vor Schulbeginn locker zurückgelegt. Jeder halbwegs ambitionierte Radfahrer kann über 10 Kilometer nur herzhaft ablachen! Und auch die Abwrackprämie von 50 Euro ist eine Riesenlachnummer, wenn nicht sogar ein Schlag ins Gesicht eines jeden Radfahrers. Für ein einigermaßen vernünftiges Fahrrad muss man heute rund 700 bis 1.000 Euro kalkulieren. Herrn Quasts "Prämie" macht demnach also lächerliche 5 bis 7 Prozent des Kaufpreises aus. Verglichen mit einem Kleinwagen für 15.000 Euro und 2.500 Euro Abwrackprämie (gleich 17 Prozent) also eine ganz klare Veräppelung der Förderung umweltfreundlicher Verkehrsmittel. Man nimmt den Leuten den Spaß am Radfahren, wenn man ihnen Prämien anbietet, um Schrotträder für 300 Euro zu kaufen. Nur in diesem Preissegment lohnen sich 50 Euro. Es ist nicht auszuhalten! Ich fahre seit Jahren mit der Bahn und dem Fahrrad zur Arbeit, darf die Abwrackprämie und einigen Unfug mehr durch meine Steuern mitfinanzieren, gehe in diesem ganzen Zirkus leer aus und muss mir dann solchen Käse wie 50 Euro für ein neues Fahrrad erzählen lassen. Haltet mich fest, ich werd verrückt! PAUL HOCHMANN, Haltern am See betr.: "Die Gen-Lobby schlägt zurück", taz vom 16. 4. 09 Profitinteressen Welche negativen Auswirkungen genmanipulierte Tiere und Pflanzen auf unsere Gesundheit und auf die Natur auf Dauer haben werden, ist nicht voraussehbar. Deshalb ist Gen-Technik ein Risiko, das vermieden werden muss. Auch Contergan galt einmal als risikofrei! Warum die Ministerin Schavan uns genmanipulierte Lebensmittel schmackhaft machen will, ist unerklärlich und es widerspricht meinem Demokratieverständnis, weil nach meinem Wissen die Mehrheit der Deutschen diese Nahrungsmittel nicht haben wollen. Sind die Profitinteressen der Industrie der Maßstab aller Dinge? ALFRED KOHLUS, Tönning betr.: "Und es gibt sie doch, die guten Bachelor", taz vom 15. 4. 09 Oberflächlich Die Ausführungen von Martin Kaul über die "exzellenten" Bachelor-Studiengänge machen mir als Studierende der Leuphana-Universität Lüneburg einmal wieder bewusst, wie oberflächlich die Berichterstattung häufig erfolgt. Nachdem die taz mehrfach kritisch über die Entwicklungen an der Lüneburger Universität berichtete, verwundert es, wie unreflektiert Herr Kaul das Studienmodell anpreist. Hätte sich Herr Kaul die Mühe gemacht, mit Studierenden der Uni zu sprechen, so hätte er erfahren, dass die "schöne neue Welt" des Leuphana-Bachelors für viele Studierende und Lehrende leider gar nicht so rosig erscheint. REBECCA SELLO, Hamburg betr.: "Indien testet Atomrakete", taz vom 16. 4. 09 Bereit zur Veränderung? Vielen herzlichen dank für die super-mini-kurzmeldung über den "erfolgreichen" test einer indischen atomrakete. Leider fand ich diesen artikel in der online-version der taz gar nicht (aber die finde ich ja auch nicht so übersichtlich wie die print-version). Aber ich fand auch den aufschrei gegen den test nicht, wie ich es vor knapp zwei wochen bei dem nordkoreanischen raketentest gelesen habe. Habe ich irgendetwas versäumt? Bereit zur veränderung? Dann zeigt doch diesen mut nicht nur in tollen seite-1-motiven, sondern auch, wenn es um atomare abrüstung geht, auch wenn indien uns vielleicht nicht direkt bedroht. Wozu brauchen die eigentlich atomraketen? DETLEF WILSKE, Berlin ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 15 Titel: Eine gotteslästerliche Abbildung Klaus Ziegler aus Bad Soden-Salmünster sagt: Ihre gotteslästerliche Abbildung am Karsamstag (mit Bayern-Trainer Klinsmann am Kreuz) ist eine Ungeheuerlichkeit. Seit Monaten betreiben Sie antichristliche Hetze. Doch diese Blasphemie auf Ihrer Titelseite übertrifft alles, was Sie bislang geboten haben. Ich erwarte, dass Sie sich bei den Christen Deutschlands entschuldigen. Der stellvertretende Chefredakteur Reiner Metzger sagt: Kritik an einer Kirche und antichristliche Hetze sind ein Unterschied. Wir haben beschrieben, wie Klinsmann gekreuzigt wird, wir haben nicht zum Kreuzigen aufgefordert. Das Kreuzmotiv ist allgegenwärtig in unserer Gesellschaft und deshalb auch für Satire nutzbar. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: Im Rhythmus Untertitel: NBA-BASKETBALL Dirk Nowitzki und die Dallas Mavericks treffen in den Play-offs auf die San Antonio Spurs, den viermaligen Champion der US-Profiliga. In Dallas kann man das texanische Duell kaum erwarten NBA-BASKETBALL BERLIN taz | Es ist die Zeit, in der Unglaubliches passiert. Das zumindest verspricht die NBA ihren Fans heute zum Play-off-Beginn. "Where amazing happens", so der Slogan, der auch prima die Erwartungen der Dallas Mavericks und von Dirk Nowitzki für das Saisonfinale beschreibt. "Wenn wir so spielen wie zuletzt, ist es nicht die Frage, ob wir über die erste Runde hinauskommen, sondern, wie weit wir darüber hinauskommen", sagt Spielmacher Jason Terry. Neunmal hintereinander haben die Mavericks die Play-offs erreicht. 2006 stürmten sie sogar bis ins Finale, danach war jedoch jedes Mal nach der ersten Runde Schluss. Doch weil die Spurs schon einmal vernichtend geschlagen wurden, glauben die Mavs nun an ihren Vorteil. "Das geschafft zu haben war ein Meilenstein", sagt Terry. Geschehen ist das allerdings vor drei Jahren. Seitdem ist viel passiert. Auch 2007 und 2008 waren die Play-offs für die Mavericks die Zeit, in der Unglaubliches passierte. Erst scheiterten sie nach 67 Hauptrundenerfolgen an Golden State, ein Jahr später an New Orleans, jeweils in der ersten Runde. Und auch in diesem Jahr sah es nicht nach einem guten Jahr aus. Noch bis Anfang April war es alles andere als sicher, ob die Mavericks überhaupt in die Play-offs kommen. Erst durch einen Endspurt arbeiteten sie sich am letzten Spieltag auf den sechsten Rang vor. Darin sieht Nowitzki einen Vorteil: "Für uns spricht, dass wir zum Ende unseren besten Basketball gespielt haben. 2007 hatten wir eine super Hauptrunde, standen lange als Erster fest, haben uns ausgeruht und konnten dann den Schalter nicht mehr umlegen." Neben Duncan, der zweimal zum wertvollsten Spieler der NBA gewählt wurde, müssen die Mavs auf den Franzosen Tony Parker achten. Parker lief ausgerechnet bei den vier Hauptrundenduellen der Texaner zur Höchstform auf: 31,2 Punkte, so seine Ausbeute. MAF ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: daily dope (379) Der ehemalige DDR-Basketballer Volkhard Uhlig wird als Ersatz für den Bundestagsabgeordneten Steffen Reiche über die Zukunft des umstrittenen Leichtathletik-Trainers Werner Goldmann mitentscheiden. Reiche lässt seine Mitarbeit in der unabhängigen Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zur Überprüfung von Trainern mit Dopingvergangenheit für den Fall Goldmann mit sofortiger Wirkung ruhen. Er hatte den Coach von Vizeweltmeister Robert Harting (Diskuswerfen) bei der Formulierung seiner Erklärung geholfen und will deshalb den Eindruck vermeiden, die Kommission arbeite nicht unabhängig. Nach Klärung der Goldmann-Sache soll Reiche in die Kommission zurückkehren. Goldmann hatte kürzlich eine Erklärung zu seiner Vergangenheit im DDR-Dopingsystem gegenüber dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) abgegeben. Dazu hatte die sogenannte Steiner-Kommission wiederholt getagt und war am Mittwoch in Frankfurt/Main übereingekommen, Goldmann zu einem weiteren persönlichen Gespräch zu bitten. Reiche hatte Werner Goldmann gebeten, einer persönlichen Erklärung zu den Vorwürfen des früheren DDR-Kugelstoßers Gerd Jacobs abzugeben. Jacobs hatte Goldmann beschuldigt, ihn in der DDR gedopt zu haben. DPA, TAZ ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: Die Fakten UEFA-CUP-VIERTELFINALE MANCHESTER - HAMBURG 2:1 Manchester City: Given - Richards, Dunne, Onuoha, Bridge - Kompany - Elano (85. Sturridge), Zabaleta (77. Fernandes), Ireland - Caicedo, Robinho Hamburger SV: Rost - Boateng, Gravgaard, Mathijsen, Jansen - Jarolim, Aogo - Pitroipa, Guerrero, Trochowski (73. Petric) - Olic Tore: 0:1 Guerrero (12.), 1:1 Elano (16./Elfmeter), 2:1 Caicedo (50.) Gelb-Rote Karte: Dunne (75./wiederholtes Foulspiel) / - UDINESE - BREMEN 3:3 Udinese: Handanovic - Zapata (84. Obodo), Domizzi, Felipe, Pasquale - Inler, d'Agostino (83. Isla), Asamoah - Alexis Sánchez (33. Pepe), Quagliarella, Floro Flores Werder Bremen: Wiese - Fritz, Mertesacker, Naldo, Pasanen (67. Boenisch) - Frings - Tziolis, Özil - Diego (83. Niemeyer) - Pizarro, Hugo Almeida (86. Rosenberg) Tore: 1:0 Inler (15.), 1:1 Diego (28.), 2:1 Quagliarella (30.), 3:1 Quagliarella (38.), 3:2 Diego (60.), 3:3 Pizarro (73.) ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: DIE LIGA Untertitel: 28. Spieltag: Fr.: Schalke 04 - Energie Cottbus Sa.: Bielefeld - Bayern München 1. FC Köln - VfB Stuttgart VfL Wolfsburg - Leverkusen VfL Bochum - Borussia Dortmund Eintracht Frankfurt - Gladbach Karlsruher SC - 1899 Hoffenheim So.: Hertha BSC - Werder Bremen Hamburger SV - Hannover 96 VfL Wolfsburg 27 27 54 Bayern München 27 22 51 Hamburger SV 27 3 51 Hertha BSC 27 6 49 VfB Stuttgart 27 10 48 1899 Hoffenheim 27 14 44 FC Schalke 04 27 11 43 Borussia Dortmund 27 10 43 Bayer Leverkusen 27 15 42 Werder Bremen 27 14 36 1. FC Köln 27 -10 32 Eintracht Frankfurt 27 -12 29 Hannover 96 27 -18 29 VfL Bochum 27 -9 28 Arminia Bielefeld 27 -18 24 Mönchengladbach 27 -16 23 Energie Cottbus 27 -23 23 Karlsruher SC 27 -26 18 Toresammler: 20 Tore: Grafite (VfL Wolfsburg), 18 Tore: Ibisevic (1899 Hoffenheim), Helmes (Bayer Leverkusen); 16 Tore: Pizarro (Werder Bremen), Dzeko (VfL Wolfsburg) 29. Spieltag: Freitag: Hoffenheim - Hertha, Samstag: Bayern München - FC Schalke, Dortmund - Hamburg, Stuttgart - Frankfurt, Leverkusen - Karlsruhe, Bremen - Bochum, Hannover - Köln, Sonntag: Cottbus - Wolfsburg, Gladbach - Bielefeld ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: Extremisten der Krise Untertitel: BUNDESLIGA Die TSG Hoffenheim ist die zweitschlechteste Mannschaft der Rückrunde. Der Absturz des Halbzeitmeisters ist jäh, die Konflikte häufen sich. Kann Trainer Ralf Rangnick die Saison noch retten? BUNDESLIGA VON TOBIAS SCHÄCHTER Die TSG 1899 Hoffenheim ist kein normaler Verein, man darf sich da keinen Illusionen hingeben. Wer sich dem nur 3.300 Seelen zählenden Dorf übers noch kleinere Nachbardorf Zuzenhausen nähert, bekommt eine Ahnung davon. Dort sind immer deutlicher die Konturen des neuen Trainingszentrums zu erkennen, das demnächst Übungsstätte der Profimannschaft sein wird. In einem unnachahmlichen Tempo ist innerhalb von drei Jahren aus einem Regionalligisten ein hoch beneideter und beachteter Bundesligist geworden. Wer über die Autobahn kommend nach Hoffenheim fährt, sieht schon von weitem die Rhein-Neckar-Arena als einen Leuchtturm der Region strahlen - so würden es die Wirtschaftslobbyisten der Metropolregion Rhein-Neckar (MRN) ausdrücken, die der Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick jüngst den MRN-Award 2008 verliehen haben. Doch seit die Mannschaft von Trainer Ralf Rangnick ihre Heimspiele in dem nach offiziellen Angaben 60 Millionen Euro teuren Fußballkästchen in Sinsheim austrägt, ist die Erfolgsserie gerissen. Kein Sieg in den letzten neun Spielen, nur neun Punkte aus zehn Rückrundenspielen - die TSG 1899 stellt die zweitschlechteste Mannschaft der Rückrunde. Und wenn 1899 am Samstag bei der noch schlechteren badischen Konkurrenz vom Karlsruher SC antritt, treffen zwei Klubs in tiefer Krise aufeinander. Miserabler als die Hoffenheimer ist noch kein Herbstmeister aus dem Winter gekommen. Von der Wucht der negativen Entwicklung sind sie schon ein wenig überrascht. "Die Situation jetzt ist genauso außergewöhnlich wie die in der Vorrunde", sagt Ralf Rangnick. Noch nie habe er in seiner 20 Jahre langen Trainerlaufbahn eine Mannschaft trainiert, die so viel habe wegstecken müssen wie die junge Hoffenheimer zuletzt. Dass der Absturz auf Platz sechs nicht nur eine Verletzten- und Ergebniskrise ist, geben sie mittlerweile offen zu. Letzte Woche stellte Rangnick öffentlich klar: "Die absolute Bereitschaft, dem anderen zu helfen, ist uns abhanden gekommen." Dennoch wiegen natürlich die langwierigen Verletzungen von wichtigen Kräften wie Ibisevic, Ibertsberger und Jaissle sowie längere Pausen von Obasi, Salihivic, Ba, Gustavo und Eduardo schwer. Immer wieder ist der Trainer gezwungen, Personal, Taktik und System umzustellen. Zudem erwiesen sich die Winterzugänge nicht als Verstärkung. Im Gegenteil: Sanogo versagte als Ibisevic-Ersatz und Timo Hildebrand ist aufgrund seiner häufigen Verletzungen vom Hoffnungsträger zur tragischen Figur geworden. Wegen der Sperre von Daniel Haas muss morgen in Karlsruhe nun die Nummer 3, Ramazan Özcan, ins Tor. Doch viel mehr schmerzen die Hoffenheimer Macher die zuletzt offen zutage getretenen Eifersüchteleien und Undiszipliniertheiten. Diese verärgern vor allem Mäzen Dietmar Hopp. Verständnislos reagierte Hopp deshalb auf die fünf Spiele Sperre, die sich Wiederholungstäter Carlos Eduardo nach einem Ellenbogencheck gegen Bochums Bönig eingehandelt hat. Hopp will Vorbilder für die Jugend und keine Problemfälle in Hoffenheim sehen. Auch Rangnick reagierte erbost, nachdem nach dem Nulldrei gegen Bochum Kapitän Selim Teber in der Mixed Zone Mitspieler kritisierte. Teber verlässt Hoffenheim im Sommer. Rangnick stutzte Teber trotzdem gehörig zurecht. Manch einer im Team hat den Hype um Hoffenheim in der Vorrunde nicht verkraftet. Die TSG 1899 ist zwar kein normaler Verein, hat aber offenbar ganz normale Profis unter Vertrag, die früh sehr viel Geld und Anerkennung bekommen. Auch das muss der ein oder andere im Kader verkraften lernen. Über besondere Spielformen und Gespräche will der Trainer den alten Geist wieder wecken. Vielleicht ist es so, dass schon ein Erfolgserlebnis genügt, um die Wende einzuläuten. "Ein Sieg in Karlsruhe, und schon sieht die Welt wieder anders aus", glaubt Abwehrmann Per Nilsson, der unbedingt einen Platz unter den ersten fünf in der Tabelle erreichen will. Über Tabellenplätze zu reden, verbiete sich nach einem Spiel wie gegen Bochum, meint indes Rangnick. Der Coach "hält es für nicht möglich, dass wir demnächst wieder aus einem Guss spielen". "Dafür", sagt er, "ist in den letzten Monaten zu viel passiert." Die Hoffenheimer Spieler pendelten in ihren bislang 27 Bundesligaspielen zwischen den Extremen, ihre Mitte haben sie noch nicht gefunden. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: Astana in Zahlungsschwierigkeiten Untertitel: RADSPORT Das Radsportteam mit den Spitzenfahrern Lance Armstrong, Alberto Contador, Andreas Klöden und Levi Leipheimer steckt in Zahlungsschwierigkeiten. Der kasachische Verband will die Rückstände ausgleichen, weil die Sponsoren wegen der Wirtschaftskrise zurzeit Probleme haben. Contador, Gewinner der Tour de France 2007, des Giro dItalia und der Spanienrundfahrt, habe schon seit März kein Gehalt mehr erhalten, meldete die Nachrichtenagentur AP. Armstrong soll angeblich kein Geld kassieren, weil es ihm um die Popularisierung seiner Antikrebsstiftung ginge. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: Bekenntnisse in der Betrugsaffäre Untertitel: HANDBALL Jesper Nielsen, der Gesellschafter des Handballerstligisten Rhein-Neckar Löwen, hat neue Details zu den Bestechungsvorwürfen um den THW Kiel genannt. Der unlängst zurückgetretene THW-Manager Uwe Schwenker sowie der ehemalige THW-Coach Noka Serdarusic hätten ihm gegenüber Bestechungen eingeräumt. Serdarusic habe geplant, Schwenker mit belastenden Kontoauszügen zu erpressen. Nielsen will von Serdarusic erfahren haben, dass 22 von 25 internationalen Schiedsrichtern käuflich seien. ************************************************************ Ausgabe: taz Ressort: Leibesübungen Seite: 16 Titel: Der FC Bayern in der Bredouille Untertitel: BUNDESLIGA In der entscheidenden Phase im Kampf um die Meisterschaft plagt den FC Bayern München weiter ein Sturmproblem; er befindet sich ohne Zweifel auf dem Kreuzweg zum Titel: Außer dem langzeitverletzten Miroslav Klose fällt im Auswärtsspiel gegen Arminia Bielefeld auch Lukas Podolski wegen heiklen Wadenproblemen aus. Hinter Luca Toni wird daher wohl wieder Franck Ribéry als hängende Spitze eingesetzt. Nicht dabei sind außerdem die verletzten Massimo Oddo, Zé Roberto, Michael Rensing und Breno. Jürgen Klinsmann, Auferstandener ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 41 Titel: Kongress gestartet VON SVENJA BERGT Vor ausverkauftem Saal hat am Freitagabend der Kongress zum 30. Geburtstag der taz begonnen. Die Auster im Haus der Kulturen der Welt war so gut gefüllt, dass sich die Besucher nicht nur an den Restauranttischen, sondern auch auf Treppe und Galerie drängten. "Macht nichts", meinte eine junge Frau, die vor Beginn den Violinenklängen der Konstanzer Künstlerin Dorle Ferber lauschte. Sie war froh, überhaupt eine der begehrten Karte ergattert zu haben. Chefredakteurin Bascha Mika begrüßte die Gäste zu den "taz-Feiertagen", die eine Einladung sein sollten, "über Ideen für die Zukunft nachzudenken" - all das unter dem Motto "Tu was". Dem wollten die Besucher gerne folgen. "Es gibt so viele Sachen, die mich interessieren, ich weiß noch nicht, ob ich alles schaffe", sagte die Berlinerin Therese Wiedenhöft. Immerhin: Eine Karte hat sie sich schon besorgt. Auch Besucherin Gabriele Kammer, im Foyer in das doppelseitige Kongressprogramm vertieft, blickte mit Spannung auf das Wochenende. Obwohl sie erst bei der dritten Zeile des Programms angelangt war, hatte sie schon eine ganze Reihe von Veranstaltungen als interessant markiert. "Freiheit statt Angst" zum Beispiel oder die Veranstaltung zum Geschlechterkampf, die auch Wiedenhöft spannend fand. Daniel Cohn-Bendit, Fraktionsvorsitzender der Europäischen Grünen im EU-Parlament, den sonntaz-Redakteur und Moderator Jan Feddersen als einen der "wunderbarsten Nervtöter, die man sich zur taz-Geschichte vorstellen kann" ankündigte, sprach in seiner Rede über Freiheit, die Freiheit, zu entscheiden, auch schwierige Entscheidungen zu treffen, im Politischen wie im Privaten - und traf damit den Nerv des Publikums. Auch zahlreiche Lacher begleiteten seine Rede. Damit hätte die Mehrheit des Publikums schon einen der von Bascha Mika formulierten vier Wünsche für den Kongress erfüllt: sich einmal richtig zu freuen, sich einmal zu ärgern, einen handfesten Streit und mindestens einen richtig guten utopischen Gedanken zu haben. Zur Erfüllung der andere drei Wünsche bleibt noch Zeit bis Sonntag. schwerpunkt SEITE 4 ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 41 Titel: Bahnhof Berlin-Karow, 22.16 Uhr Untertitel: Bahnunglück In Karow knallte ein Regionalexpress auf einen Güterzug, der Flüssiggas geladen hatte. Der Güterzug blieb heil. Insgesamt aber wurden 24 Menschen verletzt Bahnunglück VON TERESA SITZMANN UND GRIT WEIRAUCH Noch einen Tag später lässt sich die Wucht des Zugunglücks am Karower Bahnhof erahnen: die Lokführerkabine des Regionalexpresses ist eingedrückt bis zur Hinterwand, die Frontscheibe liegt auf dem Boden mitsamt dem Schild, auf dem stand, wohin die Fahrt gehen sollte: RE 3 Wünsdorf-Waldstadt. Um kurz nach 22 Uhr fuhr am Donnerstagabend der Zug aus Schwedt unweit des Bahnhofs auf einen fahrenden Güterzug. Die Unfallursache ist vorerst unklar. Alle 24 Insassen wurden nach Angaben der Bundespolizei verletzt, fünf von ihnen schwer, darunter der Lokführer des Personenzuges. Einen "mächtigen Rumms" habe es gegeben, berichtet einer der Anwohner des Bahnhofs Karow. Bei dem Aufprall entgleisten die ersten beiden Wagen des doppelstöckigen Zuges. Der Lokführer wurde im Führerhaus eingeklemmt und musste laut Bundespolizei von der Feuerwehr durch die Frontscheibe befreit werden. Keiner der Verletzten habe in Lebensgefahr geschwebt, so ein Sprecher. Der Güterzug mit 24 Kesselwagen transportierte leicht entzündbares Flüssiggas. Bei dem Unfall seien die Gasbehälter aber nicht beschädigt worden. Über die Unfallursache gibt es vorerst keine genauen Erkenntnisse. Das Eisenbahnbundesamt (EBA) könne nach dem aktuellen Stand Mängel am Fahrzeug oder Fehler des Lokführers ausschließen, sagte der stellvertretende Pressesprecher Ralph Fischer. Der Zug habe grünes Signal gehabt. "Wir überprüfen derzeit die Signal- und Stellwerktechnik, um zu klären, wie es dazu kommen konnte, dass beide Züge auf dem Gleis waren." Von der Bundespolizeidirektion Berlin heißt es hingegen: "Wir können noch nicht sagen, ob technisches oder menschliches Versagen zu dem Unglück führte." Aufklärung erhoffen sich die Ermittler von den Fahrtenschreibern der beiden Züge, die die Polizei dem Eisenbahnbundesamt übergab. Darauf sind sowohl Signale als auch Fahrabweichungen, Bremsvorgänge und Geschwindigkeiten aufgezeichnet. Anfang nächster Woche will die Polizei die Fahrgäste und die beiden Lokführer, die derzeit noch unter Schock stünden, befragen, so Sprecher Meik Gauer. Da die Aufräumarbeiten andauern, bleibt der Regionalverkehr bis Samstagvormittag auf der Strecke von Stralsund über Angermünde nach Berlin gesperrt. Betroffen sind die Linien RE 3 Stralsund-Angermünde-Berlin-Elsterwerda, die IC-Linie Köln-Berlin-Stralsund sowie die Züge der Linie OE60, die nicht zwischen Lichtenberg und Bernau verkehren können. Fahrgäste müssen zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Bernau die S-Bahn nutzen. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 41 Titel: Die Wirtschaft fährt Achterbahn Untertitel: WIRTSCHAFTSKRISE Die Investitionsbank empfiehlt Berliner Unternehmen, sich auf 30 Prozent Umsatzrückgang einzustellen. Dann kommen rosige Zeiten WIRTSCHAFTSKRISE Die landeseigene Investitionsbank rät den Berliner Unternehmern, sich auf harte Zeiten vorzubereiten. "Sie sollten sich überlegen, was ein dreißigprozentiger Umsatzrückgang für ihre Bilanz bedeutet", sagte der Vorstandsvorsitzende der Bank, Dieter Puchta, am Donnerstagabend auf einer Veranstaltung des Unternehmervereins Initiative Hauptstadt Berlin. Ein Rückgang der Einnahmen in dieser Höhe sei ein "Bad-Case-Szenario", also im Fall einer ungünstigen Entwicklung denkbar. Bei der Prognose über die wirtschaftliche Entwicklung ist Puchta pessimistischer als der Senat. Nur mit "viel Anstrengung" werde es gelingen, dass die Wirtschaftsleistung im Jahr 2009 um lediglich 3 Prozent schrumpft. Für wahrscheinlicher hält er also einen noch stärkeren Rückgang. Der Senat hält dagegen an der Prognose der Bundesregierung fest, die für Berlin erwartet, dass die Wirtschaftsleistung um nur 1,8 Prozent sinkt. Wenn es darum geht, die Folgen der Krise zu mildern, sieht Puchta auch seine eigene Bank in der Verantwortung: "Die Förderbanken haben die Aufgabe, Marktversagen auszugleichen." Sein Institut habe 1,7 Milliarden Euro zur Verfügung. Puchta: "Ich kann sagen, dass es bei Großprojekten, die Kredite im zweistelligen Millionenbereich brauchen, in Berlin Probleme gibt." Falls die Unternehmen im Prinzip gesund seien und das Projekt sich langfristig wirtschaftlich trage, könne die Investitionsbank Kredite vergeben, um die Projekte zu ermöglichen. Direkte staatliche Hilfen für einzelne Unternehmen wie etwa Opel sieht Puchta allerdings kritisch. Da sei es besser, "das Geld den Verbrauchern zu geben, damit die entscheiden können, wo sie es ausgeben". Damit liegt Puchta auf einer Linie mit Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Der hatte vorgeschlagen, allen Bürgern Konsumgutscheine in Höhe von 200 Euro zu geben, die innerhalb eines halben Jahres eingelöst werden müssen. Ein bisschen Trost konnte Puchta auch noch spenden: "Nichts dauert ewig. Nach Regen kommt auch wieder Sonnenschein." Die Trendwende könne vielleicht schon in ein paar Monaten kommen, "hoffentlich aber Ende 2010". Und auf ganz lange Sicht sei Berlin ohnehin "relativ gut gewappnet". Denn er erwartet, dass entweder im Bereich Gesundheit oder bei den erneuerbaren Energien der nächste Boom entstehen werde. SEBASTIAN HEISER ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: "Kunden zahlen für ehrliche Produkte" Untertitel: VORBILD München hat mit Regionalmarken Erfolge erzielt, sagt Unternehmensberater Ludwig Karg. Davon will Berlin profitieren VORBILD taz: Herr Karg, Sie haben die Entwicklung von Regionalmarken in ganz Deutschland begleitet. Waren die Projekte immer erfolgreich? Ludwig Karg: Die meisten ja. Wir haben aber einmal versucht, eine Regionalmarke in einer Region aufzubauen, in der die Erzeuger seit Jahren gute Preise erzielen. Das hat nicht funktioniert. Es braucht den Wunsch oder die Notwendigkeit, etwas zu verändern. Eine Regionalmarke bedeutet für die Erzeuger zusätzlichen Aufwand. Der muss sich aber überlegen, was er produziert und wie er den Verbrauchern den Mehraufwand erklärt. Sind die Kunden bereit, für regionale Produkte mehr zu bezahlen? Studien zeigen, dass rund 20 Prozent der Kunden bereit sind, bis zu 20 Prozent mehr für ein "ehrliches" Produkt zu zahlen, das in der Region nach Nachhaltigkeitskriterien hergestellt wurde. Ob es Abhof-Verkauf ist oder mit einer Regionalmarke im Supermarkt: Es funktioniert, wenn die Produkte nicht anonym sind. Vorbild des Berliner Projekts ist die Marke "Unser Land" in München. Die Regionalmarke "Unser Land" hat 1994 ist mit einem einzigen Produkt gestartet: Brot. Meine ersten Gespräche mit den Initiatoren fanden bei mir zu Hause am Küchentisch statt, durchaus passend also, schließlich geht es um gutes Essen. Heute umfasst "Unser Land" rund 70 Produkte, die von über 240 Betrieben im Münchner Umland erzeugt werden und die über 700 Läden und Supermärkten verkaufen. Ist das auch in Berlin-Brandenburg möglich? Schwierig im Fall Berlin ist das Verhältnis von Stadt und Land. Berliner und Brandenburger grenzen sich eher voneinander ab, sie fühlen sich nicht unbedingt als Teil einer gemeinsamen Region. Eine Region mit ausgeprägter Identität wie das Allgäu tut sich da leichter. Umgekehrt gibt es in Berlin und Brandenburg eine starke Zivilgesellschaft und ein ausgebautes Netz an Institutionen, die die Regionalentwicklung fördern. Das Land Brandenburg als der Versorger Berlins. Wird Brandenburg damit nicht noch stärker auf die Landwirtschaft reduziert? Ich glaube nicht. Das "Von hier"-Programm führt auch dazu, dass die Region um Berlin besser bekannt wird und ihre Stärken zeigen kann. Ich rechne damit, dass sich viele Unternehmer, die das Land um Berlin kennen lernen, gern dort ansiedeln. Eine schöne Landschaft, saubere Luft und intakte Ortsgemeinschaften sind wichtige Standortfaktoren, zum Beispiel wenn es darum geht, Mitarbeiter zu gewinnen. Eine Regionalmarke für die Entwicklung einer Region kann wie ein Katalysator wirken. Interview: Juliane Schumacher ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: ...UND SONST Zuerst das Allerwichtigste: Einen nicht ganz erwartbaren Besuch bekam die Berlin-Redaktion gestern, am 30. Geburtstag der taz. Der medienpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Christian Goiny, der Fraktionssprecher Michael Thiedemann und ein nicht gerade kleiner grüner Kaktus namens Ferocactus glaucescens hatten sich auf den Weg ins Rudi-Dutschke-Haus gemacht, um den Kaktus samt Fähnchen und herzlichen Glückwünschen zu hinterlassen. Damit stach die Union sämtliche anderen Fraktionen aus. Die Linke beglückte die taz an ihrem Geburtstag immerhin mit einer aktuellen Gegendarstellung (s. Seite 43). Der Rest ließ gar nichts von sich hören +++ Wie mittlerweile fast üblich wurden auch in der Nacht zu Freitag mehrere Autos angezündet. Kurz nach Mitternacht brannte ein Fahrzeug in der Bulgarischen Straße in Treptow, gut drei Stunden später meldeten Passanten ein brennendes Auto in der Rigaer Straße in Friedrichshain. Die Feuerwehr konnte die Brände rasch löschen, verletzt wurde niemand. Seit Jahresbeginn wurden 34 Brandanschläge auf 51 Autos registriert. Die Täter wurden bisher nicht ermittelt. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: Kenner essen Brandenburger Untertitel: REGIONALMÄRKTE Spargel, Sülzwurst, Schnaps. In Zukunft sollen in Berlin mehr regionale Produkte auf den Tisch. Dafür wurde nach Münchner Vorbild die Regionalmarke "Von hier" gegründet. Erste Supermärkte sind dabei REGIONALMÄRKTE VON JULIANE SCHUMACHER Kommt nach dem Bioboom nun der Regionalboom? Wenn es nach Katrin Fleischer geht, ist das keine Frage. "Das Nebeneinander von Großstadt und Land ist eine Chance", sagt sie. "Für stadtnahe Erholung gilt das ebenso wie für die Versorgung Berlins mit frischen Produkten aus der Region." Fleischer ist verantwortlich für die Allianz Mark & Metropole, ein Bündnis verschiedener Vereine, das sich zum Ziel gesetzt hat, regionale Kreisläufe in Berlin und Brandenburg zu stärken. Anfang März hat Mark & Metropole im Roten Rathaus seine Gründung gefeiert. Nun sollen Gelder beantragt werden, um eine Infrastruktur schaffen zu können. Als loses Netzwerk ist das Bündnis schon seit zwei Jahren aktiv und hat mit der Regionalmarke "Von hier" erste Erfolge vorzuweisen. Unter diesem Siegel werden seit Oktober 2007 Produkte aus Berlin und Brandenburg verkauft, vom Beelitzer Spargel über Sülzwurst bis zum Pflaumengeist, Bioprodukte wie konventionell hergestellte. Rund 25 kleine und mittlere Betriebe sind bisher beteiligt. Sie müssen Qualitätskriterien wie artgerechte Tierhaltung und gentechnikfreie Landwirtschaft erfüllen, die Produkte müssen in Berlin und Brandenburg hergestellt und verarbeitet werden. Zumindest weitgehend, sagt Fleischer. "Alles lässt sich nicht in Brandenburg anbauen - Pfeffer wächst hier einfach nicht." Regionalmarken sind in den vergangenen Jahren in ganz Deutschland entstanden, häufig unterstützt durch die Regionalförderung der EU. Im Fall der Marke "Von hier" stand die Region München Pate. Dort verkaufen Läden und Supermärkte seit 2004 mit großen Erfolg die Produkte der Regionalmarke "Unser Land". Wie im Raum München ist auch in Berlin Kaisers/Tengelmann Partner der Regionalmarke und verkauft die Produkte in allen Filialen. "Wir sind sehr zufrieden mit der bisherigen Entwicklung", sagt Tobias Tuchlenski, der bei Kaisers für "Von hier" zuständig ist. Nach einem Jahr habe man bereits über eine Million Euro mit den Regionalprodukten umgesetzt, deutlich mehr als geplant. Im Herbst schon könnte die Berliner Regionalmarke denselben Umsatz machen wie "Unser Land" im Raum München. Auch Klaus Neumann von der Brennerei Sellendorf hat gute Erfahrungen mit dem Projekt "Von hier" gemacht. Seit Mai 2008 produziert er Kräuterlikör für die Regionalmarke. "Die Bedingungen sind gut, die Organisation klappt." Er ist überrascht, wie viele Kunden tatsächlich bereit sind, für regionale Produkte ein wenig mehr zu zahlen. "Das ist schließlich eine Frage der Erkenntnis." "Mark & Metropole", sagt Katrin Fleischer, soll auch helfen, Arbeitsplätze zu schaffen. Gut möglich, dass sie auch damit Erfolg hat. KATRIN FLEISCHER ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: Was macht eigentlich? WAS MACHT EIGENTLICH? Dieter Hoeneß? Hertha spalten Als Hertha BSC Ende März an der Bundesligaspitze thronte, schien es, als wenn die Fußballgemeinde den Namen Dieter Hoeneß tatsächlich nicht primär mit seinem Bruder, dem Würstchen-Mogul und Bayern-Manager Uli, verbinden würde. Nach zwölf Jahren sollte es der gebürtige Ulmer geschafft haben, die alte Oma Hertha vom Biertresen des fußballerischen Mittelmaßes wegzuholen und zu einer geschätzten Sportsocietylady zu formen. Aber Hertha wäre nicht Hertha, wenn nicht gerade in den seltenen Zeiten des Erfolgs das nächste Ungemach in hauseigener Serienanfertigung produziert würde. Und mitten drin: Dieter Hoeneß. Seit der Tagesspiegel Anfang April den Manager mittels eines anonymen Präsidiumsmitglieds als Neidhammel und Unruhestifter bezeichnete, hängt der Haussegen im Hause Hoeneß, pardon Hertha, mächtig schief. So schief, dass sich die (größtenteils von Hoeneß besetzte) Geschäftsführung genötigt sah, dem Präsidium in einem - extern veröffentlichten - internen Brief mehr Unterstützung für den Manager abzufordern. Nun wird fleißig spekuliert über die an der Person Hoeneß mal wieder gespaltene Hertha. Ein Jahr früher als geplant könnte der Abschied des Managers vollzogen werden. Aber es wäre schon dramatisch, wenn ein anderer als Dieter Hoeneß 2010 mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor fahren würde. PST Foto: AP ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: Frühling macht erst mal Pause Wer Pullis und Jacken schon im Schrank verstaut hat, war etwas voreilig. Denn am Wochenende wird es kühler. Am Samstag ziehen Wolken auf und Regen fällt. Am Nachmittag scheint immerhin ab und an die Sonne. Am Sonntag zeigt sie sich wieder häufiger. Die Temperatur erreicht maximal 15 Grad. Radeln gegen A 100 Am Sonntag um 15 Uhr startet eine Fahrrad- und Skaterdemo gegen die Verlängerung der Autobahn A 100. Treffpunkt: S-Bahnhof Treptower Park. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: LUDWIG KARG ist Geschäftsführer der B.A.U.M. Consult GmbH München/Berlin. Das Unternehmen unterstützt seit 1994 die Entwicklung von Regionalmarken und hat auch das Projekt "Von Hier" begleitet. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: SPD gewinnt etwas Untertitel: WAHLUMFRAGE Die CDU hat gegenüber der SPD in der Wählergunst wieder an Boden verloren. Im Berlin-Trend der Berliner Morgenpost und der RBB-"Abendschau" legte die SPD einen Prozentpunkt auf 29 Prozent zu. Die Union verlor im Vergleich zur Umfrage im Dezember zwei Punkte. Sie kommt auf 22 Prozent. Die Linke büßte einen Punkt ein und erreichte 15 Prozent. Die rot-rote Koalition bekäme somit abermals keine Mehrheit bei Abgeordnetenhauswahlen. Die Grünen lagen unverändert bei 17 Prozent, die FDP stieg um zwei Punkte auf 11 Prozent. Die anderen Parteien kamen auf 6 Prozent. (ddp) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: Gedenken an Gettoaufstand Die Jüdische Gemeinde erinnert am Dienstagabend an den Aufstand im Warschauer Getto vor 66 Jahren. Im Anschluss ist die traditionelle Lesung der Namen der 55.696 ermordeten Berliner Juden vorgesehen. Während des Aufstandes im Warschauer Getto von Januar bis Mai 1943 wehr- ten sich rund 1.100 der insgesamt 60.000 damals noch in Warschau lebenden Juden gegen den Abtransport in die nationalsozialistischen Vernichtungslager. (epd) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: Mehr Zeit für Bieter Untertitel: VERKEHRSVERBUND Im umstrittenen Verfahren zur Vergabe von Leistungen im Schienenverkehr der Hauptstadtregion hat der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) die Abgabefrist verlängert. Bieter könnten noch bis 4. Mai ihre Angebote einreichen, teilte eine VBB-Sprecherin am Freitag in Berlin mit. Ursprünglich sollte die Frist am 24. April enden. Sie werde auf Wunsch einzelner Bieter verlängert. Bei dem Vergabeverfahren handelt es sich laut den Angaben um die bundesweit größte Ausschreibung im Schienenpersonennahverkehr. Es geht um ein Auftragsvolumen von 1,3 Milliarden Euro. (ddp) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Aktuell Seite: 42 Titel: Schützen gestützt Untertitel: Landessportbund Der Landessportbund Berlin (LSB) hat sich am Freitag im Spandauer Landesleistungszentrum für die Sportschützen der Hauptstadt stark gemacht. LSB-Präsident Peter Hanisch sprach sich "gegen eine Generalverdächtigung der Schützenvereine des organisierten Sports aus, die ein wichtiges und respektiertes Glied der Sportfamilie sind". Die tragischen Vorfälle der jüngsten Vergangenheit sind andererseits laut Hanisch "eine große Herausforderung für unsere Arbeit, was Aufklärung, Erziehung und gewissenhaften Umgang und die Verwahrung von Waffen angeht". (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Seite: 43 Titel: Reli spaltet türkische Community Der Volksentscheid "Pro Reli" spaltet die türkische Community in Berlin. Über 60.000 Deutsche türkischer Herkunft können am 26. April darüber abstimmen, ob Religion zum Wahlpflichtfach an Berliner Schulen werden soll. Die Initiative "Pro Reli" kann auf Unterstützung seitens der Türkisch-islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) setzen. Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg (TBB), sein Mitgliedsverein, der Türkische Elternverein, sowie das Kulturzentrum der Anatolischen Aleviten hingegen haben sich am Freitag klar für "Pro Ethik" positioniert. Ender Cetin, Öffentlichkeitsmitarbeiter der Ditib: "Wir wollen einen aufgeklärten islamischen Religionsunterricht unter staatlicher Verantwortung." Seitens des TBB wird die Forderung nach einem freiwilligen Fach Islamkunde laut. Safter Çinar, Sprecher des TBB, erklärt: "Den Religionsunterricht, den die Islamische Föderation derzeit erteilt, halten wir für fragwürdig. Die Schüler sind einer größeren Abkapselung ausgesetzt, und der soziale Druck gerade auf Mädchen wächst." Laut einer vom Institut Ispra durchgeführten repräsentativen Umfrage finden über 65 Prozent der befragten Muslime den Gedanken an einen Islamunterricht unter staatlicher Aufsicht in Deutsch gut oder sehr gut. "Diese Umfrage beeindruckt mich nicht", sagt Çinar vom TBB. "Die meisten Familien möchten Gleichstellung und dass ihre muslimischen Kinder unterrichtet werden wie die Christen." Çinar bezweifelt aber, dass bei der Fragestellung auch genau erklärt wurde, was genau mit staatlicher Aufsicht gemeint sei. Devrim Deniz Nacar, Generalsekretärin des Kulturzentrums Anatolischer Aleviten, macht deutlich: "In unserer multikulturellen Stadt liefert Ethik das Fundament für ein friedliches Miteinander. Wichtig ist aber, dass das eine das andere auch nicht ersetzen soll." (tiha) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Seite: 43 Titel: Todesstrafe für Schüler Untertitel: KGB-KNAST Das Potsdamer Gefängnis des ehemaligen sowjetischen Geheimdiensts steht für eine bislang kaum erforschte Geschichte der Unterdrückung KGB-KNASTVON CARL ZIEGNER "Wer nicht gehorchte musste tagelang in den Karzer", erklärt Sebastian Ziegler und zeigt auf eine enge Strafzelle im Keller, die nicht größer als einen Quadratmeter ist: "Kein Licht, keine Frischluft, kein Essen und Trinken." Zeitzeugen hätten berichtet, dass sie in diesem Karzer nackt und bis zum Knöchel in kaltem Wasser stehen mussten. Eine zeitliche Orientierung hätten nur die Kirchenglocken aus der Umgebung gegeben. Ziegler ist Student der Potsdamer Uni und führt an den Wochenenden durch das ehemalige KGB-Gefängnis in der Potsdamer Leistikowstraße 1. Direkt am Neuen Garten und dem Schloss Cecilienhof fällt das unsanierte, graue Haus mit seinen vergitterten Fenstern deutlich auf. Authentizität war dem Träger, der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, wichtig. Sie hat das Haus deshalb schlicht konserviert und begehbar gemacht. Übrigens müsse er mal mit einem großen Missverständnis aufräumen, erklärt Ziegler während des Rundgangs: "Im Volksmund wird das Haus zwar KGB-Gefängnis genannt, aber der russische Geheimdienst war nie hier. In diesem Haus residierte ein Militärtribunal der Antispionageeinheit der sowjetischen Armee." Die habe dem Staatssicherheitsministerium unterstanden und nicht wie der KGB dem Innenministerium. Dieser Fakt erschwert der Stiftung die Rekonstruktion der Geschehnisse im ehemaligen Pfarrhaus, das der Evangelisch-Kirchliche Hilfsverein (EKH) 1916 baute. Nach dem Abzug des sowjetischen Militärs aus Deutschland vor 15 Jahren gewährte Moskau lediglich einen kurzen Einblick in die Akten des Innenministeriums, aber eben nicht in die des Staatssicherheitsministeriums. So blieben der Stiftung nur die Zeitzeugen. 