Auf Hochhäuser abgefahren

STADTENTWICKLUNG Bauwettbewerb für letztes Grundstück am Gleisdreieck entschieden: Entwürfe mit Bürotürmen, viel öffentlichem Raum, aber wenigen Wohnungen siegreich

Wird der U-Bahnhof Gleisdreieck bald in „Gleistowers“ umbenannt? Foto: Entwurf: Vanessa Carlow/Cobe Berlin

von ROLF LAUTENSCHLÄGER

Hochhäuser, Büros, Hotels, ein paar Wohnungen neben Kultur- und Einkaufsbereichen – erinnert das nicht an den Potsdamer Platz? Nur auf den ersten Blick ähnelt das neue städtebauliche Konzept für das geplante Quartier „Urbane Mitte“ rund um den U-Bahnhof Gleisdreieck dem großen Nachbarn gegenüber. Die beiden Entwürfe der Architekturbüros Cobe (Berlin) sowie Ortner & Ortner (Wien/Berlin), die am Dienstag vorgestellt wurden, schlagen für die letzte freie Fläche zwischen dem Hochbahnhof Gleisdreieck und dem Technikmuseum den Bau eines Stadtviertels vor, das sich zwar architektonisch vertikal und modern, aber in der Nutzung sehr bodenständig und zudem umweltbewusst gibt.

Nach einem Architektenwettbewerb mit 22 Teilnehmern haben sich die Jury sowie der Auslober, die Immobiliengesellschaft Copro (Berlin/Stuttgart), gestern für die zwei Entwürfe entschieden, da diese für das 43.000 Quadratmeter große Grundstück „die Entstehung eines lebendigen Stadtquartier jeweils in herausragender Weise umsetzen“, wie Regula Lüscher, Senatsbaudirektorin und Mitglied des Preisgerichts, sagte.

Besonders gelungen sei zudem, betonte Hans Panhoff (Grüne), Baustadtrat in Kreuzberg und ebenfalls in der Jury, dass sich die dichte Hochhausbebauung „in die Struktur der Stadt und in der Parklandschaft einfügt“.

Was stimmt: Sowohl der Entwurf der Architektin Vanessa Carlow (Cobe) als auch Ortner & Ortner lassen jeweils ein kleines Manhattan rund um den Kreuzungsbahnhof entstehen. Carlow gruppiert ihre 60 bis 70 Meter hohen Türme eng um den Hochbahnhof und die historischen Eisenbahnhallen und schafft so ein „metropolitanes Zentrum“, das aber eine direkte Kante zum Park bildet.

Der U-Bahnhof Gleisdreieck wurde 1912/1913 in Hochlage zwischen den Gleisfächern der Anhalter, Dresdner, Stamm- und Wannseebahn errichtet.

Auf ausrangierten Bahnflächen entstand zwischen 2011 und 2014 der „Park am Gleisdreieck“.

Die „Urbane Mitte“ dort ist das letzte große Projektentwicklungsgebiet auf den ehemaligen Güterbahnhofflächen. (rola)

Die Architekten Ortner & Ortner reihen ihre sieben Hochhäuser für Büros und Wohnungen, eine Kunst- und Sporthalle von Süd nach Nord über das Bahngelände und bauen so quasi „Brückenköpfe“ zu den Freiflächen beziehungsweise den Wohnbauten an der Luckenwalder Straße.

Städtebaulich überzeugen beide Entwürfen auch dahingehend, weil sie wirklich das Thema Urbanität ernst nehmen. So planen Qrtner & Ortner entlang der Viadukte von U1 und U2 – wie etwa bei den Savignybögen – öffentliche Räume mit Plätzen und autofreien Straßen, Läden und Markthallen. Carlow setzt ihre Hochhäuser auf gläserne Sockelbauten, in denen die öffentlichen Einrichtungen, Kultur und Sport angesiedelt werden.

Marc Kimmich, Geschäftsführer von Copro, erinnerte gestern daran, dass den Planungen ein langer Prozess der Konsensfindung vorausging. Für diesen wichtigen Ort in Berlin sei es gut gewesen, dass der Bauherr sowie der Bezirk ab 2014 drei öffentliche „Dialogveranstaltungen“ mit den BürgerInnen durchführten, in denen diese ihre Interessen zur Sprache brachten.

Bis Anfang 2016 müssen beide Büros ihre Entwürfe überarbeiten. Der Investor plant mit dem dann endgültigen Entwurf, das neue Stadtviertel, das einmal von einer zusätzlichen Trasse für die S 21 durchzogen wird, ab 2018 zu realisieren. Rund 400 Millionen Euro sollen vornehmlich in neue Bürotürme investiert werden, gefolgt von Wohnungen, Gewerbe-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen, sagte Kimmich gestern zur taz. Die Mehrzahl der Arbeitsplätze dort hatten der Bezirk und der Senat vorgegeben.