Staatliche Heroinvergabe

Wie eine leere Hülle

Die Abgabe künstlichen Heroins kann Junkies den Weg aus dem Drogensumpf eröffnen. Doch weil die Union ein Gesetz blockiert, stehen die Ambulanzen vor dem Aus.

Heroinabgabestelle für Schwerstabhängige.  Bild: dpa

Die Spritze hat die Arzthelferin schon aufgezogen. 110 Milligramm sind es bei Karl Noll*, so ist es im Computer vermerkt. Noll greift sich das Tablett aus der Durchreiche und geht an den langen weißen Tisch mit den drei orangefarbenen Stühlen. Während Noll noch die Nadel auspackt, hat der Patient links von ihm bereits eine Vene am Arm gefunden und die Nadel injiziert. Einige Sekunden später ist es auch bei Noll so weit, und er setzt sich seinen Abendschuss. Über einen Spiegel kann ihn eine zweite Arzthelferin, die in der Ecke des Raums sitzt, beobachten. Kurz sackt Noll im Stuhl zusammen, schließt für eineinhalb Minuten die Augen. Dann steht er auf und geht. Morgen früh um 8 Uhr wird er wieder hier sein.

Diamorphin ist reines, künstlich hergestelltes Heroin, das große Ähnlichkeit mit Morphinen in der Schmerzbehandlung hat. Seit 2002 wird Diamorphin in einem bundesweiten Modellprojekt an Schwerstabhängige in Bonn, Frankfurt, Hamburg, Hannover, Köln, München und Karlsruhe abgegeben. Die Modellphase ist inzwischen abgelaufen. Derzeit werden mit einer Ausnahmegenehmigung noch rund 300 Abhängige in den sieben Städten behandelt. Dauerhaft gesichert werden könnte die Herointherapie nur, wenn Diamorphin als Medikament zugelassen wird.

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Karl Noll, 46, ist einer von 18 Schwerstabhängigen, die in der Heroinambulanz der Arbeiterwohlfahrt in Karlsruhe zweimal täglich unter Aufsicht Diamorphin bekommen - synthetisch hergestelltes Heroin. Karlsruhe war eine von sieben Städten, die am Modellprojekt zur "heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger" teilgenommen hatte, das 2002 gestartet worden war.

Experten halten das Projekt für einen Riesenerfolg, dennoch steht die Heroinambulanz in Karlsruhe vor dem Aus. Der Bund ist nach dem Ende der Modellphase aus der Finanzierung ausgestiegen, und das Land Baden-Württemberg weigert sich, die Kosten zu übernehmen. Während in den sechs anderen Städten die Heroinvergabe bis auf weiteres mit einer Ausnahmegenehmigung fortgesetzt wird, hat die Stadt Karlsruhe der Arbeiterwohlfahrt mitgeteilt, die rund 360.000 Euro nicht allein tragen zu wollen. Im Sommer hat der Sozialbürgermeister angekündigt, der Ambulanz zum Jahresende zu kündigen.

 

Retten könnte die Ambulanz eine Entscheidung des Bundestags. Bereits im September 2007 brachte eine breite Koalition der Länder Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Saarland und Nordrhein-Westfalen im Bundesrat einen Gesetzentwurf auf den Weg. Die unionsgeführten Länder wollen den Wirkstoff Diamorphin, den Patienten wie Karl Noll sich spritzen, als verschreibungsfähiges Medikament einstufen. Dafür muss das Betäubungsmittelgesetz geändert werden. Erhalten sollen den Wirkstoff schwerstabhängige Patienten über 23 Jahren, die vor Beginn der Herointherapie mindestens zwei erfolglose Therapien hinter sich gebracht haben. Zudem müssen sie seit mindestens fünf Jahren süchtig sein. Boulevardzeitungen machten aus diesem Plan prompt die Formel vom "Heroin auf Krankenschein".

Doch obwohl fünf unionsregierte Bundesländer die Gesetzesinitiative auf den Weg gebracht haben, und 13 von 16 Länderregierungen das Vorhaben unterstützen, sieht es düster aus für das Heroinprojekt. Die Unionsfraktion im Bundestag blockiert die Verabschiedung des Gesetzentwurfs. Deren Drogenbeauftragte Maria Eichhorn (CSU) erklärte in einer Parlamentsdebatte im Mai, selbst sechs Jahre nach Beginn der vom Bund geförderten Modellprojekte gebe es zu wenige Erkenntnisse.

Eine weitere Testreihe trage ihre Partei mit, eine Regelversorgung nicht: "In Zeiten knapper Kassen können wir unseren Mitbürgern nicht zumuten, die Kosten für ein zusätzliches Behandlungssystem aufzubringen, dessen Nutzen nicht erwiesen ist." 80.000 Abhängige, argumentiert Eichhorn, hätten Anspruch auf die Diamorphinbehandlung, würde diese gesetzlich genehmigt. Für jeden Heroinpatienten würden schon heute pro Jahr 18.060 Euro ausgegeben, für die Vergleichsgruppe der mit Methadon Behandelten nur 6.147 Euro. Zuviel aus Eichhorns Sicht, da die Methadontherapie ähnliche Erfolge vorweisen könne. Abstinenz von der Droge muss aus Unions-Sicht das Ziel jeder Therapie bleiben.

Laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), sind diese Zahlen allerdings viel zu hoch gegriffen. "Wir gehen davon aus, dass etwa 5.000 Menschen die Voraussetzungen erfüllen, um Diamorphin zu bekommen", sagt sie. Und auch die Gesamtkosten der Diamorphinbehandlung pro Jahr und Patient veranschlagt sie nur rund 2.000 Euro höher als bei Methadon. Geld, dass die Gesellschaft sich leisten müsse: "Es geht um das Überleben von Menschen, denen anders nicht zu helfen ist."