1994 sind die letzten russischen Soldaten aus Potsdam in ihre Heimat zurückgekehrt, so Ziegler, und mit ihnen wohl auch alle Dokumente. Bis auf einige Pritschen habe das Haus leer gestanden. Immerhin: Für die Zeit zwischen 1945 und 1953, als zahlreiche deutsche Zivilisten wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Gegnerschaft gegen die sowjetischen Besatzer oder die DDR einsaßen, fanden sich Zeitzeugen. Sie berichteten von unmenschlichen Behandlungen, Folter und drakonischen Strafen. Männer, Frauen und Jugendliche, Deutsche und Russen, wurden in der Leistikowstraße so lange verhört, bis sie endlich die in Russisch verfassten Selbstbezichtigungen unterschrieben. "Wir schätzen, dass es ungefähr 1.200 deutsche Gefangene gegeben haben muss", sagt Ziegler. "Zwischen vier und acht Menschen mussten in diesem Verlies ausharren. Je nach Widerstand blieben die Gefangenen ein bis sechs Monate. Niemand wurde freigesprochen." Die Mindeststrafe des Militärtribunals waren 15 Jahre Zuchthaus oder Arbeitslager. An der Tagesordnung war auch die Todesstrafe, die wie alle Urteile im Geheimen und ohne Richter und Verteidiger verhängt wurde. Am schrecklichsten sei die Geschichte einer Potsdamer Klasse mit 13-Jährigen gewesen, berichtet Ziegler. Er steht jetzt in einem mintgrün gestrichenen Raum im ersten Geschoss des Hauses. Hier warteten die Verurteilten, Rücken an Rücken sitzend, teilweise tagelang auf ihren Abtransport. Die Schüler hätten in der Nachkriegszeit das Verbrechen begangen, den Russischunterricht nicht gut zu finden. Das habe gereicht, um sie wochenlang in der Leistikowstraße zu verhören und schließlich abzuurteilen. Einer von ihnen sei mit dem Tod bestraft worden. Der Grund: antisowjetische Agitation. Hingerichtet wurden die Gefangenen in Moskau, so Ziegler. Warum dieser logistische Aufwand für die Vollstreckung betrieben wurde, weiß er nicht. "Es ist eben sehr wenig bekannt", rechtfertigt Ziegler die Wissenslücken. "Das Gefängnis war in einem militärischen Sperrbezirk. Den meisten Potsdamern war bis 1994 nicht einmal seine Existenz bekannt." Die Stiftung der Leistikowstraße will deshalb jetzt ein Projekt starten. An vielen Wänden der Zellen und Karzer fand man unzählige Inschriften, von den Gefangenen mit den Fingernägeln eingekratzt. Es sind Tagesstriche, Namen oder einfache Zeichnungen. Eine Forschungsgruppe soll sie jetzt dokumentieren und versuchen, über Kirchenbücher und Rotkreuz-Listen weitere ehemalige Insassen ausfindig zu machen - auch in Russland. Der EKH, dem das Gefängnis 1994 rückübertragen wurde, baute vor einigen Jahren das Nachbarhaus um. Das ehemalige Verhörgebäude ist jetzt schön hell und saniert. Das ist wohl die Ironie des Schicksals. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Seite: 43 Titel: DAS GEDENKJAHR IN POTSDAM Neben Berlin feiert auch Potsdam 20 Jahre friedliche Revolution. Eine Stadtrundfahrt der Touristinformation führt unter anderem zur Glienicker Brücke, zum Schloss Cecilienhof und in die "verbotene Stadt" des KGB. Infos unter www.potsdamtourismus.de Das KGB-Museum heißt offiziell "Gedenkstätte Leistikowstraße". Das ehemalige Gefängnis hat am Wochenende von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Infos über die ausschließlich geführten Besuche unter Telefon: (03 31) 2 01 15 40. Ein weiterer Gedenkort ist die Gedenkstätte Lindenstraße 54: In dem seit 1820 als Gerichtsort und Gefängnis benutzten Gebäude wurden von 1952 bis 1989 politische Häftlinge der Stasi verhört, gefoltert und jahrelang inhaftiert. Die weitläufige Anlage kann dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Tel.: (03 31) 2 89 68 03. (kl) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Seite: 43 Titel: Gegendarstellung Gegendarstellung zum Interview mit Bischof Huber in der taz vom 11. April 2009, Seite 31, "Ich habe nichts gegen Ethikunterricht". Auf Ihre Frage: "Warum sollen Schüler nicht wie bisher Ethik haben und zusätzlich Religion wählen dürfen? Warum sehen Sie die beiden Fächer als Konkurrenz zueinander?" antwortet Bischof Huber: "Weil der Ethikunterricht beansprucht, auch Kenntnis über Religionen zu vermitteln. Und weil der Religionsunterricht auch eine ethische Orientierung vermittelt. Und die Konkurrenz sehe nicht nur ich: Bei der Parlamentsdebatte um die Einführung des Ethikunterrichts hieß es vonseiten der Linkspartei, Ziel sei auch, Schülerinnen und Schüler von ihrer Herkunftsreligion zu entfernen." Der Mann sagt die Unwahrheit: Kein Abgeordneter unserer Partei hat bei der Parlamentsdebatte um die Einführung des Ethikunterrichts so etwas gesagt. Das ist auch nicht unser politisches Ziel. Berlin, den 17. 4. 2009 Klaus Lederer, Vorsitzender DIE LINKE. Landesverband Berlin Die Linke.Berlin hat Recht. Das Zitat lässt sich durch Protokolle der Parlamentsdebatten nicht belegen. Bei einem Pressehintergrundgespräch am 8. März 2005 hatte die damalige stellvertretende PDS-Fraktionsvorsitzende Carola Freundl vorgeschlagen, einen Werteunterricht als Pflichtfach einzuführen. Dabei äußerte sie, "es geht auch darum, die Herkunftsreligionen zu relativieren. Die Schüler müssen die anderen Kulturen kennen und verstehen lernen." Die Redaktion ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Berlin Seite: 43 Titel: Kritik an SPD-Flyer zu "Pro Reli" Der Bund der Steuerzahler Berlin hat der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus vorgeworfen, in der Auseinandersetzung mit der Initiative "Pro Reli" Steuergelder zweckentfremdet zu haben. Der Versand des für einen gemeinsamen Ethik-Unterricht werbenden Flyers "Gemeinsam - nicht getrennt" an Berliner Haushalte habe gegen das Fraktionsgesetz verstoßen, erklärte der Vorsitzende Alexander Kraus am Freitag. Die "inhaltliche Beeinflussung von Wahlberechtigten vor Volksentscheiden" sei keine Information über Arbeit und Aufgabenstellung einer Fraktion und daher nicht rechtens, erklärte Kraus. Er kündigte an, die "missbräuchliche Verwendung von Steuergeldern durch die SPD-Fraktion" in der nächsten Sitzung der Fraktionskommission gegenüber Parlamentspräsident Walter Momper zur Sprache zu bringen. "Ich erwarte eine genaue Aufschlüsselung der Kosten, die dann zurückerstattet werden müssen", sagte der Vorsitzende des Steuerzahlerbundes. (afp) ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: tazplan-Programm Seite: 45 Titel: Streichquartette in den Technoschuppen und jetzt die Arte Lounge: Klassik ist der neue Klub Untertitel: VORMERKEN Die klassische Musik ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. In letzter Zeit scheint sie irgendwie anders zu riechen, manchmal sogar lustiger, als ob sie überhaupt nicht tot sein will und sogar auf Zuwachsraten setzt. Bereit für ein breiteres Publikum. Klassikgrößen werden mittlerweile wie Popstars inszeniert, und auch in den Konzertsälen muss die Krawatte nicht mehr sein. Alte Sittsamkeiten brechen auf. In der Philharmonie lädt man zu mittäglichen Lunch-Konzerten, im Radialsystem darf man klassische Musik im Liegen konsumieren. Wahrscheinlich wird demnächst der Beethoven auch mal sommerfrisch im Hawaiihemd gegeben (die Sechste zum Beispiel, mit dem "Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande"), und in den Clubs treibt sich die Klassik jetzt gleichfalls schon seit längerer Zeit herum. Also dort, wo die Musik sonst eher mit four to the floor genagelt wird. Klassik-Lounge-Konzerte immer wieder mal im Watergate, im Berghain, und jetzt auch im Maria, wo am morgigen Sonntag dazu die neue Gesprächsbereitschaft der klassischen Musik geprobt wird. Gastgeberin ist die kanadische Sopranistin Measha Brueggergosman, die in einem Club-Ambiente unter anderem mit dem Geiger Daniel Hope und dem Bratschisten Nils Mönkemeyer plaudern und musizieren wird, bei dieser Premiere für ein neues Show-Format auf Arte, die "Arte Lounge". Der Abend wird dabei fürs Fernsehen aufgezeichnet. TM Maria, Schillingbrücke Sonntag, 19. April, 20 Uhr. 6 Euro ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: tazplan-Programm Seite: 45 Titel: Alles jetzt so bunt hier Untertitel: Tulpen Ein Farbenrausch im Britzer Garten Tulpen Wer an diesem Wochenende partout nicht zum taz-Kongress ins Haus der Kulturen der Welt kommen will, der geht halt raus in die gepflegte Natur. In den Britzer Garten, wo man sich einem wahrhaften Tulpenrausch hingeben darf. Gerade eben erst wurde dort die große Tulipan-Schau eröffnet. Alles ist also noch ganz frisch, nichts wurde bereits weggeguckt. Tulpen, jede Menge Tulpen, täglich bis Ende Mai von 9 bis 20 Uhr. TM Tulipan im Britzer Garten, täglich bis Ende Mai, 9-20 Uhr. 3/1,50 Euro ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: tazplan-Programm Seite: 46 Titel: Tante Prusseliese sucht nach den schönsten Spielsachen Liebe ältere und des Plapperns mächtige Kinder, wieso nicht mal wieder das gesteigerte Mitteilungsbedürfnis musikalisch kultivieren und es mit Hiphop versuchen? Schließlich muss man ja nicht immer nur über dicke Hose, Ghettovergangenheiten und illegalen Waffenbesitz rappen, man könnte die Human Beatbox doch zum Beispiel auch zu Schönem wie Kaninchen, Kuchen oder Geburtstagsgeschenke anschmeißen. Dienstags und freitags von 16 bis 20 Uhr jedenfalls kann man es im Statthaus Böcklerpark (Prinzenstraße 1) beim offenen Rap-Workshop probieren, Breakdance-Schritte gibt es auch noch dazu. Und wer doch nicht möchte, geht eben ins Freigehege und streichelt die Zicklein (Info-Telefon 2 92 43 51). An diesem Sonntag gibt es im Ethnologischen Museum Dahlem ein Familienprogramm mit dem Namen "Ab durch die Wüste. Eine Reise durch heißen Wüstensand, über Traumpfade und auf dem virtuellen Weg", wobei das mit den Traumpfaden sich auf die Aborigines Australiens beziehen dürfte, aber auch die Tuareg Afrikas und die BauarbeiterInnen Berlins werden aufgrund ihres Sandverständnisses mit in die sandlastige Veranstaltung einbezogen. Ob auch Sandkuchen gegessen wird, ist nicht bekannt. Der Eintritt ist jedenfalls für Kinder bis 16 Jahre frei, und das Ganze beginnt um 14 Uhr (JuniorMuseum, Arnimallee 23). Und ja, auch andere Kontinente haben mies behandelte Ureinwohner, und auch andere Stadtteile coole Spielplätze: An der Neuköllner Rungiusstraße 24-28 gibt es einen echten Indianerdorf-Spielplatz! Mit Tipis, dem "Fort Rungius", Sand zum Schießscharten bauen und natürlich einem Totempfahl zum Drumherumtanzen und bis zum Trancezustand "Hejaheja hejaheja hejaheja heee!" singen ... Echt knorke. www.statthaus-boecklerpark.de, www.smb.museum ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: tazplan-Programm Seite: 46 Titel: Betr.: "Das Zauberflötchen" Der junge Mozart, also eher noch Mozartchen, und damit passend zu "Das Zauberflötchen", das am Sonntag im Kammermusiksaal der Philharmonie mit dem Ensemble Papamino als kindgemäße Version der Mozart-Oper zu hören ist. Herbert-von-Karajan-Straße 1, 15 Uhr. Kinder bis elf Jahre zahlen 8, Erwachsene 15/11 Euro ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: tazplan-Programm Seite: 47 Titel: Betr.: "Rescue Dawn" Werner Herzog liebt es, Menschen in Extremsituationen zu treiben, und in "Rescue Dawn" (2006) ist das der Dschungel, durch den sich Christian Bale kämpfen muss. Herzogs Spielfilmvariante von seiner Doku "Flucht aus Laos" (1997) über einen während des Vietnamkriegs abgeschossenen Kampfpiloten. "Ein kleines Wunder - ein kluger Popcorn-Film" freute sich der Hollywood Reporter über "Rescue Dawn", am Samstag um 22.30 Uhr im Filmkunst 66 zu sehen. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: tazplan-Programm Seite: 47 Titel: NEU IM KINO DIESE WOCHE FRISCH Crank 2 - High Voltage: Action-überdrehtes Bewegungskino El sistema: Doku über Jugendorchester in Venezuela Forbidden Kingdom: US-chinesische Martial-Arts-Fantasy I cant think straight: Lesbische Liebesgeschichte in Londons Migrantenmilieu Il Divo - Der Göttliche: Burleske über den italienischen Machtpolitiker Giulio Andreotti Liebe auf den zweiten Blick: Emma Thompson und Dustin Hoffman als einsame Herzen in romantischer Komödie Radio Rock Revolution: Komödie über Piratensender in den Sechzigerjahren Secret Sunshine: So faszinierendes wie verstörendes stilles Drama aus Korea This Charming Girl: Sensible Charakterstudie aus Korea Winnetoons - Die Legende vom Schatz am Silbersee: Animation recht frei nach Karl May ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Kultur Seite: 48 Titel: Das Leben ohne mich Untertitel: berliner szenen Abwesenheitsnotiz Eine kleine Spinne wird über die Badezimmerdecke kriechen. Im Waschbecken wird Wasser verdunsten. In den Rohren wird es rauschen, wenn der Nachbar die Klospülung betätigt. Die von der Tochter gebastelte Katze, die an einem Bindfaden am Küchenfenster hängt, wird sich im Luftzug drehen. Im Kühlschrank wird alles ein paar Stunden älter werden. Der Kühlschrank wird wohl mal anspringen, dann wird sich im Flur die Scheibe im Stromzähler drehen. Die Frau auf dem Ölgemalde wird lächeln. Vielleicht wird eine Rechnung durch den Briefschlitz fallen. Von draußen wird das Gurren der Tauben in die Wohnung dringen und das Schnattern der anderen Vögel (Amseln?) auch. Die Sonne wird gegen Mittag über das weiß gestrichene Haus gegenüber steigen, in mein Wohnzimmer scheinen und die Comicsammlung der Kinder hell beleuchten. Dann wird die Sonne wieder sinken. Im Licht werden Staubkörper aufscheinen. Ein Blatt wird von einem der Zweige mit Kirschblüten auf dem Couchtisch abfallen. Die Bananen im Obstkorb werden eine Nuance gelber werden. Die Bücher in den Regalen werden der Welt ihre Rücken zudrehen. Auf die Fensterbretter wird sich etwas Staub legen; auf den großen Spiegel, der im Schlafzimmer in der Ecke steht, auch. Dazu wird der Wecker ticken. Das Kleinkind aus der ersten Etage wird bestimmt mal weinen, von der dritten Etage werden Schritte zu hören sein. Tischtennisschläger und Schachbrett werden unbenutzt im Regal liegen bleiben. Das wird in meiner Wohnung geschehen, während ich heute weg sein werde. DIRK KNIPPHALS ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Kultur Seite: 48 Titel: Hart, offen und glanzvoll inszeniert Untertitel: TEUFLISCHER ROCK Schon Nirvana und Henry Rollins liebten ihn - der Metalgitarrist Scott "Wino" Weinrich zu Gast im Red Rooster TEUFLISCHER ROCK VON JULIAN WEBER In Träumen werden Bilder nach Regeln aneinandergereiht, die der Oberfläche fremd sind. Eine Sentenz Siegfried Kracauers, die auf die Musik des US-amerikanischen Doom-Metalgitarristen Scott "Wino" Weinrich angewendet hervorragend passt. Am Donnerstag stellte Wino sein 2008 erschienenes Solodebütalbum "Punctuated Equilibrium" im Berliner Club "Red Rooster" vor ausverkauftem Haus vor. Doom bedeutet, teuflisch tiefer gestimmte Instrumente. Sonst ist diese Musik unverstellter Metal, hart, offen, glanzvoll inszeniert. Zusammen mit zwei versierten Begleitmusikern nutzt Wino die Songs immer wieder, um kaskadenhafte Solotrips zu unternehmen, die ihn an die äußeren Ränder ungeordneter Virtuosität katapultieren und von dort leicht verändert wieder zurück in die Songstruktur. Ein Kunstflieger auf Angel Dust. "Mind blowing" nennt man das in USA. Im Zusammenspiel deutet das Powertrio Metal als Jazz. Bass und Drums brechen immer wieder aus und machen es der Gitarre nie zu einfach. Breitbeinig steht Wino auf der kleinen Bühne, sich mühsam am Mikrofon festhaltend, scheinbar verwundert über sich selbst, aber auch elektrisch aufgeladen von der Wucht, die seine Les-Paul und der turmhohe Verstärker entfesseln. Alternative Pick-ups lassen die Gitarre in den Höhen knörig klingen. Feedback wird in die Melodien integriert. Oder spielen da zwei? Nein, ein Verzerrer der Marke "Big Muff" suggeriert kathedralenhafte Größe. Immer wieder reißt Wino die Gitarre herum; besser, die Axt reißt den dürren Brillenträger herum und bohrt ihn wie eine Mittelstreckenrakete immer tiefer in den Bühnenboden. Davor eine Ansammlung diverser Metalheads in Band-T-Shirts, mit Tribaltatoos übersäte Körperteile, dunkle Lederjacken, wurstdicke Dreadlocks in rosa und andere imposante Haarprachten. Sonst gibt es diese Häufung fein frisierter Matten vielleicht auf Rassehunde-Ausstellungen zu bestaunen. Jetzt moshen und bangen Jüngerinnen und Jünger aller Altersklassen, als gelte es, bei der Krankenkasse Prämien für ausgekugelte Nackenwirbel abzukassieren. Wino ist eine Legende. Und gleichzeitig die Antithese zu jeder Form von Legendenbildung. Äußerlich ganz Schmierbacke, wie aus dem hinterletzten Roger-Corman-Biker-Movie hat der passionierte Harley-Fahrer noch auf jedem Album gegen die religiöse Rechte in den USA Botschaften parat. Andere Metalmusiker machen sich für die Waffenlobby stark, Wino singt kurz und bündig "We didnt elect you / God didnt select you / We will reject you" in dem Song "Divine Propaganda" seiner Band Hidden Hand. Wino ist jedoch kein Preacherman. Sachlich sagt er seine Songs an, kommentiert sarkastisch, wenn ihm an seinem Gitarrensound etwas missfällt und ermuntert das Publikum, die ausverkaufte Aftershow-Party zu stürmen. Bekannt wurde Wino Ende der Siebziger, einer Ära also, in der Metal künstlerisch am Boden lag. Ausgerechnet die Hardcore-Punkszene in seiner Heimatstadt Washington D.C. akzeptierte den Gitarristen, der damals in der Band The Obsessed spielte. Musiker, wie Nirvana-Schlagzeuger Dave Grohl oder Henry Rollins schätzen an Wino, dass er durchzieht, die richtige Musik macht, wenn nötig zur falschen Zeit. Die Songs auf "Punctuated Equilibrium" sind geschwindigkeitstechnisch gleich mehrere Gänge nach oben geschaltet. Funkensprühend werden vor dem "Red Rooster" auf der Warschauerstraße die Kanten der Straßenbahnschienen von Gleisarbeitern geschärft. So funkensprühend wie Winos Darbietungen an diesem glücksseligen Konzertabend. ************************************************************ Ausgabe: taz Berlin lokal Ressort: Kultur Seite: 48 Titel: Bevor die Ohnmacht einsetzte Untertitel: BEFREIUNG Sollte in der Wirtschaftskrise nicht die Stunde der Linken schlagen? Tatsächlich steht sie unter Druck. Die Reihe "Revolutionen aus dem Off" im Zeughaus-Kino bietet historisches Material zu einer Analyse der Lage BEFREIUNG VON BERT REBHANDL Seit die Weltwirtschaft auf der globalen Jagd nach hohen Renditen in die Krise gestürzt ist, ist immer wieder auch eine Frage zu hören: Wo bleibt eigentlich die Linke? Warum ist von den politischen Kräften so wenig zu hören, denen die Probleme des Kapitalismus eigentlich in die Hände spielen sollten? Tatsächlich deutet sich an, dass die aktuelle Situation die Linke wieder an den Punkt alter Zerreißproben zurückführen könnte. Zwischen reformerischer Partizipation und destruktiver Systemüberwindung, zwischen Multitude und autonomem Block gibt es ein breites Spektrum von Optionen. Wenn in Kreuzberg ein Auto brennt - ist das schon der Vorschein der Revolution oder doch eher Psychohygiene für Wohlstandsverweigerer? Die Linke steht unter Druck, dabei sollte jetzt doch die Stunde der Analyse schlagen. Passenderweise beginnt im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums ein Filmprogramm, das für diese Analyse jede Menge relevanten Materials enthält. "Revolutionen aus dem Off - Eine Retrospektive des Dritten Kinos im Aufbruch" geht noch einmal zurück in die historische Situation, die man durchaus als eine der Geburtsstunden der Globalisierung bezeichnen könnte. Die 34 Filme aus 14 Ländern der damals noch stolz so genannten Dritten Welt sind alle zwischen 1955 und 1977 entstanden - sie stammen also aus der Periode, die durch das Ende der Kolonialherrschaft und die Dominanz der beiden ideologischen Blöcke charakterisiert war. Die Freiheit der neuen Länder des Südens erwies sich als vergiftet, der Zwang, sich zwischen USA und UdSSR für ein "System" zu entscheiden, war so groß, dass alle "dritten Wege" dazwischen scheitern mussten. Das von Stefan Eichinger, Lukas Förster, Sarah Klaue, Melanie Marx, Nikolaus Perneczky und Cecilia Valenti kuratierte Programm beginnt mit Kidlat Tahimiks "Der parfümierte Alptraum" (1977) und damit mit einem unabhängig produzierten Beitrag aus den Philippinen, einem Land, in dem das Diktatorenpaar Marcos ein Nationalkino von oben einführen wollte. Kidlat Tahimik, der für die OECD arbeitete, bevor er mit einfachsten Mitteln zu drehen begann, entwickelte das philippinische Kino aus der Subsistenzwirtschaft heraus, die das Leben der Leute prägt. Er spielt selbst Kidlat, einen Jeepney-Fahrer, der im Schlepptau eines findigen Unternehmers nach Europa reist und in Paris und Bayern seine Erfahrungen mit der Moderne macht. Der Film zielt dabei nicht so sehr auf eine Kritik des westlichen Lebensstils, sondern auf eine Subversion der philippinischen Leitideologie des Anschlusses an diesen Lebensstil durch Konsum. Der improvisierte Charme des Films und das komische Understatement des Helden sind zwei Formen der Entkoppelung von einer linearen Fortschrittskonzeption, die in den Siebzigerjahren (nach dem epochalen Fortschrittszeichen der Mondlandung) ohnehin erstmals an ihre Grenzen stieß. Alle Filme, die in "Revolutionen aus dem Off" zu sehen sind, reagieren auf spezifische Situationen wie die Proteste gegen den Tokioter Flughagen Narita um 1970, die für die japanische Linke zu einer entscheidenden Erfahrung wurden ("Sanrisuka" vom Shinsuke Ogawa), die drei Jahre der Reform in Chile unter Salvador Allende (der Kollektivfilm "Wenn das Volk erwacht") oder die von Raymundo Gleyzer dokumentierten Versuche, in Argentinien einen bewaffneten Kampf gegen die internationalen Investoren mit den Interessen der Arbeiterklasse zu vermitteln. "Revolutionen aus dem Off" überzeugt durch die Differenziertheit der ausgewählten filmischen Ansätze. Populäre Formen wie das philippinische Melodram "Insiang" von Lino Brocka sind ebenso zu finden wie wenig bekannte kollektive Arbeiten aus Bolivien ("Ukamau" zeugt von den Problemen, ein indigenes Kino aus der Position von Intellektuellen zu schaffen), die afrikanischen Länder mit eigenem Kino sind gut vertreten und werden auch in dieser frühen Situation schon in ihrer Ambivalenz zwischen Autochthonie und Diaspora, kulturellen Wurzeln und der eigentlichen Hauptstadt Paris gezeigt. Mit jedem einzelnen Beitrag kann die Schau im Zeughauskino das Verständnis der aktuellen Situation historisch vertiefen. Die Linke war um 1968 nicht weniger zerrissen als heute, sie hatte damals aber zumindest noch ein großes Reservoir an Geschichten der Befreiung, und das Produktionsmittel Kino spielte in diesen Geschichten eine große Rolle. Heute, da Geschichten der Ohnmacht dominieren, ist selbst das vielfache Scheitern der "Revolutionen aus dem Off" ein Hoffnungszeichen. Programm unter www.dhm.de ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 41 Titel: Lieber fit gegen den braunen Mob Untertitel: KOMMENTAR VON PETER MÜLLER Die Floskel wird gern von den Verantwortlichen in der Politik in den Mund genommen: Zivilcourage gegen Neonazis zeigen. Nicht nur SPD-Politiker Land auf, Land ab mühen sich zurzeit, mit neuerlicher NPD-Verbotsdebatte in diesem Bereich zu punkten. Aber Zivilcourage muss auch heißen, notfalls zivilen Ungehorsam zu leisten. Es ist noch längst nicht sicher, dass der Aufmarsch Freier Kameradschaften am 1. Mai in Hannover wirklich verboten bleibt und nicht vom Bundesverfassungsgericht in letzter Sekunde wieder erlaubt wird. Deshalb ist es löblich, wenn auch der DGB über seine Schatten springt und sich mit Blockadetrainings auf den zivilen Ungehorsam vorbereitet, um den rechten Mob notfalls umzingeln zu können. Umso törichter ist die Attacke von Polizeipräsident Uwe Binias, der örtliche DGB-Chef Sebastian Wertmüller bereite mit diesem Training Straftaten vor. Und umso kurzsichtiger seine Ankündigung, die Polizei werde es heute unterbinden. Wo doch Binias selbst auf die Gefährlichkeit der Autonomen Nationalisten hinweist. Er sei nur an den 1. Mai vorigen Jahres in Hamburg erinnert: Da war die völlig überrumpelte Polizei mitnichten Herrin der Lage, stattdessen mussten sich 10.000 Menschen den äußerst gewaltbereiten Nazis in den Weg stellen. Umso besser, wenn diese Menschen wissen, was sie tun. bericht SEITE 42 ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 41 Titel: Malteser vergessen behindertes Kind im Fahrzeug Untertitel: SCHULDEINGESTÄNDNIS Nachdem ein als vermisst gemeldetes Mädchen in einem Transportfahrzeug der Bremer Malteser gefunden wurde, räumen die Mitarbeiter ihre Verantwortung ein SCHULDEINGESTÄNDNIS Zwei Mitarbeiter des Malteser-Hilfsdienstes in Bremen haben am Freitag eingeräumt, ein achtjähriges behindertes Mädchen über Nacht im Transportfahrzeug vergessen zu haben. Das Mädchen war von seinen Eltern als vermisst gemeldet worden, nachdem es am Mittwochnachmittag nicht in die elterliche Wohnung in Bremen-Vahr zurückgekehrt war. Daraufhin hatten 200 Polizeibeamte nach dem Kind gesucht. Das Mädchen, das sich aufgrund ihrer autistischen Erkrankung nicht äußern kann, war am Donnerstagmorgen unverletzt von zwei Malteser-Mitarbeitern gefunden worden, unter anderem dem 32-jährigen Fahrer. Dieser und der ihn beim Fahrdienst begleitende 22-jährige Zivildienstleistende hatten sich bei der anschließenden Befragung durch die Polizei in Widersprüche verstrickt. Am Freitag bedauerte der Fahrer den Vorfall ausdrücklich. Nach Polizeiangaben erklärte er ihn damit, dass das Mädchen erstmals nicht vom Hort, sondern direkt von der Sprachschule abgeholt worden sei. Da er anders als sonst nicht vier sondern fünf Kinder befördert habe, müsse er das Mädchen schlicht vergessen haben. Die Polizei prüft mögliche strafrechtliche Konsequenzen. Angelika Gabriel, Bezirksgeschäftsführerin des Malteser Hilfsdienstes, bedauerte den Vorfall und entschuldigte sich bei der Familie. Der Fahrer, der seit zwei Jahren für die Organisation arbeitet, sei als "zuverlässig und freundlich" bekannt, es sei in der Vergangenheit nie zu Beschwerden gekommen. Die soziale Kompetenz sei wichtiges Kriterium für die Einstellung von Mitarbeitern. Sollten sich die Vorwürfe jedoch bestätigen, so Gabriel, werde man sich von Mitarbeiter und Zivildienstleistendem trennen. Der Behindertenbeauftragte des Landes Bremen, Joachim Steinbrück, nannte den Vorfall "extrem gravierend": Das Kind, das einen halben Tag und eine Nacht angeschnallt im Auto in einer Garage verbrachte, müsse "traumatisiert" sein. Er habe von Gästen verschiedenster Fahrdienste Klagen darüber gehört, "wie ein Möbel" behandelt worden zu sein. Es sei eine Frage der inneren Haltung, dass es nicht um den Transport, sondern um die Beförderung behinderter Menschen gehe. FRIEDERIKE GRÄFF ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 41 Titel: Zwo-drei-null, bei Kalefeld mit Gebrüll Untertitel: SCHLACHTFELD Durch neue Münzfunde lässt sich die Schlacht auf dem Harzhorn zwischen Römern und Germanen nun genauer datieren als bisher. Gekämpft wurde irgendwann zwischen 230 und 235 SCHLACHTFELD AUS NORTHEIM REIMAR PAUL Als die römischen Heere vor rund 2.000 Jahren durch das heutige Deutschland zogen, transportierten Wagen die meisten Habseligkeiten der Legionäre. Das galt nicht für den mageren Sold, den sie für ihre Waffendienste erhielten - ihr Geld trugen die Männer auf den Märschen und auf dem Schlachtfeld mit sich herum. "Kamen sie ums Leben, sind die Münzen oft ins Gelände gefallen", sagte gestern der Frankfurter Münzexperte Frank Beyer. Acht solcher Münzen haben Archäologen auf dem kürzlich entdeckten römisch-germanischen Schlachtfeld bei Kalefeld im Kreis Northeim schon gefunden. Alle Geldstücke stammen Beyer zufolge aus dem dritten Jahrhundert. Zwei neu zutage geförderte Denare - der Sold für etwa eine Woche - wurden zur Regierungszeit des römischen Kaisers Severus Alexander zwischen 222 und 226 geprägt. Mit diesem Wissen können die damaligen Kampfhandlungen zeitlich nun genauer als bislang eingeordnet werden. Weil zwischen Prägung und Umlauf der Münzen meist einige Jahre lägen, lasse sich die Schlacht wohl auf den Zeitraum zwischen 230 und 235 datieren, sagte Beyer. Als die Entdeckung des Schlachtfeldes auf dem Höhenzug Harzhorn im Dezember bekannt gemacht wurde, galt das als archäologische Sensation. Bis dahin waren Historiker davon ausgegangen, dass sich die Römer nach ihrer verheerenden Niederlage in der Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus hinter den Limes zurückgezogen und keine großen militärischen Expeditionen ins heutige Norddeutschland mehr unternommen hatten. Neue Funde bestätigten, dass die Geschichte zwar nicht neu geschrieben, aber doch wesentlich ergänzt werden müsse, sagte am Freitag der Niedersächsische Landesarchäologe Henning Haßmann. Beim Absuchen des Waldbodens und einer ersten Probegrabung seien nun weitere Waffenteile wie Katapultspitzen, Reste von Wagenrädern und Ausrüstungsgegenstände gefunden worden, berichtete der Berliner Archäologie-Professor Michael Meyer. Erstmals ließen sich gefundene Waffen auch eindeutig germanischen Kämpfern zuschreiben. Überreste eines Holzkohleklumpens und von Schweineknochen deuteten auf eine Kochstelle hin. Durch die Funde und ihre Zuordnung konnten die Wissenschaftler inzwischen auch die Abfolge der damaligen Geschehnisse zumindest in Grundzügen rekonstruieren. "Es gab wohl drei Phasen", sagte Meyer. Zunächst hätten die Germanen auf dem Harzhorn gerastet und einen Hinterhalt vorbereitet, dann seien sie von den aus dem Norden anrückenden Römern beschossen worden. Schließlich hätten diese den Hügel gestürmt und erobert. An dem Angriff könnten 1.000 römische Soldaten beteiligt gewesen sein, sagte Meyer. "Das ist aber nur eine erste Schätzung." Auf Seiten der Römer kämpften vermutlich auch syrische Bogenschützen - sie verwendeten damals dreiflügelige Pfeilspitzen, die ebenfalls in dem Wald bei Kalefeld gefunden wurden. Die Archäologen konnten inzwischen einzelne Kampfszenen wie den Einschlag von Pfeilsalven oder Infanterieangriffe nachvollziehen. "Kein anderes antikes Schlachtfeld, das Archäologen bisher entdecken konnten, hat so eindrucksvoll ungestörte Hinterlassenschaften erbitterter Kämpfe geliefert", sagt die Northeimer Kreisarchäologin Petra Lönne. Im Sommer sollen groß angelegte Grabungen auf dem Gelände anlaufen. Dass Raubgräber dem Vorhaben in die Quere kommen könnten, glaubt Lönne nicht. Mit Metalldetektoren sei die Oberfläche des Areals bereits großflächig abgesucht worden. Zudem kontrolliere die Polizei regelmäßig die Zufahrten. "Die Beamten haben die Autonummern von allen Berechtigten", sagte Lönne. Dazwischen funken könnten die Eigentümer der Grabungsflächen. "Unsere Bereitschaft zur Zusammenarbeit kann nicht grenzenlos sein", sagte gestern der Sprecher der Grundbesitzer, Philip Freiherr von Oldershausen. Der Besucheransturm habe dazu geführt, "dass von einem idyllischen Waldgebiet keine Rede mehr sein kann". Jagd, Forst- und Landwirtschaft könnten kaum noch betrieben werden. "Es muss eine politische Entscheidung her, wie es mit den Grabungen weitergeht." ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 41 Titel: Stelle frei Untertitel: südwester Die Bürger der Gemeinde Berne im Kreis Wesermarsch stimmen am Sonntag über die Zukunft ihres Bürgermeisters Bernd Bremermann ab. Möglich macht den kommunalen Showdown ein schwarz-rot-grüner Abwahlantrag im Gemeinderat. Für diesen utopischen Konsens bedurfte es der Führungskraft eines besonderen Mannes: Im vergangenen Jahr bat Bremermann den Landkreis um Hilfe beim Haushaltsplan. Dabei stolperten die Beamten über unordentliche Personalakten, die sie gleich mit ordnen wollten. Das ging Bremermann zu weit, er verklagte seinen eigenen Landkreis - gegen den Willen des Gemeinderats. So weit, so politisches Abseits. Richtig Ruhe hat der Bürgermeister, wenn nun mehr 25 Prozent der BernerInnen gegen ihn stimmen - dann ist er Rentner. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 41 Titel: Anzeige gegen Nordbank-Chef Die HSH Nordbank hat Anzeige wegen Offenbarens von Geschäftsgeheimnissen gegen ihr Vorstandsmitglied Frank Roth erstattet. Der 49-Jährige war am Donnerstag beurlaubt worden. Er soll vertrauliche Informationen an Dritte - auch an Medien - weitergegeben haben. Roth war seit 1. Juli 2008 Mitglied des HSH-Vorstands. Der Hamburger SPD-Finanzpolitiker Peter Tschentscher fordert nun, alle Spitzenpositionen der Bank neu zu besetzen. Roths Beurlaubung sei ein Beleg dafür, "dass Aufsichtsrat und Anteilseigner die Bank weder im Blick noch im Griff haben", sagte Tschentscher. SMV ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 41 Titel: KALEFELD IN ZAHLEN Fakten zur Ausgrabung: zwischen den Jahren 230 und 235 soll die Schlacht auf bei Kalefeld stattgefunden haben insgesamt 800 Fundstücke wurden bisher gesichert mindestens 2.000 mal 500 Meter groß war das Schlachtfeld, die Archäologen sind aber nicht sicher, dass sie die Grenzen bereits erfasst haben rund 1.000 römische Soldaten könnten nach ersten Schätzungen an den Kampfhandlungen beteiligt gewesen sein RP ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: Falsche Wasserhunde! Untertitel: urdrüs wahre kolumne Eigentlich toll, dass es nach vier Mannsbildern in Bremen jetzt mit Imke Sommer einen weiblichen Datenschutzbeauftragten gibt: Frauen haben doch viel mehr Erfahrung damit, immer dann als Dekoration an die Seite gedrängt zu werden, wenn es mal ernst wird. Vermutlich aus einem in der Blauen Tonne gefundenen Stapel Anzeigenblätter entnommen wurden jene sorgsam ausgeschnittenen 40 Coupons für jeweils zwei Tassen Gratiskaffee im Stanze Gartencenter Hemmingen, die ich jetzt im Nahverkehrszug in einer Zellophantüte fand. Wollte da der hannöversche Hausfrauenbund kostengünstig seinen Jahresausflug beschließen? Oder hat da wieder so eine Emmily die unbenutzten Gutscheine zu Lasten ihres Arbeitgebers? Hieße ich Hubsi, Wendelin oder wie Daimler-Bosse sonst so heißen mögen, ich würde mir doch in die feinzwirnige Anzughose pissen vor Lachen darüber, dass die systematische Speicherung der Krankendaten im Mercedes-Werk Bremen allenfalls mit der Höchstsumme von 250.000 Euro geahndet werden kann. Schafft man es mit diesen Raubdaten, auch nur eine Handvoll Arbeitnehmer ohne Kündigungsfrist und Ausgleichszahlung um ihren Job zu bringen, hat man das schon wieder eingespielt! Und dafür wird doch gespeichert, oder? Der große Renner sind ja jetzt die portugiesischen Wasserhunde vom Schlage eines Bo Obama, entsprechend gefordert sind die professionellen Züchter. Wo aber die Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann, greifen die Regulierungskräfte des Marktes zum Betrug: Schon sollen von Zuchtfarmen an Hamme und Wümme die ersten Bisamratten "auf Bo" getrimmt worden sein. Achten Sie drauf: Portugiesische Wasserhunde unter 2.000 Euro tragen das Kainsmal des Rassebetrugs als Tätowierung nicht an den Klöten, warnt diesmal nicht der Tierschutz und auch nicht die Verbraucherzentrale, sondern ULRICH "Hundlos" REINEKING Hinweis: ULRICH REINEKING ist weiterhin Journalist, Kabarettist und eifrig das Berichtsgebiet Bereisender. Sein Alter aber behalten wir auch weiterhin für uns. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: Nazi-Demo bleibt verboten Untertitel: Gericht sieht in Hannover "neues Gefahrenpotential" von Rechts. Veranstalter wollen in die nächste Instanz gehen. Konflikt zwischen DGB und Polizei wegen Antifa-Aufrufs VON ANDREAS SPEIT UND MICHAEL DREISIGACKER Der 1. Mai-Marsch der Freien Kameradschaften in Hannover bleibt verboten. Am Freitag lehnte das dortige Verwaltungsgericht den Eilantrag des Kameradschaftsfunktionärs Dennis Bührig ab. Die Begründung für das Verbot allerdings ist ein Novum: Die zehnte Kammer geht davon aus, dass von der "rechten Demonstration ein neues Gefahrenpotential" ausgehe. Mit der Entscheidung folgt das Gericht dem Verbotsbescheid der Polizei: Hannovers Polizeipräsident Uwe Binias hatte besonders auf die zu erwartenden "Autonomen Nationalisten" (AN) hingewiesen, die als sehr gewaltbereit eingeschätzt werden. Nach den Ausschreitungen am 1. Mai 2008 in Hamburg feierte die Szene sich selbst: "Hamburg war eine Initialzündung, Hannover soll DER Event für die Kameraden werden." Damals hatten die Rechten aus dem Marsch heraus Gegendemonstranten, Polizisten und Journalisten angegriffen. In der Verbotsbegründung führte die Polizei zudem an, dass gegen Bührig "umfangreiche" Erkenntnisse über eine erhebliche Gewaltneigung vorlägen. Er böte daher keine Gewähr, "jederzeit auf einen friedlichen und ordnungsgemäßen Ablauf" hinzuwirken. Das Gericht folgte auch dieser Argumentation. Auf dem rechtsextremen Internetportal des "Aktionsbüros Norddeutschland" kündigten die Neonazis an, notfalls bis vor das Bundesverwaltungsgericht zu ziehen. In der Szene befürchtet man aber schon länger, dass das militante Agieren der AN bei Aufmärschen Rechtsstreite erschweren könnte. Unterdessen kam es im Vorfeld der Demo zu einem Konflikt zwischen der Polizei und dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Dieser hatte auf seiner Homepage einen Aufruf des linken Projektes Avanti und der Antifa veröffentlicht, in dem die Gruppen für ein Training zu zivilem Ungehorsam am heutigen Samstag mobilisieren. Für Polizeichef Binias stellte sich daraufhin die Frage, ob der DGB noch seiner Pflicht nachkommen könne, eine friedliche Demo zu gewährleisten. Der Aufruf "komme der Vorbereitung einer Straftat sehr nahe", so Binias. Der DGB-Vorsitzende in Hannover, Sebastian Wertmüller, zeigte sich überrascht über die Äußerungen und stellte postwendend klar, dass der DGB nur zu angemeldeten und friedlichen Demonstrationen aufrufe. Nach einem Treffen am Freitag scheinen die Wogen nun wieder geglättet zu sein. Man sei sich "nicht angegangen", versicherte Wertmüller. Er habe allerdings deutlich gemacht, dass man die Art der Auseinandersetzung nicht gutheißen könne. Die Gewerkschafter hatten erst über eine Pressemitteilung von den Äußerungen Binias erfahren. Wertmüller sieht auch keine Veranlassung, den Aufruf von der Homepage zu entfernen. AUTONOME NATIONALISTEN ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: DER TAG Die Wahlkreise in Niedersachsen müssen zur nächsten Landtagswahl 2013 neu strukturiert werden. Landeswahlleiter Volker Homuth muss "dem Landtag bis zum 24. Mai einen entsprechenden Vorschlag machen". Die Wahlkreise Ammerland und Lüneburg sind zu groß, der Wahlkreis Northeim ist zu klein für die Vorgaben geworden: Die Anzahl der Wahlberechtigten pro Kreis darf nur bis zu 25 Prozent vom Durchschnitt abweichen. +++ Die Karmann-Mitarbeiter erhalten ihren ausstehenden Lohn. Das bestätigte ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Die Bank hatte nach Bekanntwerden der Insolvenz in der vergangenen Woche die Überweisung für einen Großteil der Mitarbeiter gestoppt. +++ Nicht gerüstet für den Klimawandel sind nach Ansicht des Hamburger Weltzukunftsrats (WFC) die Städte: Sie hingen weltweit fast nur von fossilen Brennstoffen ab, heißt es in einem gestern vorgelegten Dokument des WFC und der Hamburger Hafencity-Universität. +++ Viermal gegeneinander antreten müssen der HSV und Werder Bremen innerhalb von neunzehn Tagen. Nachdem Werder mit einem 3 : 3 in Udine und der HSV mit einer 1 : 2-Niederlage bei Manchester City das Uefa-Cup-Halbfinale erreichten, treffen die Nordclubs am 30. April und am 7. Mai aufeinander. