Lebensläufe

Die vier Leben der Inge Rapoport

Inge Rapoport, Dezember 2015 Foto: Gabriele Goettle

von Gabriele Goettle

Prof. Dr. Dr. Ingeborg Rapoport, Kinderärztin. Sie wuchs in Hamburg auf, besuchte ein Mädchen-Gymnasium, studierte Medizin u. legte 1937 ihr Staatsexamen ab. 1937–1938 Assistenzärztin am Israelitischen Krankenhaus Hamburg. Sie schrieb ihre Dissertation, wurde aber aus rassischen Gründen nicht zur Prüfung zugelassen. 1938 Emigration i. d. USA, wo sie sich zum MD qualifizierte u. auf d. Fachgebiet d. Pädiatrie spezialisierte. 1946 heiratete sie in Cincinnati d. österreichischen Biochemiker u. Kinderarzt Samuel Mitja Rapoport. Als Mitglieder der CP USA (Kommunistische Partei) bekamen sie i. d. McCarthy-Ära massive Probleme. 1950 entzogen sie sich d. politischen Verfolgung u. kehrten nach Europa zurück. Alle Bemühungen, eine Anstellung in England, Österreich oder d. Sowjetunion zu finden, scheiterten.

1952 konnten sie durch Vermittlung d. KPÖ mit ihren Kindern in die DDR gehen, wo sie Arbeit u. eine neue Heimat fanden. Mitja Rapoport bekam eine Professur a. d. Charité in Berlin u. wurde einer d. führenden Biochemiker d. DDR u. verfasste sein StandardlehrbuchMedizinische Biochemie“.

Inge Rapoport arbeitete zunächst als Oberärztin am Hufeland-Krankenhaus in Berlin-Buch. 1953 Anerkennung z. Fachärztin f. Kinderheilkunde, danach Arbeit i. d. experimentellen Forschung am Institut f. Biochemie d. Humboldt-Universität, 1959 Habilitation. Bis z. ihrer Emeritierung im Jahr 1973 Arbeit a. d. Kinderklinik d. Charité. Ab 1960 als Dozentin, ab 1964 als Professorin mit Lehrauftrag, ab 1968 als ordentliche Professorin für Pädiatrie. Ab 1969 hatte sie den Lehrstuhl für Neonatologie inne. Inge Rapoport, geb. Syllm, wurde im Sept. 1912 in Kamerun geboren, als Tochter eines Hamburger Kaufmannes. Ihre Mutter kam aus einer wohlhabenden, modernen jüdischen Familie und war Konzertpianistin. Inge Rapoport hat 4 Kinder. Veröffentlichungen u. a.: „Research in Perinatal Medicine: An interdisziplinary Approach with Special Emphasis on Epidemiology, Hypoxia and Infections“. (Mither.), Bln. 1986; „Meine ersten drei Leben.“ Biogr., Edition Ost, Bln. 1995. Im Mai 2015 verteidigte sie erfolgreich vor drei Professoren d. Universität Hamburg ihre Doktorarbeit von 1938, 77 Jahre nach d. Verbot durch d. Nazis, im Alter von 102 Jahren.

Inge Rapoport wohnt immer noch in Berlin-Niederschönhausen, in jenem Siedlungshäuschen, das ihrer sechsköpfigen Familie 1952 zugewiesen wurde. Sie empfängt uns mit ungezwungener Liebenswürdigkeit, trägt einen sportlichen Jack-Wolfskin-Pullover und hat, trotz ihrer Blindheit, den Tisch gedeckt und Tee zubereitet. Das Wohnzimmer scheint unverändert, der Flügel, die Bilder, das Mobiliar sind an ihrem alten Platz. Vor 15 Jahren waren wir schon einmal hier zu Gast. Damals machten wir ein Por­trät von Mitja Rapoport (erschienen i. d. taz v. 31. 7. 2000). Er starb 2004 im Alter von 92 Jahren. Auch Inge Rapoport wurde 1912 geboren, im Jahr, als die “Titanic“unterging. 26 Jahre hat sie in Deutschland verbracht, 12 Jahre in den USA, 38 Jahre in der DDR und danach 26 Jahre im vereinigten Deutschland. Sie ist durch schwere Zeitläufte gegangen, die für die meisten heute nur noch Geschichte sind.

