INTERVIEW: MARTIN REICHERT

taz: Du kochst jeden Tag "aktuell", und das fast ganz ohne Wiederholungen. Wie geht das?
Christoph: Ich habe zu Hause eine ziemlich umfangreiche Kochbuch-Bibliothek. Ich liebe ja wirklich alle Küchen, und dank Internet bin ich sozusagenein internationaler Koch.
taz: Radio Multikulti am Herd?
Christoph: Kann man so sagen..Deshalb fühle ich mich auch so wohl hier. Ich kann selber den Plan machen, international kochen, alles, was mich interessiert.
taz: Das taz-Prinzip: Wer hier arbeitet, verdient wenig und darf sich im Gegenzug verwirklichen?
Christoph: Ja, das stimmt. Ich habe vorher Catering gemacht, da ging das durchaus auch, aber nur in Ansätzen. Mal gab es österreichische Küche, manchmal auch Sushi...Es gibt eben keine Küche, die ich nicht mag
taz: Hast Du schon mal im Ausland gearbeitet?
Christoph: Nein, noch nie. Ich habe eine behinderte Tochter und bin dadurch ziemlich an Deutschland gebunden. Dafür habe ich schon in japanischen Restaurants gearbeitet. Ich reise gerne, war aber zum Beispiel noch nie in Amerika oder Australien.
taz: Aber wenn Du in einem anderen Land bist, probierst Du erst mal alles durch?
Christoph: Ja, ich war gerade in Belgien, Flandern. Da interessiere ich mich schon für die Lebensart und habe festgestellt: Die essen gerne gut.
taz: Was hat Dir am besten geschmeckt?
Christoph: Sehr eigenartig fand ich eine Pastete mit Großgarnelen und Blutwurst. War aber interessant, gut mit Zitrone abgeschmeckt. Aber auch sehr teuer. Dafür gibt es dort aber auch Fritten in allen Variationen
taz: Neulich gab es im taz-internen Mailverkehr eine Beschwerde darüber, dass es im tazcafe nie mal Pommes gibt.
Christoph: Ach ja? Das hat mich noch nicht erreicht! Das ist eine gute Idee, nächste Woche gibt es dann selbstgemachte Pommes.
taz: Mit selbstgemachter Mayonnaise womöglich?
Christoph: Hey hey langsam, wir sind hier immer noch eine Kantine..Das schaffen wir gar nicht.
taz: Überlastet?
Christoph: Nein, aber hier ist schon eine Menge zu tun, um die Mittagszeit brennt die Hütte, auch wenn die Kunden das nicht mitbekommen.
taz: Welche Gerichte gehen denn am besten?
Christoph: Richtig reingehauen wird, wenn es Königsberger Klopse oder Gulasch gibt.
taz: Ach was: Ausgerechnet, wenn es deutsche Küche gibt?
Christoph: Na ja, wie es bei allen so ist...Wenn es wie bei Muttern schmeckt, das mögen die Menschen eben. Allein der Name der Gerichte lockt die Menschen an, das riecht nach Heimat
taz: Ist das frustrierend für Dich: Kochst hier die ganze Welt rauf und runter und dann wollen die Leute doch lieber Klopse essen?
Christoph: Nein, gar nicht. Dafür werden ja auch die japanischen Gerichte gut angenommen, das war anderswo nicht so
taz: Inwiefern?
Christoph: Die Kunden hier im tazcafe sind offen, die probieren einfach alles aus, das fällt mir auf. Mir wurde immer gesagt: Die tazzler sind mäkelig, aber ich kann das nicht bestätigen.
taz: Was ist denn nun der Bestseller?
Christoph: Suppen gehen gut, vor allem die Cremesuppen. Vermutlich weil die Kunden denken: Die macht am ehesten satt für das Geld. Mich freut das, ich mag Suppen einfach
taz: Schon mal verliebt gewesen und die Suppe versalzen?
Christoph: Ist mir einmal passiert! Da kam dann mein Kollege und meinte: Du, die Suppe ist versalzen! Aber verliebt war ich da nicht, war irgendwas anderes...
taz: Und dann?
Christoph: Ich habe sie mit Wasser und pürierten Kartoffeln verlängert, das zieht dann das Salz raus.
taz: Solche Ratschläge sind gefragt, es gibt ja mittlerweile auf allen Kanälen Koch-Shows.
Christoph: Ich schaue wenig Fernsehen, aber Tim Mälzer finde ich ganz witzig. Die Küche sieht aus wie ein Saustall..Damit nimmt er vielen Leuten die Scheu, versucht einfach zu kochen und trotzdem raffiniert. Das macht ihn sympathisch
taz: Dank Fernsehen ein neuer Traumberuf: Koch?
Christoph: Ich bin eigentlich gelernter Bäcker und habe dann auf Koch umgesattelt, weil ich eine Mehlstauballergie hatte, das war 1989. Ich bin Quereinsteiger, Selfmadekoch. Und habe zudem noch Großhandelskaufmann gelernt, was in Bezug auf den Einkauf nicht schadet. Eine "Betriebskantine" muß sich schließlich an das Budget halten.
taz: Ist das denn ein Problem?
Christoph: Die tazzler wollen große Portionen haben! Ich mußte schon aufstocken...Ein Mittagessen hat normalerweise 400 g, hier bin ich schon auf 500 g. Die meisten scheinen hier ohne Frühstück zur Arbeit zu kommen.)
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