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: Klasni-Klage geht in die nächste Runde Untertitel: PILLENPROZESS Vergleich im Rechtsstreit um Behandlungsfehler des Ex-Werder-Profis Klasni abgelehnt PILLENPROZESS Vor dem Bremer Landgericht hat am Freitag die Güteverhandlung im Ivan Klasnic-Prozess stattgefunden. Der ehemalige Stürmer von Werder Bremen hatte Werders Mannschaftsarzt Götz Dimanski und die Internistin Manju Guha wegen grober Behandlungsfehler verklagt. Beide hätten die Vorzeichen seiner Nierenerkrankung verkannt und ihn nicht über die Risiken seines Zustandes aufgeklärt. "Ich hätte auf dem Platz sterben können" sagte Klasnic, der sich zwei Nierentransplantationen unterziehen musste, nachdem das Ausmaß seiner Erkrankung klar geworden war. Die hölzernen Zuschauerbänke im Sitzungssaal 231 des Bremer Landgerichtes waren bis zum Bersten gefüllt, das Medieninteresse war enorm. Den Vorsitz der Verhandlung führte Richter Uwe Boysen. Er stellte im Schnelldurchlauf die Fakten von Klasnics nunmehr fast achtjährigen Krankengeschichte dar und gab dann die vorläufige Ansicht des Gerichts wieder. Der zufolge seien die von Klasnic erhobenen Forderungen zu hoch. Gemessen an der bisherigen Rechtssprechung erschienen 50.000 Euro Schmerzensgeld angebrachter als die geforderten 100.000 Euro. Auch die Schadensersatzerwartungen seien eher zwischen 180.000 und 350.000 Euro statt jenseits der Eine-Million-Euro-Grenze anzusiedeln. Wie erwartet hatten die Parteien dem Verhandlungsstand nichts Neues hinzuzufügen und lehnten den vom Gericht vorgeschlagenen Vergleich ab. Damit geht der Prozess am 8. Mai in eine neue Runde. Wann ein Urteil fällt, ist noch nicht abzusehen. Klasnic darf damit rechnen, dass er grundsätzlich recht bekommt. "In der Tendenz meinen wir, dass Doktor Dimanski hätte tätig werden können und müssen", sagte Richter Boysen. Er wird voraussichtlich einen Gutachter beauftragen, die Vorwürfe medizinisch zu untersuchen. Werte, die auf eine Niereninsuffizienz hinweisen, seien nachweislich über die Jahre gestiegen. Nach der Verhandlung betonte Klasnic, dass es ihm nicht ums Geld gehe. "Mir geht es um Gerechtigkeit, darum dass die Wahrheit respektiert wird", sagte er. Götz Dimanski bedauerte, den Stürmer im Gerichtssaal wiedergetroffen zu haben und bejahte die Frage, ob es bei dem Prozess auch um seinen Ruf gehe: "Selbstverständlich, ich bitte Sie ..." SEBASTIAN HOFF ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: Neue Kühlung für Kohlekraftwerk Untertitel: Moorburg Im Konflikt um das Kohlekraftwerk Moorburg ist Betreiber Vattenfall offenbar zu Konzessionen bereit: Die von der Hamburger Umweltbehörde verhängten wasserrechtlichen Auflagen könnten durch einen Hybrid-Kühlturm gelöst werden. Bisher wollte Vattenfall den Meiler mit Elbewasser kühlen. Behörde und Betreiber seien über die neue Idee im Gespräch, hieß es am Freitag. Laut der Umweltorganisation BUND wäre eine Hybrid-Kühlung für die Elbe verträglicher, würde aber die Effizienz der Anlage senken. Am CO2-Ausstoß ändere sich nichts. SMV ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: kommt der Stör zurück 55 junge Störe werden am Samstag gegen 12.30 Uhr nördlich der Niedersächsischen Bremervörde in der unteren Oste ausgesetzt. Nach Einschätzung der Gesellschaft zur Rettung des Störs eigne sich der Fluss hervorragend für den Ansiedlungsversuch. Die Hoffnungen sind groß, denn bereits vor Jahren gelang in der Oste die Wiederansiedlung des Lachses. Bundesweit soll der in Europa ausgerottete Stör wieder Teil der heimischen Fauna werden. Die Störe in der Oste sind Teil eines bundesweiten Versuchs, der mit 700.000 Euro vom Bundesumwelt- und Bundesforschungsministerium gefördert wird. Jährlich sollen 1.000 bis 2.000 junge Störe in den Flüssen Elbe, Stör und Oste angesiedelt werden. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Nord Aktuell Seite: 42 Titel: Gabriel will Asse-Ausschuss Untertitel: Atommüll Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat sich für einen Landtags-Untersuchungsausschuss zur Aufklärung der Vorgänge im Atommülllager Asse ausgesprochen. Niemand müsse fürchten, dass nur Theater inszeniert werde, sagte er der Braunschweiger Zeitung. Der Ausschuss sei erforderlich, wie die "wöchentlich aufgedeckten Skandale" zeigten. Zuletzt war bekannt geworden, dass in dem maroden Stollen auch Giftstoffe und Tierkadaver lagern sollen. SPD und die schwarz-gelbe Regierungskoalition lehnen einen Ausschuss bisher ab. (dpa) ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 47 Titel: Zwischen Theorie und Praxis Untertitel: MUSIKMESSE Zum vierten Mal zieht die Messe "Jazzahead!" zieht Fachleute und Fans, Musiker und Macher aus ganz Europa nach Bremen - ihr Motto lautet "Face To Face" MUSIKMESSE Sie mausert sich zum Erfolgsmodell, die in diesem Jahr zum vierten Mal stattfindende Messe "Jazzahead!". Neben Konzerten mit Stars wie John Abercrombie, Matthias Schriefl oder "Defunkt" präsentiert sich hier auch der Nachwuchs, diskutieren Künstler, Journalisten und Macher über die neuesten Entwicklungen des einschlägigen Marktes, knüpfen und pflegen persönliche Kontakte - und wie jedes Jahr wird der Jazzahead-Skoda-Award verliehen. Das Programm wird dabei in schönster Kongruenz mit den Besucherzahlen immer umfangreicher: Am Freitag geht es schon um 11 in der Früh los, samstags und sonntags gar schon um 10 Uhr, und die Late Night Shows im Schlachthof sorgen mit Acts wie Oktoposse bis spät in die Nacht für Unterhaltung. Das stilistische Spektrum ist dabei geradezu erschütternd weit gespannt: Da gibt die New Yorker Jazz-Funk-Band "Defunkt" ihr erstes Bremen-Konzert seit 20 Jahren, direkt im Anschluss präsentieren sich norwegische Acts im Schlachthof, am nächsten Abend spielen die umwerfenden norwegischen Balkan-Spezialisten "Farmer's Market" aus Norwegen direkt nach der Grande Dame des europäischen Jazz-Gesangs, Norma Winstone, die in diesem Jahr den Jazzahead-Skoda-Award erhält. Vor rund vierzig Jahren erregte die gebürtige Londonerin erstmals die Aufmerksamkeit der Kritik, als sie mit Rahsaan Roland Kirk auftrat. Schon 1971 wurde sie vom britischen Melody Maker zur "besten Jazz-Sängerin" gewählt. Im Laufe ihrer Karriere spielte sie mit Musikern wie David Holland, Kenny Wheeler, John Surman und vielen anderen und bewegte sich dabei auch immer wieder über die Grenzen des Jazz hinaus. So machte sie sich unter anderem als Interpretin der "Cabaret Songs" von Benjamin Britten einen Namen. Am Samstag spielt das "radio.string.quartet" mit dem Akkordeonisten Klaus Paier (siehe Foto) die Musik des im September 2007 verstorbenen, ersten Jazzahead-Skoda-Award-Preisträgers Joe Zawinul, später am Abend präsentiert der Bassist André Nendza sein Projekt "A.Tronic", das mit bemerkenswerter Leichtigkeit Jazz mit elektronischen Musizierweisen, europäischen Jazz mit afrikanischen, argentinischen und indischen Stilen vermischt. Aber es gibt nicht nur Musik. Diskussionsrunden, Vorträge, der informelle Austausch an den Messeständen, eine Plattenbörse am Sonntag - Jazzfreunde und -freundinnen kommen schlichtweg nicht vorbei an der "Jazzahead!". Aber auch eher jazzferne Menschen werden angesprochen: Für junge Leute gibt es beispielsweise am Sonntag ein Mitmachkonzert für Kids und einen Workshop, der die Verbindungslinien zwischen Jazz und HipHop untersucht. ASL Ab Donnerstag, 19.30 Uhr, Congress Centrum & Schlachthof, www.jazzahead.de ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 47 Titel: Umwertung im Park Untertitel: Kulturensemble im Park widmet sich Nietzsche Dem Dichter und Philosophen Friedrich Nietzsche widmet sich in den kommenden Monaten ein Ausstellungs- und Veranstaltungsprojekt des Kulturensembles im Park, dem die Galerie im Park, das Krankenhaus-Museum und das Haus im Park angehören. Bekannt durch seine Feststellung "Gott ist tot", sowie seine Formulierung vom "Willen zur Macht" oder die Forderungen nach dem "Übermenschen" und der "Umwertung aller Werte", gehört Nietzsche zu den meist gelesenen Philosophen der letzten hundert Jahre. Zugleich ist er einer der missverstandensten Autoren dieser Zeit. Seine mit Ironie und Zynismus durchtränkten Schriften fordern besonders durch die scheinbare Einfachheit des Stils eine Fehllektüre geradezu heraus. So wurde Nietzsches Werk, das zu hassen bisweilen schon allein die Mode gebot, oft in sein genaues Gegenteil uminterpretiert. Zu unrecht als nihilistisch qualifiziert, litt es in seiner Rezeption schwer unter der Aneignung durch die Faschisten und hat noch heute einen zweifelhaften Ruf. Eine Ausstellung im Krankenhaus-Museum, sowie Lesungen, Vorträge, Konzerte, ein Kulturdinner und ein Kinderprojekt werfen ab Sonntag ein neues Licht auf das Denken Nietzsches. Sebastian Hoff 19. April bis 9. August, Kulturensemble im Park, Klinikum Ost ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 47 Titel: Ein Quantum Schaum Untertitel: Shakespeare Company ziehts in die Manege Früher, da war alles ganz einfach: Die Welt ließ sich feinsäuberlich in ihre Atome zerlegen, und damit war die Sache vom Tisch, fast jedenfalls. Dann aber entdeckte die Physik, dass das Unteilbare leider doch teilbar ist, und fand Neutronen, Quarks, Strings sowie andere merkwürdige Dinge, die bis heute kein Mensch je gesehen hat. Kurz gesagt: Alle Energie, Materie, wie wir sie uns immer vorgestellt hatten, gibt es sowieso nicht und überhaupt, diese Welt: totales Chaos. Aus dem Schaum, der so geschlagen wurde, entwickelte die Bremer Shakespeare Company einen Circus, der natürlich Quantenschaum heißt. Bei aller wissenschaftlichen Ratlosigkeit über die letzten Dinge dieser Welt liefert diese liebenswerte Einrichtung ein tierfreies Zirkus-Vergnügen, das zwar die Welt auch nicht erklären kann, darum aber weiß und aus dem alten Gegensatz von Unordnung, die bekanntlich - scheinbar ganz von selbst - immer wiederkehrt, und Ordnung, die verdammt viel Arbeit machen kann, einen ergötzlichen Abend strickt. Musik, Artistik, Comedy, Tanz und Schauspiel umtanzen sich mit virtuoser Leichtigkeit, inspirieren sich gegenseitig und ergänzen sich zu etwas sehr Eigenem. Andreas Schnell Premiere: Mittwoch, 20 Uhr, Concordia, weitere Infos unter: www.circus-quantenschaum.de ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 47 Titel: Faust auf Faust Untertitel: Theater in Walle "Faust auf Faust" - das erinnert uns alte Säcke sofort an Klaus Lages Titelsong zu Tatort-Kommissar Horst "Schimmi" Schimanskis Kinofilm "Zahn um Zahn". Noch ältere Säcke denken dabei vielleicht eher an den alten Goethe. Woraus allerdings keineswegs folgt, dass "Das Helmi" und Cora Frost alte Säcke wären. Wenn sie an Goethe denken, haben sie dabei eher Ideen, die ihren Deutschlehrern wohl ein Graus gewesen wären. Bei ihnen ist Dr. Faust im Hauptberuf Gentechniker, hochdekoriert, umringt von Spitzeln missgünstiger Konkurrenten und - natürlich - unglücklich. Seine Sinnsuche verfolgt er in dieser Version unter Extrem-Bedingungen: Unter Verwendung von Handpuppen lassen "Das Helmi" und Cora Frost den erfolgsverwöhnten Doktor auf einer Mikrochip- und Philosophenmesse in Brasilien stranden, wo er nicht unbeträchtlich unter der Schwüle leidet, einen einheimischen Straßenteufel trifft und sich in ein zauberhaftes Hippie-Mädchen verliebt. Mittwoch bis Freitag, 20 Uhr, Stauerei ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 47 Titel: Fanfare Ciocarlia Untertitel: Balkan Brass Ob sie jetzt nun wirklich oder immer noch die schnellste Blaskapelle der Welt sind, ist nicht entscheidend. Tatsache ist: Die zwölf Musiker der "Fanfare Ciocarlia" spielen schnell, rasend schnell, manchmal zumindest. Schon seit geraumer Zeit setzt die Brass Band aus dem ostrumänischen Dörfchen Zece Prajini allerdings auf Diversifikation, wie man das heutzutage so nennt. Für ihr letztes Album "Queens & Kings", zugleich das musikalische Vermächtnis des im Oktober 2006 verstorbenen "Fanfare"-Klarinettisten Ioan Ivancea, arbeitete das Ensemble mit großen Stimmen der Roma-Musik wie Ljiljana Buttler aus Bosnien, Mitsou aus Ungarn, Jony Iliev aus Bulgarien, Kaloome aus Frankreich, Saban Bajramovic aus Serbien und einer Reihe weiterer Könige und Königinnen der Gypsy-Musik zusammen und schuf ein vielseitiges Album, auf dem die bekannten Hochgeschwindigkeitswirbel ebenso ihren Platz haben wie Flamenco-Elemente und ergreifende Klagelieder. ANDREAS SCHNELL Mittwoch, 20.30 Uhr, Schlachthof ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 47 Titel: Die Vorleser Sie, lieber Leser, liebe Leserin, sind ja eigentlich nicht die Zielgruppe. Als die UNESCO 1995 einen "Welttag des Buches" an jedem 23. April ausrief, dachte sie wohl eher an jene Menschen, die eben nicht lesen, aber wenn Sie andererseits schon mal dabei sind: Lesen Sie ruhig weiter, es ist nicht uninteressant. Auch in Bremen haben sich zum Welttag des Buches verschiedene Kultureinrichtungen zusammengetan, um ein vielfältiges Programm zusammenzustellen. Vom 20. bis 28. April finden zahlreiche Veranstaltungen rund um das Thema "Buch" statt. Und davon natürlich viele in der Stadtbibliothek. Dass das keine staubige oder anderweitig trockene Angelegenheit ist, davon zeugen Veranstaltungen wie der "weinselige und musikalische Spaziergang durch den Garten der Poesie" mit Ilona Schönle (Rezitation), Don Mendo (Gitarre) und Tim Kalbhenn (Weinverkostung) (Mittwoch, 20 Uhr, Buchhandlung Geist). Aber es wird auch ganz klassisch gelesen: John von Düffel trägt aus "Wovon ich schreibe" vor (Dienstag, 20 Uhr, Thalia, Obernstraße), am Montag, den 27. ist Günther Grass zu Gast im Rathaus uns liest aus der "Blechtrommel". Andererseits gibt es auch ganz andere Herangehensweisen ans gebundene und bedruckte Papier: "Sprechaktionen und Papiermusiken" führen Bremer Autoren und Autorinnen und das Ensemble "KLANK" am kommenden Mittwoch nach der offiziellen Eröffnung des Bremer Buchtages durch Jens Böhrnsen (19.30 Uhr) in der Zentralbibliothek auf. Ab Montag, bis Dienstag, 28.4., Programm im Internet: www.stadtbibliothek-bremen.de ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: CDU-Erfolg wäre von Vorteil Untertitel: KOMMENTAR VON KLAUS WOLSCHNER Die Lage ist einigermaßen grotesk: Die Bielefelder Genossen, die die dortigen Stadtwerke als sozialdemokratischen Versorgungsbetrieb führen, sind Freunde der Atom-Energie. Auf der Internetseite der Stadtwerke Bielefeld werden im "Schulforum" gar diverse Werbebroschüren der deutschen Atom-Lobby als Unterrichtsmaterialien angeboten. Zwar widersprechen die Bielefelder Genossen vehement der Behauptung, sie könnten ihre Stadtwerke nur dank der Atomstrom-Gewinne rentabel führen, aber die Summe, mit der die Stadtwerke jedes Jahr aus Grohnde quersubventioniert werden, ist Betriebsgeheimnis. Seit dem Jahre 2002 fließt ein Teil der Atomstrom-Gewinne aus Grohnde über Bielefeld nach Bremen. Der Anteilseigner SWB hatte sich die volle Gewinnausschüttung zusichern lassen - die Bremer haben ihre Bielefeld-Anteile so gehalten wie sie sich die eigenen Anteilseigner nicht wünschen. Unternehmerische Initiativen, etwa um Synergie-Effekte zu erzielen, gab es nicht. Wenn nun aufgrund der kurzen Restlaufzeit des AKW Grohnde der Wert der Bielefeld-Anteile deutlich geringer ist als der Kaufpreis 2002, war das ganze ein Verlustgeschäft. Und so kommt auch der zukünftige Hauptaktionär Bremen in die Lage, auf einen Erfolg der Atom-Lobby bei den Bundestagswahlen setzen zu müssen - aus geschäftlichen Gründen. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: Warum nichts Anständiges? Untertitel: Ein Blick auf den Kalender zeigt: Es ist der 18./19.4.! taz: Vor 1.321 Jahren meuterten bei Ihnen die oströmischen Truppen. Könnten Sie dazu bitte mal einen bremischen Bezug herstellen? 18. April, multipler Gedenktag: Das liegt doch auf der Hand! Kaiser Maurikios wollte den Sold um ein Viertel kürzen, und wenn Sie jetzt dran denken, wie die Bremer Beamten auf Finanzsenatorin Linnert reagierten, als ... Ja, da hätte sich das bremische Reich auch fast aufgelöst! Wenn dann noch die Niedersachsen bei uns eingefallen wären wie weiland die Perser ... aber geht's nicht ein bisschen konkreter? Vielleicht habe ich einen Toten im Angebot, genau: Auguste Bazille! Der französische Komponist! Er erfreut sich in der Bremer Kirchenmusik besonderer Beliebtheit, habe ich mir sagen lassen. Dazu wiederum passt, dass an einem 18. April zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg die Domorgel wieder gespielt wurde. Aber wissen Sie was? Sie sind eigentlich ein total unbremischer Tag. Und da wir eine Wochendausgabe sind, werde ich jetzt ... Wenn Sie wirklich denken, der 19. sei auch nur einen Deut lokaler verwertbar als ich, haben Sie sich gründlich geschnitten. An einem 19.4. war an der Weser noch nie was los! Immerhin ist vor dem Real in der Vahr Trödelmarkt. Sieben bis 14 Uhr, da ist mindestens ebenso zweitklassiger alter Krempel zu haben wie bei solch überflüssigen Jahrestagen wie Ihnen. Nun werden Sie mal nicht ... warum haben Sie denn kein anständiges Real-Interview geführt? Kleine Terminverwirrung, zugegeben. Dafür verrate ich schon mal was: Kommende Woche gibt es Tierfilmtage! Wir haben sogar schon die Leiterin interviewt. Interview: HB ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: Chefin für Brema Der Rundfunk-Ausschuss hat die Richterin Cornelia Holsten zur Direktorin der Landesmedienanstalt Brema gewählt. Ihre fünfjährige Amtszeit beginnt am 1. Juli. Holsten ist in der Geschichte der Bundesrepublik die erste Frau an der Spitze einer Landesmedienanstalt. Sie hat sich gegen 28 BewerberInnen durchgesetzt. Die Brema ist für die Zulassung, Frequenzzuweisung und Aufsicht im privaten Rundfunk sowie die Aufsicht von Telemedien zuständig. Mehr Lohn Die 26.500 Beschäftigten im Bremer Einzelhandel bekommen nach 23 tariflosen Monaten mehr Lohn. Rückwirkend zum 1. Mai 2008 steigen die Vergütungen um drei Prozent, die Samstagszuschläge fallen weg. Kandidat für FDP-Spitze Der 30-jährige Oliver Möllenstädt will die Nachfolge von Uwe Woltemath als FDP-Vorsitzender antreten. Vorgeschlagen hat ihn der Kreisverband Bremen-Ost. Der Bürgerschaftsabgeordnete ist bislang einziger Kandidat für den Posten. Die Wahl steht auf dem Programm des FDP-Parteitags am Samstag kommender Woche: Woltemath hatte Mitte März den Posten geräumt. TAZ ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: Klinikkonzept mündlich Untertitel: Betriebsrat soll nichts schriftlich bekommen An diesem Samstag will der Chef der Gesundheit Nord, Diethelm Hansen, das neue medizinische Konzept für die kommunalen Kliniken vorstellen. Für den Abend sind die Betriebsräte eingeladen. Der Betriebsrat der Klinik "Links der Weser" hatte darum gebeten, vorab etwas Schriftlich zu bekommen, um sich etwas vorbereiten zu können. Das sei "nicht vorgesehen", antwortete ihm die Chefetage der Gesundheit Nord. Der Betriebsrat erklärte daraufhin, dass er keine Grundlage für eine seriöse Beratung an dem Samstag Abend sehe und daher nicht erscheinen werde. Der Betriebsrat erklärt sich dabei zu einer "vertrauensvollen Zusammenarbeit" bereit, wenn er denn "umfassende und detaillierte Unterlagen" bekomme. Und er erinnert daran, dass in der Auseinandersetzung um die Frage, wie viel Macht die Klinik-Holding bekommen soll, bisher "eine Kosten-Nutzen-Analyse zu keinem Zentralisierungsprojekt vorgelegt" wurde. Streit-Thema ist u.a. die Zentralküche. kawe ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: Bremer geheime Atom-Gewinne Untertitel: STADTWERKE Die SWB hat pro Jahr 15 Millionen Euro Gewinn von den Stadtwerken Bielefeld kassiert, der aus dem AKW Grohnde kommt. Jetzt will Bielefeld seine Stadtwerke zurück STADTWERKE VON KLAUS WOLSCHNER Was die holländische Strom-Firma Essent für Bremen ist, ist Bremen für Bielefeld: Die SWB besitzt 49,9 Prozent der Gesellschafteranteile an den Stadtwerken Bielefeld. Und genau wie Bremen ein Vorkaufsrecht hatte beim Eigentümerwechsel der SWB, haben die Bielefelder ein Vorkaufsrecht für den Fall, dass die Eigentümerverhältnisse bei der SWB sich ändern. Für den Stadtwerke-Chef aus Bielefeld, Wolfgang Brinkmann, ist klar: "Wir wollen die Anteile zurück kaufen." Brinkmann, früher einmal SPD-Fraktionschef in Bielefeld, war immer gegen die Privatisierung von Anteilen des kommunalen Energieversorgers. Er sieht im Gesellschafterwechsel in Bremen also eine Chance - auch finanziell: Die Bremer (SWB) hatten 335 Millionen Euro für den Einstieg in Bielefeld gezahlt im Jahre 2002. In den Büchern der SWB musste dieser Wert mehrfach berichtigt werden, für Brinkmann ist klar: "In dem Kaufpreis gab es einen strategischen Aufschlag auf den Unternehmenswert." Das bedeutet: Wenn nun für einen Rückkauf von einem unabhängigen Gutachter der Unternehmenswert ermittelt würde, könnte er bis zu einem Drittel niedriger liegen. Denn de facto hat sich bei den Bielefelder Stadtwerken nichts geändert in den Jahren, von der Effizienz der Bremer SWB ist man da weit entfernt. Der "Wert" der Bielefelder Stadtwerke liegt vor allem darin, dass sie 16,67 Prozent am AKW Grohnde halten - das abgeschriebene Atomkraftwerk liefert extrem billigen Strom an seine Anteilseigner. Nur damit ist zu erklären, dass die Stadtwerke Bielefeld, ein durchaus sozialdemokratischer Versorgungsbetrieb, auf ihrer Internetseite die "Kernenergie" vollkommen unkritisch lobt. Die 15 Millionen Euro Gewinnausschüttung, die jedes Jahr nach Bremen fließen, kommen de facto also aus Grohnde. Das AKW Grohnde muss aber nach dem rot-grünen Atomenergie-Konsens im Jahre 2018 vom Netz. Wenn es nach dem Stadtwerke-Chef Brinkmann geht, dann müsste die "Rekommunalisierung" der Anteile in den nächsten Wochen über die Bühne gehen. Das sieht allerdings der CDU-Chef aus Bielefeld, Rainer Lux, nicht. Zwar hat der Stadtrat von Bielefeld einhellig beschlossen, eine Unternehmensbewertung für die Stadtwerke in Auftrag zu geben, ob die Rekommunalisierung sich wirklich lohnt, werde man dann erst sehen, sagt Lux. Auch in Bremen hat man sich mit dem Thema noch nicht wirklich befasst. "Erst wenn Bielefeld diese Option ziehen sollte", sagt Olaf Joachim, Abteilungsleiter aus dem Rathaus, werde man sich damit befassen. In Bielefeld sind Ende August Kommunalwahlen, angesichts von sieben Gruppen im Stadtrat kann sich da einiges verschieben. Ob die SPD mit Peter Clausen, selbst in einem Aufsichtsgremium der Stadtwerke, dann den derzeitigen CDU-Oberbürgermeister ablösen kann, ist völlig offen. Wie teuer eine Rückübertragung wäre, könnte auch von den Bundestagswahlen abhängen: Wenn eine Bundesregierung ohne SPD und Grüne die Laufzeiten des AKW's Grohnde verlängert, würde der Wert der Bielefeld-Aktien schlagartig steigen. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: Ohne Deutsch keine Integration Untertitel: BILDUNG Mit Fachtag zu Schule und Migration geben Grüne ein Wahlkampf-Präludium: Cem Özdemir nennt Bildung "die zentrale Gerechtigkeitsfrage" BILDUNG Bildungsgerechtigkeit ist das Schlagwort, mit dem gestern die Grünen in Bremen ein Präludium zum Bundestagswahlkampf gaben: Wie muss sich die Schule ändern, dass die Bildungschancen der Schüler nicht länger vom Elternhaus abhängen? Die Partei hatte dafür zu einem Bildungsfachtag eingeladen, Thema:"Schule und Migration". Über 300 Lehrer, Erzieher, Eltern, Politiker besuchten die Tagung. Prominentester Redner war Cem Özdemir, als Bundesvorsitzender der Grünen mit Migrationshintergrund gleich doppelt prädestiniert. Er verwies allerdings gleich darauf, dass die Bildungsmisere nicht nur ein Problem der Migrantenkinder sei. Viele der Schüler, die laut Pisa-Studie als funktionale Analphabeten zu sehen sind, hätten Deutsch als Muttersprache. Es sei vor allem ein soziales Problem. Die Bildungsfrage, meinte er, sei inzwischen zur zentralen Gerechtigkeitsfrage in Deutschland geworden: Jeder zweite Schüler mit Hauptschulabschluss habe nach einem Jahr immer noch keine Lehrstelle, da sei evident, dass die Schule sich ändern und allen eine gute Bildung ermöglichen muss. Für Özdemir ist die Richtung klar: Kinder müssen früher, länger und in bessere Bildungsinstitutionen kommen, in Kindergärten und Ganztagsschulen, in denen Schüler gerne lernen. Ganztagsschule ist heute ja ein Zauberwort in der Bildungsdiskussion. Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Ganztagsschule, so Ursula Neumann von der Uni Hamburg, gibt es allerdings kaum. Eines jedoch sei nachgewiesen: Eine Ganztagsschule, bei der sich nur der zeitliche Rahmen geändert hat, hat keine Auswirkungen. Katja Francesca Cantone von der Uni Bremen referierte über die Bedeutung der Zweisprachigkeit. Sie machte deutlich, dass kleine Kinder sehr gut zwei und mehr Sprachen gleichzeitig als sogenannte "Erstsprachen" lernen können, ohne dass eine "Halbsprachigkeit" herauskäme. Allerdings müsse garantiert sein, dass die Kinder ein ausreichendes "Sprachbad" bekommen: Also spätestens mit drei in einem deutschen Kindergarten: Mit sechs Jahren schließt sich das Zeitfenster, um Erstsprachen zu lernen. Die Amtssprache gut zu beherrschen, daran ließ Cem Özdemir keinen Zweifel, ist Voraussetzung für eine gelingende Bildung und Integration. Seine Eltern, meint er, haben mit ihm Türkisch gesprochen, aber dafür gesorgt, dass er deutsche Freunde hatte. Er wäre kein guter Vater, wenn seine Tochter nicht gut Deutsch spräche. CHRISTINE SPIESS ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: Nachteil durch Migration Laut Bildungsbericht 2008 führt ein Migrationshintergrund in allen Stufen des deutschen Bildungssystems zu Benachteiligungen. Migrantische Kinder und Jugendliche besuchen öfter als Deutsche niedrig qualifizierte Schularten und brechen die Schule doppelt so häufig wie diese völlig ohne Abschluss ab. Sie erlangen dreimal seltener die Hochschulreife und brauchen fünfmal so lange, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Nach Pisa-Studie schneiden SchülerInnen mit Migrationshintergrund in allen Fächern deutlich schlechter ab als deutsche. taz ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Bremen Aktuell Seite: 48 Titel: das wetter Passend zum gestern eröffneten Klasnic-Prozess zeigt das Rote Kreuz im Krankenhaus-Foyer heute von 11 bis 15 Uhr eine Ausstellung über 40 Jahre Dialyse in Bremen. Ein regional-medizinhistorisches Must auch bei 16 Grad, 10,5 Stunden Sonnenschein und anhaltender Trockenheit ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 47 Titel: Bewegende Rückkehr nach 70 Jahren Untertitel: Der Film "Brigadistas" dokumentiert die Rückkehr betagter Interbrigadisten nach Spanien Nach dem Staatsstreich des rechtsgerichteten Militärs um General Franco gegen die Volksfrontregierung in der spanischen Republik und ihre Sozialreformen am 18. Juli 1936 stießen die Putschisten prompt auf entschiedene Gegenwehr von rasch gebildeten ArbeiterInnenmilizen und republiktreuen Teilen der Polizei. Schnell bildeten sich die Internationalen Brigaden, bestehend aus über 40.000 Freiwilligen aus vielen Ländern.Über die Hälfte von ihnen starb bei den Kämpfen. 70 Jahre nach den Ereignissen reisen 36 der noch lebenden Milicanos und Milicanas gemeinsam nach Spanien. Dokumentiert hat diese Reise der Regisseur Daniel Burkholz, dessen dabei entstandener Film "Brigadistas" morgen im Metropolis zu sehen ist. Zu sehen sind vor allem bewegende Momente. In einem großen Saal in Madrid werden die ehemaligen InterbrigadistInnen von einem überwiegend jugendlichen Publikum begeistert gefeiert, republikanische Fahnen werden geschwenkt, es gibt geballte Fäuste und bewegende Redebeiträge. Vor der Kamera erzählen einzelne BrigadistInnen bei einem gemeinsamen Besuch des Denkmals im Jaramatal von der dortigen Schlacht. Die heute 86- bis 99-Jährigen - von denen viele die Lager in Frankreich überlebt haben, in denen die über die Pyrenäen geflohenen SpanienkämpferInnen interniert wurden, und schließlich in den KZ Auschwitz, Buchenwald, Dachau gequält wurden - berichten offen und ohne soldatisches Gehabe. Oft schweigen sie nach einem Satz über den brutalen Krieg, auf ihren Gesichtern ist zu sehen, wie sie mit der Erinnerung kämpfen. In einer Veranstaltungspause fängt ein alter Brigadist an, "Ay, Carmela" zu singen, das populäre Lied des republikanischen Spanien. Die Umstehenden stimmen in den Refrain ein, voller lebendiger Erinnerung. GASTON KIRSCHE So, 19. April, 17 Uhr, Metropolis, Steindamm 52 - 54 ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 47 Titel: Zeitzeuginnen Untertitel: Erinnerung Zwei Zeitzeuginnen berichten am Montagabend auf Einladung der Initiative "Neue Verantwortung für die Opfer faschistischer Zwangsarbeit" über ihre KZ-Inhaftierung in Hamburg. Ludmilla Subowskaja wurde als 15-Jährige erst tagelang im Güterwaggon nach Österreich verschleppt, bevor es Mitgefangenen gelang, sie nach Linz zu schleusen, wo sie sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe anschloss. Nach ihrer Verhaftung wurde sie nach Ravensbrück und schließlich nach Neuengamme gebracht. Die heute 82-Jährige lebt auf der Krim und berichtet über ihr Leben als Zwangsarbeiterin und KZ-Häftling. Die 87-jährige Maria Frolowa (Foto) wurde ebenfalls als Zwangsarbeiterin nach Frankfurt verschleppt, wo sie in einem Rüstungsbetrieb Waffen gegen "mein Land und meine Familie" produzieren sollte. Als sie sich weigerte, wurde sie von der Gestapo verhaftet und im KZ Ravensbrück interniert. Heute ist sie Vorsitzende des Invaliden- und Zwangsarbeitervereins von Simferopol auf der Krim. MATT Mo, 20. 4., 20 Uhr, Centro Sociale, Sternstraße 2 ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 47 Titel: Junge oder Mädchen? Untertitel: Konzert / Performance Gemeinsam mit den "queersten Künstlerinnen" gehen die "Chicks in Speed" in der vierten Ausgabe ihrer "Girl Monster"-Reihe der Frage nach: "Are you a boy or a girl?" Zu sehen und hören ist das neue Kunst-Musik-Performance-Projekt "Men", bestehend aus JD Samson und Johanna Fateman, die bis vor zwei Jahren gemeinsam mit Kathleen Hanna als "Le Tigre" feministische Elektropunk-Geschichte geschrieben haben, Michael ONeill und Brooks Takashi, vordem Mitglieder der Indie-Band "The Ballet", sowie der Künstlerin Emily Roysdon. Deren Motto verdeutlicht den weiterbestehenden festen Glauben an das radikale Potenzial der Tanzmusik: "Cut your jeans into short ass shorts. Wear a tank top and just fucking dance." Durch den Abend führt Brooks Takasi - diesmal als Teil des feministisch-queeren Künstlerinnenkollektivs -, die mit einer Performance Geschlechtergrenzen einreißen wird. Die Vorlesung hält die New Yorker Drag Queen Vaginal Davis. MATT Mi, 22. 4., 22 Uhr, Kampnagel (KMH), Jarrestraße 20 ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 47 Titel: Punk-Geschichte Untertitel: Lesung / Clips Im zweiten Teil der Lesung aus der Punk-Rock-Bibel "Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk" geht es heute Abend im Lichtmess unter anderem um die Tournee von "Heartbreakers" und "The Damned" 1976 durch Großbritannien. Begleitend zu jeder Menge Pleiten, Pech und Parties mit beachtlichen Mengen an Drogen werden Videoclips aus der Zeit gezeigt. Lesen tun unter anderem der Schriftsteller Hollow Skai, Riikka Beust vom RocknRoll-Hotel "Kogge", Zabel von den "Razors" und Toddn von der "Holy Church of Rockn Roll". Eintritt erst ab 18 Jahren! MATT Sa, 18. 4., 20 Uhr, Lichtmess, Gaußstraße 25 ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 47 Titel: Flüchtlingspolitik Untertitel: Radio Mit der Entwicklung der Flüchtlingspolitik in Hamburg seit Schwarz-Grün beschäftigt sich heute Nachmittag eine dreistündige Sendung auf dem Freien Sender Kombinat. Zu hören sind darin O-Töne aus dem dem taz salon zum Thema "Illegale Einwanderer in Hamburg - ein Leben ohne Papiere" vom Herbst letzten Jahres. Außerdem gibt es einen Mitschnitt der Pressekonferenz des Flüchtlingsrats zum Lager Horst und Ausschnitte aus einem Studiogespräch aus dem Februar dieses Jahres mit der Flüchtlingsbeauftragten der Nordelbischen Kirche Fanny Dethloff. MATT Sa, 18. 4., 14 Uhr, Freies Sender Kombinat 93,0 MHz ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: Kunst der Verschwendung Untertitel: KURZKRITIK Die Geheimagentur hat schriftlich festgehalten, was sie interessiert: "Situationen, die wie Fiktionen erscheinen und dann überraschenderweise doch die Realitätsprüfung bestehen". Bei ihrer Show im Nachtasyl des Thalia-Theaters hat sie solche Momente im Dutzend gefunden und geschaffen - aber wie auch anders, wenn man sich eine "Abendschule der Verschwendung" ausdenkt, Teil 1: "Asche zu Asche". Wie auch anders, wenn man einen Schwarzen Magier hat, der schweigend erstaunliche Dinge mit Geldscheinen tut, eine Vortragende, die Modelle der Geldverbrennung aus Religion, Politik, Kunst und Wirtschaft präsentiert und schließlich einen Moderator, der tatsächlich über Witz verfügt. Wie auch anders, wenn das Publikum Teil eines Experiments ist. Wer verbrennt den - echten - 10-Euro-Schein, den man am Eingang von der Agentur bekommen hat? Zwei Freundinnen, die dafür eine Einwegkamera bekommen. Ein Student, der das Prinzip faule Bank erklären kann. Eine Dame, die den Schein der Erinnerung an ihre Tante Erika widmet, die nur einzelne Teebeutel verschenkte. Nicht von ihrem 10-Euro-Schein trennen sich Jungmänner aus einer schul-geschickten Gruppe. Vielleicht ist das ja subversiv. Sicher ist eines: Der Abend ist ganz ausgesprochen großartig. FRIEDERIKE GRÄFF ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: "Auch ein liebevoller Akt" Untertitel: Gedenksteine für NS-Opfer werden geputzt taz: Herr Hess, die Aktion Stolperstein ruft auf zum Frühjahrsputz. Ist das Reinigen von inzwischen rund 2.600 Gedenksteinen in Hamburg auch ein symbolischer Kniefall vor den Opfern? Peter Hess: Wir überlassen es den Leuten, wie sie mit den Steinen umgehen. Aber klar ist die Reinigung auch ein liebevoller Akt, bei dem die Ermordeten geehrt werden. Wir führen den Frühjahrsputz bereits zum dritten Mal durch und rufen die Steine damit immer wieder ins Gedächtnis der Menschen. Unser Ziel ist es, dass die Steine zum Bestandteil der Häuser und von den Bewohnern regelmäßig geputzt werden. Gibt es für die Aktion einen besonderen Anlass? Es ist Frühling und die meisten Steine wurden den Winter hindurch nicht gereinigt. Deshalb sind die Beschriftungen teilweise nicht mehr gut lesbar. Zudem ist am Dienstag der Gedenktag Yom HaShoah, wo weltweit der jüdischen Holocaust-Opfer gedacht wird. Die Hamburger Stolpersteine allerdings gelten allen NS-Opfern. Wie finde ich heraus, wo sich in meiner Nähe solche Stolpersteine finden lassen? Auf unserer Homepage sind sämtliche Steine mit Kurzbiografien der Mordopfer aufgelistet. Dort kann man nach Steinen in seiner Straße, seinem Viertel oder auch nach einzelnen Namen suchen. Brauchen Stolpersteine besondere Pflege? Nein. Bei neuen Steinen reichen Wasser und Lappen. Sind die Platten angelaufen, empfiehlt sich ein Messingputzmittel. INTERVIEW: WACH Fotohinweis: PETER HESS, 65 ist Initiator der Aktion Hamburger Stolpersteine. Weitere Infos: www.stolpersteine-hamburg.de Foto: Privat ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: "Zeitung mit Witz" Untertitel: Schon 35 Schul-Abos gespendet. Richter verschenkt taz an die Schule seines Patenkindes Anklang findet unsere Schul-Abo-Aktion offenbar vor allem bei Juristen: Hatte in der vorigen Woche die Staatsrätin der Justizbehörde Carola von Paczensky an dieser Stelle dafür geworben, folgt heute mit Dirk van Buiren ein pensionierter Richter. "Ich wünsche mir, dass möglichst viele Leute erfahren, dass auch eine deutschsprachige Zeitung mit Witz und mit Lust gemacht werden kann", schmeichelt der 70-Jährige der taz. Er stiftet dem Christianeum in Othmarschen ein Jahresabo. Dorthin wird die Zeitung bereits geliefert und in der Bibliothek ausgelegt, wie die Sekretärin nach Rücksprache mit dem Hausmeister berichtet. Dirk van Buiren gehört zu jenen Lesern, die uns im Winter ermunterten, die Spendenkampagne zu wagen - angeregt durch die Konkurrenz: "Ich gestehe ja, dass auch ich das Hamburger Abendblatt lese", sagt van Buiren, "dies aber wesentlich besser ertrage, seit ich daneben die taz habe." Das Schul-Abometer ist übrigens auch in der achten Woche wieder geklettert - auf 35. Van Buiren findet, dass das noch zu wenig ist und will im Bekanntenkreis weiter werben. Nur zu. taz ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: IN KÜRZE Zu Freizeitanlage und Naherholungsgebiet soll das Gelände der Internationalen Gartenschau 2013 in Wilhelmsburg langfristig werden: Die 7.000-Quadratmeter-Hallen würden nach Ausstellungsende zu Sportstätten und einem Hotel umgebaut, sagte Umweltsenatorin Anja Hajduk (GAL) am Freitag. Für Gartenschau und Internationale Bauausstellung werden unter anderem der S-Bahnhof Wilhelmsburg erneuert und ein 28 Kilometer langer Freizeitrundweg eingerichtet. +++ Mit 75 Schiffbrüchigen an Bord hat ein Hamburger Containerfrachter in Sansibar vor der ostafrikanischen Küste angelegt. Der Frachter hatte die Passagiere und Crewmitglieder am Donnerstag vor der Küste Tansanias aus Seenot gerettet. Die Besatzungen anderer Schiffe hatten laut Reederei die Hilfe verweigert: Sie vermuteten eine Finte von Piraten. +++ Ein Beziehungsstreit ist am Donnerstagabend in Lurup tödlich geendet. Eine 68-jährige Frau erschoss ihren 57 Jahre alten getrennt lebenden Mann und dann sich selbst. +++ Das aktive Wahlrecht zu den Bezirksversammlungen soll auf 16 Jahre abgesenkt werden. Eine entsprechen Initiative hat die SPD-Bürgerschaftsfraktion vorgestellt. +++ Über den "Kampf um Hamburgs Schulen - zerreißt es die Parteien?" diskutiert taz-Redakteurin Kaija Kutter am Sonntag ab 21.45 Uhr in der "Presserunde" des Fernsehsenders Hamburg 1. Mit dabei sind Insa Gall (Die Welt), Sandra Schäfer (Hamburger Morgenpost) und Peter-Ulrich Meyer, es moderiert Karl Günther Barth (beide Hamburger Abendblatt). +++ ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: Schuld war die "Routinefalle" Untertitel: KINDSTOD Sozialsenator Wersich legt Bericht zum Fall des toten Babys Lara vor. ASD-Mitarbeiter hatte das Kind nicht im Blick. Seine Dienststelle war überlastet KINDSTOD VON KAIJA KUTTER Er wolle aufklären, nicht aber in ein "Schwarzer-Peter-Spiel" verfallen, sagte Sozialsenator Dietrich Wersich, als er gestern den zusammen mit Bezirk und Träger verfassten Bericht zum Fall Lara vorlegte. Doch der Text, den Jugendamtsleiter Uwe Riez daraufhin verlas, enthielt deutliche Fingerzeige auf den "fallzuständigen Sozialarbeiter" der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) in Wilhelmsburg. Das tragische ist, dass bis zu Laras Tod am 11. März bereits eine Familienhelferin des Rauhen Hauses am Fall dran war. Das neun Monate alte Kind wog zuletzt nur noch 4,8 Kilo und litt an einer Mangelerscheinung, die der "ärztlichen Abklärung bedurfte". Doch Lara war nicht beim Arzt. Die Mitarbeiterin sei in dem Bemühen, Vertrauen zu der 18-Jährigen Mutter aufzubauen, in eine "gefährliche Beziehungsfalle" geraten, erklärte Rauhes Haus-Chef Friedemann Green. Künftig will der kirchliche Träger in Mutter-Kind-Konstellationen das "Vier-Augen-Prinzip" einführen, sprich zwei Mitarbeiter schicken. Doch auch die ASD-Wilhelmsburg kümmerten sich nicht optimal. Als Laras Mutter mit 17 schwanger war, sagte sie dem dortigen Sozialarbeiter, sie wünsche sich einen Platz im betreuten Wohnen. Sie bekam nur eine Liste mit Adressen. "Das war nicht ausreichend. Die Mutter hätte konkreter an eine Mutter-Kind-Einrichtung