Wir bitten sie, uns ein bisschen von ihrem langen Leben zu erzählen: „Ich fange mal mit den Eltern an, wenn es dir recht ist, ja? Meine Mutter war neunzehn, als sie meinen Vater kennenlernte. Gerade war ihr Vater gestorben am Gardasee. Er war ein bekannter jüdischer Dermatologe, behandelte Reich und Arm. Von den Armen nahm er aber nie Geld. Mein Großvater war einer der ersten, der ein Auto besaß in Aachen. Mit der furchterregenden Geschwindigkeit von dreißig Stundenkilometer ‚raste‚er über die Dörfer. Meine ebenfalls jüdische Großmutter, sehr begabt, aber ziemlich weltfremd, fuhr nach seinem Tod, um den Schmerz etwas einzudämmen, mit den Töchtern in ein ­Ost­seebad. Dort trafen mein Vater und meine Mutter aufeinander.

Um seiner antisemitischen Familie die Ehe mit einer Jüdin plausibel zu machen, sagte er, sie sei ein ‚Goldfisch‘, eine gute Partie. Vielleicht hat er sie anfangs wirklich geliebt? Ich weiß es nicht. Bereits als er um ihre Hand anhielt, erzählte er über seine wahre Position in Kamerun Lügen. Später hat er hinter dem Rücken meiner Mutter ihr Vermögen durchgebracht, sie nach der Geburt meines Bruders sieben Jahre lang heimlich mit einer anderen Frau betrogen und sie schließlich sitzen lassen. Ohne Geld und mit zwei Kindern von sieben und fünfzehn Jahren.

Mein Vater war deutschnational, meine Mutter, die ja aus einer aufgeklärten jüdisch-liberalen Familie stammte, war sehr tolerant und fortschrittlich. Er arbeitete als Kolonial-Kaufmann für eine Hamburger Firma in Kamerun und war auf Europa-Urlaub. In Kamerun zu leben – damals deutsche Kolonie – war für meine Mutter anfangs interessant, aber sie wurde bald schwanger und sie mochte die Kolonialverhältnisse und das Klima eigentlich nicht. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kehrten die Eltern zurück nach Deutschland und entgingen so der Internierung. Mein Vater hielt auch später noch Verbindung zur deutschen Kolonialzeit, er verkehrte im Hamburger Südwestafrika-Club, wo geistige Beschränktheit vorherrschte und eine tiefe Verachtung gegenüber den schwarzen Völkern. Auch schilderte er immer wieder gerne, wie einfältig doch die Eingeborenen waren, wie man sie betrogen habe, wie Häuptlingsfrauen die abgetragenen Korsetts von weißen Frauen gegen wertvolle Goldarmbänder eintauschten.

Wir zogen dann nach Hamburg, was mich sehr beeindruckte, die Größe der Stadt, die Nähe des Meeres. An eins aber erinnere ich mich besonders. Anscheinend habe ich damals sehr viel gelogen.“ Sie lacht. „Meine Mutter sagte jedenfalls: ‚Wenn man über eine Brücke geht und man hat gelogen, dann bricht die unter einem zusammen.‘ Als meine Tante eines ­Tages mit mir über die große steinerne Alster­brücke, die Lombardsbrücke, gehen wollte, da weigerte ich mich strikt. Ich ließ mich auch nicht rüberzerren. Ich war etwa fünf.

Meine Kindheit war sehr unbeschwert. Einmal allerdings, es war noch in der Weimarer Zeit, ich muss zwölf gewesen sein, da wurde mir auf der Straße von einem anderen Kind die Nachricht zuteil, dass ich Halbjüdin wäre. Mich hat das tief schockiert, ich empfand es als Makel. Ich hatte eigentlich gar keinen Kontakt zum Judentum, war protestantisch. Bei uns zu Hause war das kein Thema, außer als meine Mutter meinen Onkel eines Tages rausgeschmissen hat, weil er antisemitische Bemerkungen machte. Er durfte auch nicht wiederkommen.

Die Verächtlichmachung anderer, zum Beispiel der Polen, mit Sprüchlein wie ‚Policka, Polacka, was kost Hacka …‚war mir immer zuwider. Einmal bin ich in einem Kinderschwarm hinter Zigeunern hergelaufen und habe ein Spottlied mitgesungen, ‚Heinerle, Zigeunerle …‘. Die Zigeuner drehten sich nicht nach uns um, aber plötzlich überfiel mich eine solche Scham, dass ich weglief.

