Hallo, Sie, ick wohne hier

TOURISMUS Beer Bikes, Pub Crawls, Hostels voller Internationals. Man muss nicht erwarten, dass alle Touristen Deutsch mit niedlichen Akzenten sprechen, aber ein kleines bisschen Respekt – das ist nicht zu viel verlangt

VON ULI HANNEMANN

Ich bin auf dem Weg zum Zahnarzt. An der Friedrichstraße, Kreuzung Unter den Linden, schaltet die Ampel auf Grün. Ich will gerade losfahren, als mich ein mit sechs einander zugewandt sitzenden und wie am Spieß schreienden Spaniern besetztes Spaßrad von links kommend haarscharf schneidet und sich anschließend direkt vor mich setzt, um mir die Weiterfahrt zu blockieren.

Halloo? Hier wohnen auch noch Leute! Kann man sich da vielleicht ein wenig pietätvoller durch die Stadt bewegen? Das ist Deutschländ und nicht Dissniländ! Also ein ganz normales Land, in dem ganz normal gewohnt, gelebt, gearbeitet, regiert, zum Zahnarzt gemusst, geboren und nicht zuletzt gestorben wird. Hier amüsiert man sich nicht einfach! Das entweiht das tägliche Leben der Bevölkerung und degradiert sie zu Statisten einer affigen Orgie. Oder, um die Dimensionen einmal zu benennen: An Rockkonzerte in Kirchen hat man sich zwar gewöhnt, aber auf die Idee, den Petersdom in ein Discountbordell mit Tequila-Flatrate umzuwidmen, käme trotzdem keiner.

Ruhig die Häuser angucken, nichts anfassen, nichts kaputt machen, nicht den Bewohnern auf die Nerven gehen – dann sagt überhaupt keiner was gegen die Touristen

Seit der Hostel- und Billigfliegerschwemme habe ich das Gefühl, diese Stadt und dieses Land werden als solche kaum mehr wahr-, geschweige denn ernst genommen: Berlin ist bloß noch eine Rummelplatzkulisse für Bierfahrräder und Pub Crawls, eine rund um die Uhr vermietete riesige Party-Location, bei der man vergessen hat, den Vormietern die Kündigung zu schicken, und die jetzt verwirrt und eingeschüchtert durch die Räume huschen, nichts verstehend und nichts mehr wiedererkennend.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Selbstverständlich sind mir achtsame Touristen jederzeit herzlich willkommen. Ich erwarte noch nicht einmal, dass alle Ausländer wie früher Angst vor uns haben, sondern einfach nur ein kleines bisschen Respekt – das ist doch wohl kaum zu viel verlangt. Ruhig die Häuser angucken, nichts anfassen, nichts kaputt machen, nicht den Bewohnern auf die Nerven gehen – dann sagt überhaupt keiner was. Vielleicht könnten sie dazu noch ein paar Brocken Deutsch mit niedlichen Akzenten sprechen, Goethe und Schweinsteiger loben und wiederholt betonen, dass Hitler ein doofer Unglücksfall war, für den wir echt nichts können, und überdies Österreicher.

Und ein paar Museen und Gedenkstätten sollten sie unbedingt besuchen: das Deutsche Historische Museum, das Naturkundemuseum und das Holocaustmahnmal, damit sie einen kleinen Überblick über die größten Leistungen ihres Gastlandes erhalten. Abgerundet von der fantastischen Haselhorster Gartenzwergsammlung in der Verlängerten Daumstraße werden sie sich nach diesem wohlfeilen Crashkurs in Sachen deutscher Kultur sicher fürchterlich schämen, sobald sie sich nur das Bild zurück ins Gedächtnis rufen, wie sie einst rücksichtslos grölend auf einem fahrenden Bierfass durch Mitte preschten, die vornehm indignierten Blicke der edlen Einheimischen rüde und dumm ignorierend.

Apropos Gastland. Die Hostels müssen natürlich geschlossen werden, jene Brutstätten des Partytourismus – da köcheln die jungen Touristen eh nur im eigenen Saft und schaukeln sich gegenseitig weiter auf zu dummen Gedanken. Weit zweckmäßiger wäre die Unterbringung in Gastfamilien, um den deutschen Alltag kennenzulernen. Natürlich gegen einen angemessenen Obolus sowie Mithilfe im Haushalt.

Graubrot mit Leberwurst

Aufstehen um sechs Uhr morgens, geweckt von „Arnos Morgencrew“ im Radiowecker, eine Schrippe mit Bad Schwartau Erdbeermarmelade, dazu die pechschwarze Krönung von der Heizplatte, mittags Bratwurst mit Kartoffelbrei, abends eine Schnitte Graubrot mit Leberwurst sowie ein Radieschen. „Tatort“, „Traumschiff“, „heute-journal“. Fasching, Reichskristallnacht, Nikolaus. Sie werden das Land kennen-, verstehen und unendlich lieben lernen. Und ich finde, dafür sollten sie ja auch hier sein – rumschreien und auf die Straße kotzen können sie schließlich ebenso gut zu Hause in Madrid oder Manchester.

Dabei bin ich nun wirklich der Allerletzte, der etwas gegen ein wenig Amüsement nach Feierabend hat, solange das alles in einem maßvollen Rahmen geschieht. Da darf es durchaus auch noch um neun Uhr abends mal eine Coca-Cola vor dem Café Kranzler sein oder ein Lichtbildervortrag von Ludger Rühmkorf über die Schönheit der Rügener Kreidefelsen im großen Saal der Urania. Da lernen die jungen Franzosen und Australier endlich, was es heißt, mit den Deutschen zu feiern und sich mit ihnen gemeinsam zu amüsieren. Das geht nämlich auch ganz ohne Spaßfahrräder.