herangeführt werden müssen", sagt Riez. Daraufhin wandte sich das Mädchen an die ASD-Süderelbe, die einen Hilfeplan für sie und das Ungeborene erstellten. Doch im Mai 2008 geht der Fall zurück an den Wilhelmsburger ASDler. "Es fällt auf, dass das Kind Lara in der weiteren Fallbearbeitung so gut wie nicht vorkommt", heißt es. "In der Akte wird weder die Geburt erwähnt, noch ein persönlicher Eindruck von dem Kontakt mit der jungen Mutter und dem Baby geschildert." Der Mitarbeiter sei unter Umständen in die "Routinefalle" geraten und habe auch der ebenfalls routinierten Helferin "unkritisch vertraut". Auch sei "nicht nachvollziehbar", warum im September im Hilfeplan der Schutz des Kindeswohls entfällt. Und als im Dezember die Schwester der Mutter bei der Kinderschutz-Hotline eine Meldung macht, verlässt sich der ASDler - nach einem vergeblichen Hausbesuch - auf Telefonate mit der Großmutter und der Teamleiterin der Familienhilfe, dass alles in Ordnung sei. Dabei musste er eine "eigene Gefährdungseinschätzung" treffen. Mitte-Bezirkschef Markus Schreiber nahm den inzwischen erkrankten Mitarbeiter in Schutz. Es habe in der Wilhelmsburger Dienststelle im Herbst zu wenig Personal und eine "kollektive Überlastungsanzeige" gegeben. Inzwischen habe Wilhelmsburg fünf Stellen mehr erhalten, von denen aber vier wegen schlechter Bezahlung unbesetzt seien. Hinzu komme die Fluktuation: "Die Hälfte sind unerfahrene Mitarbeiter." Wersich schloss nicht aus, sich für eine bessere Bezahlung einzusetzen, merkte aber an, dass mitunter "Unerfahrene Kräfte sicherer arbeiten als erfahrene." Expertenbericht der Sozialbehörde ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: das wetter An diesem Wochenende scheint im wesentlichen die Sonne und lässt sich dabei von ein paar Wolken auch nicht stören. Am Samstag werden bis zu 17 Grad erreicht, tags darauf - nach einem frischen Tagesbeginn - noch 16 ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: Rot-Bunt im Bezirk Nord Untertitel: Schwarz-Grün verliert Bezirksamtsleiterwahl Der 60-jährige Wolfgang Kopitzsch ist neuer Leiter des Bezirksamtes Nord. Der SPD-Fraktionschef in der Bezirksversammlung wurde am Donnerstagabend von einem bunten Bündnis aus SPD, FDP, Linken und zwei GAL-Dissidenten mit 26 Stimmen gewählt. Sein parteiloser Gegenkandidat Thomas Fiebig scheiterte mit den 25 Stimmen von Union und GAL. Damit ist zunächst die fast sechsmonatige Vakanz auf dem Chefposten beendet. Für Schwarz-Grün ist diese Wahl ein Debakel. Über ein Jahr lang haben CDUund GAL es nicht geschafft, einen Koalitionsvertrag zu schließen und einen neuen Bezirksamtsleiter zu küren. Seit dem Austritt zweier Grüner im Januar hat Schwarz-Grün keine Mehrheit mehr. Kopitzsch will sich auf wechselnde Mehrheiten stützen. SMV ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Hamburg Aktuell Seite: 48 Titel: Betr.: taz salon Einen Blick in die engen Gassen des alten Hannover warf im taz salon am Donnerstagabend der taz-Autor Roger Repplinger (M.). In jenen Gassen nämlich war der Boxer Johann "Rukeli" Trollmann in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, der später von den Nazis ermordet wurde. In Repplingers Buch "Leg dich, Zigeuner" kreuzt sich Trollmanns Weg im KZ Neuengamme mit dem des HSV-Idols Tull Harder - einem SS-Mann. Nach der Lesung stellte Reimer Möller von der Gedenkstätte Neuengamme (r.) dar, wie er dem Schicksal von Rukeli Trollmann nachgespürt hat. Überraschungsgast war dessen Großneffe Manuel Trollmann, der berichtete, wie auch die Sinti die NS-Zeit lange tabuisierten. Im nächsten taz salon am 14. Mai (20 Uhr, Kulturhaus 73) fragen wir "Was macht die Schulreform mit guten Schulen?" FOTO: HENDRIK DOOSE ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Kultur Seite: 43 Titel: Fenster zur Farbe Untertitel: VORHER-NACHHER: Erstmals überhaupt und weltweit zeigt das Sprengel-Museum in Hannover wie August Macke, Franz Marc und Robert Delaunay von 1910 bis 1914 gemeinsam und doch getrennter Wege das Licht der Welt in seinen Brechungen suchten. Eine Ausstellung die zeigt, wie sich eine Idee im Schaffen ihren Weg bahnt VORHER-NACHHER: AUS HANNOVER BENNO SCHIRRMEISTER Olle Kamellen, eigentlich. Dass Robert Delaunays Fensterbilder und sein prallbunter Gegenentwurf zum beige-braunen Kammerton des Kubismus auch deutsche Maler der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg beeinflusst hat - das weiß man, kunsthistorisches Interesse vorausgesetzt. Dass dabei in erster Linie Franz Marc und August Macke zu nennen sind - ein Gemeinplatz. Aber eben: Etwas aus Büchern zu kennen ist das Eine. Das Andere ist etwas zu sehen, also, gerade in der Kunst: wirklich zu erleben, diese plötzliche, explosive Übernahme und Fortschreibung. Und das war noch nie möglich. Bis jetzt: Erstmals überhaupt und weltweit zeigt das Sprengel-Museum Hannover eine Synopse von Marc, Macke und Delaunay, die den Verlauf dieses intimen Zusammenspiels nachstellt. Und so den Einfluss verstehbar macht. Aber auch mehr als bloß ahnen lässt: Dass sich Delaunay so rabiat-schnell vom Mittelklasse-Impressionisten zum Top-Avantgardisten gemausert hat, kam auch nicht von selbst - da war ja noch Sonia Delaunay-Terk, seine Frau, die schon radikal war, als er sie 1907 kennen lernte. Sogar er selbst, sonst eher Macho, hat sie später die "Künstlerin" genannt, "die das alles verändert" - als er über sein Malen schrieb. Die Ausstellung trägt den sachlichen Titel "Marc, Macke und Delaunay", im Untertitel wirds dann lyrischer: "Die Schönheit einer zerbrechenden Welt" lautet er. Und zieht doch zugleich eine strenge zeitliche Grenze: 1910, das Jahr in dem sich Marc und Macke begegnen, bis 1914, dem Ende aller freundschaftlichen Beziehungen. Macke stirbt in den ersten Kriegsmonaten, Marc wird 1916 von einem Granatsplitter bei Verdun getroffen, die Delaunays retten in Spanien ihr Leben. Vier Jahre also. Und zwar vier Jahre einer faszinierenden Suchbewegung, die sich in Hannover durch eine fulminante Vorher-Nachher-Hängung zeigt. Erster Raum: Frühe August Macke-Bilder, getupfte Gartenszenen, Mutter mit Kind an Rabatten, und derlei. Zweiter Raum: Franz Marc, pastöse sibirische Schäferhunde à la Liebermann, rote Katzen, weiße Katzen. Und dann: Robert Delaunay. Die von der facettierten, tanzenden Tour Eiffel überragte Stadt, die in Schwingung versetzten Spitzbögen der Cathédrale Saint Séverin und: Paris komplett zerlegt in farbige Prismen, Reflexe auf "Fenêtres ouvertes simultanément" - also simultan geöffneteten Fenstern - so ein Bildtitel von 1912. In diesem Jahr besuchen Macke und Marc gemeinsam die Delaunays. Sie sind geschockt, frappiert - überwältigt. Und reagieren. In Bildern, suggeriert die Ausstellung, legen das die Briefwechsel nahe: "Ich freue mich sehr über Ihre Bilder", schreibt Macke nach Frankreich, euphorisch rühmt er der Delaunays Fähigkeit "das Seltsame der Wirklichkeit" zu vermitteln und bittet Sonia, auch treu zu übersetzen. Und malt ein "Großes helles Schaufenster", um dessen ruhig aufragende Hauptfigur im Goldenen Schnitt, eine Dame in pelzbesetztem Mantel, eine sich zu den Rändern hin immer mehr in farbig-kontrastierende Würfel, unregelmäßige Dreiecke und Ikosaeder zerlegende, seltsame Wirklichkeit tobt. Kein Zweifel: Macke, der die zahllosen -Ismen der Kunst seiner Gegenwart als Ausdruck "des Neuen" begrüßt, aber den Anspruch auf absolute Vorherrschaft, die jeder einzelne erhebt, als "Blödsinn" bezeichnet, hat sich Delaunays Orphismus angeeignet und als Bereicherung des eigenen malerischen Vokabulars, für seine Zwecke passend gemacht. Bei Marc ist der Einfluss auch erkennbar. Aber: Er tut sich damit etwas schwer. Während sich der 25-jährige Rheinländer in eine Schülerrolle gegenüber dem nur zwei Jahre älteren Delaunay begeistert stürzt - lässt sich bei Marc eher eine Verunsicherung ausmachen. In seinen Briefen pflegt er schon vor dem Besuch einen motzig-rechthaberischen Ton, unentspannt wirkt auch seine Malerei danach: Es entsteht eine "Alpenszene (Streuhocken)", die auch "Birnenkompott in Industrielandschaft" heißen könnte, er unternimmt tastende Rückgriffe aufs eigene Formen-Repertoire, seine Wälder bekommen unmotivierte Zacken und ein weißer Hund hockt so melancholisch vor der Welt, dass Walt Disney seine helle Freude daran gehabt hätte: Nichts gegen Tiermalerei, aber hier ist die Schwelle zum Kitsch für einen Moment doch furchtbar nahe. Die Ausstellung zeigt das ungeschönt. Sie kapriziert sich nicht auf Best-offs, erlaubt Heiterkeitsausbrüche beim "Hund vor der Welt", sucht obskure Nebeneinflüsse, gewichtet manche Skizzen stärker, als anerkannte Meisterwerke. Das verleiht ihr einen erzählerischen Drive. Und macht ihren Reiz aus: Mitzuverfolgen, nachzuvollziehen, wie sich eine Idee im Schaffen von sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten ihren Weg bahnt, bis sie auf die Spitze getrieben ist - und, gegebenenfalls, wieder verflacht. So ist klar, dass auch Marc - nach rund einem Jahr die farbigen Kuben souverän einsetzt. Ebenso leicht lässt sich feststellen, dass er den zweiten Besuch bei den Delaunays besser produktiv machen kann als Macke: In Paris lernen sie 1913 die"Formes Circulaires" der Delaunays kennen, spektralanalytische, gegenstandslose Kreisformen. In Ölfarbe auf Leinwand und in Farbkreide auf Papier. Mackes sporadische Ausflüge in diese "reine Malerei" - trotz oder wegen seiner unvergleichlich leuchtenden Farben - bleiben dort, wo sie Werk sein wollen und nicht mehr Entwürfe und Studien. Dagegen vermutet Kuratorin Susanne Meyer-Büser, dass Marcs Weg wohl hier, in der Abstraktion der "Kleinen Kompositionen I-III", hätte weiter geführt werden müssen. Wenn er denn nicht durch einen Granatsplitter beendet worden wäre. Wobei solche imaginären Fortsetzungen in der Kunstgeschichte eher verschämte Werturteile sind. Echte Ableitungen sind dagegen unmöglich. Weil die erreichten Standpunkte Etappen sind auf einer Expedition ins Unbekannte, deren Richtung sich jederzeit und urplötzlich hat ändern können. Womit man endlich beim Stichwort "verflachen" angelangt wäre: Der arme Robert Delaunay verschafft sich diesen traurigen Abgang und zwar im großen Stil: 195 mal 205 Zentimeter misst sein Lesender Akt von 1915 in der großen, 140 mal 142 in der kleinen, noch etwas blaustichigeren Ausfertigung. Wie Reminiszenzen an eine bessere Zeit rollen in ihnen Farbkreise durch den Bildhintergrund, andere sind dazu verdammt, Pobacken und Brüste der rothaarigen Nackten zu modellieren. Wahrscheinlich musste dringend Geld ran. Oder wäre es weil...? Das lässt sich so nicht entscheiden. Fakt ist, dass sich bei Sonia Delaunay-Terk solche Verfallserscheinungen nicht finden. Und dass sie sich zeitgleich mit Robert, oder sogar früher, vom Gegenstand löst, oder besser - das elektrische Licht und seine farblichen Brechungen als ihren Gegenstand erkundet. Ganz wörtlich, auf den nächtlichen Boulevards, wo sie die Lichthöfe der Straßenlaternen mit Kreide auf Papier bannt. Um aus diesen Studien elektrisierende Gemälde zu gewinnen, ineinander verschränkte, farbige Bögen, die Tänzer sein könnten aber auch nur angedeutete Kreise auf weißem Grund, "Tango-Magic-City" von 1913 etwa, oder die Papierarbeit "Les prismes électriques". Mit dem Filmraum spielt die Ausstellung in 13 Sälen, einer ist für Sonia Delaunay-Terk reserviert. Und der wirkt, aber das kann ja wohl nicht die kuratorische Absicht gewesen sein, als läge hier ihr eigentlicher schöpferischer Kern. Sprengel-Museum, Hannover: Marc, Macke, Delaunay - Die Schönheit einer zerbrechenden Welt (1910-1914). Bis 19. Juli ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Kultur Seite: 43 Titel: MACKE, MARC, DELAUNAY So lebten die Künstler August Macke, geboren 1887 in Meschede bei Köln 1910 Beginn der Freundschaft mit Franz Marc 1914 südlich von Perthes-les-Hurles (Champagne) im Gefecht gefallen Franz Marc, geboren 1880 in München 1910 Beginn der Freundschaft mit August Macke 1916 bei Verdun von Granatensplittern getötet Robert Delaunay, geboren 1885 in Paris 1910 Heirat mit Sonia Uhde-Terk 1941 gestorben in Montpellier Sonia Delaunay-Terk, geboren 1885 in Gradizsk (Ukraine) 1910 Heirat mit Robert Delaunay 1979 gestorben in Paris ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: "Negative Erfahrungen mit Freiwilligkeit" Untertitel: EQUAL PAY Das durchschnittliche Lohngefälle zwischen Frauen und Männern liegt bei 23 Prozent. Karin Tondorf schult Betriebsrätinnen und Gleichstellungsbeauftragte, wie man dagegen vorgehen kann. Ein Interview EQUAL PAY INTERVIEW FRIEDERIKE GRÄFF taz: Warum hat es das Thema Entgeltgleichheit erst jetzt auf die politische Agenda geschafft, Frau Tondorf? Karin Tondorf: Das Thema ist in Deutschland lange stiefmütterlich behandelt worden. Das liegt vor allem an fehlenden politischen Institutionen, die aufklären und Frauen in Konfliktfällen helfen. In anderen Ländern gibt es dafür seit langem mehr Anlaufstellen - und auch mehr Klagen. Es liegt aber auch an undurchschaubaren Entgeltsystemen. Liegt das Gehaltsgefälle - derzeit 23 Prozent - an schlechteren Karrierechancen von Frauen oder daran, dass sie für gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden? Die 23 Prozent sind eine Durchschnittsgröße: Einerseits gibt es objektive Faktoren für die schlechtere Bezahlung, wenn zum Beispiel von Frauen und Männern unterschiedlich wertige Tätigkeiten ausgeübt werden. Eine Sekretärin kann nicht die gleiche Bezahlung beanspruchen wie eine Führungskraft. Es gibt aber auch diskriminierende Faktoren, zum Beispiel Benachteiligung beim Zugang zu Führungspositionen. Entgeltdiskriminierung liegt vor, wenn Tätigkeiten oder Leistungen von Frauen unterbewertet werden. Es kommt auch noch vor, dass gleiche Arbeit von Männern und Frauen ungleich bezahlt wird. Wie findet eine Frau heraus, dass ihr männlicher Kollege für die gleiche Arbeit besser bezahlt wird? Die Vergütung ist nach wie vor ein Tabuthema. Für Frauen ist eine solche Ungleichbehandlung sehr schwer festzustellen. Sie braucht die Unterstützung von Betriebsräten, Personalräten oder Gleichstellungsbeauftragten, die die Daten offenlegen. Was können betroffene Frauen konkret tun? Der Arbeitgeber muss auf Nachfrage die Gründe für die unterschiedliche Bezahlung benennen. Ich würde jeder Frau raten, im Konfliktfall einen Experten oder eine Expertin zu suchen, sei es im Betrieb oder in einer Rechtsstelle der Gewerkschaften, die den Fall überprüft. Um Indizien für Entgeltdiskriminierung vorzulegen, braucht man eine männliche Vergleichsperson mit den entsprechenden Lohn- und Arbeitsplatzdaten - die ist oft nicht einfach zu finden. In Unternehmen gibt es gesetzlich vorgeschriebene Beschwerdestellen, an die sich Frauen wenden können oder aber an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wie sind die bisherigen Erfahrungen mit Klagen? In Deutschland kann man sie an einer Hand abzählen: Vor kurzem gab es die Klage eines Betriebsrates bei der Firma Süderelbe, da ging es um gleiches Entgelt für gleiche Arbeit. Dort ist ein Vergleich geschlossen worden. Schwieriger ist es herauszufinden, ob ungleiches Entgelt für eine unterschiedliche, aber gleichwertige Arbeit gezahlt wird. Gibt es eine Scheu zu klagen, weil man Angst davor hat, das sich das Klima am Arbeitsplatz verschlechtert? Auf jeden Fall. Wenn es einen Branchentarifvertrag gibt, kann man auch eine männliche Vergleichsperson aus einem anderen Unternehmen wählen. Das ist möglicherweise entlastend. Die SPD fordert eine 40-Prozent-Quote von Frauen im Aufsichtsrat und Mindestlohn im Niedriglohnsektor, wo viele Frauen arbeiten - halten Sie das für sinnvoll? Ja, das ist politisch sinnvoll. Auch für realistisch? Dazu braucht man eine Mehrheit im Parlament. Aber zurzeit ist Wahlkampf, da werden auch die Frauen als Wählerinnen entdeckt. Die Familienministerin hat gerade ein Instrument geschaffen, mit dem Unternehmen im Selbsttest Lohndiskriminierung prüfen können. Es wird wiederum auf Freiwilligkeit gesetzt - aber damit haben wir bereits in der Vergangenheit negative Erfahrungen gemacht. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: In aller Kürze Die Finanzierung des Kriseninterventionsteam "Stalking und häusliche Gewalt" (Stalking-KIT) ist weiterhin gesichert. Das geht aus einer Antwort des Senates auf eine Kleine Anfrage der CDU hervor. "Die zur Fortführung des Projektes als erforderlich angesehenen Mittel" werden auch 2009 "in voller Höhe zur Verfügung gestellt" heißt es darin. Derzeit bekommt das Stalking-KIT Gelder in Höhe von 43.958 Euro und beschäftigt dafür eine psychologische Fachkraft sowie eine fachliche Leitung mit insgesamt 30 Wochenstunden. Träger des Projektes ist der Täter-Opfer-Ausgleich, der momentan mit gut 150.000 Euro gefördert wird. Schätzungen zufolge sind in Deutschland rund 600.000 Menschen von Stalking betroffen, in Bremen wären das demzufolge gut 4.800 Menschen. Inzwischen ist Stalking auch ein eigenständiger Straftatbestand. Nirgendwo werden so viele Anträge auf Opferentschädigung gestellt wie in Bremen. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der CDU hervor. Doch während im Bundesdurchschnitt gut 40 Prozent dieser Anträge positiv entschieden werden, sind es in Bremen nur 26,7 Prozent. Zwischen 2003 und 2008 wurden in Bremen 3.371 Anträge nach dem Opferentschädigungsgesetz gestellt, 110 davon führten zu einer Bewilligung von laufenden Renten, in weiteren 770 Fällen wurde ein Anspruch auf Heilbehandlung anerkannt. Der Gesamtbetrag der Ausgaben lag bei 10.815.583 Euro. Die Entschädigten sind zumeist Körperverletzungen zum Opfer gefallen, sagt die Statistik, weitere Schwerpunkte sind Raubstraftaten und Gewalttaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. In Bremen wurden 2008 53 Menschen abgeschoben, 67 weitere befanden sich in Abschiebehaft. Das geht aus einer Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei in der Bürgerschaft hervor. Zum Vergleich: 2002 wurden 440 Menschen aus Bremen abgeschoben, 2005 noch 166 und 2007 waren es 54. Zurückgegangen ist der Statistik zufolge auch die Zahl der Abschiebehäftlinge: 2003 waren es 386, ein Jahr später immer noch 249, 2007 indes nurmehr 49. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich bei den Abgeschobenen um Männer. Zwischen 2003 und 2008 wurden alles in allem elf Minderjährige "rückgeführt". Seit jeher stark vertreten sind unter den Abgeschobenen türkische Staatsangehörige, in den vergangenen beiden Jahren zudem Serben sowie Menschen aus Marokko und Algerien. Früher ebenfalls stark repräsentiert waren die mittlerweile zur EU gehörigen Staaten Bulgarien und Rumänien. taz ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: Recht in Kürze Die Hamburger Justizbehörde bildet in diesem Monat erstmals RichterInnen zu Streitschlichtern aus. In drei Blöcken lernen 20 Gesetzeshüter von April bis August, wie man Konflikte entschärft. Es gibt in Hamburg zwar bereits RichterInnen mit Mediatorenausbildung, diese mussten die Qualifikation aber aus eigener Tasche bezahlen. In diesem Jahr organisiert zum ersten Mal die Justizbehörde die Weiterbildung und übernimmt auch den überwiegenden Teil der Kosten. Außerdem beteiligt sich die Bucerius Education GmbH, eine Tochtergesellschaft der Bucerius Law School an den Kosten. So sich die Hoffnung von Justizsenator Till Steffen (GAL) erfüllt, werden durch die Fortbildung Folgeprozesse vermieden. Nach dem Verbot der Genmaissorte MON 810 ruft die Hamburger Verbraucherzentrale ruft Handel und Hersteller dazu auf, ihren Widerstand gegen das neue Label "Ohne Gentechnik" aufzugeben und entsprechende Produkte ins Sortiment aufzunehmen. Wie eine aktuelle Marktrecherche der Verbraucherzentrale Hamburg und von SlowFood ergab, findet man bisher nur vereinzelt mit "ohne Gentechnik" gekennzeichnete Produkte in den Supermarktregalen. Deshalb hat die Zentrale auf ihrer Internetseite ein Link mit einer Liste von gentechnik-freien Lebensmitteln eingerichtet. Konsumenten werden gebeten, die Zentrale bei der Erweiterung der Liste zu unterstützen. Gleichzeitig warnen die Verbraucherschützer vor dem Konsum von Lebensmitteln, die das Label "ohne Gentechnik" nicht tragen. Gerade bei tierischen Produkten ohne dieses Siegel müsse man davon ausgehen, dass diese mit gentechnisch verändertem Futtermittel hergestellt wurden. Produkte, die das Siegel tragen, verzichten laut Verbraucherzentrale sogar auf Beimengungen von gentechnisch erzeugten Zusatzstoffen, Aromen und Vitaminen. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: Wenn das Kind auf der Strecke bleibt Untertitel: FAMILIENRECHT Viele Alleinerziehenden nutzen ihre Macht über die Kinder aus, um den anderen Elternteil zu verletzen. Dabei laufen auch Väter, die sich kümmern wollen, Gefahr, zum bloßen Unterhaltszahler zu werden FAMILIENRECHT VON GUDRUN HOLTZ Zu seinem Sohn hat Michael Steinhoff derzeit keinen Kontakt. Drei Jahre ist es her, dass der Bremer sich scheiden ließ, der Sechsjährige lebt heute bei seiner Exfrau. Ein halbes Jahr nach der Trennung ging sie das erste Mal vor Gericht, um den Kontakt zwischen Vater und Sohn zu verhindern. Immer wieder wurde Steinhoff beschuldigt, sich dem Kind gegenüber falsch zu verhalten. Zum Teil wurden die Anschuldigungen als unbegründet abgewiesen. Wenn sich Elternpaare trennen oder scheiden lassen, geraten Väter in Gefahr, auf den Unterhaltszahler reduziert zu werden. Der Bremer Rechtsanwalt Bruno Contur rät, innerhalb eines Scheidungsverfahrens eine Regelung des Sorgerechts, des Aufenthaltsbestimmungsrechts und des Umgangsrechts zu beantragen. Conturs Erfahrungen zeigen, dass Paare es oftmals versäumen, dies zu klären, weil immer noch die Auffassung besteht, es werde schon irgendwie klappen. So wie bei Michael Steinhoff und seiner Frau. Wie immer die noch ausstehenden Entscheidungen des Gerichts ausfallen: Viele Alleinerziehende nutzen ihre Macht über die Kinder aus, um den anderen Elternteil zu verletzen. "Man könnte ganz brutal sagen, es geht oft nicht um die Kinder. Es geht häufig um die Auseinandersetzung der Eltern", sagt der Bremer Psychoanalytiker Heiko Jelinek. Ungelöste Konflikte zwischen Vater und Mutter brächten die Mutter dazu, den Vater verdrängen zu wollen. Und bei Gericht bekommen die Mütter häufig Rückendeckung. Laut Jelinek ist das kein Zufall: "Die Mütter können auf dem verbreiteten Klischee aufbauen, die Kinder gehörten zur Mutter. Und das wird durch Behörden und Gerichte sehr stark unterstützt." Heiko Jelinek leitet in Bremen eine Vätergruppe. Dort stehen sich Trennungsväter einmal in der Woche mit Rat und Tat zur Seite. In der Regel sehen sie alle ihre Kinder - doch der Kontakt ist ihnen oft zu kurz oder nicht häufig genug. Daneben gibt es immer wieder den Kampf mit den Müttern. Und das obwohl nach Jelineks Meinung die Väterforschung längst belegt hat, dass Väter für die Entwicklung ihrer Kinder genauso wichtig sind wie die Mütter. Der Vater ist wichtig für die Tochter. "Er kann ihr helfen", so Jelinek, "ein gutes weibliches Selbstgefühl zu entwickeln, sich als Mädchen in der eigenen Weiblichkeit wohlzufühlen". Für Jungen spielt der männliche Part in der Erziehung ebenfalls eine wichtige Rolle. "Bei den Söhnen", sagt der Psychoanalytiker, "ist es wichtig, sich aus der Situation des kleinen Prinzen der Mutter gegenüber zu lösen, aus dieser möglicherweise überengen Mutter-Sohn-Beziehung. Für den Jungen bedeutet der Vater eine Identifikationsfigur, stärker als für das Mädchen." Häufig haben die Kinder keine anderen männlichen Vorbilder, denn bis zum Grundschulalter treten oft kaum Männer in ihrem Leben auf. Spätestens im Erwachsenenalter zeigen sich die Konsequenzen. Nach Einschätzung von Jelinek ist es sogar fraglich, ob Jungen, die ohne Vater aufgewachsen sind, in späteren Partnerschaften ihre Aufgabe als verlässliche Männer richtig erfüllen können. Aus Jelineks Sicht machen sich viele Frauen zu wenig Gedanken darüber, "dass auch Mütter in der Pflicht sind, Jungen so zu Männern mit zu erziehen, dass sie später reife verlässliche Partner und dann eben auch wieder Väter werden." Wenn Frauen aus der Enttäuschung über das Beziehungsende dafür sorgen wollten, dass ihr Kind mit ihrem Expartner nichts mehr zu tun habe, sei das eine Überreaktion. Früher wurden Männern oft pauschal Unzulänglichkeiten in der Kindererziehung zugeschrieben. "Das ist eine kollektiv akzeptierte Diskriminierung der Männer im Umgang mit den Kindern", sagt Jelinek. Für seine Begriffe handelt es sich dabei um eine behördlich akzeptierte Schädigung des Kindeswohls. Hier würden Kinder "um ihre Vaterbeziehung betrogen". Die Behörden sind dafür zuständig, im Falle einer Scheidung sicherzustellen, dass die Kinder zu beiden Elternteilen guten Kontakt haben. Der Cochemer Familienrichter Jürgen Rudolph verortet das Problem im Rechtssystem, bei dem die "Sichtweise des Kindes auf der Strecke bleibt". Der Versuch, mit rein juristischen Formeln Familienkonflikte zu lösen, ist seiner Meinung nach nicht Erfolg versprechend. Das Gericht produziere Sieger und Verlierer "und Kinder gehen dabei immer mit als Verlierer heraus". Rudolph ist Mitinitiator des Cochemer Modells, das gerichtlich andere Wege beschreitet. "Kinder sollen auch nach einer Trennung einen ausgewogenen Kontakt zu beiden Eltern haben können", so der Familienrichter. Die am Verfahren beteiligten Institutionen agieren nicht als Entscheider, sondern als Moderatoren. Sie sehen ihre Aufgabe darin, Konflikte zu lösen. Ein Weg, der sich bislang bewährt hat. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: Freie Einreise Untertitel: VISAFREIHEIT Ein Hamburger Anwalt hat eine Petition mitinitiiert, die türkischen Touristen künftig das Visum ersparen soll VISAFREIHEIT Türken sollen visumsfrei in die EU einreisen dürfen. Dies fordert der Hamburger Rechtsanwalt Ünal Zeran. Und beruft sich auf ein Zusatzprotokoll, das 1973 zwischen der Türkei und den damaligen EWG-Staaten vereinbart wurde. Dort ist zu lesen, dass die Bedingungen des Dienstleistungsverkehrs in Zukunft nicht verschlechtert werden dürften. Damals durften sich Türken bis zu drei Monate ohne Visum in Deutschland und einigen EU-Ländern aufhalten. Mit dem deutschen Ausländerrecht wurde sieben Jahre später allerdings die Visumspflicht für Türken eingeführt. Diesen Umstand prangert Ünal Zeran an: "Der völkerrechtliche Vertrag von 1973 ist höher zu stellen als die nationalen Vorschriften", sagt der Anwalt. Teilweise recht gibt ihm ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg vom Februar dieses Jahres. Nach jahrelangem Rechtsstreit setzte ein türkischer Lastwagen-Fahrer durch, dass seine Berufsgruppe künftig ohne Visum nach Deutschland fahren darf. Das Innenministerium bezeichnet das Urteil als Ausnahmeregelung ausschließlich für Kraftfahrer. "Es geht darin nur um die aktive Dienstleistung", sagt ein Sprecher der CDU/CSU. "Wer nur Dienstleistungen nutzt, ist davon nicht betroffen." Eine Visumsfreiheit für türkische Touristen sei deshalb kein Thema. Einziger Diskussionspunkt sei, ob die Abschaffung der Visumspflicht auf weitere Berufsgruppen aus dem Dienstleistungsbereich übertragen wird. "Halbwegs intelligente Menschen können so etwas nicht behaupten, wenn sie die Rechtssprechung des EU-Gerichtshofs verfolgen", sagt hingegen Ünal Zeran. Für ihn ist klar: "Der Gerichtshof hat damit auch alle Türken eingeschlossen, die eine Dienstleistung in Anspruch nehmen, wie es sich aus seiner früheren Rechtssprechung ergibt." Aus diesem Grund hat er zusammen mit seiner Mannheimer Berufskollegin Ilknur Baysu eine Petition beim Europaparlament und dem Bundestag eingereicht. Darin fordern sie eine einheitliche Regelung für die Einreise von Türken in die EU. Was für Lastwagenfahrer gilt, soll auch für Touristen möglich sein. "Ob visumsfreie Einreisen auch für passive Dienstleistungen gelten, ist eine Frage der Auslegung", sagt Armin Hatje, Jurist an der Uni Hamburg. Für die Argumente der Bundesregierung spreche, dass "das Zusatzprotokoll von 1973 nur für aktive Dienstleistungen gegolten hat". Allerdings urteilte der Europäische Gerichtshof in den 80er Jahren, dass die visumsfreie Einreise auch für passive Dienstleistungen möglich ist. "Versteht der Gerichtshof seine Entscheidungen rückwirkend, würde dies also auch für das Zusatzprotokoll von 1973 gelten", sagt Hatje. Ünal Zeran ist zuversichtlich, dass die Petition erfolgreich sein wird. "Allerdings nur, wenn sie rein juristisch und nicht politisch bewertet wird", sagt der Rechtsanwalt. Vor der Europa- und der Bundestagswahl erwartet er jedoch keine Lösung. CHRISTIAN WALTHERT Ünal Zeran, Anwalt ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: KARIN TONDORF ist Beraterin zu Entgelt- und Gleichstellungspolitik. Am 8. 5. schult die 57-Jährige Gleichstellungsbeauftragte und Betriebsrätinnen im Auftrag des Feministischen Rechtsinstituts in Hamburg. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 44 Titel: WENN VÄTER SICH NICHT KÜMMERN Viele Väter bekommen Beruf und Familie nach wie vor nicht unter einen Hut und wollen das auch gar nicht: So nehmen lediglich 13 Prozent der Papas eine Auszeit oder treten beruflich kürzer, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Dafür arbeiten aber 68 Prozent der Mütter weniger oder machen für die Kinder eine Pause im Job. Eine repräsentative Forsa-Umfrage ergab, dass jeder zweite Vater auch gar nicht kürzer treten will. Fast jeder Dritte kann sich das zwar vorstellen, schafft es aber nicht, dies auch umzusetzen. Bei den Müttern wollen nur 15 Prozent keinesfalls weniger arbeiten. Es sind vor allem finanzielle Sorgen, die Eltern von einer beruflichen Pause abhalten. - Dies bejahten 59 Prozent der Befragten. Lediglich sechs Prozent haben Angst vor einem Karriere-Aus. Mehr als jeder Fünfte musste bereits einmal wegen seines Jobs einen Urlaub absagen oder verkürzen. Fast die Hälfte der Eltern arbeitet ab und zu auch am Wochenende und mehr als jeder Dritte nimmt sich des öfteren Arbeit mit nach Hause. Überstunden machen 46 Prozent der Befragten. Fast jede dritte Mutter verbringt mehr als acht Stunden täglich mit der Kindererziehung. Im Vergleich: Nur fünf Prozent der Väter sind "Vollzeit-Papas" - aber 28 Prozent der Väter haben schon mal den Geburtstag ihres Kindes oder dergleichen verpasst. dpa ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 45 Titel: Recht in Kürze Auch wer unter krankhaftem Sammelzwang leidet, muss seinen Müll vorschriftsgemäß entsorgen. Das so genannte Messie-Syndrom berechtige jedenfalls nicht dazu, Unrat in großen Mengen in einem Wohnhaus zu deponieren, entschied das Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg. Damit entschieden die Richter in Lüneburg wie ihre Kollegen vom Göttinger Verwaltungsgericht. Die hatten einen Mann aus Moringen im Landkreis Northeim angewiesen, rund 50 Kubikmeter verdorbene Lebensmittel, Sperrmüll und ähnliches aus seinem Haus zu entfernen. Der Mann sammelt den Unrat seit Jahren in seinem Haus. Weil dadurch Ratten angelockt und Anwohner durch Fäkaliengeruch erheblich belästigt wurden, hatten die Behörden wiederholt die Beseitigung des Mülls angeordnet. Eine Berufung gegen das Urteil ließ das OVG nicht zu. In Hannover lädt ver.di zu zwei Fachtagungen ein. Die erste findet am 18. Juni statt. Thema: "Zwischen Konfliktscheue und Streitlust - wie Betriebs-und Personalräte Einfluss nehmen können". Eingeladen sind auch Schwerbehinderten- und Mitarbeitervertreter. Anmeldungen unter www.bw-verdi.de, die Teilnahmegebühr beträgt 275 Euro. Die Veranstaltung findet statt auf den ver.di-Höfen in Hannover. "Mehr Männer in die Kitas" ist das Motto der zweiten bundesweiten Fachtagung, die sich mit dem Thema beschäftigt. Am 23. und 24. 10. treffen sich Interessierte auf Einladung von ver.di in der Fachhochschule Hannover. Auf dem Kongress geht es unter anderem um den vielfach beklagten Männermangel in Kitas - ihr Anteil bei den Betreuenden liegt bei mageren drei Prozent. Und das, obwohl Männer laut Veranstalter genauso wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind wie Frauen. Die Veranstaltung wendet sich gezielt an männliche Kollegen. Anmeldung und weitere Informationen unter www.männerinkitas.de. Die Teilnahmegebühr beträgt 50 Euro. Das Hanseatischen Oberlandesgericht gewährt einem Journalisten teilweise Prozesskostenhilfe, der von einer Autorin der rechtsgerichteten Internetseite "Politically Incorrect" auf Unterlassung bestimmter Äußerungen verklagt wurde. Der Journalist hatte Beiträge der Klägerin unter anderem als "rassistische Scheißhauskritzelei" bewertet. Der Beklagte berief sich darauf, dass die Artikel der Klägerin die streitigen Äußerungen herausgefordert hätten. Dem gab das Gericht teilweise recht. "Die Artikel der Anklägerin sind davon geprägt, als schädlich empfundene Verhaltensweisen von Muslimen undifferenziert darzustellen", hieß es in der Begründung. Das Verfahren steht noch aus. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 45 Titel: Piratengericht in Hamburg Untertitel: PIRATERIE Eine breite Koalition macht sich für ein Piraten-Tribunal am Hamburger internationalen Seegerichtshof stark. Kritiker monieren, dass der Gerichtshof für Prozesse dieser Art kein Mandat habe PIRATERIE VON SEBASTIAN BRONST Kein Tag ohne Hiobsbotschaften aus den piratengeplagten Gewässern vor der Küste Somalias. Militärische Befreiungsaktionen, gewaltsame Schiffsentführungen, tote Geiseln. Am krisengeschüttelten Horn von Afrika führt die Welt einen Guerillakrieg gegen schwer bewaffnete Freibeuter. Prozesse gegen gefangene Piraten auf heimischem Boden aber scheinen Regierungen weltweit zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Das Augenmerk richtet sich daher zunehmend auf eine Alternative, die den beschaulichen Hamburger Elbvorort Blankenese zur juristischen Hauptfront im Kampf gegen die Piraten machen könnte. Die Idee: Ein Tribunal am dortigen internationalen Seegerichtshof (IFLOS) soll die Prozesse gegen die mutmaßlichen Täter künftig zentral übernehmen. Eine breite, sogar parteiübergreifende Koalition begeistert sich in Deutschland für ein solches Welt-Piratengericht - Hamburgs GAL-Justizsenator Till Steffen gehört ebenso dazu wie der Verband Deutscher Reeder (VDR), Schleswig-Holsteins SPD-Justizminister Uwe Döring und die innen- und verteidigungspolitischen Sprecher der Unions-Fraktionen im Bundestag. Auch der Kieler Seerechtsprofessor Uwe Jenisch hält es für sinnvoll, den chronisch unterbeschäftigten Seegerichtshof mit der Aufgabe zu betrauen: "Der Teufel steckt im Detail. Aber es wäre vernünftig, für Prozesse gegen Piraten eine übergeordnete Stelle zu schaffen". Ganz anders sieht das der ehemalige Präsident des Seegerichtshofs, Rüdiger Wolfrum. Er hält es für unsinnig, Verdächtige über tausende von Seemeilen nach Hamburg zu fliegen, um sie dort vor ein eigens geschaffenes UN-Gericht zu stellen. Dafür gebe es keine rechtliche oder praktische Notwendigkeit, betont der Völkerrechtsexperte. Das nationale deutsche Justizsystem könne das Problem aus eigner Kraft lösen, und im Übrigen sei der Seegerichtshof in Hamburg für Piraten-Verfahren auch nicht geeignet. "Ich habe dafür kein Verständnis." Tatsächlich sind es keine strafrechtlichen Zweifel, die Behörden und Politiker nach einem internationalen Tribunal rufen lassen. Piraterie ist ein Straftatbestand, den jeder Staat ahnden darf, sofern sich der Vorfall in internationalen Gewässern ereignet. Prozesse gegen Piraten, die deutschen Sicherheitskräften vor Somalia in die Hände fallen, wären nach geltendem Recht hierzulande möglich. Die Gründe, warum das nicht passiert, sind vielschichtig. Das Bundesinnenministerium hat Sorge, angeklagte Piraten könnten Asylanträge stellen und Nachahmertaten provozieren. Hamburgs Justizbehörde hält Piraten-Prozesse wegen ihrer typischen "komplexen internationalen Gemengelage" an einem staatenübergreifenden Gericht prinzipiell für besser aufgehoben, wie deren Sprecher Thorsten Fürter erklärt. Bislang bedienten sich deutsche Behörden eines Outsourcing-Modells, bei dem sie gefasste Piraten an Kenia überstellten. Die EU schloss unlängst ein Abkommen mit dem Nachbarstaat Somalias, das diese Praxis zur Regel macht. Doch mehr als eine Notlösung kann das kaum sein. Kenia ist kein rechtstaatliches Musterland. Erweisen sich die Verfahren dort als unfair, wäre die Überstellung weiterer Verdächtiger deutschen Behörden bald unmöglich, mahnte jüngst Hamburgs Justizsenator Steffen. Spätestens dann wäre ein internationales Gericht wohl die letzte Lösung. Die damit verbundenen Probleme aber werden nach Ansicht von Völkerrechtlern massiv unterschätzt. Der Hamburger Seegerichtshof lasse sich nicht einfach zum Piraten-Tribunal machen, betont dessen früherer Leiter Wolfrum, jetzt Direktor des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Der Seegerichtshof sei eine Streitbeilegungsinstanz nach Art eines Zivil- oder Verwaltungsgerichts, gedacht unter anderem für die Auslegung der UN-Seerechtskonvention. Für Strafprozesse gegen Individuen sei er weder autorisiert noch geeignet, so Wolfrum. Das Mandant zu erweitern oder alternativ ein anderes UN-Piratengericht zu schaffen, dauere "mindestens ein bis zwei Jahre - wenn es schnell geht." Aber selbst damit sei noch keines der praktischen Probleme, die in Deutschland diskutiert werden, gelöst, betont Jenisch. Auch für ein internationales Gericht sei es schwierig, über große Entfernungen hinweg Beweise sichern zu lassen und andere rechtstaatliche Prinzipien zu gewährleisten. Es benötige dafür schon im Vorfeld die Unterstützung nationaler Ermittlungsbehörden, sonst würden Verdächtige aus aller Welt am Ende nur am Hamburger Flughafen "abgeladen", ohne dass es Prozesse geben könne. ************************************************************ Ausgabe: taz Nord Ressort: Spezial Seite: 45 Titel: Unser Mann bei der UNO Untertitel: UN-DIENSTGERICHT Der Hamburger Verwaltungsrichter Thomas Laker wird künftig über arbeitsrechtliche Streitfälle bei der UN urteilen. Das ist Neuland - für ihn und für die UN. Denn bislang gab es dort kein Beschwerdesystem für die MitarbeiterInnen UN-DIENSTGERICHT Anfänglich war es nur ein spontaner Entschluss, dem Thomas Laker nachkam, als die Stellenausschreibung per Email in seinem Postfach landete. Dass seine Bewerbung bei den Vereinten Nationen Chancen haben könnte, damit habe er selbst zunächst nicht gerechnet, erzählt der groß gewachsene Hamburger Verwaltungsrichter mit dem beeindruckenden grauen Schnauzbart. Doch er hatte sich getäuscht: In einem komplizierten Auswahlverfahren setzte sich der 53-Jährige gegen immerhin hunderte Mitbewerber durch und wurde von der UN-Generalversammlung zu einem von insgesamt zwölf Richtern am neuen Dienstgericht der Weltorganisation gewählt. Zusammen mit vier KollegInnen aus Botswana, Mauritius, Großbritannien und Neuseeland wird Laker in erster Instanz für die Lösung arbeits- und disziplinarrechtlicher Streitfälle zwischen der UN und ihren vielen tausend Mitarbeitern zuständig sein. Die anderen sieben gewählten Juristen werden als Berufungsrichter dann über Einsprüche gegen ihre Urteile entscheiden. Was unspektakulär klingt, ist für die weltumspannende Organisation Neuland: Die Möglichkeit, bei Mobbing, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz oder Benachteiligung bei Beförderungen einen Richter anzurufen, gab es für Mitarbeiter der UN bislang nicht. Als Beschäftigte einer internationalen Organisation war ihnen der Gang zu nationalen Gerichten versperrt, die UN verfügte nur über ein internes Beschwerdesystem. "Und das war nicht unabhängig", sagt Laker. Zur Einrichtung des "United Nations Dispute Tribunal" entschloss man sich erst, nachdem eine externe Expertenkommission 2006 diese Praxis als unbefriedigend kritisiert hatte. In den folgenden Jahren leiteten die UN die entsprechenden Entscheidungen in die Wege, und vom 1. Juli diesen Jahres gehört es nun zur Aufgabe des Hamburger Juristen und seiner KollegInnen, die dafür nötigen Abläufe zu etablieren. Auch die UN hätten am Ende erkannt, "dass eine Organisation, die die Gewährung effektiven Rechtsschutzes zum Inhalt ihrer Charta gemacht hat, schlecht beraten ist, wenn sie im eigenen Bereich so weit hinter ihren Standards zurückbleibt", sagt Laker mit zarter Ironie. Sein neues Büro wird der Familienvater und bekennende Fan des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen in Genf aufschlagen. Seine Kollegen verteilen sich auf New York und Nairobi, damit allen Bediensteten im weit verzweigten Netz der UN ebenfalls Anlaufstellen zur Verfügung stehen. Wie das Dienstgericht im Detail arbeiten wird, müssen die neuen Richter zuvor allerdings noch klären. Die Vorgaben der Generalversammlung sind bewusst vage, die Details der Prozessordnung sollen sie bei einem Arbeitstreffen im Juni selbst ausarbeiten. "Selbstverständlich ist das eine große Herausforderung", sagt Laker, der sich bereits auf die Zusammenarbeit mit seinen ihm bislang persönlich noch unbekannten Mitstreitern freut: "Echte Vorbilder für das Gericht gibt es ja nicht." SEBASTIAN BRONST THOMAS LAKER ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 18 Titel: Ökologie versus Ökonomie In der Finanzkrise bricht der alte Konflikt aus Anfangszeiten der Umweltbewegung wieder auf Untertitel: FELIX LEE POLITIK VON UNTEN Die einstige Galionsfigur der GlobalisierungskritikerInnen von Attac, Sven Giegold, inzwischen Grünen-Kandidat bei den Wahlen fürs Europaparlament, hat mal gesagt: "Ohne social peace gibt es auch keinen green peace." 