Alles im Bowtech-Griff

Von Akupunktur bis Massage: Bowtech ist eine Körperarbeit, die verschiedenen Anwendungen entfernt ähnelt. Sie soll Rückenschmerzen, Stresssymptome, Verstauchungen und mehr lindern

VON LARS KLAASSEN

Bauchlage auf einer Massagebank, die Augen sind geschlossen. „Jetzt kommt ein Griff im Schulterbereich“, kündigt Lukoma Korndörfer-Luft an und schreitet zur Tat. Die Berührung ist kurz und behutsam. Anschließend folgen zwei Minuten Pause. Decken halten den Körper während der Entspannungsphase angenehm warm. Dann nach Ankündigung ein weiterer Griff. Diesem Rhythmus folgt die Behandlung etwa 20 Minuten. Das Prozedere ähnelt auf den ersten Blick einer meditativen Massage. Aber damit haben die Anwendungen Korndörfer-Lufts wenig zu tun. Die Serie präziser Griffe, die bewusst von Pausen unterbrochen wird, heißt Bowtech.

Bowtech soll den Körper in tiefe Entspannung versetzen

Die Therapie zielt auf das Muskel- und Bindegewebe. Die Behandlerin kombiniert je nach Diagnose unterschiedliche Griffe und wendet sie in einer festgelegten Reihenfolge an. Das geschieht in der Regel mit nur leichtem Druck auf die obere Gewebeschicht. Die Pausen zwischen den Griffen sollen dem Körper Zeit geben, die Impulse zu verarbeiten. Ziel ist es, die körpereigenen Kräfte zu aktivieren, die Muskeln zu entspannen und das Nervensystem auszubalancieren – „wie bei einer Komposition“, erläutert Korndörfer-Luft.

Bowtech kann allein oder als Ergänzung zu anderen Heilverfahren, wie zum Beispiel Massagen, angewandt werden. Zu den behandelten Beschwerden zählen unter anderem Rückenschmerzen, Ischias, Knöchelverstauchungen, Knieprobleme und Schulterbeschwerden. Aber auch bei Migräne, Stress- und Spannungszuständen soll sich die Körperarbeit bewährt haben. So genannte Bowtech-Practitioner betonen, dass die Therapie bei fast allen Beschwerden heilsam wirke und bei Menschen jeden Alters eingesetzt werden könne. Allerdings gebe es auch Fälle, in denen Vorsicht geboten sei: Schwangere sollten zum Beispiel nicht am Steißbein behandelt werden. Was üblicherweise gegen Durchfall oder Verstopfung helfen soll, könne auch eine Frühgeburt auslösen. Und bei Frauen mit Silikonbusen dürfen keine Brustbehandlungen gemacht werden, damit sich die Implantate nicht verschieben. „Doch ansonsten gilt: Wenige Griffe helfen dem Körper, in einen Zustand der Tiefenentspannung zu gelangen“, so Korndörfer-Luft. „Das autonome Nervensystem beruhigt sich, der Körper kann in Ruhe arbeiten und zur Balance finden.“

Die grundlegende Bowtech-Idee: Ausgehend vom Gehirn, werden Informationen an den Körper weitergegeben. Durch Griffe an bestimmten Stellen des Körpers wird das Bewusstsein auf ein bestimmtes Areal aufmerksam gemacht. Daraufhin setzen Nervenimpulse ein, die auch an anderen Körperstellen Effekte auslösen können – ähnlich wie bei der Akupunktur.

Bei Bowtech handelt es sich nicht um ein Glaubenssystem“, betont Korndörfer-Luft, die früher in der Unfallchirurgie tätig war und diese Körperarbeit seit drei Jahren anbietet. „Aber wie bei jeder anderen Methode wird der Behandlungserfolg unterstützt, wenn der Patient sich dem Weg der Heilung öffnet.“ Was Bowtech eigentlich ist, vermögen auch ihre Vertreter nicht genau zu definieren. Sie versuchen es mit Abgrenzung von anderen Verfahren: Bowtech ist keine Massage, weil sie sich mit sanften Impulsen begnügt. Anders als bei der Akupressur liegen die Punkte, an denen angesetzt wird nicht alle auf den Energieleitbahnen, Meridiane genannt. Auch mit der Physiotherapie gibt es nur teilweise Überschneidungen. Im Unterschied zum Rolfing ist Bowtech keine gezielte und tief gehende Behandlung des Bindegewebes.

Tom Bowen, Vater der später nach ihm benannten Bowtech (siehe Kasten), war es egal, warum seine Therapie wirkte. Mittlerweile jedoch gibt es eine „Theorie der Nervenstimulierung“ dazu. Sie geht davon aus, dass die gezielten Griffe Nervenimpulse geben, die es der Muskulatur ermöglichen, sich nach einer Verletzung zu entspannen. Der Körper bekommt „Entwarnung“, der Heilungsprozess wird dadurch beschleunigt. Die Vibrationstheorie fokussiert sich auf die rollenden Bewegungen bei der Anwendung. Diese „Bowtech-Moves“ erzeugen Frequenzen, die sich auf den gesamten Körper auswirken. Eine endgültige Erklärung, warum Bowtech wirkt, gibt es bislang jedoch nicht.