Kommentar EU-Beitritt der Türkei: Noch ein Wortbruch
Die EU nimmt die Beitrittsgespräche mit der Türkei wieder auf. Als „Gegenleistung“ soll die Seegrenze nach Griechenland abgeriegelt werden.
E inen schlechteren Zeitpunkt hätte sich die EU kaum aussuchen können. Ausgerechnet in dem Moment, da die Türkei beginnt, die Grenze zu Syrien abzuriegeln und Flüchtlinge zurück in den Krieg zu schicken, nimmt die EU die Beitrittsgespräche wieder auf.
Bis zu 100.000 Syrern droht die Abschiebung, warnen Menschenrechtsorganisationen wie Pro Asyl. Doch statt diesen besorgniserregenden Vorwürfen nachzugehen, fordert EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn „mehr Pragmatismus“.
Pragmatismus? Gemeint ist wohl Zynismus. Schließlich ist es aus EU-Sicht durchaus gewollt, dass die Türkei härter gegen Flüchtlinge vorgeht. Das ist nämlich der Kern des schmutzigen Deals, den die EU-Kommission mit dem türkischen Sultan Recep Erdo ğan ausgehandelt hat.
Du hältst mir deine Flüchtlinge vom Leib, wir reden wieder über Beitritt – so lautet die unausgesprochene Linie der EU-Realpolitiker. Nicht nur ein, sondern gleich fünf Beitrittskapitel sollen in den nächsten Monaten geöffnet und vorangetrieben werden.
Als „Gegenleistung“ erwartet die EU, dass die Türkei die Seegrenze über die Ägäis nach Griechenland abriegelt und die Flüchtlinge im Land besser versorgt. Doch selbst dieses „pragmatische“ Vorgehen ist verlogen. Denn die Verhandlungen mit der Türkei sind nicht ernst gemeint.
Die privilegierte Partnerschaft
In seiner Amtszeit werde es keine weiteren EU-Beitritte geben, hat Kommissionschef Jean-Claude Juncker schon vor einem Jahr gesagt. Die Türken können so gut verhandeln, wie sie wollen, am Ende blüht ihnen doch wieder nur die „privilegierte Partnerschaft“, die Merkel fordert.
Und die Menschenrechte? Sie dürften auf der Strecke bleiben. Eigentlich hatte die EU versprochen, zuerst die wichtigen Beitrittskapitel zu Justiz und Menschenrechten zu öffnen. Dies hätte die Chance eröffnet, die türkischen Defizite anzusprechen. Stattdessen redet man zuerst über Wirtschaftsthemen – noch ein Wortbruch.
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen
meistkommentiert