2003 war das, beim ersten McPlanet, dem Kongress, der die Globalisierungskritiker von Attac mit den Umweltverbänden zusammenbringen sollte. Giegolds damalige Absicht: Er wollte die etablierten Umweltverbände wieder stärker an Bewegungen anbinden und für ökonomische und soziale Themen sensibilisieren. Durchaus mit Erfolg: Nach Jahren weitgehender Demo-Abstinenz tauchten auch auf Sozialprotesten wieder Fahnen von Greenpeace oder BUND auf. Anlässlich des 4. McPlanet-Kongresses, der am nächsten Wochenende in Berlin stattfindet, müsste der Appell umgekehrt werden: Ohne green peace auch kein social peace. Zwar mahnen selbst Ökonomen, dass der Klimawandel schlimmere Auswirkungen haben wird als die derzeitige Finanzkrise. Aber in Zeiten, in denen hunderttausende Jobs auch in Deutschland bedroht sind, rangiert die Ökonomie wieder einmal vor der Ökologie. Die Grünen - darunter auch Giegold selbst - wittern in der Krise zwar die Chance, Marktregulierung mit Umweltschutz zu verknüpfen. Dieser "Green New Deal" findet bei vielen Regierungschefs der Industriestaaten auch tatsächlich Anklang. Aber die Realität ist anders: In einer Studie zeigte Germanwatch kürzlich, dass die klimafreundlichen Ausgaben in den Konjunkturpaketen der G-20-Staaten gerade 6,6 Prozent ausmachen. Und so stecken die Umweltaktivisten nun selbst in der Krise. Ihre Themen werden zwar registriert, haben aber nicht nur bei den Regierungschefs, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung keine Priorität. Von einem Revival der Umweltbewegung kann derzeit zumindest keine Rede sein. Für umweltpolitische Appelle ist der McPlanet-Kongress auch der falsche Ort. Die europaweite Demonstration der Gewerkschaften unter dem Motto "Die Krise bekämpfen. Sozialpakt für Europa! Die Verursacher müssen zahlen!" am 16. Mai wäre angebrachter. Aber vielleicht hat Giegolds Appell von vor sechs Jahren ja gefruchtet - und AktivistInnen von Greenpeace oder BUND lassen sich auch auf dieser Sozialdemo blicken. Der Autor ist Redakteur für soziale Bewegungen FOTO: WOLFGANG BORRS ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 18 Titel: nächste frage DIE SONNTAZFRAGE WIRD VORAB ONLINE GESTELLT Immer dienstags ab 12 Uhr. Wir wählen eine interessante Antwort aus und drucken sie dann in der sonntaz taz.de/sonntazstreit ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 18 Titel: Bringt Obama nun die Wende? Untertitel: ZWISCHENBILANZ Am 30. April ist Barack Obama 100 Tage im Amt. Menschenrechte, Krise, Kriege - Obama und die Hoffnungen ZWISCHENBILANZJa! Irene Khan aus Bangladesch ist internationale Generalsekretärin von amnesty international Präsident Obama korrigiert einige der Verfehlungen, die die Bush-Regierung im Namen des Kriegs gegen den Terror begangen hat. An seinem zweiten Tag im Amt ordnete er an, das Gefangenenlager in Guantánamo binnen einem Jahr zu schließen, prangerte Folter und Misshandlungen an und beendete die geheimen Haftstätten der CIA. Das ist definitiv richtig, aber er muss noch mehr machen. Noch immer herrscht Straflosigkeit - er muss Ermittlungen unterstützen, um diejenigen vor Gericht zu stellen, die für die Verfehlungen verantwortlich sind. Er muss Menschenrechtsverletzungen der CIA in Afghanistan angehen. Obama will einen Sitz im Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen. Das ist völlig richtig so. Aber er muss ihn benutzen, um andere - wie China und Israel - auf den Pfad der Menschenrechte zu ziehen. Er ist auf dem richtigen Weg, und wir erwarten mehr. Frank-Walter Steinmeier ist Bundesaußenminister und SPD-Kanzlerkandidat Präsident Obama steht für Neuanfang und Wandel in der amerikanischen Politik, für Zuversicht in schwieriger Zeit, für eine Gesellschaft, in der alle unabhängig von Herkunft und Hautfarbe ihre Chance haben. Auch außenpolitisch geht er neue Wege: Diplomatie statt Abschottung, Dialog statt Ausgrenzung, jüngstes Beispiel Kuba. In der Klimapolitik oder bei der Abrüstung haben wir endlich einen Partner, der selbst mutig vorangehen möchte. Kein Zweifel - über den Atlantik weht ein frischer Wind, eine neue Offenheit. Und selten war das so wichtig wie jetzt. Ich sehe die Chance für einen Neubeginn in den transatlantischen Beziehungen. Nutzen wir sie! Davina Kotulski ist eine national bekannte Autorin und Homoehenaktivistin aus San Francisco Obama hat schon bewiesen, dass er radikal anders ist als sein Vorgänger. Rechte für Schwule und Lesben waren Teil seines Wahlkampfprogramms, und seit er im Amt ist, hat er die UN-Prinzipien gegen die Kriminalisierung von Homosexualität unterschrieben und schwul-lesbische Familien zum traditionellen Ostereiersuchen im Weißen Haus eingeladen. Das sind Schritte in die richtige Richtung. Aber wir brauchen handfeste Maßnahmen. Einige Ungerechtigkeiten sollte er sofort angehen, etwa die Diskriminierung von schwulen und lesbischen Soldaten. Im nächsten Schritt könnte Obama zeigen, dass er wirklich ein Fürsprecher von Einwandererrechten für binationale gleichgeschlechtliche Paare ist. Es wird zugegebenermaßen schwierig sein, den Defense of Marriage Act (Doma) abzuschaffen, der 1996 unter Bill Clinton eingeführt wurde und der die Bundesregierung dazu verpflichtet, gleichgeschlechtliche Ehen nicht anzuerkennen. Das muss sich ändern. Verabschiedet sie endlich, die Gesetze! Yoani Sánchez lebt in Havanna und betreibt den unabhängigen, preisgekrönten Blog "Generación Y". In wenigen Monaten hat Barack Obama mehr für die Normalisierung der Beziehungen zu Kuba getan als George W. Bush in seiner gesamten Amtszeit. Wir stehen zwar in Obamas Prioritätenliste nicht ganz oben, aber wir sind auch nicht zur totalen Vergessenheit verdammt. Er hat die Einschränkungen für Besuche und Geldsendungen kubanischer Emigranten aufgehoben und "droht" jetzt damit, den US-Tourismus auf der Insel wieder zuzulassen. Unsere Regierenden sind schon ganz durcheinander, denn sie haben sich an aggressive Gegner gewöhnt, mit denen sie das Fehlen von Freiheiten in Kuba begründen konnten. Mit seinem Lächeln und seiner Jugend wird Obama von vielen meiner Landsleute bewundert. Lediglich die größten Antiimperialisten versuchen, der "Obamania" etwas entgegenzusetzen: "Obama", sagen sie, "ist wie Bush - nur schwarz angemalt." Nein! Phyllis Bennis vom Institute for Policy Studies in Washington gehört zur US-Friedensbewegung Präsident Obama hat seine Wahlversprechen in Sachen Afghanistan nicht gebrochen - er hat versprochen zu eskalieren, und das hat er gemacht. Aber es gibt keine militärische Lösung für Afghanistan, und mehr Truppen zu schicken wird nicht den Sieg bringen. Das Gleiche gilt für die unbemannten Bomberdrohnen, die schon routinemäßig sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan Zivilisten töten und die Menschen direkt in die Arme der Taliban und anderer Widerstandsgruppen treiben. Obamas Militäretat beträgt 664 Milliarden US-Dollar - 20 Milliarden Dollar mehr als der von Bush. Noch nicht enthalten sind 77 Milliarden Dollar, die Obama für die Kriege in Irak und Afghanistan dieses Jahr noch beantragen will. Will der Präsident wirklich ein zweites Vietnam in Afghanistan und Pakistan? Tariq Ali ist britischer Historiker, Filmemacher, Autor und Redaktionsmitglied der "New Left Review" Die ersten 100 Tage zeigen starke Elemente der Kontinuität mit der Regierung Bush. Wie Obama es in seinem Wahlkampf versprochen hatte, ist er fleißig dabei, den Nato-Krieg in Afghanistan über den Khaiberpass auszudehnen - das hat bereits zur Destabilisierung Pakistans geführt. Während die Nato in Afghanistan immer tiefer im Schlamassel versinkt, kommt kein Widerspruch aus Europas Außenministerien. Hermann Brochs Roman "Die Schlafwandler" sollte Pflichtlektüre für die europäischen Eliten und Bevölkerungen sein, die Obama bei seiner Europareise freundlichst begrüßt haben, ohne sich darum zu scheren, was in Afghanistan/Pakistan passiert. Dasselbe gilt für Israel/Palästina, wo Obama und die europäischen Schlafwandler die Kollektivbestrafung der Bevölkerung des Gazastreifens unterstützten. Zu Hause hat Obama den größten Geldtransfer aller Zeiten von den weniger Begüterten zu den Bankern zu verantworten. Seine Wall-Street-Bande ist so konservativ, dass sie in der New York Times regelmäßig von zwei Trägern des Nobelpreises für Ökonomie, Paul Krugman und Joseph Stiglitz, an den Pranger gestellt wird. Kein guter Start. Norman Paech, Professor für Völkerrecht, ist für Die Linke im Bundestag Obama hat begonnen, den Augiasstall auszumisten, den der Albtraum Bush hinterlassen hat, z. B. in Guantánamo. Doch Afghanistan, Iran, Palästina zeigen, wie wenig er die Bush-Spur bisher verlassen hat. Einerseits eine neue Strategie für Afghanistan, Gesprächsangebote an Iran, die Zweistaatenlösung für Palästina. Andererseits 21.000 weitere Soldaten für Afghanistan, für die kein Afghane ein sinnvolles Argument findet. Dann noch die Verlängerung der Sanktionen gegen Iran und Kuba. Und kein sichtbarer Ansatz, die Blockade der Israelis zu durchbrechen. Obama hat zum Krieg gegen Gaza geschwiegen. Obama ist nicht der Gorbatschow der USA, und diese werden ihr Imperium nicht so bald auflösen. Dafür sorgt auch sein Beraterstab, der nicht viel Hoffnung auf Wandel hergibt. Lucas Christof fer studiert Politik in Kassel. Er hat seinen Beitrag auf taz.de gestellt. Obamas Politik besteht bisher nur aus Visionen und vielen guten Ansätzen, die Vollendungen lassen jedoch auf sich warten. So hat er zwar die geheimen Gefangenenlager geschlossen, die Aufklärung über die dort stattgefundenen Folterungen fehlt jedoch. Genauso hat er die Schließung von Guantánamo angeordnet, noch immer ist aber nicht klar, was mit den Gefangenen jetzt passieren soll. Doch nicht nur bei den Menschenrechten wirkt seine Politik leicht halbherzig, auch in der internationalen Zusammenarbeit. Und wirkliche Vorwürfe sind ihm in seiner fast nicht vorhandenen Umweltpolitik und der angeblichen Friedenspolitik zu machen. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 19 Titel: Nur Jagd, nicht Politik - (UZ wird gebaut:) Tragödien auf See und demnächst zweifelhafte Piraten-Prozesse: Der Kampf gegen die Piraterie ist eindrucksvoll fantasielos Untertitel: Bettina Gaus Politik von oben Die Ansicht ist so widerlegt wie unausrottbar, dass politisches Handeln sich durch militärische Aktion ersetzen lässt. "Die Welt als Wille ohne Vorstellung" sagte mein Vater in spöttischer Abwandlung von Schopenhauer. Die Piratenjagd vor Somalia bestätigt ihn postum. Kaum etwas anderes zeugt von einem derartigen Mangel an Fantasie wie dieser Kampf, der nicht zu gewinnen ist. Gewiss: Es wird weiter von machtvollen Siegen einer gut gerüsteten Kriegsmarine berichtet werden. Tragödien werden sich ereignen, Helden werden geboren. Bis das Interesse erlahmt. Und dann? Dann wird das Problem noch immer bestehen. Somalia ist der Prototyp eines zerfallenen Staates. Seit 18 Jahren keine Regierung, keine Behörden, keine allgemein anerkannten Instanzen. Stattdessen: Bürgerkrieg, Hunger, Vertreibung. Viele erwachsene Somalier haben nie ein anderes Gesetz kennengelernt als das des Stärkeren. Und nun unterscheidet der Rest der Welt dort - Sprache der Nachrichtenagenturen - zwischen "Kriminellen" und anderen Leuten? Niedlich. Kriminelle kann es nur geben, wenn es ein Rechtssystem gibt. Das ist in Somalia nicht der Fall, und die Somalier haben wenig Grund, ihr Vertrauen internationalen Normen zu schenken. In ihren Gewässern wurde illegal gefischt, um Förderrechte für Öl haben ausländische Mächte mit unlauteren Mitteln gekämpft, Waffenhändler verdienen sich eine goldene Nase. Die US-Luftwaffe tötet bei Bombenangriffen auf angebliche Verstecke islamistischer Terroristen schuldlose Frauen, Männer und Kinder. Da erscheint Piraterie doch fast als lässliche Sünde. "Wir sind eine Welt": Dieser Slogan wurde lange Zeit als humanitärer Appell verstanden. Dabei stellt er lediglich eine Tatsache fest. Ohne politische Initiativen für Somalia werden sich Gefahren nicht erfolgreich bekämpfen lassen, die von diesem Land ausgehen. Niemand behauptet, dass ein Ausweg leicht zu finden wäre. Es ist nur eben unumgänglich, dass er gefunden wird. Verstanden wurde das bisher offenbar noch nicht. Sonst würde man gefangene Piraten nicht ausgerechnet Gerichten in Kenia überstellen wollen, wo nun der erste Prozesstermin angesetzt ist. Das Land war mehrfach Ziel von Terroristen, leidet selbst unter politischer Gewalt, und das Chaos in Somalia destabilisiert die Lage zusätzlich. "Ich besorge dir jederzeit für ein paar Dollar eine Kalaschnikow oder eine Handgranate", sagte ein kenianischer Freund kürzlich bitter. "Somalische Flüchtlinge sind da gerne behilflich." Die Menschenrechtsbilanz in Kenia ist schlecht. Überfüllte Gefängnisse, eine korrupte Polizei und Justiz, regelmäßige Misshandlungen von Verdächtigen. Wer meint, ein Problem ließe sich lösen, wenn ein somalischer Pirat vor einem kenianischen Richter steht, hat vielleicht einen festen Willen. Aber eben keine Vorstellung von der realen Welt. Und sogar ein internationales Piraterie-Gericht wäre nicht mehr als ein Kampf gegen Symptome. Die Autorin ist politische Korrespondentin der taz. Foto: Amélie Losier ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Meinung und Diskussion Seite: 19 Titel: Zeit der Heldin Untertitel: FRAUEN In Island brachte die Finanzkrise Frauen an die Macht. Kommende Woche steht bei der Parlamentswahl der nächste Sieg einer Frau bevor. Hat eine neue Ära begonnen? FRAUEN VON REINHARD WOLFF Die Sagen der Wikinger werden in Island jedem Kind erzählt. Sie handeln von risikobereiten, kraftstrotzenden Männern, die vor Jahrhunderten mit ihren Schiffen in See stachen und auf der Vulkaninsel im Nordatlantik Siedlungen gründeten. Es war genau dieses Erbe, das Islands Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson im Mai 2005 bei einem Vortrag in London beschwor. "Diese Tradition ehrt diejenigen, die sich trauen, fremde Gebiete zu ergründen und moderne Geschäfte als eine Fortsetzung des Wikingergeistes sehen", sagte er damals. Vier Jahre später ist von den Eroberern nicht viel übrig geblieben. Milliarden Schulden, die Pleitebanken verstaatlicht. Dafür rückte an die Spitze der Regierung erstmals eine Frau. Jóhanna Sigurdardóttir, 66, Sozialdemokratin und wegen ihres Kampfes gegen Korruption "Heilige Johanna" genannt, wurde die erste Regierungschefin der Welt, die in eingetragener Partnerschaft mit einer Frau lebt. Am kommenden Samstag wählt Island, und Sigurdardóttir dürfte aller Voraussicht nach für eine reguläre Amtszeit bestätigt werden. Auf viele Positionen sind Frauen gerückt, die das Land aus der Misere herausreißen sollen. In zwei der drei verstaatlichten Banken, Glitnir und Landsbanki, wurden die früheren männlichen Bankdirektoren durch Frauen ersetzt. Die norwegisch-französische Untersuchungsrichterin Eva Joly wurde angeheuert, um Licht in den Korruptionsfilz zu bringen, der Island an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Und einem einzigen Investmentfonds gelang es, im Katastrophenjahr 2008 schwarze Zahlen zu schreiben: Audur Capital, gegründet 2007 von zwei Frauen. Sie wollten eine Alternative zum männerdominierten aggressiven Finanzsektor bieten. Zu den "deal junkies" wie Audur-Gründerin Halla Tómasdóttir sie nennt. Denen "nichts als die nächste Provision" wichtig sei. Auch Audur ist eine heldenhafte Gestalt aus den Wikingersagen - allerdings nicht berühmt für Abenteuerlust, sondern für ihre Weisheit. Eine Frau. Frauen an der Spitze von Unternehmen ticken anders, sagt Tómasdóttir: Nicht unbedingt weniger risikobereit, aber risikobewusster. Die Managerin verweist darauf, dass der Titel "Unternehmer des Jahres 2008" nicht zufällig an eine Frau vergeben wurde: Rannveig Rist, Vorstandsvorsitzende von Islands größter Aluminiumschmelze. Rist hatte schon im Frühjahr 2008 die Krise heraufziehen sehen, ihr Unternehmen schuldenfrei gemacht und damit vor einem Kollaps bewahrt. Doch Rist, die Ingenieurin, die Firmenchefin wurde, ist bislang die einzige Frau an der Spitze eines so großen Unternehmens. Von wirklich gleichen Chancen für Frauen sei auch Island noch weit entfernt, meint Sigridur Thorgeirsdóttir, Philosophieprofessorin an der Universität Reykjavik: "Was die Frauenrepräsentanz in Banken, im Finanzsektor, an den Unis, in der Politik angeht, liegen wir noch weit hinter den Ländern zurück, mit denen wir uns sonst gern vergleichen." "Paradigmenwechsel? Leider nein", bedauert auch Thorgerdur Einarsdóttir, Professorin für Gender-Studien an der Universität Reykjavik: "Als die großen Banken ihre Direktoren gegen Frauen auswechselten, war das eine Panikreaktion. Sie spürten den Widerstand in der Bevölkerung. Etwas musste getan werden. Und sie taten ganz einfach das Naheliegendste, um die Unzufriedenheit einzudämmen." Ein Richtungswechsel weg von der "Gleichsetzung des Wikingerkriegers mit dem Geschäftsmann" - das sei es noch nicht gewesen. Aber: "Wir haben nun die einzigartige Chance, in diesem Vakuum, das sich da aufgetan hat, zu operieren." Halla Tómasdóttir sieht das ähnlich. Es sei ein langwieriger Prozess, den Wertegrund einer Gesellschaft zu verändern. "Doch selbst wenn Frauen jetzt nur kurzfristig auf einflussreichen Posten sitzen sollten, hoffe ich, es wird in der Gesellschaft die Erkenntnis wachsen, welche Werte Frauen einbringen können und dass diese sowohl in der Geschäftswelt wie der Politik positive Auswirkungen haben. Dann könnten wir zu einer besseren Balance kommen und die Egos blockieren, die bislang unsere Banken und unsere Politik bestimmt haben." "Wir müssen ein neues Gefühl für Solidarität schaffen", umschreibt Jóhanna Sigurdardóttir ihre künftige Aufgabe als Regierungschefin. Dass sie in diesem Amt mehr als eine Panikreaktion war, können ihr die WählerInnen am 25. April bestätigen. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Politisches Buch Seite: 33 Titel: Immuner Sloterdijk Untertitel: TANIA MARTINI Leuchten der Menschheit Ist es Häme oder Verzweiflung, mit der das Feuilleton die Abwesenheit der antikapitalistischen Linken kommentiert? Woher das plötzliche Interesse an den Kassandren? Und wo sind die nun? Überlassen die sich dem Glauben, der Kapitalismus würde sich selbst abschaffen? Oder will das gar keiner mehr? Peter Sloterdijk hat in "Du musst dein Leben ändern" (Suhrkamp, 2009) die Kernthese des Materialismus umgeschrieben. Sloterdijk zufolge ist alle Geschichte nicht mehr die von Klassen- sondern von Immunsystemkämpfen. Klingt nach Krankenversicherung: Der Mensch entwickelt körperliche und symbolische Immunsysteme, um sich gegen Bedrohungen aller Art zu schützen. Nebenbei, eine schöne Erklärung dafür, weshalb wir nie das Ende des Kapitalismus erleben werden. Immun gegen die Welt. Bedeutet das nicht auch, immun gegen das Leben? Kann Leben im Imperativ stattfinden? "Du musst dein Leben ändern!" Sloterdijk sagt, das befehle die Krise. Sein Mittel: die asketische Revolte. Vertikalspannung, Ausrichtung am Erhabenen: Der Mensch soll ständig üben, um mehr zu werden, als er bereits ist. Aber sind wir nicht schon gut genug? Sloterdijk sagt, wir müssen raus aus der Frivolität der letzten Jahre, rein in die permanente Verbesserungsarbeit, um einen Ko-Immunismus zu erreichen. Das ist ein neues "globales Immundesign", kommunistisch insofern, als es um universale Kooperation geht, um kooperative Askese. Ich weiß nicht. Das übende Leben, fit for no fun? Meine Mutter kommentierte ihre Börsenverluste: "Ach, da gehts ja den anderen nicht anders." Ist sie nun frivol? Oder immun? Oder bricht sich da die Orientierung auf ein neues Gemeinwohl Bahn? Erinnern wir uns. Marx zufolge haben die Arbeiter erst im Verlauf der Pariser Kommune ihre politische Form entdeckt. Es gibt also Hoffnung. Die Autorin ist Kulturredakteurin der taz Foto: Privat ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Politisches Buch Seite: 33 Titel: Ausruhen von den Städten Untertitel: LANDSCHAFTSARCHITEKTUR Von Beirut über São Paulo nach Innichen - ein Bildband zeigt schönere und weniger schöne Eingriffe in unsere Umgebung LANDSCHAFTSARCHITEKTUR VON EVA-CHRISTINA MEIER Wie können Freiräume und Ruhezonen in extrem verdichteten Städten die Lebensqualität nachhaltig verbessern? Was erwarten wir als deren Nutzer? Und welche gestalterischen Lösungen sind gefragt, um in der Natur Räume für Menschen zu schaffen und gleichzeitig das bestehende Ökosystem vor ihnen zu schützen? Der 600 Seiten starke "Atlas der zeitgenössischen Landschaftsarchitektur" präsentiert dazu keinesfalls nur die "besten" Lösungen, sondern bietet eine umfangreiche internationale Bestandsaufnahme für die verschiedensten Facetten landschaftsplanerischer Gestaltung. Das Spektrum der Entwürfe reicht von Großprojekten - wie dem minimalistischen Entwurf einer norwegischen Lawinenschutzanlage - bis zur Begrünung von Innenhöfen als Ergänzung zum privaten Wohnraum. Schnell wird klar, dass die vorgefundenen Ausgangsbedingungen maßgeblich das Projekt bestimmen. Wie privilegiert sind Länder wie Norwegen oder die Schweiz, deren Städte nicht überdimensioniert sind und die sich in unmittelbarer Nähe zu Wäldern, Wiesen und Seen befinden. Werden - wie am Katharina-Sulzer-Platz in Winterthur - Industrieareale in Wohnraum umgewidmet, dann versucht man den ästhetischen Charakter der vormals industriell genutzten Freiflächen zu erhalten und durch Verwendung hochwertiger Materialien ausgewählte Elemente aufzuwerten. Für die rasant anwachsende Zwölf-Millionen-Metropole Shenzhen in unmittelbarer Nachbarschaft zu Hongkong sind die Voraussetzungen ganz anderer "Natur". Auf einem unverbauten, handtuchschmalen Streifen zwischen mehrspurigen Ausfallstraßen und Wolkenkratzern entstand im Stadtteil Luohu, Teil der Sonderwirtschaftszone von Shenzhen, der Diwang Park B. Auf kleinster Fläche, um eine öffentliche Toilette angeordnet, ziehen sich mehrfarbige Pfade in Form langgestreckter Bänder, die das "Erlebnis des Spazierengehens" unterstützen sollen - was vorzustellen schwer fällt. So überzeugen im "Atlas" vor allem jene Entwürfe, die oftmals mit überraschend reduzierten Mitteln eine räumliche Auseinandersetzung mit dem Ort und seiner Geschichte betreiben. Im Parque da Juventude in São Paulo auf dem ehemaligen Gelände einer aufgelassenen Haftanstalt berankt eine üppige Vegetation die Betonträger unvollendeter Bauruinen. Ein System begehbarer Stege macht sie für den Besucher zugänglich. Im italienischen Innichen, einem beliebten Urlaubsort in Südtirol, wurden zur Verkehrsberuhigung und Neugestaltung des Zentrums Wasserflächen geschaffen, die auf besondere Weise Bezug nehmen auf die Eigenarten des Orts: Während im Sommer und Winter die Bewohnerzahl durch Touristen deutlich steigt, bleiben im Frühjahr und Herbst die Einheimischen fast unter sich. Dann werden die begrenzten Bereiche auf dem Boden der Fußgängerzone mit Wasser gefüllt und dadurch wird Fläche reduziert. Beginnt die Saison, wird wieder Platz geschaffen: Man lässt das Wasser abfließen. Überhaupt scheint Wasser ein hervorragendes Element in der Landschaftsarchitektur zu sein, um Räume zu strukturieren, Ruhe zu schaffen und uns zu beleben - eine stille, geometrische Fläche vielleicht mehr noch als eine sprudelnde Quelle. Álex Sánchez Vidiella (Hg.): "Atlas der zeitgenössischen Landschaftsarchitektur". Dumont Verlag Köln, Dez. 2008, 600 Seiten, 68 Euro ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Politisches Buch Seite: 33 Titel: "Aus den Minen von Buchara" Untertitel: GELD Vom Mittelalter bis heute: Michael North hat eine "Kleine Geschichte des Geldes" verfasst GELD taz: Herr North, welche Erkenntnisse lassen sich aus der Geschichte des Geldes gewinnen? Michael North: Wirtschaftsgeschichte, die Erforschung der Vergangenheit kann die Gegenwart erklären helfen, bietet aber natürlich keine direkten Lösungsrezepte. Was kritisieren Sie am gegenwärtigen Finanzsystem? Mitunter kommen in der Wirtschaftswissenschaft gute Rechner zu relativ banalen Ergebnissen. Zum Beispiel: Das Problem der Verbilligung von Geld hat es schon immer gegeben. Es handelt sich um kein exklusives Problem der Gegenwart, sondern um eines, mit dem wir seit dem Mittelalter konfrontiert sind. Was geschah damals? Im Frankreich des 14. und 15. Jahrhunderts verringerte das französische Königshaus den Silberanteil in den Münzen, um den Krieg gegen England finanzieren zu können. Dies führte zu einer Entwertung des französischen Geldes. Was folgte daraus? Ein Verbot der Verschlechterung der Münzqualität und eine erste formulierte Theorie der Geldpolitik durch Nicolaus von Oresme. Der sagte: Geldpolitik muss dem Interesse der Allgemeinheit dienen, nicht allein dem Staate. Edelmetall- und Geldströme waren global organisiert? Schon im Hochmittelalter wanderte etwa Silber von Freiberg über die Messen in der Champagne zu den italienischen Städten Genua und Venedig und von dort in den Nahen Osten. Silber wurde aus den Minen von Buchara im heutigen Usbekistan über Mittelasien und Kiew bis nach Skandinavien transportiert. Heute noch kann man in Schweden orientalische Edelmetalle aus dem Mittelalter finden. Gab es im Mittelalter schon Ansätze einer internationalen Währungspolitik? Ich denke, ja. Geld tendiert grundsätzlich dazu, nationale Grenzen zu überschreiten. Finanz- und Geldpolitik muss folglich ebenso grenzüberschreitend sein. Obwohl etwa das Reich in vielerlei Hinsicht kein Staat, sondern ein Zusammenschluss souveräner Fürstentümer war, kannte es eine einheitliche Währungspolitik. Man kann darin einen Vorläufer der Europäischen Gemeinschaft sehen. Auf die nationale Dimension beschränkt wurde die Finanzpolitik erst wieder im 17. Jahrhundert, während des Merkantilismus. Die Internationalisierung der Geldpolitik nimmt erst wieder ab Mitte des 20. Jahrhunderts zu. Geld ist fast immer durch Ornamente, Porträts oder Ähnliches geschmückt. Woher kommt diese enge Verbindung zwischen Geld und Kunst? Geld ist auch ein Prestigeobjekt. Im Mittelalter prägten etwa kleinere Territorialherrscher ihre eigenen Währungen, um ihre Macht zu repräsentieren. Auch heute lässt sich jede Nation auf den Euro-Münzen einzeln darstellen. INTERVIEW: JOHANNES THUMFART ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Politisches Buch Seite: 33 Titel: MICHAEL NORTH ist Professor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald. "Kleine Geschichte des Geldes. Vom Mittelalter bis heute" C. H. Beck Verlag, München 2009, 255 Seiten, 14,95 Euro ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 20-21 Titel: Der Spielemacher Untertitel: GESELLSCHAFTSSPIELE Einst hat Andreas Steinbach ein Spiel erfunden, das den Irrsinn der DDR-Wirtschaft aufspießte: Planopoly. Nun steckt der Dresdener Physiker mitten im Irrsinn des Kapitalismus GESELLSCHAFTSSPIELE VON WALTRAUD SCHWAB UND SVEN DÖRING (FOTOS) Andreas Steinbach lacht. Über den Irrsinn in der DDR zum Beispiel. Über missratenes selbst gebackenes Brot. Über "null Stunden Kurzarbeit". Sogar über sein blindes Auge. Weil er deswegen öfters was umstößt. "Kannst du nicht aufpassen?", ermahnten ihn Erwachsene früher manchmal. Bis sie irgendwann - noch vor dem Mauerbau war das - wirklich verstanden haben, dass er auf einem Auge nichts sieht. Steinbach kann nicht räumlich sehen. Er sieht alles in zwei Dimensionen - als wäre es ein Film auf der Leinwand. Aber im Leben, in seiner Arbeit als Physiker, als Forscher mit Narrenfreiheit, als Mann, der die Zukunft plant, da kennt er den dreidimensionalen Raum. Auch den vierdimensionalen, mehrdimensionalen. Dimensionen sind überwindbar, das hat er auf diese Weise gelernt. Steinbach drückt es bescheiden aus: "Ich muss immer im Voraus wissen, ob etwas mein verbliebenes Auge gefährdet. Ich muss wahrnehmen, was als Nächstes geschieht, bevor es passiert." Aber was passiert jetzt? Weiß er, was kommt - jetzt, in der Krise? In dieser großen, globalen Malaise, die nicht zu greifen ist und von der man doch hofft, dass sie an einem vorbeizieht? Steinbach ist einen Schritt weiter. Er steckt schon mittendrin. Insolvenz Am 31. März, einem freundlichen Tag, hat er in Dresden die Schlüssel von Qimonda abgegeben. In der Speicherchipfabrik hat er gearbeitet. Zum letzten Mal ist er den Berg runter zur Straßenbahn. "Infineon Nord", "Infineon Süd" heißen Haltestellen hier. Infineon, eine Abspaltung von Siemens. Qimonda, eine Abspaltung von Infineon. Auf seinem Abschiedsweg wollte Steinbach niemanden dabeihaben. Keinen Freund, keinen Fotografen, auch nicht seine Tochter - Zwetelina, Blümchen, heißt sie, nach ihrem bulgarischen Großvater Zwetomir. Qimonda ist nicht irgendeine Fabrik in Dresden. 3.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hatte sie, war größte Arbeitgeberin der Stadt. Und eine der wichtigsten Säulen von Silicon Saxony, jener kleinen Kopie des kalifornischen Silicon Valley. Mit den neuen Technologien wollte auch Sachsen der Zukunft voraus sein. "Leuchtturmpolitik" nannten die Politiker das. Und waren stolz auf das Wort. Ausgerechnet die Fabrik, die ganz vorne in der Zukunft lag, ist nun pleite. Weltweite Überproduktion führte zum Preisverfall von Speicherchips. Den Aktionären fehlt der Profit. Auf den Demonstrationen gegen die Schließung des Werks haben die "Qimondianer" Transparente getragen, auf denen der Leuchtturm versinkt. "Ich lache gern. Aber grad ist mir zum Weinen", sagt Steinbach. Er steht am frühen Nachmittag in der Küche seiner Wohnung nicht weit vom "Blauen Wunder", so heißt die gusseiserne Elbbrücke am östlichen Rand Dresdens. Steinbach ist beim Backen. Freunde wollen kommen. Zusammen spielen wollen sie. "Planopoly" heißt ihr Spiel. Suppe wird es geben und selbst gemachtes Brot. Statt Wasser nimmt er Bockbier dafür. Er schüttet einen Schluck in seine zur Kuhle geformte Hand und streicht das Bier über den Laib. Es ist wie die Geste eines Vaters, der seinem Kind entschlossen das schmutzige Gesicht abwäscht. Er erinnert sich, wie es war, wenn seine Eltern genau das taten. "Man hat es über sich ergehen lassen." Wie anderes auch. Steinbach ist in der DDR zur Welt gekommen. Fragt man ihn danach, erzählt er sofort, dass er dort seit der Mondlandung 1969 - elf Jahre alt war er damals - immer nur Deutschlandfunk hörte. Zwar konnte man in Dresden keinen Fernsehsender aus dem Westen empfangen, Radioprogramme wohl. Beim Deutschlandfunk hat er sich die Informationen geholt, die ihn aus der Eindimensionalität heraus- und in die Mehrdimensionalität hineinführten. Den Medien der DDR war die Mondlandung nur eine Kurznachricht wert. Für ihn aber war sie ein Weg ins Universum. Von da an wollte Steinbach Ingenieur werden. Am Ende wurde er Physiker. Das passt besser zu einem wie ihm, den auch die andere Seite der Dinge interessiert. Dass in der DDR immer nur eine Sicht die richtige war, das hat er beim Radiohören gelernt. Gelacht über die Einseitigkeit des DDR-Systems hat er später beim Spielen. An Silvester 1985 war er mit Freunden beim Monopoly gesessen. Jemand hatte es aus dem Westen mit rübergebracht. Aber er und seine Freunde fanden auch das zu eindimensional. "Wir brauchen Planopoly - das Monopoly der Planwirtschaft", sagten sie. Das Wort war zuerst da. Eine Silvesterlaune. Ein Jahr später jedoch gab es das Spiel. Bis zur Wende konnten sie sich den Irrsinn der DDR von der Seele spielen. Mehr Rebell war Steinbach nicht. Den Mauerfall verpasste er in Bulgarien. Dort hatte er sich verliebt. In Steinbachs Küche duftet es nach warmem Brot. Mit seinen langen, lockigen blonden Haaren sieht der 50 Jahre alte Mann aus wie einer, der noch immer den Achtzigern nachhängt. Anders als der verlebte Peter Maffay im Westen, anders als Steinbachs Idol, der zu früh verstorbene Cäsar der Ostrockband "Renft", ist er jedoch jung geblieben. Sein linkes Auge, das sich etwas langsamer bewegt als das rechte, gibt ihm den unverstellten Blick eines Kindes. Irritation Der promovierte Physiker hat das Wundern bis heute nicht verlernt. Jetzt staunt er darüber, dass er, obwohl er noch die kompliziertesten Zusammenhänge mit Engelsgeduld erklären kann, seine Arbeit verloren hat. "Dass das geht", sagt er. "Dass das Leben so unwägbar ist. Dass ich den Lauf der Dinge schon wieder nicht beeinflussen kann." Steinbachs Geschichte ist die von einem, der in die Geschichte geworfen wird. Und der, obwohl er als Physiker die Welt doch bis ins Kleinste ergründet, so darum ringen muss, sein Leben zu lenken. Nicht zum ersten Mal erfährt er, dass seine Arbeit unwichtig ist. Auch nach der Wende wurde er als Physiker, der im Halbleiterbereich experimentierte, arbeitslos. Sein Forschungsauftrag an der Universität in Dresden wurde abgewickelt. Die Apparaturen aus seinem DDR-Labor landeten auf dem Müll, er selbst fand: zu Recht. Jetzt allerdings liegt die Sache anders. Steinbach war bei Qimonda in der "Vorlaufforschung" beschäftigt. Er war einer von denen, die daran arbeiteten, Chips immer schneller, immer kleiner, immer effizienter zu machen. Er sorgte für Entwicklungsvorsprünge. Zuletzt hatte Qimonda so einen vor den Konkurrenten in Asien und den USA. Nur wurde damit auch nicht so viel Rendite erzielt, wies die Investoren doch wollen. Dies, obwohl Speicherchips überall drinstecken. Sie sind wie ein Rohstoff. Eine Grundlage. Wie Holz. Wie Öl. "Wir sind ganz vorne auf dem Entwicklungsgebiet und die Einzigen in Europa, die Speicherchips produzieren, aber nun werden wir abgewickelt", sagt er. Er holt das Brot aus dem Ofen und setzt die Suppe auf. Steinbach kocht großzügig, eigentlich für mehr Leute als das halbe Dutzend, das er zum "Planopoly" eingeladen hat. Das Spiel ist einmalig. Nur in Steinbachs Haus gibt es das. Vor dem Spiel wird - wie im real existierenden Sozialismus - die große Losung verlesen. "Alle Geschichte von Gesellschaftsspiel ist die Geschichte der Ablösung des niederen durch das höhere Gesellschaftsspiel. Das real existierende Planopoly ist der Totengräber des bürgerlich-parasitären Gesellschaftsspiels in seiner aggressivsten Form: das Monopoly." Eine Persiflage auf ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest von Marx und Engels ist das. Westdeutschen, die mitspielen, muss Steinbach das meistens erklären. Noch aber ist kein Gast da. Stattdessen kommt seine siebzehn Jahre alte Tochter in die Küche und will ihr Referat über das Römische Reich vortragen. "Die haben das Reich in Ost- und Westrom geteilt", sagt Zwetelina. Steinbach antwortet: "Das ist wie Infineon, als sie Qimonda abspalteten." - "Hey, Ostrom hat noch lange gehalten", widerspricht die Tochter. "Ich hoffe, Infineon macht es auch noch eine Weile", erwidert er. "König Konstantin war selbstherrlich. Er hat überall Statuen von sich aufgestellt", wirft Zwetelina ein. "Damals stellten die Römer Statuen von sich auf, heute geben sich die Manager Prämien." Qimonda, Infineon, die Manager - sie beherrschen seine Gedanken. Entwickler von Arbeitsspeichern wie Steinbach befinden sich im Wettlauf mit der Kleinheit. Die kritischen Strukturen, mit denen bei Qimonda gearbeitet wurde, sind kleiner als 50 Nanometer. Ein Nanometer ist ein Millionstel Millimeter. Steinbach war schon bei noch größerer Kleinheit angelangt. Die kleinsten kritischen Abmessungen, die Wissenschaftler in der derzeit angewandten Siliziumtechnologie für technisch machbar halten, liegen bei 22 Nanometer - ein Haar ist zweitausendmal so dick. Man muss sich das so vorstellen: Da irgendwo ist die Grenze zwischen am winzigsten und weg. Trotz der maximal zu erreichenden Kleinheit sollen aber immer größere Datenmengen transportiert und gespeichert werden. Glaubt man den Szenarien aus Voyager, Star-Wars oder Enterprise, sind das irgendwann nicht mehr nur Informationen, sondern auch Materie. In Science-Fictions werden Menschen von einem Ort an den anderen gebeamt. Steinbach hat Zweifel, dass das je gehen wird. Obwohl er Sätze sagt wie: "Wellen haben Teilcheneigenschaften und Teilchen haben Welleneigenschaften." Oder: "Sie können Energie in Stoffliches und Materie in Energie umwandeln." Ihn allerdings interessiert viel mehr die Frage, was dann passiert, wenn die Speicherchips ihre maximale physikalische Kleinheit erreicht haben. In knapp zehn Jahren ist es so weit. "Was danach kommt, ist noch offen." Steinbach fühlt sich um die Chance beraubt, bei dieser Entwicklung dabei zu sein. Kein Profit In der Halbleiterbranche sind Profite schon lange nicht mehr garantiert. Als Siemens Infineon ausgliederte, kündigte sich das bereits an. Infineon wiederum gründete die Qimonda AG nur, um die aufwendige Speicherchip-Sparte loszuwerden. Als die Aktie 2006 ausgegeben wurde, kostete sie dreizehn Dollar. Ende 2008 war die Aktie nur noch ein paar Cents wert. Im April haben sie im Qimonda-Werk in Dresden die Maschinen heruntergefahren. Wer, wie Steinbach, noch keinen neuen Job hat, bekommt die nächsten vier Monate Geld von einer Auffanggesellschaft. Obwohl die Maschinen nun abgeschaltet sind, sucht der Insolvenzverwalter Michael Jaffé aus München weiter nach Investoren - ein chinesischer Staatskonzern gilt als ernsthaftester Interessent. "Das ist doch Wahnsinn", ruft Steinbach. "Ausgerechnet die Kommunisten aus China machen, was die Europäer machen müssten: sich Wissen und Produktion sichern." Mit staatlichem Geld. Trotzdem ist China für einen wie ihn jetzt noch die beste Chance: Nur so könnte er weitermachen. Nur so wäre nicht umsonst, was er in den letzten vierzehn Jahren entwickelte. "Wenn die Arbeit, die man macht, unwichtig ist, ist man selber unwichtig", sagt er und reibt auch das warme Brot noch einmal mit Bier ein. Da klingelt es. Die Freunde kommen - ein Ex-Ringer, eine Verhaltenstherapeutin, ein Nachbar. Auch Martin Nebe ist da. Mit ihm zusammen hat Steinbach das Spiel damals entwickelt. Nebe ist Physiker, jetzt arbeitet er in der Dresdener Stadtverwaltung. Alle ziehen die Schuhe aus und Pantoffeln an, bevor sie ins Wohnzimmer gehen. Auf dem Tisch liegt das Spielbrett. Was sonst noch im Zimmer steht - sechs Lautsprecher, der riesige Flachbildschirm, der opulente Computer, die vielen Grünpflanzen -, interessiert nicht. Planopoly verspricht einen Abend mit Lachen. Lachen befreit. Steinbach ist voller Vorfreude. "Vielleicht ist Planopoly das Beste, was ich entwickelt habe", sagt er. Alle Spieler werden zu Leitern von sozialistischen Produktionsgenossenschaften ernannt. Handel "hin & her", Bau "auf & ab", Kohle und Energie "heiß & kalt" etwa. "Oh Gott, ich hab doch Asthma", schreit die Therapeutin, die an diesem Abend zum ersten Mal mitspielt, als sie zur Direktorin der Produktionsgenossenschaft für Kohle ernannt wird. Ziel aller Direktoren: die Produktion steigern. Allerdings ist das in der Planwirtschaft nicht so einfach. Zu viele Unwägbarkeiten. Sie heißen mal "Initiativschicht" oder "Ernteeinsatz", mal "Überplanbestand" oder "Zivilverteidigung", mal "Planpräzisierung" oder "sozialistische Hilfe". Kommt noch hinzu: Produzieren ist teuer. Jeder Schritt kostet "Lom" - "Lumpige Ost-Mark". Die Planerfüllung scheitert bei diesem Spiel. Unsinnige Anweisungen auf den Kooperations- und Ereigniskarten stören den Ablauf. Da müssen Potemkinsche Dörfer für den Besuch des Zentralkomitees gebaut werden. Da muss Winterhilfe geleistet werden. Da müssen gute Kollegen, die nicht in der Partei sind, wegen eines sensiblen Auftrags durch fachliche Nieten ersetzt werden, die in der Partei sind. Alles kostet. Man kann endlos im Kreis herumgeschickt werden. Wahnsinn Selbst die spielerfahrenen Ostler können diesem Wahnsinn nicht entkommen. Auf komplett verlorenem Posten aber ist die Therapeutin. Sie ist aus dem Westen. Schnell ist ihr Startkapital verspielt. Macht nichts. Das System schleppt sie mit. "Unter geht im Sozialismus niemand", erklärt Steinbach. Für ihre verdienstvollen Leistungen erhält sie immerhin die Wanderfahne. Die steckt sie sich ins Haar. Roland Rzehak, der Nachbar, der gekommen ist, war auch bei Qimonda. Ein Westler ist er, der sich nun schon aus Dresden wegziehen sieht. "Lieber würde ich bleiben", sagt er wehmütig. Für Steinbach ist das wie ein Stichwort: "Vor 20 Jahren war ich genauso überflüssig wie jetzt", ruft er in die Runde. Das zumindest ist beim Planopoly nicht möglich. Man kann nicht rausgeschmissen werden. Nur in der Parteischule landen. Sie ist wie das Gefängnis. Auf einer Spielemesse in Essen 1993 versuchte Steinbach, das Spiel zu vermarkten. Niemand wollte es. "Vergiss den Sozialismus, vergiss die DDR", sagte man ihm. Jetzt allerdings plant Steinbach eine aktuelle Version. "Manager" soll der Titel sein. "Die Parolen der DDR, die Reden der Manager, das ist dasselbe", meint er. "Konzentration auf die Kernkompetenz" heiße es nun oder "Ausweitung der Geschäftsfelder". Und beides begründeten sie mit den gleichen Argumenten, obwohl es doch gegensätzliche Strategien sind. Parallelen sieht Steinbach überall. Er musste in der DDR in Marxismus-Leninismus-Kursen sitzen und bei Qimonda in McKinsey-Schulungen. Beides mit Anwesenheitspflicht. Auch die Devise, dass jeder Entwickler mindestens zwei Patente im Jahr anmelden muss, wurde bei Qimonda ausgegeben. Planerfüllung wie in der DDR. Dass Arbeit keinen Wert haben soll und der Fortschritt zum Wolkenkuckucksheim wird, kommt ihm ebenfalls bekannt vor. Mauerfall 1989, Krise 2009. Da ist er, der Stoff, der zukünftigen Ereigniskarten in seinem neuen Spiel den satirischen Zungenschlag geben kann. Auch das Prinzip wird bei beiden Spielen das gleiche sein: "Man kann allerhand Strategien anwenden, am Ende haben sie wenig Einfluss auf den Erfolg." Planopoly hätten sie mit Freunden gespielt, von denen sie sich sicher waren, dass sie nicht zur Stasi gehörten. "Man hat das gemerkt, wer dabei war und wer nicht", sagt Steinbachs Freund Nebe. Als die beiden ihre Akten einsahen, fanden sich dann allerdings nur die Eintragungen aus der Zeit vor 1985. Er zeigt die Kopie eines Briefes. Die Unterschrift ist geschwärzt. "Keine besonders beachtenswerten Hinweise auf Verhaltensweisen, die ihn charakterisieren", steht da über ihn. Steinbach ist kein Held. Eher einer, der weiterzieht - auf der Suche nach einer neuen Nische, wo Visionen gebraucht werden. Denn vielleicht ist er winzig. Aber nicht weg. Schon beim Abschied nach dem Spiel wirkt er, als hätte er alle Verbitterung abgeschüttelt. Bei der Entwicklung der Produktionsanlagen für Solarzellen, da sieht er noch Potenzial. Er wird sich bewerben. