Die taz in der Zeitungskrise

Wir liefern Ihnen Argumente

Zeitungskrise? Die taz war schon immer unfertig und stets im Aufbruch. Ein Text von Ines Pohl.

Die stellv. Chefredaktuerin Sabine am Orde, Leiter der taz.am wochenende Reiner Metzger und Chefredakteurin Ines Pohl.  Bild: Anja Weber

Liebe Genossinnen und Genossen, von ihrem ersten Tag an war die taz Aufbruch und Experiment. Anders als andere Zeitungen hat sie nie den Anspruch formuliert fertig und perfekt zu sein. Im Gegenteil, ausprobieren, sich immer wieder neu erfinden, das ist erfolgreich geübte Praxis.

Daher sind wir auch ganz unbescheiden und wollen – die taz neu erfinden. Die Verhältnisse in der Medienbranche verändern sich in einer Rasanz, die Deutschland überrascht. Viele konnten oder wollten sich gar nicht vorstellen, dass die Zeitungskrise, die in den USA schon seit fast zehn Jahren tobt, auch den deutschen Markt so brutal erfassen würde.

Sie spüren es sicher auch an sich ganz persönlich: Die Online-Nachrichtenangebote verändern das Medienverhalten. Auch durch die Möglichkeiten, sich im Internet in sozialen Netzwerken zusammenzuschließen, Informationen und Meinungen auszutauschen, will man heute andere Dinge von Journalistinnen und Journalisten als in der Vergangenheit.

Ines Pohl ist Chefredakteurin der taz.

Die Zeiten sind vorbei, in denen JournalistInnen und die Verlagshäuser eine Art Wächterfunktion hatten und bestimmen konnten, welche Informationen an die Öffentlichkeit kommen oder nicht. War die Information als solche einst ein Machtfaktor, müssen JournalistInnen erkennen, dass es die Kanzel der Machtausübung nicht mehr gibt.

Wir nehmen Leser und ihre Hinweise ernst

All die Informationen, die aus der LeserInnenschaft, den Communities kommen, müssen ernst genommen werden. Wollen Medien eine Zukunft haben, müssen sie die sozialen Medien als ein Gegenüber, als Partner nutzen.

Ein Beispiel aus der Praxis: Wenn ich an einem Bericht über einen Flüchtling arbeite, der während des Abschiebeflugs misshandelt wurde, können mir meine Netzwerke Informationen liefern, die ich nie allein recherchieren könnte.

Meine Twitter-Follower, meine Facebook-Freunde können zu wichtigen Verbündeten werden. Saß einer von euch in diesem Flugzeug, kennt ihr jemanden, habt ihr Informationen, die mir weiterhelfen? Entsprechend wird die kuratierende Funktion wichtiger werden. Es wird bedeutsamer, Argumente zu sortieren, einzuordnen und zu erläutern.

Dabei sind die gesellschaftlichen Verhältnisse so taz-affin wie selten. Wir leben in einer Zeit der Entdeckungen, es gibt ein großes Bedürfnis nach Ausprobieren und Beteiligung. Was kann eine Bürgergesellschaft ausrichten, was sollte sie wie bewegen? Wo sind die Grenzen der modernen Demokratie in einer globalen Welt? Wer geht wirklich neue Wege, wer scheitert?

Wir haben eine Haltung

Diese Umbruchzeiten schreien nach Einordnung und Haltung. Entsprechend arbeiten wir daran, die taz als Auswahl- und Scoutmedium klarer zu positionieren und unsere Diskursqualitäten noch deutlicher herauszustellen. Das bedeutet, Debatten nicht nur abzubilden, sondern noch offensiver anzustoßen.

Letztlich mit den Möglichkeiten der neuen Medien das zu stärken und mit Hochdruck weiterzuentwickeln, was die taz ausmacht. Von ihrem ersten Tag an. Die Wucht, mit der die veränderten Bedürfnisse auf uns prallen, ist groß.

Und es wäre vermessen zu behaupten, dass wir VerantwortungsträgerInnen nicht einen immensen Druck spüren, in diesen Zeiten des Medienbruches, die richtigen Entscheidungen in angemessenen Zeiträumen zu fällen und dann auch umzusetzen.

Umso wichtiger, liebe Genossinnen und Genossen, ist in diesem Zusammenhang die Stärke, die Sie uns in der taz Genossenschaft, in der taz-Familie und Solidargemeinschaft schenken.

Liebe Genossinnen, liebe Genossen, ja, es gibt unendlich viele Fragen, Unsicherheiten, Befürchtungen und Herausforderungen – und eigentlich nur eine einzige Sicherheit: Wenn der Journalismus so bleibt, wie er ist, dann bleibt er eben nicht, sondern schafft sich selber ab. Für die taz ist das keine bedrohliche Nachricht: Denn die taz war ja schon immer prinzipiell unfertig und stets im Aufbruch. Wir versprechen: Das bleibt so.