"Ich bin nicht gerne Junkie, ich war's noch nie", sagt Karl Noll, nachdem er seine abendliche Dosis Diamorphin erhalten hat. Noll steht vor der Karlsruher Heroinambulanz, den Bundesgerichtshof im Rücken, und dreht sich eine Zigarette. Achtmal habe er versucht vom Heroin loszukommen - "richtig ernsthaft versucht". Doch alle Therapien und Substitutionsprogramme mit Methadon oder Subutex halfen nichts, am Ende brauchte er immer wieder seinen Schuss, seit mehr als 20 Jahren ist er heroinabhängig. Und dann sagt er einen Satz, der überrascht für einen muskulösen Mann mit Tattoos an den Armen und Totenköpfen auf dem T-Shirt. "Ich bin nicht so stark, dass ich das hinkrieg."

Erst seit er im Heroinprogramm der Arbeiterwohlfahrt ist, hat sich Noll gefangen. Er ist weg von der Drogenszene und der Kriminalität, arbeitet in einer Pfarrei im Garten, hat wieder Kontakt zu seiner Mutter und seinen Geschwistern. Ein fast normales Leben - nur, dass er sich morgens und abends eine Spritze setzt.

Die Betreiber der Karlsruher Ambulanz halten denn auch wenig vom Unions-Argument, das Loskommen von der Droge müsse unbedingtes Ziel bleiben, auch wenn in Karlsruhe knapp zwanzig Prozent der Heroinpatienten das geschafft hätten. "Die Alternative zu unserer Behandlung ist ja nicht die Abstinenz", sagt Martin Gauly, Sozialarbeiter und stellvertretender Leiter der Einrichtung. "Die Alternative ist die Drogenszene, sind Elend, Krankheit, bis hin zum Tod."

Tatsächlich scheint die Blockadehaltung von CDU und CSU auch ideologische Gründe zu haben, wie Kritiker monieren. Viele Unionspolitiker sind der Überzeugung: Der Staat darf sich nicht zum Dealer machen. "Niemand käme auf die Idee einem Alkoholabhängigen von staatlicher Seite jeden Tag zehn Flaschen Schnaps zur Verfügung zu stellen", sagt die CDU-Bundestagsabgeordnete Beatrix Philipp.

Ein Satz, der Sabine Tanger, ärztliche Leiterin der Heroinambulanz in Karlsruhe, fassungslos macht. "Viele Politiker haben sich offenbar nie richtig mit dem Thema befasst", sagt sie. "Überlasst das den Suchtexperten."

Für wie erfolgreich Fachleute die heroingestützte Behandlung halten, lässt sich in den Begleitstudien zum Modellprojekt ablesen, die das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg vorgelegt hat. Rund 1.000 Schwerstabhängige wurden untersucht, ein Teil von ihnen wurde mit dem Ersatzstoff Methadon, der andere mit Diamorphin behandelt. Dabei zeigte sich: Die Patienten, die das künstliche Heroin bekamen, waren weniger kriminell, nahmen seltener andere Drogen wie Kokain, lösten sich vermehrt aus der Drogenszene, fanden häufiger eine Arbeit und waren gesünder.

 

Angesichts der ungewissen Zukunft der Heroin-Behandlung, fällten die Hamburger Forscher zu Beginn des Jahres in ihrem Abschlussbericht ein Fazit, das in seiner Deutlichkeit unüblich ist für die eher nüchterne Wissenschaftswelt. Es sei "unverständlich, dass die erforderlichen gesundheitspolitischen Schritte zur Schaffung der gesetzlichen Voraussetzungen für die Einführung dieser Behandlungsform nach wie vor blockiert werden", heißt es dort. "Solche Verzögerungen sind für die Betroffenen ethisch unverantwortlich."

Die Karlsruher haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben und setzen darauf, dass der Gemeinderat das Aus in den anstehenden Haushaltsverhandlungen noch abwenden kann. Der Sozialbürgermeister Harald Denecken verlangt aber: "Auch das Land und der Bund sollen ihren Anteil beitragen." Doch die Union im Land scheint sich schon festgelegt zu haben: "Wir sind nicht bereit, finanziell in die Bresche zu springen", sagt CDU-Fraktionschef Stefan Mappus.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing, will, dass das Karlsruher Projekt fortgeführt wird und kämpft für die Verabschiedung des Gesetzes im Bundestag. "Ohne Gesetzesänderung haben wir keine Zulassung als Medikament, und ohne Zulassung keine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen." Die SPD-Politikerin besuchte Ende Juli die Karlsruher Heroinambulanz, als deren Kündigung durch die Stadt bekannt wurde. Doch mehr als eine symbolische Aktion war das nicht. "Ich habe wenig Hoffnung, dass die Union dem Gesetz bis zur Bundestagswahl zustimmen wird", gesteht Bätzing ein.

Was das Ende der Heroinambulanz für ihn und die anderen Abhängigen bedeuten würde, daran möchte Karl Noll gar nicht denken. "Oh Gott", sagt er und schüttelt mit dem Kopf. "Dann geht diese ganze Scheiße wieder von vorne los." Was er damit meint, kann man nur erahnen, wenn man Nolls Arme und Beine sieht. Die sind übersät mit Narben, die Jahre der Abhängigkeit hinterlassen haben. Narben von Nadeleinstichen, Entzündungen, Abszessen. "Wie ein Zombie kommst du dir manchmal vor, wie eine leere Hülle", sagt Noll und erinnert sich an die nie enden wollenden Tage und Nächte, die er nur damit verbrachte, Heroin zu besorgen.

Nicht tot, aber auch nicht lebendig: Bis vor kurzem dachte Noll, das liege endgültig hinter ihm.

* Name geändert

 

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