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 21 Titel: DIE AUTORIN & DER FOTOGRAF Waltraud Schwab ist Reporterin im sonntaz-Ressort. Monopoly hat sie ein Mal gespielt und dann nie wieder. Beim Planopoly ging sie in der Planwirtschaft unter. Sven Döring ist freier Fotograf in Dresden. Er erinnert sich noch gut an die Planwirtschaft. Coole Jeans und Turnschuhe blieben damals für ihn als Teenager ein Traum. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 21 Titel: STEINBACHS WELT 1 DDR, Dresden, Mitte der Achtzigerjahre. Der Physiker Andreas Steinbach und ein Freund übertragen das Gesellschaftsspiel Monopoly auf die Planwirtschaft. Sie basteln "Planopoly", ein Einzelstück. Bei Spieleabenden nehmen sie das Wirtschaftssystem der DDR auf die Schippe: ein System, das selbst die unsinnigste Bürokratie ernst nimmt. Indem sie darüber lachen, behalten sie ihre Würde. 2Mauerfall. Die DDR-Halbleiterforschung, in der Steinbach arbeitete, wird dichtgemacht. Er wird arbeitslos. Aber allmählich wird Dresden wieder zu einem Standort für die Mikroelektronik. 1995 fängt Steinbach bei Siemens im Microelectronics Center Dresden an. Späterer Firmenname: Qimonda. Ein Kunstwort. "Qi" bedeutet in vielen asiatischen Sprachen Energie. Im Rest des Wortes steckt "le monde" - die Welt. 3 Januar 2009. Qimonda meldet Insolvenz an. Ursachen: Überproduktion von Arbeitsspeicherchips auf dem Weltmarkt; keine Kredite, kein Profit. Die Produktion wird gestoppt, Politiker und Insolvenzverwalter suchen seitdem weltweit nach Investoren. Die Kommunisten in China zeigen Interesse. Andreas Steinbach ist einer von 3.000 betroffenen Qimonda-Mitarbeitern in Dresden. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 22 Titel: Wenn der Arzt das Wort erhebt Untertitel: STETHOSKOP Vom menschlichen Körper (lateinisch corpus, griechisch soma) soll also auf dieser Seite die Rede sein. Den Ganzkörperstatus zu erheben ist eine ärztliche Kunst, die Medizinstudenten nach dem Physikum im sogenannten Klopfkurs erlernen sollen - tatsächlich braucht es meist jahrelange Erfahrung, bis aus hier gewonnenen Befunden klare Diagnosen (griechisch, Entscheidungen) werden. Der Status (lateinisch, Zustand) muss mit allen fünf Sinnen und einfachen Hilfsmitteln im konkreten Wortsinne er-fasst und dokumentiert werden. Dabei eignet sich der angehende Arzt einen weiteren wichtigen Teil seiner medizinischen Terminologie an. Das Schöne und Bizarre an dieser Fachsprache ist, dass sie sich - über ihre griechischen und lateinischen Wurzeln hinaus - bei fast allen Weltsprachen bedient - heutzutage vor allem beim Englischen: Anything goes! Man kann fast alle Wortstämme miteinander kombinieren: zum Beispiel Bodyplethysmografie, extrakorporale Ganzkörperhyperthermie oder Tako-Tsubo-Kardiomyopathie. Dazu kommen zahllose Orts- und Forschernamen in abenteuerlichsten Kombinationen, zum Beispiel die Lyme-Borreliose oder das Philadelphia-Chromosom. Die Sprache der Ärzte strotzt auch vor Abkürzungen. Auszug aus einem Arztbrief: "Pat. XY (BMI 40) mit coron. 2 GE und AP CCS III. Ther.: PTCA RIVA u. RCX mit DE-Stent". Auf Deutsch: Bei dem sehr dicken Herrn XY mit Durchblutungsstörung des Herzens schon bei geringen Belastungen wurde ein Herzkatheter mit Ballonaufdehnung an zwei Herzkranzarterien mit Einlage eines Medikamente absondernden Gefäßgerüsts durchgeführt. Aus meiner Fachsprache wird also schnell ein Kauderwelsch oder Klinikerslang. Ich gebe es zu: Man kann mit diesem Slang auch wunderbar Sachverhalte verbergen: Wenn Ärzte untereinander besprechen, dass dieser oder jener Patient ein supraorbitales oder ein retronasales oder ein supratentorielles Problem habe, dann bezeichnet das immer den anatomischen Ort des Großhirns. Der Gebrauch dieser Adjektive führt regelmäßig zu einem schiefen Lächeln unter den KollegInnen, und man weiß, was zu tun ist: Überweisung zum Psychiater. Wer nun glaubt, er könne allein mit dem emsigen Studium des Pschyrembel die Sprache der Mediziner oder gar die (eigene) Krankheit verstehen, wird scheitern: Ein wirkliches Verständnis ergibt sich nicht aus dem Umgang mit Begriffen und einzelnen Fakten, sondern aus der Integration derselben in ein Wissensgebäude - oder in den virtuellen Ganzkörper der Medizin. Der Autor ist Internist in Rastatt Foto: Privat ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 22 Titel: Die Höschen bleiben an! Untertitel: EXZESSE Die New Burlesque ist ein erotischer Tanz, bei dem der unperfekte Körper gefeiert wird. Für Frauen, die Lust haben, einmal so richtig die Frau rauszulassen EXZESSE VON MARLENE HALSER Am Anfang sind sie Kätzchen. Gekleidet in knappe Leopardeneinteiler, mit den Puschelöhrchen im Haar und den langen Plüschschwänzen lecken sie auf der Bühne, auf allen vieren kniend, süße Sahne aus kleinen Schälchen. "Miaaaaauuuuu", lautet der Refrain des Liedes, und mit jeder Zungenspitze rinnt den sich rekelnden Raubkatzen mehr Sahne übers Kinn. So zutraulich sind die Teaserettes, Deutschlands erste New-Burlesque-Truppe, nicht immer. Viel lieber demonstrieren die Tänzerinnen ihre Erotik selbstbewusst und karikieren in ihren Shows gängige Klischees. Die Katzennummer ist nur das Warm-up fürs Publikum. Danach reißen sich die fünf Frauen die Kleider vom Leib - als betrunkene Matrosin, irrer Clown oder durchgeknallte Stewardess. Die Szenen ihres erotischen Showtanzes folgen dem Motto: Frauen flippen aus! So wie "Froilein Sandy Beach", wie sich Sandra Steffl, die Gründerin der Teaserettes, bei ihren Auftritten nennt. In schwarz-weißem Ringelshirt und Baskenmütze tritt sie auf die Bühne. An ihrem Arm hängt ein Picknickkorb, aus dem eine Flasche Wein und ein Baguette ragen. Umständlich breitet sie eine karierte Decke auf dem Boden aus und nimmt darauf Platz, um auf ihren Liebsten zu warten. Als der nicht eintrifft, wechselt die liebliche Musik über zu "Sabotage" von den Beasty Boys, und Sandy beginnt auf der Bühne zu rocken: Erst zieht sie Röckchen und Ringelshirt aus, dann klemmt sie sich das Baguette zwischen die Beine. Stück um Stück reißt sie vom Phallus-Gebäck ab - und begießt sich am Ende mit dem Inhalt der Weinflasche. Was die Teaserettes machen, nennt sich New Burlesque und kommt ursprünglich aus den USA. Vor gut drei Jahren fing die Truppe an, diese Mischung aus Varieté, Parodie und Erotik in Deutschland zu beleben. Seitdem ist die Szene enorm gewachsen. Mittlerweile gibt es New-Burlesque-Tänzerinnen in Berlin, Hamburg, Nürnberg und Stuttgart. Mit dem "Queen Calavera" hat in Hamburg Deutschlands erster New-Burlesque-Club aufgemacht. Was die Tänzerinnen zeigen, ist eine Reminiszenz an die Revueshows der Dreißiger- und Vierzigerjahre; an eine Zeit, in der das Ausziehen eines Handschuhs noch Ausdruck höchster Erotik war und in der das Publikum nicht erwartete, dass am Ende alle Hüllen fallen. Auch heute behalten die New-Burlesque-Tänzerinnen ihre Höschen an. Und die Brustwarzen bleiben mit sogenannten Pasties bedeckt, kleinen, paillettenbesetzten Kappen. Anders als beim Striptease geht es bei der New Burlesque weniger um die sexuelle Erregung der Zuschauer. Das Publikum wird mit überzeichneten Rollenbildern und übertriebenen Posen geneckt. Die Vorreiterinnen der New Burlesque in den 1930er- und 1940er-Jahren waren Dixie Evans, Mae West und Tempest Storm. Der Star der Fünfzigerjahre aber war Betty Page. Viele Nummern mit Pin-up-Posen und leicht naiv ausgelebtem Fetisch-Appeal erinnern an das Aktmodell aus den USA. Auch Dita von Teese, die derzeit bekannteste New-Burlesque-Künstlerin, kopiert Betty Page mit Prinz-Eisenherz-Pony und kirschrot geschminktem Mund. Neu ist, dass viele Tänzerinnen heute so gar nicht den gängigen Modelmaßen einer Betty Page entsprechen. Im Gegenteil, die Szene feiert statt des optisch nachbearbeiteten und chirurgisch-kosmetisch geformten Ideals den unperfekten Körper. Auf die Bühne darf, wer will. "Im New Burlesque zeigen sich Frauen, wie sie sind", sagt Teaserettes-Gründerin Steffl. "Das ist geradezu emanzipatorisch." Die Frauen transportieren Selbstbewusstsein und Humor, unabhängig von Alter und Aussehen. So wagen sich Frauen auf die Bühne, die sich für einen klassischen Strip eher nicht entblößen würden, sei es, weil sie Kleidergröße vierzig tragen oder mehr; oder aber, weil sie im Alltag nie im Rampenlicht stehen. So wie Stella, Kamerafrau aus Wiesbaden. Bei einem der Workshops, die die Teaserettes geben, will die 35-Jährige lernen, sich wie ein Showgirl auf der Bühne zu präsentieren. Für ein Wochenende ist sie nach Berlin gekommen, um sich "einmal ganz fraulich zu fühlen". Dafür will sie Jeans und Turnschuhe gegen Strumpfband und Stöckelschuhe tauschen und binnen 24 Stunden mit den Teaserettes eine Choreografie einstudieren. "Ich habe mir die Entscheidung bis zuletzt offengehalten", erzählt Stella. Dann ist sie doch ins Auto gestiegen, morgens um vier. Jetzt sitzt sie, eingemummelt in einen Wollpulli, in einer Berliner Rockabilly-Bar und sieht eigentlich aus, als wartete sie auf den Beginn einer Yogastunde. "Ich mache das für mich", sagt Stella, "es geht darum, dass ich mich traue." Sie betrachtet ihre dunkelrot lackierten Nägel, tags zuvor war sie zum ersten Mal bei der Maniküre. Das Mieder aus Spitze und Seide, aus dem sie sich beim Auftritt schälen will, hat sie sich eigens schneidern lassen. Statt als Kamerafrau im Hintergrund zu wirken, will Stella mal die Hauptrolle spielen. New Burlesque ist sowohl für die ZuschauerInnen als auch für die Tänzerinnen eine Abwechslung zum hinlänglich bekannten Frauenbild. Der Erfolg gibt ihnen recht. Offenbar hat sich das Publikum an nackten, immer gleich modellierten Körpern satt gesehen. Viele Frauen empfinden es als unbefriedigend, in der männlich dominierten Berufswelt ihre Weiblichkeit verstecken zu müssen. Zwar entschließt sich deshalb nicht jede dazu, ihren Beruf hinzuwerfen und wie die Teaserettes als New-Burlesque-Künstlerin zu touren. Doch der Reiz, für ein Wochenende aus der gewohnten Rolle auszubrechen, ist da. Außer Stella haben sich auch eine Köchin und eine politische Referentin zu dem Workshop angemeldet. Am nächsten Abend, kurz vor zehn. Der Auftritt. Das Licht in der Rockabilly-Bar ist gedämpft, im Publikum stehen großflächig tätowierte Frauen mit akkurat geschnittenem Pony und rotem Lippenstift, neben ihnen Männer mit Koteletten und Cowboystiefeln. Die Stimmung ist wohlwollend und ausgelassen. Als Stella in Highheels und Trenchcoat die Bühne betritt und den Tramperdaumen auffordernd reckt, pfeift und johlt das Publikum. Zum Country-Rhythmus schüttelt sie ihre Kleider ab. Erst Schal, dann Hut, Mantel und Handschuhe. Als Stella in Mieder und durchsichtigem Tüllröckchen erneut den Daumen hebt, wird das Klatschen immer lauter. Dann, mit dem Rücken zum Zuschauerraum, löst sie die Bänder des Mieders. Als sie sich wieder nach vorne dreht, bedecken nur die schwarzen Pastys ihre Brustwarzen. Mit gelöstem Lächeln hüpft Stella auf und ab, ihre schweren Brüste drehen sich im Kreis. Sie steigt in ein imaginäres Auto und verlässt unter Applaus die Bühne. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 22 Titel: NEW BURLESQUE Die Show: Mischung aus Varieté, Parodie und Erotik. Ursprung in erotischen Revueshows in den USA der Dreißiger und Vierziger. Wiederbelebt in den Neunzigern als New Burlesque; seit Kurzem auch in Deutschland und nun auch als Angebot für Amateurinnen. Das Wort "Burleske" bedeutet Scherz. Die Angebote: Wochenendkurse in New Burlesque in Berlin (www.teaserettes.de). Die "How to be a show girl"-Workshops enden mit einem Auftritt. Shows in Hamburg (www.queen-calavera.de), Frankfurt (www.roughdiamond.de) und München (www.paradiso-tanzbar.de) ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 24 Titel: Der Linke, der die Banken linkte Untertitel: ANTIKAPITALISMUS 68 Kredite erschwindelte sich der Katalane Enric Duran - zusammen eine halbe Million Euro. Mit dem Geld finanzierte er linke Projekte ANTIKAPITALISMUSAUS MADRID REINER WANDLER Nur auf den ersten Blick ist Enric Duran der Traum jeder spanischen Schwiegermutter. Glatt rasiert, das Haar ordentlich gekämmt, eher spießig gekleidet, eine sanfte, aber entschlossene Stimme - das schafft Vertrauen. Seit Mitte März sitzt Duran im Knast. Denn der 33 Jahre junge Mann aus Vilanova, einer Kleinstadt in Spaniens katalanischem Nordosten, hat in den letzten Jahren 39 Banken um insgesamt 492.000 Euro erleichtert. Nicht etwa mit der Pistole in der Hand. Das würde nicht zu Duran passen, sondern mit dem Aktenkoffer unter dem Arm. Enric Duran beantragte insgesamt 68 Kredite und zahlte sie dann ganz einfach nicht zurück. Mit dem Geld finanzierte er linke und alternative Projekte. "Robin Hood der Banken" nennen ihn die einen. Ein gefährlicher Betrüger ist er für die anderen. Wegen unterstellter Fluchtgefahr wird er das Gefängnis in den Monaten bis zur Prozesseröffnung wohl kaum verlassen. Wegen Betrug und Fälschung drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. In mehreren Videos, die auf YouTube zu finden sind, erklärt Duran seine Idee, berichtet von seinen Erfahrungen. "Das Finanzsystem ist wesentlich verletzlicher, als wir denken", erklärt Duran und wirkt noch immer erstaunt. Seinen ersten Kredit beantragte der Studienabbrecher mit einer frei erfundenen Lebensgeschichte. "Guten Tag. Ich bin Informatiker und befinde mich in einem beruflichen Perspektivwechsel. Ich habe bisher in einer großen Firma gearbeitet und will mich jetzt selbstständig machen", spielte er die zuvor genau einstudierte Rolle. Es klappte. Duran unterzeichnete seine ersten 6.000 Euro auf Pump. Einmal auf den Geschmack gekommen, beantragte er weitere Kredite, "immer mit der klaren Absicht, sie nicht zurückzuzahlen." Mal ging er als Unternehmer oder Freiberufler, mal mit gefälschtem Lohnzettel als gut verdienender Angestellter, der seine Wohnung renovieren müsse oder andere unvorhergesehene Ausgaben zu tätigen habe. Mit dem frischen Geld beglich er Raten der alten Kredite, um das System am Laufen zu halten. Nach einigen Monaten stellte er die Zahlung dann ein. "Die Lawine wurde immer größer", berichtet Duran. Im September letzten Jahres beschloss er schließlich, alles Geld abzuheben, umzuverteilen und "die Aktion" wie er es nennt, öffentlich zu machen. In einem langen Text in der eigens gegründeten Zeitschrift Crisi mit einer Auflage von 250.000 Exemplaren beschrieb Enric Duran seinen Überfall aufs Finanzsystem. Während er längst irgendwo in Lateinamerika untergetaucht war, wurde die Zeitschrift überall in Katalonien kostenlos verteilt. An Geld fehlte es ja nicht. Ein halbes Jahr später kam Duran zurück. Auf einer Pressekonferenz in der Universität von Barcelona stellte er sich der Polizei. Über sich selbst erzählt Duran nur wenig. "Früher spielte ich nur Tischtennis im Verein und trainierte die Jugend", erinnert er sich an sein Leben in der Kleinstadt. Über das Lesen sei er zum Entschluss gekommen, "etwas ändern zu wollen". Es zog ihn nach Barcelona, wo er schnell in den Kreisen der Globalisierungskritiker fand, was er suchte. Er beteiligte sich an der Kampagne für den Erlass der Auslandsschulden der armen Länder und arbeitete an verschiedenen Internetplattformen zur Verbreitung unterdrückter Nachrichten mit. Bald schon widmete er sich ganz der Politik: Gipfelproteste, Demonstrationen gegen den Irakkrieg ... "Doch irgendwann merkte ich, dass die sozialen Bewegungen nicht vorwärtskamen", erklärt Duran. So kam die Idee für den "solidarischen Betrug", wie er seine Aktion nennt. Der "Robin Hood der Banken", wie er von Spaniens Medien bald getauft wurde, sieht darin die Verschmelzung des zivilen Ungehorsams nach Gandhi mit der Tradition der "bewaffneten Enteignungen" der spanischen Anarchisten in den 1930er-Jahren. Duran möchte ein Beispiel geben "dafür, dass wir besser und glücklicher leben können, wenn wir uns vom Individualismus, den das System geschaffen hat, entfernen". Der Angriff auf das Finanzsystem ist für ihn ein erster Schritt hin zum selbstbestimmten Leben. Das allerdings dürfte für ihn vorläufig hinter Gefängnismauern stattfinden. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Hintergrund Seite: 24 Titel: AKTION DER WOCHE Tschernobyl-Tag Worum geht es? Am 26. April 1986 ereignete sich im Atomkraftwerk von Tschernobyl der bisher folgenschwerste Unfall in der Geschichte der Atomenergie. Das ist Geschichte - und doch wieder aktuell. Mit der Bundestagswahl im Herbst steht oder fällt der Atomausstieg. Grund genug, wieder gegen Atomkraft zu demonstrieren. Was? Bei drei Kundgebungen an den Atomkraftwerk-Standorten Krümmel (bei Hamburg) und Neckarwestheim (bei Stuttgart) wird erinnert und demonstriert. Bundesweit, eine Aktion im Süden, in der Mitte und im Norden. Wann? Am 25. April in Münster, am 26. April bei Krümmel und Neckarwestheim. Mehr Informationen unter: www.ausgestrahlt.de Die taz-Vorschau: Alle Termine bundesweit sind zu finden unter www.bewegung.taz.de ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 18 Titel: sonntazwette Wer gewinnt am Freitag den Deutschen Filmpreis in der Kategorie "Bester Spielfilm"? - Der Baader Meinhof Komplex - Chiko - Im Winter ein Jahr - Jerichow - John Rabe - Wolke 9 Wahl in Südafrika am Mittwoch: - Wie viel Prozent schafft die neue Partei Cope, die sich vom African National Congress (ANC) abgespalten hat? Berliner Volksentscheid am Sonntag: kippen die Religionsgemeinschaften den verpflichtenden gemeinsamen Ethikunterricht an den Berliner Schulen? Geben Sie auf www.taz.de Ihre Prognose ab. Unter denjenigen, die richtig liegen oder am nächsten dran sind, verlosen wir ein ©TOM-Urlaubsset, bestehend aus dem flauschigen Badehandtuch (70 x 180 cm) mit gestickter ©TOM-Zeichnung und "Schöne Ferien" von ©TOM. Annahmeschluss der Wetten ist am kommenden Mittwoch, 15 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 25 Titel: Den Banken ist genug geholfen (UZ: Die Verbraucher zahlen für die Banken - wo Regulierung bislang völlig versagt hat, noch viel mehr) Untertitel: HERMANN-JOSEF TENHAGEN HAUSHALTSGELD Die Finanzkrise geht auf Kosten der Verbraucher. Aus Deutschland kennen wir das von der Pleite der Lehman Brothers Bank, den Beinahepleiten der IKB, der Hypo Real Estate und einiger Landesbanken und vor allem von Jobverlusten in der Autobranche oder im Maschinenbau. In anderen Ländern bezahlen die Verbraucher mehr und viel direkter für die Krise - und halten so ihre Banken gesund. Zum Beispiel in Brasilien: Dort hat Präsident Luis Ignacio Lula da Silva gerade den Notenbankchef Antonia Lima da Neto gefeuert, weil dieser es nicht geschafft hat, dass die Banken an Kunden in dem Riesenland preiswerte Kredite vergeben. Der Unterschied zwischen den Zinsen, die die Banken bei der Geldbeschaffung zahlen, und dem, was sie ihren Kunden abnehmen, beträgt im Schnitt rund 30 Prozent. Das hört sich nicht nur heftig an, es ist Wucher. Das soll der neue Chef Aldemir Bendini ändern, der am kommenden Donnerstag in sein Amt eingeführt wird. Ein besonderes Ärgernis sind den Brasilianern große internationale Banken. Das Land hat seit Jahren eine vergleichsweise niedrige Inflation - um 6 Prozent. Die Zinsen der Banken jedoch sprechen eine ganz andere Sprache: Verlangt die Citibank auf dem heimischen US-Krisenmarkt nur 7,28 Prozent Zinsen, berechnet sie in Brasilien 60,84 Prozent. Die britische HSBC verlangt zu Hause 6,6, in Brasilien aber 63,42 Prozent und Banco Santander in Spanien 10,81 Prozent, in Brasilien aber 55,74, rechnet ein Kommentator der Zeitung Jornal do Brasil vor. Noch hält sich der öffentliche Aufschrei in Grenzen. Die Brasilianer sind daran gewöhnt, abgezockt zu werden, etwa beim Ratenkauf. Der Fernseher wird in Rio mit Ratenzinsen von 4 bis 5 Prozent angeboten - pro Monat. Macht etwa 70 Prozent im Jahr. Aber das ist noch nicht einmal die Spitze des Zuckerhuts. Für das Soll bei ihren Kreditkarten zahlen die Brasilianer zwischen 140 und bei einigen Finanzkonzernen 500 Prozent Zinsen. Sie nutzen vor allem die in Deutschland verpönten Revolving Credit Cards, also Kreditkartenkonten, die wie ein Girokonto im Dispo geführt werden und bei denen die Zahlungen nicht zum nächsten Monatsersten vom Gehaltskonto abgebucht werden. Auch hier regt sich aber jetzt Widerstand. Proteste, die 2001 gegründete brasilianische Stiftung Warentest, hat sich den Kampf gegen den Kreditkartenwucher auf die Fahne geschrieben. Für die 170.000 Mitglieder der Verbraucherschutzorganisation vergleicht Proteste nach europäischem Vorbild die Zinsen der Banken und der Kreditkartenunternehmen. Um die drei oben genannten Bankhäuser noch mal anzuführen: Bei HSBC beliefen sich die Kosten der freien Kreditkarte beim letzten Proteste-Vergleich im Minimum auf 149 Prozent, bei der Citibank auf 151 Prozent, bei Santander sogar auf 210 Prozent. Passt der Kunde nicht auf, steigt die Gesamtbelastung bei Citibank und HSBC auf über 300 Prozent im Jahr. Zurück in Deutschland, weiß man nach solchen Geschichten besser, was wir hierzulande an fast 50 Jahren Verbraucherschutz haben. Und man hofft für die brasilianischen Freunde, dass der unkontrollierte Markt endlich reguliert und den Verbrauchern geholfen wird. Die Banken haben wirklich genug Hilfe erhalten. Der Autor ist Chefredakteur von Finanztest und taz-Aufsichtsrat. Foto: Karsten Thielker ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 25 Titel: Hybrid gegen Schrott Untertitel: AUTOS Die "Umweltprämie" wird ihm nichts nützen. Doch der neue Honda Insight Hybrid könnte trotzdem Erfolg haben: Wenn saubere Autos schick werden AUTOS VON PETER UNFRIED Mit Ende fünfzig gönnte sich der Manager einen Touareg, das ist ein riesiges Auto von VW. Als er an der Ampel eine dreißig Jahre jüngere Frau sah, grinste er auf den Gehsteig rüber. Tatsächlich lächelte sie zurück, kam auf seinen Touareg zu - und spuckte auf die Motorhaube. Er stieg umgehend auf einen kleineren Audi um. Diese schöne Geschichte hat kein Ökoevangelist erfunden. Ein Autolobbyist hat sie neulich auf der Automesse in Leipzig erzählt, um die Veränderungen zu beschreiben, die sich gerade auf dem Bewusstseinsmarkt für Autoleitbilder vollziehen. An diesem Wochenende kommt der Honda Insight Hybrid auf den Markt - als Ökoauto entwickelt in der Zeit vor der Wirtschaftskrise, als das Wort Abwrackprämie noch niemand kannte. Umso drängender stellt sich die Frage, ob es eine langfristigere Entwicklung gibt, von der Wagen dieses Typs profitieren können. 98 Prozent allen mobilisierten Verkehrs basiert auf der klimafeindlichen Verbrennung des fossilen Brennstoffs Erdöl. Noch ist die gesellschaftliche Ächtung von spritfressenden Kohlendioxidschleudern nicht sehr verbreitet. Aber, sagt der Sozialforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin: "Der Trend, dass man mit dicken Autos sein Image ruiniert, wird sich immer mehr durchsetzen." Noch relevanter dürfte eine andere Entwicklung sein: "Die individuelle Mobilität wird auch künftig große Bedeutung haben, aber ihr Stellenwert wird sich insbesondere in Trendsettermilieus und urbanen Kontexten verändern", wie Harald Preissler von der Daimler-Zukunftsforschung Society and Technology Research Group das nennt. Grund ist offenbar nicht nur ein wachsendes Ökobewusstsein aufgrund von Klimawandel und Energiekrise. Viele digital vernetzte Großstadtjugendliche brauchen kein Auto - weder um damit zu fahren, noch um anzugeben. Zum Vorzeigen haben sie andere technische Geräte. Unlängst, so erzählte der Lobbyist in Leipzig, bekam einer für sein Abitur ein Auto. Seine Reaktion: "Das hätte es aber nicht gebraucht." Ein Horrorszenario für die Autoindustrie. Vielleicht sind die deutschen Automanager, so wurde kürzlich auf einer Tagung des Wissenschaftszentrums in Berlin gemutmaßt, ohnehin längst "mental in China", dem Automarkt der Zukunft. Bis 2050 sollen weltweit statt 800.000 Millionen Autos 2 Milliarden rumfahren. Die Tagung der Sozialforscher endete mit offenen Fragen: Kommen die vielen neuen Autos tatsächlich? Wie werden sie angetrieben? Wer wird sie wo bauen? Was wird aus den 15 Millionen Arbeitsplätze in Europa? Bringt die Wirtschaftskrise - wenn es die viel größere Klima- und Energiekrise nicht tut - Veränderung? Oder konzentriert auch sie die Kräfte auf die Bewahrung überkommener Strukturen? In letztere Kategorie reihen ihre Kritiker die "Umweltprämie" ein, auch Abwrackprämie genannt. Damit subventioniert der Staat im Umfang von 5 Milliarden Euro den Kauf eines Neuwagens, wenn dafür ein älteres Auto verschrottet wird. Wo ist der Umweltfaktor, wenn eine CO2-Vorgabe fehlt und ein energetisch aufwendig hergestelltes und funktionierendes Produkt verschrottet und durch ein neues ersetzt wird? "Es findet eine Marktverlagerung Richtung Kleinwagen und dadurch CO2-Minderung statt", sagt Hans-Peter Wandt, Berater von Toyota. Das zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle hat verkündet, welche Marken die Abwrackprämienjäger kaufen (1. VW, 2. Opel, 3. Hyundai). Genaue Zahlen zum Ökofaktor fehlen. Da Marken wie Hyundai und Dacia Erfolge melden, glaubt auch Gert Lottsiepen, Experte beim Verkehrsclub Deutschlands, dass verstärkt kleine, billige Autos kommen. In der Regel aber bedeute billig: "kein ökologisches Premiumauto", sondern veraltete Technik und damit immer noch viel zu viel Verbrauch. "Die Umweltprämie nutzt nicht den hochwertigen Ökoautos", sagt Toyota-Mann Wandt. Keiner kauft damit einen Prius. Der Vorzeige-Hybrid von Toyota (ab 25.500 Euro) spreche generell eine "andere Kundenschicht" an. Im Sommer kommt die dritte Version des Prius heraus. Mit offiziellen 89g/km CO2 und 3,9 Litern Benzin auf 100 Kilometer stößt er dann in die Bereiche eines "3-Liter-Autos" vor. Das Auto soll künftig nicht nur Öko-Opis ansprechen, sondern durch das neue Design jüngere Zielgruppen gewinnen und den Absatz in Europa auf 100.000 Stück pro Jahr steigern. Auch beim Hybrid-Konkurrenten Honda Civic spielt die Abwrackprämie keine Rolle. Der Civic Hybrid (109g/km CO2) ist dafür auch zu teuer (ab 23.000 Euro). Und zu marginal. Der Wagen hat sich 2008 in Deutschland 784-mal verkauft. In den Niederlanden dagegen 7.000-mal, was daran liegt, dass es dort einen wirklichen Ökoanreiz gibt: eine Autosteuerbefreiung beim Kauf eines Benziners unter 110 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer. Das macht bei dem Honda Civic 6.400 Euro Ersparnis. Nun bringt Honda den neuen Insight Hybrid als "Volks-Hybrid" in Stellung - gegen den teureren Prius. Der Insight (101g/km CO2) beginnt bei 19.550 Euro. Im taz-Test machte der Insight einen guten Eindruck. Mit professioneller Fahrweise kann man den Automatik mit 4,7 Litern Benzin fahren (bei etwa 110 km/h auf der Autobahn). Angenehm: die perfekte Start-Stopp-Automatik, mit der sich der Motor an der Ampel leise und ohne Ruckler aus- und anschaltet. "Wir glauben, dass der Insight auch ohne Umweltprämie eine Chance hat", heißt es bei Honda. Zunächst wird auf dem Massenmarkt aber abgewrackt, dank der Merkel-Regierung und den angeschlossenen Lobbygruppen. Klar scheint, dass es mit dem klassischen Premiummarkt abwärtsgeht. "Wenn die Premiumhersteller sich nicht deutlich verändern, werden sie nicht überleben", sagt Sozialforscher Andreas Knie. Das meint die Überwindung der Fixierung auf Verbrennungsmotoren zugunsten anderer Antriebe einschließlich Elektroauto. "Bei einer Umdefinition des Premium-Verständnisses", sagt der Daimler-Zukunftsforscher Harald Preissler, "könnte die Energiebilanz künftig ein wichtiges Imagekriterium sein." Je mehr öko, desto mehr Premium? Wenn selbst Daimler das erwägt, scheint es ernst zu werden. HARALD PREISSLER, DAIMLER ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 25 Titel: Toyota Prius gegen Honda Insight Die Hybrids: kombinieren Benzin- und Elektromotor. Bekanntester Hybrid ist der Toyota Prius (104 g/km CO2-Ausstoß), ein Vollhybrid, der bei geringem Tempo rein elektrisch fährt. Im Juli kommt der neue Prius mit 89g/km CO2. Der Honda Insight: (101g/km CO2) ist ein Mild-Hybrid, d. h. der Elektromotor unterstützt, kann aber nicht das Fahrzeug antreiben. Beide Autos haben Automatikantrieb, bei beiden geht der Motor an der Ampel aus ("Start-Stopp"). ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 27,29 Titel: "Wir inszenieren kein Getto-Theater" Untertitel: KANAK-SPRAK Deutschlands Migranten drängen auf die Bühne. Shermin Langhoff leitet seit Herbst das Ballhaus Naunynstraße in Berlin und macht dort "postmigrantisches" Theater. Ethno-Zoo oder überfällige Korrektur? KANAK-SPRAK INTERVIEW ANDREAS FANIZADEH taz: Frau Langhoff, wie würden Sie die Naunynstraße und die Lage Ihres Theaters innerhalb des neuen Berlins beschreiben? Shermin Langhoff: Über die Kreuzberger Naunynstraße wurde in den letzten drei Jahrzehnten viel geschrieben. