Sind so sanfte Hände

KLAVIERMUSIK Seine Spezialität sind gefällige „Re-works“ von Songs von Indierockern wie Ja, Panik oder Tocotronic. Kann man Indie-Klassik dazu sagen. Jetzt legt Lambert, der Mann am Klavier mit Maske, sein Debütalbum vor

Eine Warnung vorweg: Sollten Sie demnächst mal einen Auftritt von Lambert besuchen und anschließend vielleicht noch ein Bier an der Bar trinken und sollte sie dann jemand ansprechen und sich über das Konzert unterhalten wollen – dann wählen Sie Ihre Worte sorgfältig. Es könnte sein, dass Ihnen gerade der Künstler selbst auf den Zahn fühlt.

Das ist einer der Vorteile, wenn man nur unter einer Maske versteckt auftritt. Das macht es einfacher, die Wirkmächtigkeit des eigenen Schaffens zu überprüfen. Wenn also Lambert von seinem Klavier aufsteht und von der Bühne geht, dann legt er die Maske mit den langen Hörnern ab und manchmal mischt er sich unters verbliebene Publikum, erzählt er, „um neutrale Meinungen einzuholen“.

Diese Meinungen sind bislang meist positiv. Die sanften Klavierminiaturen, die der Mann mit der Maske wie selbstverständlich aus dem Ärmel schüttelt und die nun auf seinem schlicht „Lambert“ benannten ersten Album erscheinen, haben im Internet bereits reichlich Fans gefunden. Sie sind Teil einer Bewegung, für die die Kritiker vorerst die nicht allzu glücklichen Schubladen „Neo-Klassik“ oder „Indie-Klassik“ geschaffen haben.

Die Tradition der Maske

Lambert selbst findet „die Begriffe ziemlich doof“, darf sich aber auch dank deren eines erhöhten Interesses erfreuen. Zu dem mag auch seine Erscheinung beigetragen haben, die allerdings auch schon für erste Kritik sorgt. „Sehr schnell kommt der Vorwurf: Ach, nicht schon wieder einer mit Maske“, sagt Lambert, wohl wissend, dass er sich da in eine Tradition stellt, deren sich bereits so unterschiedliche Musiker und Bands wie die Residents, Daft Punk, Sido, PeterLicht oder Cro bedient haben. „Ich wollte auch nicht das Rad neu erfinden oder dachte, ich sei da besonders kreativ“, gibt Lambert zu, „mir ging es vor allem darum, dass die Wahrnehmung nicht von anderen Informationen überlagert wird.“

Zum Interview in den Räumen seiner Agentur kommt er ebenfalls mit Maske. Sie lehnt allerdings am Tisch, später sollen noch Fotos gemacht werden. Die Verkleidung stammt aus Sardinien, Lambert hat sie sich dort anfertigen lassen. Mit ähnlichen Masken feiern die Bewohner der Dörfer dort ihren traditionellen Karneval.

So freundlich und schmiegsam ist die Musik, dass Lambert schon selbst Angst vor der Kitsch-Ecke hat

Ohne die an eine Antilope erinnernde Maske sieht Lambert herzlich normal aus. Weiche Gesichtszüge, mittelblondes, mittellanges Haar, ein Zweitagebart. Schwarzer Pulli, schwarze Hose. Niemand würde sich nach Lambert – oder wie immer er auch heißt – auf der Straße umdrehen. Die Inszenierung vom Mann mit der Maske diene auch dazu, so sagt er, „eine Bildwelt für diese Musik zu entwerfen, einen Charakter zu entwickeln. Die Maske ist auch kein Dogma.“ Schon heute lugt er auf der Bühne manchmal hervor unter dem Gebilde aus Leder, das schmerzhaft auf den Nasenrücken drücken kann. Vielleicht, sagt Lambert, ist die Maske irgendwann auch gar nicht mehr wichtig und erledigt sich von selbst.

Bis es so weit ist, muss die Musik ohne ein Gesicht und ohne einen echten Namen auskommen. Aber nicht ohne biografische Details. 31 Jahre alt sei er, erzählt der Musiker, die letzten zehn davon hat er in Berlin gelebt. Er stammt aus Norddeutschland, hat eine Zeit lang „mehr oder weniger erfolgreich Klavier studiert“, sich an Jazz versucht, aber auch Schlagzeug in Garagenbands gespielt. Mittlerweile arbeitet er als Studiomusiker, Produzent und Soundtrack-Komponist.

Darüber kam auch der Kontakt zu Rue Royale zustande. Die Folkband aus Nottingham waren die ersten, die bei Lambert eine Neuinterpretation eines ihrer Songs in Auftrag gaben. Seitdem hat ungefähr ein Dutzend weitere Bands angeklopft, damit der verkleidete Virtuose einen ihrer Songs neu interpretiert, darunter solche Indie-Koryphäen wie Bonaparte, Boy, Me And My Drummer, Die Höchste Eisenbahn und Ja, Panik. Nur für seine Version von „Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen“ von Tocotronic ging die Initiative von ihm selbst aus, erzählt Lambert.

Die Songs verwandeln sich unter den feingliedrigen Händen von Lambert zu sanft dahingleitenden, unaufgeregten Meditationen, die mit den Originalen oft nur noch einzelne Melodiebruchstücke gemein haben. „Reworks“ nennt der Pianist seine Umarbeitungen deshalb, nicht Cover-Versionen. Denn auch wenn er von fremdem Material ausgeht, schlussendlich wird daraus dann doch ein Lambert-Stück, das sich kaum mehr unterscheidet von den Eigenkompositionen, die auf dem Debütalbum zu finden sind.

Die wirken wohl deshalb so organisch, weil sie meist als Improvisationen entstehen. Sie sind aber auch so freundlich und schmiegsam, dass Lambert „Angst vor der Kitsch-Ecke und den Clayderman-Effekt“ hat. Diese Angst aber kann man ihm wohl nicht nehmen, tatsächlich klingen die meist nur wenige Minuten langen Kammermusiken bisweilen so eingängig und kuschelig, dass sich die Hoffnung, sie mögen „nicht nur ein rein romantischer Klangteppich“ sein, nur bedingt erfüllt. Im Konzert entwickeln die Instrumentals zwar eine aufregende Sogwirkung, aber das Debütalbum will sich nicht wirklich dagegen wehren, als modische Klangtapete für schummrige Rotweinabende missbraucht zu werden.

Musik auf Weizenhalmen

So schön das klingt, so schön sind auch die dazugehörigen Videoclips anzusehen, die Lambert zum großen Teil ebenso im Alleingang gedreht hat, wie er die Musik eingespielt hat. In den Kurzfilmen, die man auf seiner Website oder auf YouTube abrufen kann, sieht man den Maskenmann seine Kompositionen spielen – allerdings nicht auf dem Klavier, sondern auf Weizenhalmen und Holzbalken, Ästen und Zweigen, im Schnee oder in Regenpfützen, auf Blumenbeeten oder einer alten Schneiderpuppe, auf Steinen und Kies.

Die Botschaft, die sich aufdrängt: Lambert und seine magischen Hände können Musik aus allem schöpfen. Eine Botschaft, sagt Lambert, „die mir zwar gefällt, die ich aber nicht so beabsichtigt habe“. Spricht’s und setzt die Maske auf. Mal sehen, was die anderen so sagen.