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Armut, ethnische Probleme. In diesem Zusammenhang erlangte die Naunynstraße sicherlich einen gewissen Bekanntheitsgrad. Gegenüber Ihrem Ballhaus Naunynstraße liegt die Naunynritze, ein Jugendzentrum mit einmal nicht dem allerbesten Ruf. Klar, aber auch mit einem sehr guten Ruf. Seit Anfang der 80er-Jahre machen sie dort unter schwierigen Bedingungen Streetprojekte. Da sprach noch kaum jemand von "Integration". Auch die hohe Politik kommt heute gerne in die Naunynstraße, zuletzt waren die Herren Köhler und Steinmeier hier. Minister Steinmeier hat die Voreröffnung unseres Ballhauses im November gemacht, im Rahmen des "interkulturellen Dialogs", den das Auswärtige Amt fördert. Da traten prominente Künstler und Sportler wie der Schalke-Spieler Gerald Asamoah für ein weltoffenes Deutschland auf. Das Auswärtige Amt fördert auch weitere Projekte aus unserem Umfeld sowie den Austausch zwischen Berlin und Istanbul. Und Herr Köhler kam dann ein bisschen später in die Naunynritze? Ich war selbst nicht da, als der Bundespräsident das Jugendzentrum besuchte. Sehr interessant war aber in diesem Zusammenhang, dass einem Referenten des Bundespräsidenten unser Transparent sauer aufgestoßen ist, das quer über die Straße gespannt war und auf dem stand: "Die Naunynstraße füllt sich mit Thymianduft, mit Sehnsucht und Hoffnung, aber auch mit Hass." Das Zitat stammt von Aras Ören aus den 70er-Jahren. Wurde es abgenommen? Es wurde von der Naunynritze tatsächlich abgehängt. Unser Transparent war ja auf der anderen Seite an ihrem Haus befestigt. Die offizielle Argumentation war dann allerdings eine sicherheitstechnische. Trotz solch kleiner Unstimmigkeiten, zum wachsenden Ansehen des Stadtteils trägt nun auch Ihre Spielstätte bei. Fatih Akin ist Schirmherr, Feridun Zaimoglu lässt hier inszenieren. Wie kams dazu? Durch langjährige, gemeinsame Zusammenarbeit. Uns verbindet freundschaftlich wie kulturell eine gemeinsame Haltung. Und so kommt es, dass wir als kleine Institution, aus der dritten Reihe, dennoch ganz gute Kontakte haben. Sie waren vorher am Hau in Berlin als Dramaturgin tätig? Ich war freie Kuratorin und habe dort in drei Jahren die "Beyond Belonging"-Reihe entwickelt. Wie kamen Sie dazu, das relativ etablierte Hau-Theater zu verlassen, um mit dem Ballhaus in der Naunynstraße eine eigene Spielstätte zu eröffnen? Inszenierungen wie "Die schwarzen Jungfrauen" von Zaimoglu und Senkel, "Jenseits bist du schwul oder Türke", "Klassentreffen - Die 2. Generation", "Meine Melodie", "X-Wohnungen" fanden bundesweit Beachtung. Neben Zaimoglu und Fatih Akin haben viele andere wie Ayse Polat, Neco Celik und Nurkan Erpulat hier zum Teil ihre ersten Theaterinszenierungen gemacht. Aber das Ganze hatte Festival-Charakter und dabei blieb es am Hau. Wir haben in drei Wochen unsere Produktionen gezeigt und anschließend waren wieder die Franzosen, Chinesen oder Brasilianer dran. Das war uns nicht genug. Wieso, was hätte noch passieren müssen? Es geht darum, die Frage nach dem Zustand des deutschen Theaters prinzipieller zu stellen. Wie man neue Protagonisten und migrantische Erzählperspektiven dauerhaft und besser verankert. Und wie man mit bisher vernachlässigten Rezipienten und Communitys besser und anders kommuniziert. Und das konnten Sie dort nicht? Wenn wir der zweiten und dritten Einwanderergeneration eine neue Kulturpraxis eröffnen und ernsthaft eine Plattform bieten wollen, dann geht das über den Rahmen eines regelmäßigen Festivals wie "Beyond Belonging" hinaus. Wir müssen selber etwas wirklich Eigenes auf die Beine stellen. Dafür brauchen wir einen entsprechenden Gestaltungsspielraum. Sie bezeichnen Ihr Theater als "postmigrantisch". Was ist daran migrantisch, was postmigrantisch? Den Begriff "postmigrantisch" hab ich über die angloamerikanischen Literaturwissenschaft vor etwa zehn Jahren kennen gelernt. Es scheint mir einleuchtend, dass wir die Geschichten der zweiten und dritten Generation anders bezeichnen. Die stehen im Kontext der Migration, werden aber von denen erzählt, die selber gar nicht mehr gewandert sind. Eben postmigrantisch. Die postmigrantische Kulturproduktion reicht also über die vorherige migrantische hinaus? Ästhetisch war die alte migrantische Kulturproduktion sehr mit dem Begriff der Betroffenheit verbunden, mit Filmen wie "40 Quadratmeter Deutschland" von Tevfik Baser oder Helga Sander-Brahms " Shirins Hochzeit". Es war oft ein Erzählen über das Ankommen in der neuen Umgebung und die Traumata der Migration. Für die zweite und dritte Generation stellt sich vieles heute anders dar und manches ist teilweise überwunden. Dafür stehen Fatih Akins Filme, die universell und transkulturell wirken. Und im Theater? Von der klassischen Theaterwelt wurde das Migrantische - anders als im Film - nicht wirklich wahrgenommen. Mit den Wanderungsbewegungen gab es migrantisches Theater, aber vor allem als Kabarett und heute als Comedy. Auch in den Vereinigten Staaten waren die Schwarzen zunächst beim Amüsement und in der Unterhaltung der Mehrheitsgesellschaft präsent. Sie sollten am besten über sich selbst sprechen und lachen. Film und Fernsehen in Deutschland haben nun die ursprüngliche Subkultur der Kanak-Sprak gebrauchsfähig und für den Mainstream verwertbar gemacht. Im Film gab es ausmachbare Episoden wie das "Kino der Fremdheit", der "Metissage" oder das transkulturelle und hybride Kino von heute. Migrantisches und postmigrantisches Theater ist demhingegen niemals vom deutschen Kulturbetrieb ernst genommen worden und dort auch nie angekommen. Sie sprechen von der mangelnden Durchlässigkeit des deutschen Systems? Vom fehlenden Interesse an der gesamten Thematik und an den Perspektiven migrantisch geprägter Akteure. Vom Desinteresse der Alteingesessenen an dem globalisierten Teil der Gesellschaft. Ausnahmen bestätigen die Regel. Gleichzeitig schreiben Sie in einem Text über Ihre Faszination für Frank Castorfs Volksbühne in Berlin? Ich hatte früher in Nürnberg gelebt und da hat mich das dortige Theater nicht so interessiert. Als ich Anfang der 1990er-Jahre nach Berlin kam, sah ich Frank Castorfs Nibelungen mit Birol Ünel als Siegfried. Das war phänomenal! Ein postmigrantisches Einsprengsel im Theaterbetrieb? Aber eben Einsprengsel. Leute wie Frank Castorf machen kluges Theater, auch wenn sie sich nie speziell für Ausländer oder das Migrantentheater interessiert haben. Aus einem philosophischen Kontext und einer gesamtgesellschaftlich kritischen Haltung kann er natürlich so eine Setzung machen wie damals bei den Nibelungen. Wäre es nicht klüger, Minderheitenpositionen im bestehenden Theater zu stärken, anstatt eine eigene "migrantische" Spielstätte zu betreiben? Ich glaube nicht mehr daran, dass man an den bestehenden Institutionen sich über einen Originalitätsfaktor hinaus entfalten kann. Meine Erfahrungen sind andere. Es wäre schön, wenn wir uns in fünf Jahren mit dem Ballhaus Naunynstraße überflüssig machen, weil alle Theater in Berlin und Deutschland nun migrantische Akteure und deren Themen und Sichtweisen berücksichtigen. Was ist das Problem? Die Leitungen der Kulturapparate sind komplett eindimensional besetzt. Vor 15 Jahren hat ein Birol Ünel den Siegfried gespielt, und was ist heute? Es gibt eine Ilknur Bahadir, die nun endlich im Ensemble von Karin Baier in Köln bei Alvis Hermanis sein darf. Zuvor hatte sie mit großen Regisseuren wie Stephan Bachmann gearbeitet, aber spielte immer die Dirne, die Putzfrau und die Exotin. Und es gibt darüber hinaus im deutschen Kulturbetrieb dafür kein Bewusstsein und keine besondere Förderung dieser Minderheiten. Es ist auch nicht so, dass aus den Akademien ständig Künstler mit einem migrantischen Hintergrund nachkämen. Das hat mit den Zugängen dort zu tun. So gibt es erst 2008 mit Nurkan Erpulat, einen deutsch-türkischen Absolventen der Ernst-Busch-Regieschule. Das ist im alten Westen kaum anders, nach 50 Jahren Migration aus Anatolien. In der Beschränkung auf die migrantische Herkunft, die sie favorisieren, liegt aber auch die Gefahr einer Selbstethnisierung und -stigmatisierung? Hhm. Schauen Sie sich die Jurys an, wie die besetzt sind und die die Fördergelder in Deutschland vergeben, Hauptstadtkulturfonds, Bundeskulturstiftung. Schauen Sie sich die künstlerischen Leitungen der Häuser an: Sie werden dort kaum sichtbare Minderheiten finden. Und solange dem so ist, scheint mir unser Weg auch ein richtiger. Langsam gibt es ein Umdenken in der Politik, aber die Kultur hinkt da noch hinterher. Aber da sagen doch einige: Es kommt nicht auf die Herkunft oder den Migrationshintergrund an, sondern auf die künstlerische Kompetenz und ästhetische Qualität? Das ist selbstverständlich so, aber derzeit eher ein Totschlagargument, um sich gewisse Themen vom Hals zu halten. Qualität kommt nicht vom Him- mel gefallen, sondern hat mit Förderung der vorhandenen Begabungen und Möglichkeiten zu tun. Es gibt Polemiken, die das, was Sie hier machen, als "Gettokultur" bezeichnen: sozialpädagogisch wertvoll, künstlerisch zu vernachlässigen? Es gibt aber auch eine sehr engagierte Öffentlichkeit, die das, was wir hier tun, fast schon feiern. Und auch fair darüber berichten, wenn es mal einen schwächeren Abend gab, den es bei uns natürlich auch gibt. Schließlich experimentieren wir viel und das müssen wir auch weiterhin. Wir können uns nicht einfach an bereits eingeführtem Personal bedienen. Aber wir verzichten dabei bewusst auf Stücke, die so eine Art Striptease betreiben: exotische Migranten vom Rande der Gesellschaft, Opfer, Kleinkriminelle, Zwangsheirat, das nervt mich. Wir inszenieren kein Getto-Theater. Vieles dreht sich bei uns um die eher kleinen Dinge des Lebens. Dinge, die auch andere berühren, die keinen migrantischen Hintergrund haben und die sie auch kennen. Es sind ja auch nicht alle Alteingesessenen von Haus aus in die Gesellschaft integriert. Zu Ihnen kommen auch Jugendliche aus der Nachbarschaft ins Theater. Sie bieten aber auch abstraktere Inszenierungen an. Wenn dieses Gespräch erscheint, wird am Abend zuvor "Nathan Messias" von Zaimoglu/Senkel Premiere gehabt haben. Eine Klassikeradaption, der Nahe Osten, Großkonflikte, keine leichte Vorlage...? Mit "Nathan Messias" lehnen wir uns sicherlich ein wenig aus dem Fenster. Den Stoff hatte das Düsseldorfer Schauspielhaus in Auftrag gegeben, aber nicht zur Uraufführung gebracht. Zaimoglu/Senkel haben es sehr eigenwillig bearbeitet, frei nach Lessings "Nathan dem Weisen". Islam, Christentum und Juden, alle drei Religionen kriegen bei Zaimoglu/Senkel ihr Fett ab. Es inszeniert Neco Celik, der selber gläubiger Moslem ist und zuvor schon bei "Schwarze Jungfrauen" Regie führte. Es geht uns an dem Abend nicht um politische Korrektheit, sondern im besten Falle um eine tendenziöse und überraschende Interpretation. Feridun Zaimoglu nannte sich selber einmal einen "gläubigen Kommunisten". Und mich, die ich ja von Haus aus eher Agnostikerin, eine Ungläubige bin, interessiert die künstlerische Auseinandersetzung um Menschen, die eine Religion wollen und brauchen. Sie sind auch in der Städtepartnerschaft Istanbul-Berlin engagiert. Da bekleide ich kein Amt, gehöre aber zu einer Handvoll Initiatorinnen des Forum Berlin-Istanbul. Dank des Goethe-Instituts und anderer werden wir im Rahmen der Städtepartnerschaft mit "Beyond-Belonging-Almanci!" im Juni eine Woche mit Theatergastspielen und Filmvorführungen in Istanbul präsent sein. Zum ersten Mal werden wir als Deutschländer unser postmigrantisches Theater dort zeigen, darauf freuen wir uns sehr. Sie müssen mit einem Minietat von 250.000 Euro auskommen. Wie geht das? Das geht diese und die kommende Spielzeit. Aber dann muss etwas passieren. Wir hoffen, dass künftig in allen Institutionen migrantische Perspektiven vertreten sein werden. Das Ballhaus Naunynstraße kann ein Motor dafür sein. Ein Nurkan Erpulat trat erst bei uns auf und inszeniert nun in Linz für die Europäische Kulturhauptstadt und in Dresden. Mit "Jenseits bist du schwul oder Türke" ist er auf Festivals in Bern und Duisburg vertreten. Für nächstes Jahr sind wir für ein Projekt mit der Ruhrtriennale im Gespräch. Also, da passiert schon was. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 27 Titel: SHERMIN LANGHOFF Die Intendantin Seit Herbst 2008 leitet sie das Ballhaus Naunynstraße in Berlin. Schirmherr: Fatih Akin. Zuvor erfolgreich am HAU-Theater in Berlin tätig. Die Deutschtürkin Geboren wurde sie 1969 im türkischen Bursa. Sie kam 1978 mit ihrer (kommunistischen) Tante nach Nürnberg. Das war kurz vor dem Militärputsch in der Türkei. Ihre Mutter arbeitete bereits hier, erst bei der AEG, dann bei Telefunken und später als selbstständige Schneiderin. Ihr Vater als Prokurist. Ihr Weg Sie lernte sehr schnell Deutsch, machte Abitur, wurde Verlagskauffrau, Aktivistin, heiratete Lukas Langhoff, mit dem sie eine Tochter hat. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 28 Titel: Mit Musik geht alles besser Untertitel: KRISENTHEATER Nicolas Stemann hat Elfriede Jelineks Komödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" in Köln uraufgeführt KRISENTHEATER VON KATRIN BETTINA MÜLLER Es ist vollbracht. Das Geld verbrannt. Die 99 Seiten, die das Manuskript der Kölner Fassung von Elfriede Jelineks Stück "Die Kontrakte des Kaufmanns" umfasst, sind in vielfacher Ausgabe nach und nach auf dem Bühnenboden des Schauspielhauses gelandet, der zum Schluss in Köln von Papieren übersät ist wie die Wallstreet nach dem Börsencrash von 1929 von wertlosen Aktien. Geld ist sexy. So sexy mindestens wie Maria Schrader und Patricia Ziolkowska, die ihm ihre roten Lippen und süßen Stimmen leihen und uns schön wie der Teufel verführen wollen, unser Kapital, wenn wir denn eins hätten, bei ihnen anzulegen. Aber das Geld ist nicht nur der Teufel, das Geld ist auch Gott in dieser reich orchestrierten Messe, als die Nicolas Stemann Jelineks Text zelebriert. "Das Geld ist tot und wir haben es getötet", variiert ein Schauspieler Nietzsche. Sie nageln das Geld ans Kreuz und reden mit Predigerstimmen und Engelszungen, um weiter anzulegen. Dass sich in der rituellen Forderung nach einem Opfer die Rhetoriken von Banken und Politikern wie ein Ei dem andern gleichen, legt die Kölner Inszenierung sehr schön offen. Dabei gehören die gesprochenen Sätze nicht nur der Vergangenheit an. Klagende Stimmen von betrogenen Kleinanlegern eröffnen das Stück. Die Hoffnung einer individuellen Absicherung mischte sich mit dem spekulativen Interesse der Banken. Die Inszenierung kommt einem vor wie ein Protokoll der täglichen Wirtschaftsnachrichten. Elfriede Jelinek schrieb den Text im August 2008. Man hätte es für poetisch übersteigerte Kassandrarufe gehalten, wenn sich nicht kurz darauf die Wirtschaftskrise offenbarte. Sogleich verabredeten das Thalia Theater Hamburg und das Schauspiel Köln mit der Autorin, diesen Text anstelle der geplanten Produktion von "Rechnitz" zu inszenieren. "Textumsetzungsmaschine" nennt Stemann diese Inszenierung, die stark von Musik, melancholischem Pop, Neoklassik und sakralen Gesängen gestützt wird. Polemisch lässt Stemann in einer Trommelshow, deren wütender Gestus zumeist für die Authentizität der Straße stehen soll, die Schauspieler mit den Pappmasken der Mächtigen, unter anderem von von Guttenberg, Steinbrück, Bush und Obama, agieren. Und lässt sie alles in Klump hauen. Gegen die Tendenz, zu zerfasern, sich aufzulösen, setzt Stemann ein Timing, das an dem drei- bis vierstündigen Abend die Energie immer wieder bündelt. Das Blickfeld allerdings wird dabei stets enger, die Perspektive läuft wie die rückwärts die abgelesenen Seiten zählende Digitalanzeige gegen null. In der vorletzten Szene fährt eine Spielzeugeisenbahn mit aufmontierter Kamera im Kreis, und groß auf die Rückwand projiziert sehen wir die Gesichter aller Mitspielenden, die sich zum Selbstmord auf die Schienen legen. Etwas später gehen sie ein in eine Art himmlischen Safe. Eine letzte Stimme redet vom "Menschenerschlagen aus Ersparnisgründen." So weit ist man dann doch noch nicht. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 28 Titel: DAS KOMMT DAS KOMMT 22. März, Berlin, Temporäre Kunsthalle, Literarisches Colloquium Judith Hermann, Jonathan Franzen Judith Hermanns neuer Roman "Alice" wird am 5. Mai erscheinen, in der gediegenen Atmosphäre des LCB können Literaturfreunde sie schon einmal lesen hören. Zur selben Stunde referiert "Korrekturen"-Autor Jonathan Franzen in der Hauptstadt über "Sex, Literatur und die deutsche Sprache". 24.4. Berlin/Admiralspalast, 26.4. München/Circus Krone, 27.4. Frankfurt am Main/Alte Oper Antony and the Johnsons "The Crying Light" heißt das neue Album des transsexuellen englischen Sängers Antony Hegarty, auf dem er seine anti-essentialistische Kammermusik in üppiger Klangvegetation hat gedeihen lassen. Nun führt der in New York lebende Musiker zusammen mit seiner Band the Johnsons die neuen Songs bei drei Konzerten in Deutschland auf. 26. April, Kunstmuseum Basel "Vincent van Gogh Zwischen Erde und Himmel: Die Landschaften" Die Ausstellung mit 70 Landschaftsgemälden van Goghs und 40 Meisterwerken seiner Zeitgenossen wird zweifellos ein Quotenhit. Also besser Karten vorbestellen, bis 27.September: http://www.vangogh.ch/tickets.html. München, 23.April, Haus der Kunst Sonic Youth "Daydream Nation" ist das 1988 erschienene Doppelalbum der Artschool-Noiserock-Band Sonic Youth betitelt. Das Cover ziert Gerhard Richters Gemälde "brennende Kerze". Nun spielen Sonic Youth noch einmal die Songs von "Daydream Nation" aus Anlass der Gerhard-Richter-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, direkt vor dem Gemälde "Brennende Kerze". 18. April, Gorki Theater Berlin Romeo und Julia Nuran David Calis inszeniert Shakespeares Geschichte der verfeindeten Familien als Hip-Hop-Battle zwischen den AGGRO-Capulets und den AGGRO-Montagues. Neben den Schauspielern treten Schüler der Rütli-Schule auf. 24. April, Berlin, Palais am Funkturm Der Deutsche Filmpreis "Lola" Nominiert sind für die Kategorie "Programmfüllende Spielfilme": Eichingers "Der Baader Meinhof Komplex", Fatih Akins "Chiko" (Regie: Özgür Yildirim), "Im Winter ein Jahr" (Regie: Caroline Link), "Jerichow" (Regie Christian Petzold), "John Rabe" (Regie Florian Gallenberger) und "Wolke 9" (Regie: Andreas Dresen). "John Rabe" ist insgesamt siebenmal in den verschiedenen Kategorien nominiert. Im ZDF ab 22:15 Uhr. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 28 Titel: ELFRIEDE JELINEK Katastrophen und Krisen haben die Autorin aus Österreich schon immer interessiert und vor allem: Wie der Mensch sich rausredet aus seiner Schuld und Verantwortung. Das in langen Satzkaskaden zu durchdringen, darin ist Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, geboren 1946, Meisterin. Vor dreißig Jahren wurde ihr erstes Stück uraufgeführt; doch noch immer sind ihre langen Texte eine besondere Herausforderung für jedes Theater. Denn wie eine Puppe in der Puppe hat jedes Jelinekstück das Potenzial zu vielen Stücken. Nicolaus Stemann, der Regisseur der "Kontrakte des Kaufmanns", hat schon Jelineks "Ulrike Maria Stuart" und weitere ihrer Stücke inszeniert. Foto: Archiv ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 29 Titel: Duffy Duck lässt Federn Untertitel: PHANTOM GHOST Nächste Woche erscheint das neue Album von Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow. Wir lieben es schon jetzt PHANTOM GHOST VON JULIAN WEBER Von Kumpeltypen, Schweiß und Echtheitszertifikaten soll im Folgenden nicht die Rede sein. In der Musik von Phantom Ghost steckt keine Unze Rockromantik. Ihr neues Werk "Thrown out of Drama School" ist klassische Duomusik: Streng in der Instrumentierung, dominieren Klavier und Gesang. Den Auftakt des Albums bildet das feierliche, fast schon militärische Lied "The Charge of the Light Brigade". Die Melodie ist eine Adaption des alten englischen Marsches "British Grenadiers" - im Original auch Teil des Soundtracks von Stanley Kubricks Film "Barry Lyndon". Aus dem 4/4-Takt ist in der Bearbeitung von Phantom Ghost ein 3/4-Takt geworden. Der Song sei auf diese Weise "verweichlicht und verweiblicht", sagt sein Sänger Dirk von Lowtzow und verweist auf Volkslied-Adaptionen des englischen Komponisten Benjamin Britten, die als Vorbild gedient haben. "Wenn ich an den Protagonisten in dem Song denke", sagt von Lowtzow, "sehe ich Duffy Duck vor mir, wie er Federn lassen muss." Während die Musik eine Anmutung des 19. Jahrhunderts ist, geht es in dem Songtext um moderne, erkenntnisfördernde Inszenierungsstrategien aus der Welt des Theaters, ums Blenden und ums Geblendetwerden: "We stand behind a curtain close/in the spotlight we wait." Vielen ist Dirk von Lowtzow als Sänger der Rockband Tocotronic ein Begriff, sein Bandkollege Thies Mynther ist Keyboarder der Hamburger Modband Superpunk. Phantom Ghost sehen sie in Ergänzung ihrer jeweiligen Bandprojekte. "Wir haben ähnliche Vorlieben", sagt von Lowtzow, "uns verbindet eine fast schon manische Abwehrhaltung gegen Authentizitätsterror." Manchmal, wenn sich Phantom Ghost zum Songschreiben verabreden, verzetteln sich die beiden in Hamburg und Berlin lebenden Musiker auch dabei. Die Dramaturgie von "Thrown out of Drama School" ist Ergebnis dieses Prozesses: Mynther klimpert bisweilen ironisch, als müsse er beim Ballettunterricht Klavier begleiten, und bei "The Process" gelingt es Phantom Ghost, einen Reiseroman von Brion Gysin in fünf Strophen zu vertonen. Bei "Ornithology" lässt Mynther einen Synthesizerton mitschwirren und bei "Meshes of the Afternoon" spielt der Pianist dann wieder samtig-weiche Duke-Ellington-Bluenotes. Erst zum Finale des Albums holen Phantom Ghost den Glitter und den Tand wieder zurück. Minimalistisch covern sie einen Song der englischen Euro-Trash-Darlings Right Said Fred. Deren Charthit "Youre my mate" wird plötzlich zum Volkslied und verweist auf den Anfang des Albums. Bei Phantom Ghost singt von Lowtzow grundsätzlich auf Englisch und macht seinen Akzent in jeder Silbe kenntlich. "I was thrown out of the academy/for seeing things differently", reimt er im Titelsong "Thrown out of Drama School". Nach dem Abitur hat von Lowtzow einst vergeblich versucht, auf die Schauspielschule im österreichischen Graz zu gelangen. Der Rausschmiss im Songtitel ist allerdings inspiriert von der Lebensgeschichte des schwulen englischen Schauspielers Rupert Everett, der wegen Drogenmissbrauchs der Londoner Central School of Speech and Drama verwiesen wurde und zu Weltruhm in Hollywood gelangte. Das Cover von "Thrown out of Drama School" ziert eine Installation der Künstlerin Cosima von Bonin. Drei vogelartige Puppen hängen an Schnüren. Es sind seltsame Vögel mit einem flamboyanten Federkleid. Phantom Ghost "Thrown out of Drama School" (Dial/Kompakt) ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 30-31 Titel: Moses in Ostpolen Untertitel: GESCHICHTSKINO "Unbeugsam - Defiance", "John Rabe" oder "Der Vorleser", das Kino liebt historische Stoffe, besonders aus der Zeit des Nationalsozialismus. Woher resultiert das doch etwas sehr auffällige Interesse? GESCHICHTSKINO VON BERT REBHANDL Das "neue Jerusalem", von dem in der jüdischen Prophetie die Rede ist, wird auf einem Berg liegen, weithin sichtbar, ein Zeichen des Triumphs nach den Wechselfällen der Geschichte. In den Zeiten der Not muss das neue Jerusalem sich aber auch manchmal verstecken. In dem nächste Woche anlaufenden Film "Unbeugsam - Defiance" von Edward Zwick liegt es im tiefen Wald zwischen hohen Bäumen, unauffindbar für die Spürhunde der deutschen Besatzer, weit im Osten Polens. In einer Zeit während des Zweiten Weltkriegs, in der die deutsche und die sowjetische Armee um dieses Territorium kämpften, flüchteten Juden in den Wald und errichteten unter notdürftigsten Bedingungen doch nichts weniger als eine kleine Siedlung. Man teilte das Essen, es gab Unterricht für die Kinder, Gottesdienste für alle Religiösen, man diskutierte, wie man sich gegenüber den sowjetischen Partisanen und den polnischen Kollaborateuren zu verhalten habe, und die Antwort auf jede dieser Fragen hatte eine praktische und eine prinzipielle Dimension. Denn Gemeinschaften, die sich durch eine lange religiöse und nationale (Diaspora-)Geschichte definieren, handeln immer auf diese doppelte Rechnung. Alles, was sie tun, bezieht sich auch auf das "big picture" einer Tradition, die nicht nur bei einem Versteck im Wald an die Stadtmauern von Jerusalem denken lässt, sondern die auch einen Anführer wie Tuvia Bielksi (im Film gespielt von Daniel Craig, bekannt als aktueller Darsteller von James Bond) als Moses-Figur erscheinen lässt, als Held eines neuen Exodus. Das dichte Gewebe aus Assoziationen, das ein Film wie "Defiance" mit sich bringt, ist dabei durchaus gewollt: Moses Bielski, Geheimagent seiner Majestät, des Gottes Abrahams und Jakobs. Dass es sich bei Tuvia Bielski um eine in der polnischen nationalen Geschichtsschreibung sehr kontroverse Figur handelt, liegt auf der nächstspezifischeren Ebene und wird einen Hollywood-Film nicht mehr im Detail kümmern. Genau in diesem Spannungsverhältnis liegt aber ein wesentliches Charakteristikum so vieler neuerer Filme, die von historischen Sujets ausgehen und darin die "universale" Geschichte suchen: "Der Vorleser" von Stephen Daldry erzählt von der deutschen Vergangenheitsbewältigung nach dem Zweiten Weltkrieg in Form einer Allegorie auf nationale Adoleszenz und Reifung. "John Rabe" von Florian Gallenberger von dem deutschen Geschäftsmann gleichen Namens, der 1937 im chinesischen Nanking einer Schutzzone für die einheimische Bevölkerung vor den Grausamkeiten der imperialen japanischen Armee vorsaß und dabei ein Muster von Zivilcourage abgab. "Defiance" von den Brüdern Bielski, die aus einem jüdischen Getto ausbrachen und sich nicht "wie Schafe" zur Schlachtbank führen ließen. Alle diese Geschichten haben einen Zug ins allgemein Menschliche, der sich aber daran bricht, dass die allgemeine Menschlichkeit in der Regel immer noch national, ethnisch, religiös verfasst ist. So wurde "Defiance" in Polen mit gemischten Gefühlen erwartet: Würde der Film das Selbstbild einer Nation, die ohnmächtig zwischen den Großmächten gefangen lag, aufbrechen und eine Nation von Antisemiten zeigen? Und so konnte die internationale Koproduktion von Bernhard Schlinks Bestseller "Der Vorleser" als deutsche Erfolgsgeschichte auf mehreren Ebenen begriffen werden: Sechzig Jahre nach Krieg und Schoah hat sich die deutsche Klassik mit ihrem Ideal des Bildungsromans doch noch durchgesetzt. Schuld und Lektüre bilden ein Gleichgewicht, der pubertäre Eros wird auf eine Gerechtigkeit verschoben, die aus dem Kanon kommt. Und so stellt ein Film wie "John Rabe" die Balance zu Hollywood wieder her, denn Steven Spielbergs "Schindlers Liste" hat nun ein deutsches Pendant. John Rabe ist für Siemens in Nanking, und er verteidigt den Standort auch dann noch, als die Nazis mit ihrer Autarkiepolitik schon längst wieder auf Protektionismus setzen. In diesen drei genannten aktuellen und in vielen ähnlich verfassten Filmen ist Geschichte die unabgeltbare Ressource. Das faktische Töten und Sterben, die Leiden der Opfer und die Grausamkeiten der Täter verleihen den Filmen einen Bedeutungshorizont, den das Kino als Medium für sich nicht voraussetzen kann. Es flüchtet sich beinahe in den Bannkreis des Historischen. "John Rabe" und "Defiance" verfallen dabei in traditionelle Muster, sie heften an eine plakative Heldengeschichte das Gütesiegel der Faktizität und wollen über die Formelhaftigkeit ihrer Erzählung hinwegtäuschen. Ungleich komplexer verhält es sich bei "Der Vorleser", zu dem David Hares Drehbuch eine Ebene der Universalisierung hinzugefügt hat. Durch zwei auffällige Manöver geht der Film deutlich über das Buch hinaus. Das eine betrifft die Darstellung der Lager, das andere das Leitmotiv der Odyssee, das bei Bernhard Schlink nur am Rande vorkommt, im Film allerdings zu einer zentralen Setzung wird. Die Darstellung der Lager ist im Buch verstellt. Michael Berg, Erzähler der Geschichte, entdeckt, dass der Frau, die er in der Pubertät geliebt hat, in den 60er-Jahren der Prozess gemacht wird. Sie war Aufseherin in einem Konzentrationslager gewesen. "Es war nicht der erste KZ-Prozess und keiner der großen." Ein Fall aus der Masse der Mitläufer. Durch diese Erfahrung wird Michael Berg erst zum Bürger der BRD. Er begreift deren prekäre Kontinuität mit einem Regime des Verbrechens. Nach einer Weile tut er das, was naheliegt: Er will sich ein Bild von den Konzentrationslagern machen. Dabei stellt er fest, dass man nicht einfach so nach Auschwitz fahren kann. Man braucht ein Visum (für das kommunistische Polen). "So bin ich zum Struthof ins Elsass gefahren. Es war das nächste Konzentrationslager. Ich hatte noch nie eines gesehen. Ich wollte die Klischees mit der Wirklichkeit austreiben." Der Film verliert über diese Spezifika kein Wort. Stattdessen ist Michael Berg zu sehen, wie er ganz allein ein namenloses Konzentrationslager betritt, das nicht nur offensichtlich keinerlei Zugangsbeschränkungen unterliegt, sondern auf ihn zu warten scheint wie die Gralsburg auf Parzival. Und so durchschreitet der junge Mann im Film ein Lager, das als der paradoxe Fall eines exklusiven Klischees erscheinen muss. Unsere Gegenwart hat sich die Bilder aus den Lagern schon zu einer Motivserie geordnet: Eingang, Schlafsaal, Beutedepot, Gaskammer, Krematorium. Exklusiv ist dieses Klischee (das Stephen Daldry so vage wie möglich hält, es ist weder als Struthof noch als Auschwitz erkennbar) durch den Zeitpunkt, an dem Michael Berg sich damit konfrontiert: Der Film macht aus ihm figurativ den ersten Deutschen nach dem Krieg, der den verwunschenen Ort der Lager aufsucht. Dass er dort gerade nicht "die Wirklichkeit" findet, sondern das Klischee, das die Filmgeschichte seither daraus hat werden lassen, ist die List, die der Film dem Buch unterjubelt. Denn dort heißt es über ein Haus im KZ Struthof-Natzweiler, das als Gaskammer ausgewiesen ist: "Es war weiß gestrichen, hatte sandsteingefasste Türen und Fenster und hätte eine Scheune oder ein Schuppen sein können oder ein Wohngebäude für Dienstboten." Bernhard Schlink geht mit dieser Szene an den Ursprung zurück, an dem die Schoah noch dem Bilderverbot unterlag, während Daldry dieses Bilderverbot nun schon als Reminiszenz nehmen kann. Den Raum dazwischen nehmen alle die Filme und Fernsehbilder ein, die das Töten und Sterben in den KZs zu einem Klischee werden ließen. Dass Michael Berg von David Hare dann auch noch zu einem neuen Odysseus gemacht wird, bekommt einen bemerkenswerten Hintersinn mit Blick auf die "Dialektik der Aufklärung" von Adorno und Horkheimer. Dort ist der Held des antiken Epos eine Figur, die den Übergang vom Mythos zur Aufklärung vollzieht (mit allen dialektischen Rückfällen). An einer Stelle des philosophischen Texts heißt es, der "zu viel redende" Odysseus (Udeis) "trägt bereits die Züge des Juden, der noch in der Todesangst auf die Überlegenheit pocht, die aus der Todesangst stammt". Diese hoch spekulative Zuschreibung lässt sich noch einmal universalisieren. "Der Vorleser" deutet an (macht dann allerdings selbst einen Mythos daraus), dass das Wort aus dem mythischen Gesetz der Wiederholung herausführen kann. Das läuft dem medienspezifischen Interesse des Kinos zuwider, das stark auf dieses Gesetz der Wiederholung angewiesen ist. Die meisten der neueren Geschichtsfilme tendieren deswegen dazu, das Wort im Bild aufzulösen: "John Rabe" und "Defiance" (und "der Baader Meinhof Komplex" etc.) zeigen Taten, die wie Parolen wirken. Sie sind beliebig wiederholbar und prinzipiell in jedes historische Setting übertragbar. Die Geschichte ist Kulisse, die Aktion ist universal. Dem steht das prophetische Verständnis von Geschichte entgegen, das in konkreten Situationen ein Zeichen für eine große Erzählung sieht, die dahinter erst in Umrissen auszunehmen ist. In "Der Vorleser" ist das neue Jerusalem eine Bibliothek, und nur wer lesen kann, erhält Zugang. Die Spannung zwischen dem "Juden" Odysseus und dem "Deutschen" Michael Berg ist der Riss, der ein Geschichtskino durchzieht, das an das Wort gefesselt ist und so tut, als verstünden Bilder sich von selbst. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 31 Titel: GESCHICHTE IM KINO "Unbeugsam - Defiance". Regie: Edward Zwick. Mit Daniel Craig, Liev Schreiber u. a. USA 2008, 137 Min. Filmstart: 23. April "John Rabe" und "Der Vorleser" laufen zurzeit in den Kinos ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 31 Titel: BERT REBHANDL geb. 1964, ist freier Autor. Er schreibt unter anderem für die FAZ und die taz Filmkritiken und ist Fußballexperte (Hertha BSC) ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 32 Titel: Dudweilers weite Horizonte Untertitel: Essays Der Journalist Nils Minkmar macht sich auf, die veränderte Normalität zu durchleuchten: "Mit dem Kopf durch die Welt" Essays VON DIRK KNIPPHALS Sitzt ein junger Mann auf einer Zapfsäule und holt sich einen runter. Kommt eine ältere Dame vorbei und fragt entrüstet: Na, ist das noch normal? Sagt der junge Mann fröhlich: Ne, das ist super! Dieser Witz fällt mir öfter ein, wenn ich mit so einem pathetischen Timbre in der Stimme vom Normalen reden höre (zugegeben, ich wollte ihn schon länger mal irgendwo unterbringen). Aber eigentlich wollte ich diese Besprechung von Nils Minkmars Buch "Mit dem Kopf durch die Welt" ganz anders beginnen. Damit, dass der Essay doch eine gute Form darstellt, um sich in unserer unübersichtlich gewordenen Normalität voranzutasten. Dass man in ihm ungewohnte Gegenstände zusammenbringen kann und Beobachtungsperspektiven ausprobieren - Versuche schreiben halt. Und damit, dass diese Form zuletzt ein wenig gelitten hat. Was zum Beispiel im Spiegel unter Essay steht, sind meist nur ums Ichsagen literarisch aufgehübschte Leitartikel, stets um fünf vor zwölf geschrieben. Und bei den Essays im Zeit-Feuilleton wusste man zuletzt immer schon, was rauskommt - auf irgendeine Form von Neoliberalismuskritik lief es immer heraus. Es fehlt also hier und da das Spielerische. Insofern freut man sich, wenn sich mal wieder ein Autor aufmacht, die Form des Essays ein bisschen zu erneuern - und damit in der Öffentlichkeit sogar durchkommt. Bei Nils Minkmar ist das so. Ironiebegabt. Reisefreudig. 42. Feuilletonredakteur bei der FAS. Journalistenpreise. Und nun hat der Fischer-Verlag (wofür er zu loben ist) das alles nobilitiert, indem er gut 200 Seiten Hardcover mit Lesezeichen zur Verfügung stellte. Einige Minkmar-Texte, die man schon aus der FAS kannte, und eine Menge Texte, die man noch nicht kannte, sind darin zu größeren essayistischen Einheiten zusammengepackt. "Personal essays" nennt Nils Minkmar selbst diese Texte oder "ganz persönliche Geschichten aus der Normalität". In Wirklichkeit sind es genausogut Versuche, den Essay mit den Mitteln des Features und der Reportage zu erneuern. Wie Minkmar vorgeht, kann man gut am Abschnitt "Die Götter von Dudweiler" sehen. Um den Islamismus zu verstehen, reist er eben nicht nach Afghanistan oder sonst wo hin, wo die harten Medienbilder herkommen. Aber als aus seiner Heimatstadt, dem saarländischen Dudweiler, gemeldet wird, dass in ihr dieser Daniel gewohnt hat, ein Mitglied der tief in den militanten Islamismus hineingeratenen Sauerlandgruppe, setzt sich Minkmar in den Zug. Er durchstreift seinen Heimatort, kriegt nicht viel raus, nimmt aber mit, dass die Normalität erklärungsbedürftig geworden ist - ausgehend von dieser Irritation startet er allerlei Suchbewegungen. Er holt die Sekundärliteratur über Islamismus ein, erzählt seine persönliche Geschichte von 9/11, trifft so gegensätzliche Figuren wie Tariq Ramadan und Ayaan Hirsi Ali. Aus solchen Recherchen setzt sich dann ein Mosaik zusammen. Die Stimme des Erzählers wirkt dabei wie die Stimme eines durchaus im Zweifel linksliberal gefärbten, grundsoliden Menschenverstandes, der sich von großen Thesen nicht so leicht beeindrucken lässt und bedächtig alle Seiten der Normalität betrachtet. Getragen wird das alles von einem Urvertrauen in pragmatische Vernunft. An einer Stelle heißt es über den Islamismus: "Die Veränderungen können nur von innen erfolgen, aber sie werden erfolgen." An einer anderen: "Dass Muslime den Tod mehr lieben als das Leben, sollte man den Terrorpropagandisten nicht abnehmen." Von seinem französischen Großvater, der das Essen sehr liebte und dem der erste, schönste, da persönlichste Essay des Bandes gewidmet ist, hat Nils Minkmar offenbar beneidenswert viel Erdung in den basalen Freuden des Lebens mitbekommen, und im Grunde kann er sich nicht recht vorstellen, dass das bei anderen Menschen anders sein könnte. Andere Essays widmen sich der Politik - beginnend mit hübsch ätzender Ironie im Rahmen solcher Politikspektakel wie der G-8-Inszenierung von Heiligendamm, um schließlich bei den jungmännerhaften Asta-Scharmützeln während der Studentenzeit zu landen. Und sie widmen sich zum Beispiel auch der Spezies des Mannes, die zu studieren Nils Minkmar während seiner vielen Zugfahrten ausgiebig Gelegenheit hat. Man kann sagen: Während die Darstellung der sich rapide verändernden Normalität auf der Metaebene ziemlich abstrakt bleibt ("Die Frauenbewegung, die Desindustrialisierung, der Massenkonsum sowie der völlige Kursverfall des Militärs, der Kirche und des Vaterlandes"), liefern die Essays einem immer viele Erkenntnisse, sobald sie konkret werden. Der Abschnitt über Politik enthält etwa eine Dekonstruktion Oskar Lafontaines, die sich gewaschen hat An dem Politik-Essay kann man auch einen konservativen Zug im Denken Nils Minkmars erkennen. Vollends zeigt er sich beim Abschluss-Essay über die Unbill des Umziehens: Ein Motiv von "Schuster bleib bei deinen Leisten" durchzieht heimlich das Buch, ein Setzen auf gewachsene Umgebungen und eine Grundskepsis gegen alles, was den eigenen Horizont übersteigt - zum Glück ist dieser Horizont bei diesem Autor sehr weit. Nils Minkmar: "Mit dem Kopf durch die Welt". Fischer, Frankfurt a. M. 2009, 224 Seiten, 17,95 Euro ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 32 Titel: Extrem harter Stoff Untertitel: KATHARINA GRANZIN Crime Scene Da leben vier junge Menschen in Berlin, alle Ende zwanzig. Sie sind früher zusammen zur Schule gegangen, und es trifft sich nun, dass alle dasselbe Schicksal teilen: keine Arbeit, kein Geld. Da hat einer von ihnen, es ist der frisch entlassene Journalist, eine Geschäftsidee: Warum sollten sie nicht eine Agentur für Entschuldigungen gründen? Sie nennen sie "Sorry". Im Auftrag von Leuten oder Unternehmen zu agieren, die ein Problem im Guten zum Verschwinden bringen wollen, ohne selbst damit in Berührung zu kommen, erweist sich als ungeahnt lukrativ. Bis hierher hätte man der Geschichte fast arglos folgen können, wenn der Autor dies nicht von Beginn an zu verhindern gewusst hätte. Es muss gesagt werden: Der Roman beginnt mit einem besonders brutalen Mord. Die vier Entschuldiger geraten an einen scheinbar Irren, der sie zwingt, sich bei einer Leiche zu entschuldigen. Parallel geschieht auch Furchtbares: Der Gruppenzusammenhalt der vier kommt an ein jähes Ende. In moralisch prekärer Lage hat die Stunde der schicksalhaften Alleingänge geschlagen. Eine hochtourige Dynamik der Unerbittlichkeit treibt die Handlung voran. Von Leserseite ist intellektuelle Beteiligung gefordert, denn erzählt wird mal in erster, mal in dritter, oft auch in zweiter Person Singular; und das wird sich als konsequente Umsetzung eines so grausamen wie komplexen Drehbuchs herausstellen. Die höchste Grausamkeit aber, die der Autor seinen Figuren antut, liegt darin, dass niemand von ihnen auch nur ahnt, wie die Dinge wirklich zusammenhängen. Die handelnden Personen tendieren dazu, die Handlungen der anderen falsch zu interpretieren. So werden fast alle, die sterben müssen, nicht wissen, warum. Von den Überlebenden ganz zu schweigen. Das alles ist hervorragend geschrieben, trotz aller Konstruiertheit superspannend und ein Höhepunkt deutschen Thrillerschaffens, aber: extrem harter Stoff. Zoran Drvenkar: "Sorry". Ullstein Verlag, Berlin 2009. 397 Seiten, 19,90 Euro ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 32 Titel: Lesenswerte Bücher Zygmunt Bauman: "Gemeinschaften". Suhrkamp, 180 S., 12 Euro Robert Castel: "Negative Diskriminierung". Hamburger Edition, 122 Seiten, 15 Euro Junot Díaz: "Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao". Fischer, 282 Seiten, 19,80 Euro Per Olov Enquist: "Ein anderes Leben". Hanser, 544 Seiten, 24,90 Euro Viktor Jerofejew: "Russische Apokalypse". Berlin Verlag, 256 Seiten, 22 Euro Sibylle Lewitscharoff: "Apostoloff". Suhrkamp, 248 Seiten, 19,80 Euro Jürgen Osterhammel: "Die Verwandlung der Welt". C. H. Beck, 1.568 Seiten, 49,90 Euro John Updike: "Die Witwen von Eastwick". Rowohlt, 416 Seiten, 19,90 Euro David Wagner: "Spricht das Kind" Droschl, 146 Seiten, 18 Euro Besprechungen dieser Titel unter: www.taz.de/buch ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 39 Titel: "Wenn man ein Gesicht bekommt" Untertitel: JUBILARE In Bayern mögen die Uhren anders ticken, aber darauf, dass die CSU regiert, ist stets Verlass. Und darauf, dass Gerhart Polt und die Biermösl Blosn ein Lied dagegen singen - seit nunmehr 30 Jahren! JUBILARE INTERVIEW BASCHA MIKA UND STEFAN KUZMANY Wir treffen Gerhard Polt, Hans und Christoph Well im Berliner Ensemble in ihrer Garderobe. Sie werden hier gleich zum dritten Mal ihr Jubiläumsprogramm "30 Jahre" spielen, zum dritten Mal vor ausverkauftem Haus. Leider fehlt Michael Well, der dritte Mann der "Biermösl Blosn" - er ist krank. Auf dem Tisch steht eine Flasche Augustiner Export, Christoph Well hat gerade darum gebeten, dass man ihm ein Kaasbrot für nach der Vorstellung zubereitet. Überhaupt sehen die drei Männer nicht so aus, als hätten sie ein Bühnenprogramm vor sich. Eher wirkt es so, als wollten sie hier noch den ganzen Abend beisammen sitzen und später Karten spielen. taz: 30 Jahre treten Sie jetzt miteinander auf. Und eigentlich hat sich ja nicht besonders viel verändert in Bayern in diesen 30 Jahren. Hans Well: Es hat sich sehr viel verändert. Kaum kommt die CSU ins Wanken, kollabieren weltweit die Banken. Christoph Well: ...und wir haben schließlich die CSU unter 100 Prozent gedrückt! Aber die CSU ist immer noch an der Macht. Wird man da nicht müde mit der Zeit? Gerhard Polt: Das ist schwer zu sagen. Wir leben in einer stabilen Gesellschaft. Ich weiß nicht, wie das wäre, in einer labilen Gesellschaft zu leben. Das ist so wie bei einem Fisch, der in seinem fließenden Wasser schwimmt. Und wenn man einen Fisch, sagen wir mal eine Forelle, in einen Teich hineinschmeißt - das mögen die nicht. Also wir fühlen uns da im Prinzip schon wohl. Das heißt ja, der Verlust der absoluten CSU-Mehrheit ist fast schon zu bedauern? Gerhard Polt: Ja klar. Das ist das Zeichen einer Krise, wenn ein Biotop anfängt zu kippen. Man spricht immer vom Goldenen Zeitalter, von den goldenen Jahren - und die haben sich schon verändert. Und ob sie silberne werden oder welche aus Aluminium, das wissen wir ja alle nicht. Hans Well: Die Zeit der Karpfen ist vielleicht vorbei. Und das Goldene Zeitalter in Bayern war welches? Gerhard Polt: Von bestimmten Regionen kann man schon sagen, dass sie in den letzten Jahren gewonnen haben, der Bayerische Wald zum Beispiel galt früher immer als Sibirien. Aber ich muss auch sagen, wenn man sich diese schönen und wunderbaren Gewerbegebiete überall anschaut... Hans Well: Wobei man oft nicht mehr unterscheiden kann, was Gewerbegebiet ist und was Wohngebiet. Gerhard Polt: Da ist ja oft praktisch ein Ort in einem Outlet vorhanden. Es ist auch nach wie vor selten, dass Skigebiete noch nicht das sind, was sie sein werden. Hans Well: Es ist aber eindeutig unterscheidbar: das Isental ist noch keine Autobahn. Das Isental: Seit den 70er-Jahren plant die Bayerische Staatsregierung einen neuen Abschnitt der A 94 in das landschaftlich reizvolle Isental. Dagegen protestieren die Anwohner. Und die Künstler: Anfang Mai 2008 versammelten Polt und die Wells gemeinsam mit der dortigen Bürgerinitiative 2.000 Demonstranten gegen den Ausbau der A 94. Die Zukunft des Isentals ist nach wie vor ungewiss. Das Interview muss unterbrochen werden, der Auftritt steht unmittelbar bevor. Nach der Pause treffen wir die Künstler wieder in der Garderobe. Sie sitzen da, als hätten sie ihre Plätze nie verlassen. Nicht nur Sie arbeiten jetzt 30 Jahre zusammen, auch die taz wird 30. Der taz wird ja gerne vorgeworfen, sie hätte als kleines, anarchisches Blatt angefangen und heute wäre sie so etabliert. Wie ist das bei Ihnen? Gerhard Polt: Man kann Älterwerden mit Sichetablieren verwechseln - und es gibt durchaus die Möglichkeit, dass man das tut. Wenn man langsam ein Gesicht bekommt und das Gesicht relativ echt ist, also nicht vom Visagisten oder vom Schönheitschirurgen gemacht, dann ist das schon fast Luxus, den sich viele Leute nicht mehr so leisten wollen und können. Und das gilt als etabliert vielleicht. Wenn man sagt, jemand nimmt sich die Zeit zu warten, bis er das wird, was er dann ist. Das kann sein. In Ihrem Publikum sitzt das Establishment, also auch die CSU, und findet es toll, durch den Kakao gezogen zu werden. Hans Well: Das ist doch ein Glücksfall. Was will man mehr? Wollen Sie das? Gerhard Polt: Ich weiß nicht, ob da wirklich die personifizierte CSU sitzt. Was aber wahrscheinlich stimmt: bestimmte Geschichten, das Bayerisch-Klassische, musst du verstehen. Wenn du Außenstehender bist, wenn wir uns, sagen wir mal, über das Münchner Oktoberfest unterhalten, dann haben wir natürlich zu diesem Fest ein gewisses Verhältnis. Ich war mal mit einem schwedischen Ehepaar auf dem Oktoberfest und die Frau war Alkoholtherapeutin in einem großen Alkoholzentrum bei Stockholm und die sitzt dann in einem großen Bierzelt drin - die konnte es ja nicht fassen. Die kurze Pause ist vorbei. Auch die zweite Hälfte des Programms begeistert das Publikum. Bemerkenswert ist das Remake einer alten Nummer aus "Fast wia im richtigen Leben": Polt verkörpert den Chef einer Agentur, die gegen Zahlung eines Honorars bereit ist, für jeden beliebigen Management-Fehler die Verantwortung zu übernehmen. Früher war das der Glykol-Wein-Skandal. Heute ist es die Finanzkrise. Die Nummer ist nun bald 30 Jahre alt, wirkt aber erschreckend aktuell. Nach einer letzten Zugabe, der Schnulzen-Parodie "Wenn du mich liebst, sag: 'Schnibbeldabu'!", die Gerhart Polt, in einen unglaublich verstaubten Pelzmantel gehüllt, vorträgt, treffen wir uns wieder. Wenn Sie dazugehören wie eine Forelle ins fließende Wasser, wie grenzen Sie sich dann noch ab? Sie sind ja längst preisgekröntes Kulturgut. Kulturgut: Gerhard Polt und die Biermösl Blosn sind vielfach ausgezeichnet worden. Sie sind unter anderem Träger des Karl-Valentin-Preises, Polt bekam den Bayerischen Literatur-Preis und den Oberbayerischen Kulturpreis. Hans Well: Das ist überhaupt kein Problem. Wir werden trotzdem nie das spielen, was das Publikum von uns erwartet, sondern immer genau das, was uns gerade im Moment Spaß macht. Christoph Well: Also wir wissen, was wir können und was wir nicht können. Wir sind übrigens stolze Nichtbesitzer des Oberbayerischen Kulturpreises, der uns zwar von der Jury zuerkannt, von der CSU, in Koalition mit den Republikanern, aber wieder aberkannt wurde. Es gibt einen Polt-Sketch, in dem ein Bauer eine Tirade gegen die Umweltzerstörung loslässt, er steigert sich richtig hinein - und am Schluss sagt er: "Das ist der Grund, deswegen wähle ich auch dieses Mal wieder CSU." Die Leute wollen keine Gewerbegebiete und keine Naturzerstörung, aber trotzdem wählen sie weiterhin die CSU. Das ist doch deprimierend. Gerhard Polt: Wenn man eine Untersuchung machen würde, ob das Kasperl-Theater über die Jahrhunderte die Menschen revolutionärer gemacht hat oder skeptischer oder lustiger oder so, da würde ich sagen: ich glaube nicht. Und trotzdem wäre es schade, wenn es kein Kasperl-Theater mehr gäbe. Aber was macht der Kasperl, wenn er nach der Vorstellung sieht, dass sich trotzdem einfach nichts ändert? Christoph Well: Dann geht er heim und macht sich eine Brotzeit. Und genau das haben die drei Künstler jetzt gleich vor: Noch in der Nacht wollen sie nach Hause fahren. Nach Hause nach Bayern. In der fernen Hauptstadt Berlin hält es sie wirklich keine Minute länger als unbedingt nötig. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Kultur Seite: 39 Titel: GERHART POLT UND DIE BIERMÖSL BLOSN Gerhart Polt: Bayerischer Kabarettist, verkörpert wie kein anderer die Zerrissenheit des bayerischen Wesens zwischen Spießertum und Anarchie. Das Besondere an seinen Sketchen ist seine Beobachtungsgabe, er spielt "fast wie im richtigen Leben" - so auch der Titel der Fernsehserie, mit der er seit 1979 bekannt geworden ist. Die Biermösl Blosn: Das sind Christoph, Hans und Michael Well, verbinden traditionelle Volksmusik mit politischen und satirischen Texten - und das musikalisch virtuos. Michael Well ist ausgebildeter Solotubist und Baritonist, Christoph Well war früher Solotrompeter bei den Münchner Philharmonikern. Der studierte Germanist Hans Well ist hauptverantwortlich für die berüchtigt bissigen Texte der Gruppe. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Reise Seite: 36-37 Titel: Wenn du nicht lieb bist, kommst du ins Bauhaus! Untertitel: BAUHAUS Die Kunstschule kommt aus Weimar, doch sie wurde dort nur schwer ertragen und musste 1925 auf politischen Druck und wegen Streichung der Mittel nach Dessau übersiedeln. Ein Bauhaus-Spaziergang in der Klassikerhochburg BAUHAUSVON EDITH KRESTA Die Wände in der Bar des Traditionshotels "Elefant" in Weimar strahlen in tiefstem Blau, Rot, Gelb. Eine Referenz ans Bauhaus? "Ja", sagt der Barmann erfreut, "wir haben es extra für dieses Jahr geändert, aber bislang hat es niemand bemerkt." Vor 90 Jahren gründete Walter Gropius das Bauhaus in Weimar. Statt Wieland, Herder, Goethe, Schiller, Liszt und Wagner tafelten im zentral gelegenen "Elefant" nun Kandinsky, Moholy-Nagy, Itten, Schlemmer und Klee. Eine Suite im "Elefant" heißt heute Lyonel Feininger. Die elegante Wendeltreppe des Hotels "Elefant" ist im Bauhaus-Stil gebaut. Weimar will mit dem Bekenntnis "Das Bauhaus kommt aus Weimar" Besucher locken. Das 90-jährige Jubiläum wird gleichzeitig an zwei weiteren Standorten der Bauschule - Dessau und Berlin - mit Ausstellungen und Veranstaltungen gewürdigt. Ein Gedenken mit weltweiter Strahlkraft. Dabei wurde das Bauhaus in der Klassikerhochburg Weimar nur schwer ertragen. 1919 etablierte sich in Weimar eine neue Kunstschule, die lebensnah, handwerklich, funktional und sozial sein wollte. "Daß nun jeder arbeitende Mensch die Möglichkeit fände, für seine Familie eine gute und gesunde Wohnung zu beschaffen", schrieb der Gründer und Architekt Walter Gropius. Er versammelte Designer, Architekten und Maler, die ihr Können dazu nutzen sollten, bessere Lebensbedingungen für alle zu schaffen. Mit der Kritik am Ornament propagierten die Bauhäusler eine funktionale Logik und Sachlichkeit. Neue Produkte und eine neue Ästhetik schufen ein anderes Design mit sozialem Anspruch. Ohne industrielle Serienproduktion im Baukastensystem, wie es beispielsweise Ikea heute global umsetzt, wurden die neuen Produkte allerdings selbst zum Luxusgut, zum Klassiker. Die echte Wagenfeld-Schreibtischlampe, die in vielen Weimarer Schaufenstern und auf Prospekten heute das Bauhaus-Jahr propagiert, hat ihren stolzen Preis. Vor dem Deutschen Nationaltheater auf dem Weimarer Theaterplatz steht das eigentliche Wahrzeichen der Stadt: Schiller und Goethe in würdiger Eintracht, überlebensgroß. Hier im Theater tagte 1919 von Februar bis August die Nationalversammlung und erarbeitete die Verfassung der ersten deutschen Republik. Die Tafel am Theaterbau zur Erinnerung an die Nationalversammlung entwarf Walter Gropius (1922). Die Moderne ist auch in den gegenüberliegenden klassizistischen Bau eingezogen: Dort ist das Bauhaus-Museum bisher untergebracht. Die großen Ausstellungen zum Jubeljahr "Das Bauhaus kommt" laufen nun seit Anfang April. Auf dem Weg von hier zur Bauhaus-Universität liegt das Möbelhaus Kneisz in der Ackerwand 2, gleich gegenüber der dazugehörige Bauhaus-Devotionalien Shop. Ein amerikanisches Ehepaar lässt sich im Möbelhaus das blau-gelb-grün-rote Bauhaus-Bauspiel einpacken. Der gelbe Gropius-Sessel F52, der Marcel-Breuer-Hocker und die Thonet-Stühle wären sicherlich schwieriger für den Transport nach Übersee. Am Eingang der heutigen Bauhaus-Universität wartet David Fritsch, Architekturstudent in Weimar. Er führt den Bauhaus-Spaziergang. Das ehemalige Kunstschulgebäude war 1919 Gründungsort des Staatlichen Bauhauses, erbaut von Henry van de Velde. Er wurde 1902 vom Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar zum künstlerischen Berater für Industrie und Handwerk berufen. Nicht immer zum gegenseitigen Wohlgefallen. Zwischen 1904 und 1911 baute van de Velde das Ensemble der Kunstschule und der Kunstgewerbeschule, 1996 wurde dies in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen. Auffällig am Universitätsbau sind die großen Atelierfenster der oberen Geschosse und die aufwendige Wendeltreppe im Inneren. Wenn Studenten im Eingangsbereich an der "Eva"-Statue von Auguste Rodin vorbeigehen und der schönen Nackten über den Po streichen, dann gehört auch das zum geistigen Erbe des Bauhauses: "Es soll schön machen", sagt David Fritsch. Bauhaus- Spuren finden sich in dem Gebäude heute wieder in Wandmalereien, Reliefs und im nachgestalteten Gropius-Zimmer. Bis zur behutsamen Rekonstruktion der Universität in den 90er-Jahren war es ein langer Weg, der von Missverständnissen, Intrigen, Geldknappheit und Umbauten geprägt war. Zu DDR-Zeiten waren sich die Funktionäre nie ganz schlüssig, ob man den Funktionalismus und gesellschaftlichen Anspruch des Bauhauses preisen oder seine libertäre Utopie geißeln musste. Wandgemälde von Herbert Bayer, einem Schüler Kandinskys, wurden in den Fluren freigelegt. Gelbe Dreiecke, rote Quadrate, blaue Kreise zieren die Wände und weisen den Weg zum Sekretariat. Die Farbenlehre des Bauhauses, angelehnt an Goethes Farbenlehre, schreibt den Farben auch gefühlsmäßige Eigenschaften zu. Die ersten Bauhäusler scheuten sich nicht, auch kleinste Räume mit starken Farben zu bepinseln. Restauriert wurde auch das "Haus am Horn". Der Flachdach-Bau liegt nicht weit von Goethes Gartenhaus auf der anderen Seite des Parks an der Ilm. Er wurde 1923 als Versuchshaus für die große Bauhaus-Ausstellung errichtet. Der Entwurf stammt von Georg Muche, dem jüngsten Meister am Bauhaus, ausgeführt wurde er vom Baubüro Gropius. "Weil das Handwerk Basis allen künstlerischen Schaffens sein sollte, wurden Werkstätten gegründet", erzählt David Fritsch. Funktionalismus der Platte "Die Professoren nannten sich Meister, die Studenten Lehrlinge und Gesellen." Der Hauptraum im Mittelpunkt des Hauses überragt mit 4,14m Höhe die um ihn herum angeordneten kleinen Räume. Er wird durch Oberlicht mit Tageslicht versorgt. Nur ein Fenster in der Arbeitsnische gibt den Blick auf den Garten frei. "Licht, Luft, Sonne und Wohnruhe - in diesem zweckmäßigen Flachbau sind die Bauhaus-Prinzipien verwirklicht", schwärmt Fritsch. Der danebenliegende klassizistische Bau wurde von den Nazis errichtet. "Sie wollten mit Giebeldach und Erkern zeigen, wie deutsche Baukunst auszusehen hat", erläutert Fritsch. Bauen als soziale Aufgabe für bessere Lebensverhältnisse mit neuen Entwürfen, die von der Tapete bis zum Geschirr reichten. Die Einbauküche im Haus am Horn aus den Zwanzigerjahren mutet modern an. Bauen war zumindest für den Direktor Gropius ein ästhetischer Vorgang. Der Superfunktionalismus der Platte, der dem Bauhaus zugerechnet wird, hat sich davon verabschiedet. Etwas oberhalb des Hauses am Horn hat man ein neues Viertel in guter, alter Bauhaus-Tradition errichtet. Es wirkt ansprechend, mit hohen Fenstern, bunten Farben, Gärten. Das "neue bauen am horn" ist "eine Hommage an die Bauhauskünstler", sagt Fritsch. "Das Prinzip der kubischen Bauten: sparsamer Umgang mit Energie, Material und Boden. Ein Projekt der Expo 2000." Der Weg zurück in die Stadt führt durch den Park, vorbei am Tempelherrnhaus. Es ist seit der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg eine Ruine. In den Zwanzigerjahren wohnte dort der Bauhauskünstler Johannes Itten. "Er war wie ein Mönch gekleidet, kahl geschoren und Anhänger der Maznazdan-Sekte. Abends trafen sich Meister und Schüler zum Trommeln im Park", erzählt Fritsch. Nicht nur das Trommeln mag die beschauliche Kleinbürgerwelt Weimars aufgeschreckt haben. "Am Bauhaus sammelten sich unterschiedlichste intellektuelle und kulturelle Strömungen. Das charakteristisch Moderne des Bauhauses liegt im Pendeln zwischen Esoterik und Wissenschaft, Handwerksromantik und Industriestandard, reiner Kunst und Funktionalismus", schreibt der Politologe Klaus von Beyme. Für die Weimarer Anfänge stimmt dies sicherlich. Und es pendelt auch in Fragen der Emanzipation: Frauen waren im Bauhaus zwar angekommen, aber sie wurden auf wenige Orte wie die Weberei verwiesen. 1924, kurz bevor das Bauhaus Weimar verließ, schrieb die Weimar Zeitung über ein "Gebaren schroffster Herausforderung", wenn "Bauhausleute beiderlei Geschlechts irgendwo in der Natur sich nackt tummelten". Unbedingt sei davor zu warnen, den Sohn, die Tochter "dieses Institut beziehen zu lassen". Und David Fritsch weiß: "Unfolgsamen Kindern wurde gedroht: Wenn du nicht lieb bist, kommst du ins Bauhaus." Das könnte durchaus Spaß gemacht haben. Denn der Mythos Bauhaus lebt auch von seinen Festen, begleitet von der eigenen Band mit Jazz, Stepp und Maskenbällen. Die wilden 20er-Jahre eben. Man feierte im Ilmschlösschen, das man auf einem halbstündigen Fußmarsch vom Stadtzentrum Richtung Oberweimar entlang der Ilm erreicht. Hier im Ilmschlösschen gab das Bauhaus seinen Abschied von Weimar. Der Festsaal scheint sich seither nicht viel verändert zu haben, "außer dass der Vermieter zu DDR-Zeiten eine Fußbodenausbaufirma führte und das Parkett mit irgendeinem Verbundstoff überzog", sagt Christine Klostermann, die das Ilmschlösschen, das seit 1914 von ihrer Familie geführt wird, vor 25 Jahren übernahm. Die Eintrittskarte vom 28./29. März 1925, entworfen von Herbert Bayer, hängt im Restaurant. Sie lud zur letzten Feierlichkeit. Der Eintritt kostete 5 Mark. Zu gewinnen gab es Selbstentworfenes von Kandinsky und Klee. Das Bauhaus verließ im April 1925 Weimar und zog nach Dessau, das bessere Bedingungen versprach. Die Gründe des Wegzugs: politischer Druck der Rechtskoalition, die der Schule die Hälfte der Mittel strich. In der Gelsenkirchener-Barock-Gaststätte Ilmschlösschen gibt es Thüringer Küche, dunkles Bier, frische Osterglocken, Blumenkissen. Zwei ältere Damen beim Kaffee schäkern mit dem schlaksigen Kellner. Es würde nicht wundern, wenn er schon Paul Klee die Knödel übel gelaunt serviert hätte. Nur zwei Bildbände zum Bauhaus - auf einem Tischchen mit Zimmerlinde - verweisen versteckt auf die fröhliche Avantgarde. Das Kapitel Bauhaus, inzwischen Unesco-Weltkulturerbe und weltberühmt von Chicago bis Tel Aviv, hat die ostdeutsche Provinz bis heute nur schwer für sich entdeckt. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Reise Seite: 37 Titel: Bauhaus satt Untertitel: WEIMAR goes Modernity: Zeitgenössische Künstler nervt der Kult ums Bauhaus. Sie fordern mehr Mittel und Aufmerksamkeit für die neue Kunst WEIMARWo stehen heute Bauhaus-Möbel? In der Chefetage!", gibt Janek Müller zu denken. Oder im Museum. Vom "Design fürs Volk" kann nicht die Rede sein. "Das Bauhaus ist heute absolut elitär", so der Weimarer Theatermacher. Das Staatliche Bauhaus, einst in Weimar gegründet, ist dieses Jahr 90 geworden. Stadt, Land und Klassik-Stiftung Weimar feiern es mit geballter Marketingkraft. "90 ist ein ehrenwertes Alter", findet Janek Müller. "Aber jedes Jahr ein Jubeljahr - das ist nervig." Seiner Meinung nach hat sich die "Impuls-Region Erfurt-Weimar-Jena", wie sie sich nennt, einen touristischen Coup einfallen lassen. Das Ergebnis ist eine museale, historische Würdigung des Bauhauses. "Das Bauhaus kommt aus Weimar" heißt die Ausstellung, die dezentral in den Museen der Klassik-Stiftung stattfindet und die den Schwerpunkt auf die Bezüge zwischen dem frühen Bauhaus und, wie sollte es auch anders sein, der klassischen Epoche Weimars legt. Nach Weimar kommen zahlreiche Leihgaben anderer Bauhaus-Standorte, vieles auch aus Privatbesitz. Bisher hatten sich die Exponate in einer ständigen Ausstellung im Bauhaus-Museum gedrängt. Jetzt sind sie auf fünf Häuser verteilt. Ist das Bauhausjahr Druckmittel für den Bau eines neuen Bauhaus-Museums? An den Ausstellungsorten tauchen hier und da auch Werke heutiger Studenten der Bauhaus-Universität auf. In deren Ausstellungsraum "marke punkt sechs" im Untergeschoss des Neuen Museums treffen die frühen Medienkunstexperimente des Lázló Moholy-Nogy auf aktuelle Audiovisionen made in Weimar. Im Kino weist ein Schild den "Fluchtweg Klassik", der wieder nach oben in die Werkstättenschau führt. Die ewige Klassik auch in der Moderne? "In Weimar gibt es zu viel nur gegenwärtig gemachte Vergangenheit", sagt der Kulturschaffende Janek Müller. Da bleibt nicht viel Geld übrig für zeitgenössische Kunst. Dennoch kann Müller nicht meckern. Sein vom 1. bis 17. Mai 2009 in Jena stattfindendes Festival "Crash! Boom! BAU!" hängt sich ebenfalls das Bauhaus-Schild um und konnte aus dem Jubiläumstopf schöpfen. Nicht in klassischer Rückbesinnung, sondern in einer szenografischen Auseinandersetzung mit der Bauhaus-Bühne im Hier und Jetzt. Für das Festival wirbt eine in Weimar ansässigen Künstlergruppe: Die Human Dollz bereisten anonym, die ikonischen Bauhaus-Formen auf dem Kopf, die Bauhaus-Stätten im ganzen Land und posierten für Fotos und Videos. Als entpersonalisierte Figurinen erinnern sie an Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett". Doch hier liegt der Fokus auf dem Virtuellen und nicht wie damals auf dem Maschinellen. Immer mit der Zeit gehen! Ganz im Sinne des Bauhauses. SOFIA SHABAFROUZ www.theaterhaus-jena.de ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Reise Seite: 37 Titel: JUBELFEIERN Feiern: Nicht hundert, sondern neunzig Jahre Bauhaus wird in Weimar, Dessau und Berlin gefeiert. Alle Infos und die Bauhauscard www.bauhaus2009.de Weimar: Vier Ausstellungsorte beschäftigen sich bis zum 5. Juli 2009 mit den frühen Jahren des Staatlichen Bauhauses www.das-bauhaus-kommt.de, tourist-info@weimar.de, www.weimar.de Bauhaus-Spaziergang: Dauer 2,5 - 3 Std. Tel.: 03643 872-603 oder -630 www.uni-weimar.de/bauhausspaziergang Sonderticket: Gibt es bei der Bahn vom 22. 7. bis 4. 10 für 89 Euro von jedem Bahnhof entweder nach Weimar, Dessau oder Berlin Tel. (0 18 05) 31 11 53 Pauschalen: zahlreiche Hotels wie das Dorinth Hotel in Weimar bieten Bauhaus-Pauschalen. Infos bei den Touristikämtern ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Flimmern und Rauschen Seite: 34 Titel: Stadt als Körper Untertitel: der wochenendkrimi von christian buss von christian buss Oben toben Kinder auf Wippen, die wie Laserkanonen aussehen. Unten, in den Tunneln und Gängen unter der Stadt, lümmeln kriminelle Jugendliche. In die üblichen Impressionen von Berlin haben die Macher dieses "Tatorts" einige befremdliche Bilder geschmuggelt. Dabei spielt "Oben und Unten" auf den häufig abgefilmten Quadratkilometern zwischen Alex und Potsdamer Platz. Hier jagen Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) den Mörder eines Investors. Der Tote war nach einer Firmenpleite abgetaucht, um Jahre später wieder ins Baugewerbe einzusteigen. So einer hat viele Feinde - vom ruinierten Handwerker bis zur Gattin, die sein mangelndes Arbeitsethos und Architekturverständnis verachtete. Während also Berlins letzte Brachen mit dessen maroden Objekten zugestellt sind, liegt unter der Stadt ein ungenutztes System von Schächten und Schläuchen, in dem ein Künstler (Harald Schrott) haust: "Sie müssen sich die Stadt als Körper vorstellen." Organisch in Szene gesetzt wurde dieser leider nicht. Der Schnitt ist katastrophal, handwerkliche Mängel werden keineswegs durch eine kluge Story kompensiert. Statt den Topos für einen städtebaulichen Subtext zu nutzen, verfallen Regisseur Nils Willbrand und Autorin Natja Bruckhorst doch nur auf einen einfachen Metropolen-Whodunit. Von der äußerlich wuchernden, innerlich verwesenden Stadt ist nichts zu spüren. RBB-"Tatort", So., 20.15 Uhr, ARD ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Flimmern und Rauschen Seite: 34 Titel: Sam, der Seelenfänger Untertitel: eine kleine gastkritik von martin thomas von martin thomas An seinem 21. Geburtstag erfährt Sam Oliver, dass seine Eltern Sams Seele an den Teufel verkauft haben. Kein feiner Zug, aber sie hatten gute Gründe: Der Vater war krank, die Behandlung teuer. Und außerdem dachten sie, dass Daddy Oliver zeugungsunfähig wäre. Das ist die Vorgeschichte der neuen ProSieben-Serie "Reaper - ein teuflischer Job" (montags, 22.15 Uhr). Dass sich sein Leben für immer ändert, ahnt Sam, als er morgens vor dem Baumarkt, in dem er Regale einräumt, vor allem aber mit seinen Kollegen rumhängt, einen Einkaufswagen mit der Kraft seiner Gedanken schieben kann. Eine Nummer, mit der er im Zirkus auftreten könnte, aber Satan hat da andere Pläne: Sam soll mit einem Staubsauger aus der Hölle entwischte Seelen einfangen. Unterstützt wird Sam von seinem Kumpel Ben. Nur leider versteht man nicht so ganz, warum Ben von Sams Geheimnis erfahren durfte und Andi, die Tante aus dem Baumarkt, die Sam geil findet, nicht. Es ist wie immer in solchen Serien: Sie mag ihn, er mag sie - trotzdem kommen sie nicht zu Potte. Sams ungewöhnlicher Job lässt jede Annäherung noch aussichtsloser erscheinen. Aber das wird schon noch werden - wie immer in solchen Serien. Ihren ersten Kuss werde ich nicht mitbekommen, ich habe mich schon ein bisschen zu alt für "Reaper" gefühlt. Die Serie ist wohl für 20-Jährige gedacht. "Marv" Thomas (27) ist Drummer bei "Peer" (www.peermusik.de) ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Flimmern und Rauschen Seite: 34 Titel: SONNTAGSTIPP Tom erschwindelt sich das Vertrauen des reichen Pärchens Marge und Dickie - in den sich Tom verliebt. Als Dickie ihn abweist, dreht Tom durch. Subtile Adaption des Patricia-Highsmith-Bestsellers "Der talentierte Mr. Ripley", Psychothriller USA 1999; Regie: Anthony Minghella; Darsteller: Matt Damon, Gwyneth Paltrow, 20.15 Uhr, Arte ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Flimmern und Rauschen Seite: 34 Titel: SAMSTAGSTIPP Bobby Darin träumte davon, sein Idol Frank Sinatra zu übertrumpfen, blieb aber trotz einiger Hits ein Showstar aus der zweiten Reihe. Filmisches Denkmal des früh gestorbenen New Yorker Entertainers "Beyond the Sea", Musicaldrama USA/D/GB 2004; Regie: Kevin Spacey; Darsteller: Kevin Spacey, Kate Bosworth, John Goodman, 23.50 Uhr, MDR ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Flimmern und Rauschen Seite: 35 Titel: "Meine Arbeit speist sich aus dem Leben" Untertitel: FERNSEHFILM Der Schauspieler Matthias Brandt über den Zauber von Oldenburg, die Konferenzsucht der Senderhierarchen, Nordkorea und - Götz George FERNSEHFILMINTERVIEW DAVID DENK taz: Herr Brandt, beginnen wir mit der Frage, die uns alle sehr interessiert: Welche Erinnerungen haben Sie an ... Oldenburg, die Stadt Ihres ersten Theaterengagements? Matthias Brandt: Nur die besten. Das war ein schönes kleines Theater, das jeden Abend ausverkauft war. Mit ein paar richtig guten Schauspielern, von denen ich viel gelernt habe. Ich habe gearbeitet wie ein Blöder und wenns mal nicht so gut war, stand das nicht gleich in jedem Feuilleton. Auch das war gut, ich fühlte mich auch so schon überfordert genug. Was haben Sie in Oldenburg über Ihren Beruf gelernt? Ich habe gleich im ersten Jahr neun Rollen gespielt, also praktisch jeden Abend vor Publikum gestanden. Und das ist nun mal die einzige Art, den Schauspielerberuf, der nicht zuletzt ein Handwerksberuf ist, zu lernen! Indem man spielt, spielt, spielt. Auch ganz wichtig: Ich musste sehr schnell lernen, mich und meine Kräfte einzuteilen. Was meinen Sie damit? Als ganz junger Schauspieler neigt man ja zur Verausgabung - in allem, was man macht. Das ist mir grundsätzlich sympathisch, aber nicht ewig durchzuhalten und manchmal auch einfach falsch. Es gibt Rollen, die dadurch gewinnen, dass man sie etwas kühler, reservierter angeht. Zur Verausgabung scheinen Sie auch heute noch zu neigen. Eine Journalistenkollegin nannte Sie mal "einen der fleißigsten Schauspielern unter den guten". Man darf nicht vergessen, dass die Filmerei in den letzten Jahren für mich auch die Eroberung eines neuen Berufs war. Dem des Filmschauspielers, der sich von dem, was ich vom Theater her kannte, doch sehr unterschied. Und auch diesen Beruf habe ich wieder durchs Machen gelernt und, ganz simpel: Ich arbeite gerne. Mir macht das wirklich Spaß. Wie kommt es, dass Sie trotzdem in so wenigen schlechten Filmen zu sehen waren? Intuition? Oder einfach Glück? Es ist natürlich auch Glück dabei. Bei manchen Drehbüchern merkt man ja nach drei Seiten, dass das Mist ist, da fällt die Entscheidung dann natürlich leicht. Es gibt aber auch Projekte, bei denen man nicht gleich erkennt, wohin die Reise geht. Da muss man intuitiv entscheiden. Aber auch dann liegt man natürlich manchmal falsch. Um dieses Risiko zu minimieren - ausschließen lässt es sich ja sowieso nie -, ist mir eine Kontinuität in der Zusammenarbeit mit einzelnen Regisseuren auch so wichtig. Mit Oliver Storz etwa haben Sie schon drei Filme gedreht, zuletzt das Kammerspiel "Die Frau, die im Wald verschwand", das am 29. April im Ersten läuft. Was schätzen Sie an ihm? Storz kommt aus einer anderen Zeit - auch des Fernsehens. Der war Theatermann, was man seinen Büchern und Filmen anmerkt. Ich mag das. Er ist hochintelligent, sehr gebildet und weiß so viel über unseren Beruf. Die Arbeit mit ihm ist nie oberflächlich. Er vertraut seinen Schauspielern, die er sich sehr sorgfältig aussucht, und gibt in der Arbeit ziemlich knappe Hinweise, die mir bei der Suche nach Material für meine Rolle helfen, ohne dass er mir diese Suche abnimmt. Wie sind Sie beispielsweise an Ihre Rolle in "Die Frau, die im Wald verschwand" herangegangen? Diese Figur trägt ja Kriegstraumata mit sich herum. Ich habe Adäquates zum Glück nie erlebt, aber das ist eine Situation, vor der ich als Schauspieler häufig stehe. Ich muss ja andauernd ... ... "so tun als ob", haben Sie mal gesagt. Genau. Method Actors [Anhänger einer von Lee Strasberg begründeten Schauspieltechnik, d. Red.] könnten Ihnen diese Frage wesentlich weniger verworren beantworten, als ich dies nun tun werde, weil sie einen klareren Ansatz verfolgen. Bei mir hat aber keine Methode was genützt. Es gibt einfach immer einen Punkt, an den ich beim Lesen eines Drehbuchs komme, wenns mir denn gefällt, wo ich an eine Figur andocke und von dort aus entwickelt man das dann. In diesem Fall war es die Beschreibung einer Szene zu Anfang des Films, in der meine Figur draußen in der Dämmerung steht und das Leben im Haus eines früheren Freundes beobachtet. Er bekommt wie auf einer Theaterbühne ein "besseres" Leben präsentiert. Das gefiel mir als Moment sehr. Es gibt auch Figuren, die man unbedingt spielen will, weil man einfach Lust auf die Klamotten hat. Matti Geschonneck hat mich mal mit dem Versprechen geködert, ich dürfte ein Halskettchen tragen. Wie wichtig ist eigentlich Talent, um als Schauspieler erfolgreich zu sein? Das ist ja eigentlich eine seltsame Frage, oder? Aber natürlich berechtigt. Es ist manchmal schwierig, weil ja viele meinen, alles zu können: Bücher schreiben, singen, was weiß ich noch und eben auch Schauspieler sein. Aber vielleicht ist das alles ja doch ein bisschen schwieriger - und dadurch, dass man es macht, ist man es noch lange nicht. Fühlen Sie sich vom deutschen Fernsehen manchmal unterfordert? Ja, klar. Weil einfach durch diese Bürokratisierung der Sender, dadurch, dass zu jedem Film zig Konferenzen abgehalten werden, auf denen beschlossen wird, was das Publikum angeblich sehen will, meistens nur erreicht wird, dass man sich eben auf den kleinsten gemeinsamen Nenner für eine Arbeit einigt. Das ist nicht qualitätsfördernd und unterfordert alle Beteiligten. Ihr bester Freund Jan-Gregor Kremp ist auch Schauspieler. Welche Rolle spielt der Austausch über Ihren gemeinsamen Beruf zwischen Ihnen? Natürlich findet der statt, ist aber zum Glück nur ein kleiner Teil, weil ich meinen Beruf zwar irre gerne und mit der mir zur Verfügung stehenden Hingabe ausübe, aber auch immer wieder aus dieser Welt rausmuss. Ich könnte niemals ausschließlich darin leben, hielte das auch für falsch. Ich habe den Anspruch, dass meine Arbeit sich aus dem Leben speist. Und warum umgeben Sie sich dann privat mit anderen Schauspielern? Ich kann die ja schlecht wegjagen, oder? Und außerdem ist man als Schauspieler sehr auf die Nachsicht seiner Umgebung angewiesen. Und Kollegen verstehen eben noch am ehesten, dass man sich auch selbst für eine gewisse Zeit verändert, wenn man eine komplizierte Rolle mit sich rumträgt. Sie radeln gerne stundenlang durch die Stadt - warum? Ich kann dabei gut nachdenken und Alltag aufnehmen. Meistens fahre ich auch nicht einfach ins Blaue, sondern nehme mir bewusst Ecken der Stadt vor. In Berlin gibt es ja ne Menge zu gucken. Wo waren Sie zuletzt? In Kreuzberg. Da bin ich oft. Alt-Hippie eben. Welche Eindrücke sammeln Sie da? Ihre Frage ist mir schon viel zu zielgerichtet gedacht. Mich interessieren Atmosphären. Also hänge ich beispielsweise eine Weile am Kottbusser Tor rum und gucke, wie sich das für mich anfühlt - das Gefühl interessiert mich, nicht, wie es da genau aussieht oder was die Leute für Klamotten tragen. Stimmt es eigentlich, dass Sie vor der ersten Begegnung mit Götz George aufgeregt waren? Ja. Weshalb? Weil ich ihn schon immer bewundert habe. Auch wenn er vom Typ her so ganz anders ist als ich, habe ich mich ihm immer nah gefühlt. Der erste Schimanski-"Tatort" lief in dem Jahr, in dem ich auf die Schauspielschule kam. Ein Film, zu dessen Beginn übrigens ein Fernseher aus dem Fenster fliegt und jemand hinterherruft: "Ich kann diese Scheiße nicht mehr sehen." Das war ja auch Programm. Er hat durch diese Rolle wirklich einen neuen Ton, einen neue Spielweise ins deutsche Fernsehen gebracht. Das vergisst man heute oft. Haben Sie mit ihm auch über berühmte Väter gesprochen? Ja, wir haben da immer so unsere Witze drüber gemacht. Es ist aber völlig klar, dass Götz die wesentlich schwierigere Konstellation zu bewältigen hat mit diesem Schauspielertitan Heinrich George im Nacken. Da hatte ich es doch leichter. Ich wollte nie Bundeskanzler werden. Wir sind doch nicht in Nordkorea. MATTHIAS BRANDT ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Flimmern und Rauschen Seite: 35 Titel: MATTHIAS BRANDT Familie: Geboren am 7. Oktober 1961 in Westberlin. Jüngster von drei Söhnen. Mutter Rut Brandt, Journalistin, Repräsentantin, Buchautorin. Vater Willy Brandt, Journalist, Sozialdemokrat, Bundeskanzler. Aufgewachsen in Berlin und der damaligen Hauptstadt Bonn. Lebt heute in Berlin-Zehlendorf mit Frau und Tochter. Laufbahn: Schauspielschule in Hannover. Erstes Engagement am Oldenburgischen Staatstheater, dann in vielen Ensembles von Wiesbaden bis München. Seit 2000 auch verstärkt im Fernsehen zu sehen. 2003 als Spion Günter Guillaume in Oliver Storz Fernsehfilm "Im Schatten der Macht". Haufenweise Auszeichnungen. Demnächst: In "Die Frau, die im Wald verschwand" (29. April, 20.15 Uhr, ARD) sucht Brandt alias Horst Karg, wieder unter der Regie von Oliver Storz, in den Fünfzigerjahren völlig überraschend einen Freund aus Kriegstagen auf - kurz nachdem dessen Frau spurlos verschwunden ist. Was hat der undurchsichtige Karg damit zu tun? ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Die Wahrheit Seite: 40 Titel: Den Menschen zur Zier Untertitel: WISSENSCHAFT Forscher besiegen größte Geißel der Menschheit WISSENSCHAFTDem rundlichen Mittfünfziger steht der Schweiß auf der Stirn, doch sein rötlich glänzendes Gesicht wirkt zufrieden. "Heureka!", ruft er uns zu und klatscht dabei in die Hände wie ein kleines Kind, das zum Geburtstag überrascht wurde. Doch überraschend ist es keineswegs, was dem Mann in dem weißen Laborkittel einen solchen Anlass zur Freude gibt. Im Gegenteil: Viele, viele Jahre harter Arbeit, Dutzende von Erfolgserlebnissen, aber auch hunderte von Rückschlägen hat er durchleben und erleiden müssen, bevor es zu seinem endlich erlösenden und befreienden Ausruf "Heureka!" kommen konnte. Wir sind zu Besuch bei Prof. Dr. Hemminki Kullervo von der Universität Helsinki, dem gerade vor unseren Augen der entscheidende Durchbruch auf einem ganz neuen und noch weitgehend unbekannten Forschungsgebiet gelungen ist: Kullervo hat einen Meilenstein auf dem Gebiet der Nerv.Forschung gesetzt. Wir wollen von Prof. Dr. Kullervo wissen, was genau wir uns unter dem Ausdruck "Nerv-Forschung" vorzustellen haben, und der Wissenschaftler mit den listig funkelnden Augen versucht, es uns zu erklären: "Wissen Sie, es gibt das seltsame Phänomen, dass gewisse Dinge einfach entsetzlich nerven, man sie aber gleichzeitig nicht missen will. Dinge, die einen ankotzen, ohne die man sich aber eine Welt nicht vorstellen kann oder will." Kullervo nimmt einen tiefen Schluck aus einer Wasserflasche. "Erst vor knapp zwei Jahren ist mir und meinem Team eine fantastische Neuzüchtung gelungen: die Ziermücke. Dabei handelt es sich um eine Mückenart, die zwar pittoreske Schwärme bildet und des Abends malerisch im Sonnenuntergang um den Gartengrill tanzt und dabei melodisch summt, die aber keine lästigen Stiche beim Menschen hinterlässt, weil wir sie ihres Saugstechrüssels beraubt haben. Diese Züchtung war ein voller Erfolg und ist wie eine Bombe eingeschlagen. Tausende von Gartenliebhabern haben die Ziermücken bestellt, es war ein Riesengeschäft!" Kullervo schnappt in seiner Begeisterung nach Luft und fährt fort: "Und dann haben meine Mitarbeiter und ich beraten, ob wir das, was wir mit den Ziermücken im Kleinen bereits verrichten konnten, ob wir das nicht auch im Großen anfangen könnten." Die ehrgeizigen Wissenschaftler wollten der Menschheit einen wirklichen Dienst erweisen und sich nicht mehr mit Brosamen abgeben. Ihrem langen Weg durch die Versuchsreihen verdanken wir unter anderem Zier-Models ohne Stimmbänder und Zier-Chefs ohne Befugnisse. "Heute", so jubelt Kullervo, "ist es uns gelungen, der größten Geißel der Menschheit ihren Schrecken zu rauben: Schulklassen in Großstädten! Sicher würde unseren Großstädten ohne das fröhliche Gewimmel etwas fehlen, doch wir haben es geschafft, Schulklassen das 'Die Treppe zum U-Bahn Schacht verstopfen und dabei stinken'-Gen zu nehmen! Wir haben die Zier-Schulklasse geschaffen!" Während wir uns, beeindruckt von den Ergebnissen einer endlich einmal nutzbringenden Wissenschaft, entfernen, hören wir Sektkorken knallen. Wir gönnen Prof. Dr. Hemminki Kullervo und seinem Team von ganzem Herzen die wohlverdiente Erfolgsparty für den großen Dienst, den er der gesamten Menschheit geleistet hat. CORINNA STEGEMANN ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Die Wahrheit Seite: 40 Titel: wahrhaftig und verborgen 325 von UD Untertitel: Die Ziffern hinter den Fragen zeigen die Buchstabenanzahl Auch wenn topaktuell, kann was dran faul sein. (6); Am Wochenanfang gehts auf der Baustelle richtig los. (7) Das alte Haustier schwebt bisweilen auch heute noch über Haus und Hof. (7) Der neue Sowjetmensch ist ein Altbekannter. (5) In Paris nur im 8., in NYC die 5., die Pariser liegt elysisch weit vorn. (6) Da gehen Big Points. (7) Scheut Tageslicht! (5) Bei Reitern wird das Feuchtgebiet regelmäßig gesehen. (5) Ein Spruch, den man hier durchaus ablassen kann. (10) Der alte unverhoffte Bund-Neuzugang ist verbraucht (jetzt brauchts die volle Packung). (1, 1, 1) Der K40 war ne tolle Nummer, als ob du im Film warst. (5, 4) Für den autorisierten Teil der Bevölkerung eher eine notwendige als eine böse Verbindung. (5) Der Tastatur zumeist zweitgrößte Taste. (5) Wenn das Bier zwar noch wärmt, aber zum Halse raushängt? (5); Ob man dann zwecks weiterer Erwärmung zu den höheren methanolischen Umdrehungszahlen greifen sollte, ist fraglich. (7) Anfangs hat man ja immer was gegen Einwanderer! (7) Hatte früher Extremzulauf von Immigranten auf Kreta. (7) Der Lärm verursacht Ärger. (5); Prima wird das Wetter, also allgemein gesehen, immer netter? (5) Sorgt bei Autofahrern für Erleuchtung, bei Politikern eher weniger. (5) Roland fühlt sich in Orange County zu Hause. (7) Milchsaft wird in Schlafzimmern immer wieder gern gesehen. (5) Einbaustein! (9) Im Vergleich zum Leben hat sie den Langzeiteffekt. (3) Indulgenz geht auch heute noch pekuniär. (6) Bob Marley beschrieb das 2. Buch Moses in nur gut sieben Minuten. (6) Das Lösungswort ergibt sich aus den Feldern mit Kreis: Eigentlich sollte sie richtig Druck machen, in den USA ist es jetzt schon andersrum. (6) Auflösung vom 11. 4. 2009 HASENPFEFFER 1 REGISTER ROCHETT 2 GRUND 3 STABAT MATER 4 EINRICHTUNGEN 5 KAMM 6 ARSENIK 7 MESSE 8 CEUTA 9 NEMESIS 10 MORGENGEBET 11 DRAPIEREN 12 TOR 13 RESERVE 14 MÜHLE 15 KAP 16 PFEIFEN 17 HAVEL 18 SATZUNGEN 19 NONNE 20 VERTRAG 21 BANFF 22 LIED 23 KNITTELN Gewinner: Jooyoung Lee, Seoul; Florian Rogalinski, Köln; Helga Kaupisch, Hamburg Zu gewinnen gibt es je ein Buch eines taz-Autors oder einer taz-Autorin. Schicken Sie das Lösungswort bis zum 22. 4. 2009 (Poststempel) an: taz, Rudi-Dutschke-Straße 23, 10969 Berlin, E-Mail: raetsel@taz.de. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Die Wahrheit Seite: 40 Titel: RÜCKRUFAKTION: PAPST DEFEKT Der Papsthersteller ruft sein aktuelles Modell Benedikt XVI. zurück. Das teilte Gott am Freitag mithilfe eines rennenden Dornbuschs in Rom der Weltöffentlichkeit mit. Wie ein Sprecher von Gott namens Moses erklärte, könne unter bestimmten Umständen der Wasserbehälter des Papstes platzen. Demnach kann sich in dem Wasserbehälter eine dicke Kalkschicht bilden, wenn der Papst nicht regelmäßig entkalkt wird. "In ungünstigen Fällen kann die Kalkkruste ein Sicherheitsventil blockieren", sagte Moses. Dadurch könnten der Tank platzen, heißer Dampf austreten und der ganze Pontifex kaputtgehen. Bisher seien allerdings erst 17 Zwischenfälle bekannt geworden. Gott sei Dank sei es aber bei Kratzern und kleinen Verbrühungen geblieben. Moses versprach verunsicherten Benutzern, dass der Papst schleunigst entkalkt wird. Auf jeden Fall solle es eine kostenlose Reparaturen geben. Dazu will Gott einen leeren Karton vom Himmel herabsenden, in dem der schadhafte Papst an seinen Hersteller zurückgeschickt wird. Bis spätestens Pfingsten soll dann das Modell Benedikt XVI. wieder voll funktionsfähig sein. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Die Wahrheit Seite: 40 Titel: das wetter: die romanze Das Küchenfenster und der Putzlumpen waren seit vielen Jahren einander innig zugetan, und beide wussten, dass sie schicksalhaft zueinander gehörten und es ihre Bestimmung war, irgendwann einmal zueinanderzufinden, um in einem Rausch des Putzens und des Glänzens ganz miteinander eins zu werden. Doch es zogen viele Jahre ins Land, ohne dass das Fenster und der Putzlumpen einander jemals berührten. Das Küchenfenster wurde mit der Zeit trübe und undurchsichtig, der Putzlumpen aber vertrocknete vor Kummer und zerfiel zu Staub. So kam es, dass eine unvergleichliche und außergewöhnliche tiefe Liebe gleich von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Und wer jetzt noch keine Tränen weint, der ist ein grober Klotz. ************************************************************ Ausgabe: Sonntaz Ressort: Die Wahrheit Seite: 40 Titel: GURKE DES TAGES Immer wieder rasend komisch ist der Titelschutzanzeiger für Bücher: "Von Hitler bis Steinbrück - Die Geburt des Deutschen Steuerrechts aus dem Geist des Faschismus", lässt jetzt ein offenbar empörter Steuerzahler für sich einen Buchtitel schützen. Das wird Peer Steinbrück aber nicht besonders freuen, dass er als Bundesfinanzminister mit dem GröFaZ verglichen wird. Schließlich ist und bleibt Peer Steinbrück der größte Finanzminister aller Zeiten.