Meine Mutter war immer auf Gerechtigkeit und Toleranz bedacht. Sie erzog uns zum Mitgefühl, besonders den Armen und Schwachen gegenüber. Und sie war sehr mutig. Protestantisch getauft, trat sie nach 1933, aus Protest gegen den Antisemitismus der Nazis, zum Judentum über. Und sie war ein ausgesprochen musischer Mensch. Sie sang, spielte wunderbar Klavier, war Pianistin eigentlich von Anfang an. Ihr Vater hatte ihr einen Flügel geschenkt, und sie durfte an der Hochschule für Musik in Köln studieren.

Aber es kamen dann die Jahre, in denen sie Ehefrau, Hausfrau und Mutter war, nur noch zu ihrem Vergnügen Klavier spielte und nicht mehr ernsthaft geübt hat. Aber eines Tages nahm sie Stunden bei Hans Hermanns in seinem privaten Musikinstitut für fortgeschrittene Pianisten. Dort hat sie sich jahrelang ernsthaft zum Solisten vorbereiten lassen.

Auch ich bekam über Jahre Klavierstunden von Fräulein Hryczovsky. Sie besaß einen grünen Papagei. Als mein Vater uns verlassen hatte, konnte meine Mutter ihren Unterricht bei Hermanns nicht mehr bezahlen. Er war sehr angetan von ihr und gab ihr kostenlos Stunden. Sie sollte dafür seine Meisterschüler unterrichten, was sie auch tat. Das ging so, bis die Nazis kamen, dann konnte er sie nicht weiterbeschäftigen. Er überließ ihr aber alle seine jüdischen Schüler.

New York 1938 Foto: Otto Firle/Archiv Gabriele Goettle

Mein Vater bezahlte keine Alimente. Er hatte durch die Weltwirtschaftskrise viel Kapital verloren und dann auch noch sein Autogeschäft heruntergewirtschaftet Die Hauptverantwortung für die Versorgung der Familie lag ganz bei meiner Mutter. Meine Großmutter lebte auch bei uns und half, wo sie konnte. Später ist sie nach England ausgewandert und wurde 99 Jahre alt. Wir haben untervermietet, meine Mutter gab zu Hause Klavierunterricht und kümmerte sich um alles. Ab und zu unterstützten uns reiche Verwandte, Besitzer einer großen Tuchfabrik im Rheinland. Die sind dann emigriert in die USA. Sehr generöse Menschen, wir bekamen abgelegte Kleidung und auch sehr guten Stoff.

So kam es, dass ich Kleider trug aus Herrenanzugstoffen. Aber nicht nur dadurch unterschied ich mich von den anderen Mädchen. Ich besuchte das Heilwig-Lyzeum, eine Privatschule für höhere Töchter. Der Geist dieser Schule war protestantisch, großbürgerlich, großdeutsch, mit Blick auf die internationale Welt der Handels- und Schifffahrtsverbindungen. Bildungs- und Erziehungsziel war, ein kultiviertes, körperlich wie geistig gewandtes deutsches Fräulein heranzubilden, eine zukünftige Ehegattin, die sich auf jedem Parkett bewegen konnte.

Immer hatte ich das Gefühl des Nichtdazugehörens. Meine ‚halbjüdische‘ Herkunft und auch der soziale Abstand machten sich diskret bemerkbar. Zwar verband mich eine ganz innige Liebe und wunderbare Freundschaft zu Gisela Opper, einer aufsässigen Mitschülerin, mit der ich unentwegt zusammensaß, viele gemeinsame Ausflüge und auch Reisen machte. Wir waren sehr eng befreundet bis zu meiner Auswanderung 1938. In der Schule aber blieb ich immer Außenseiter.

Die Mitschülerinnen spielten in teuren Clubs Hockey, Tennis, liefen Schlittschuh, ritten auf eigenen Pferden, besaßen Boote auf der Alster. Sie waren untereinander befreundet oder verwandt, ihre Eltern saßen in Aufsichtsräten und Reedereien und waren geschäftlich miteinander verbunden. Während ich seit meinem dreizehnten Lebensjahr den Kindern begüterter Familien Nachhilfestunden in Latein und den naturwissenschaftlichen Fächern gab, gegen Geld, das ich für das Studium sparte.

Ich sollte eigentlich nach dem Abitur etwas lernen, etwas, womit ich die Familie unterstützen kann, aber ich hatte den Wunsch, Ärztin zu werden. Schon als Kind habe ich immer meinen Teddybären operieren wollen. Meine Mutter hatte, im Gegensatz zu meinen Tanten – die auch im selben Haus wohnten –, Verständnis für mich. 1932 habe ich dann mit dem Medizinstudium angefangen, zusammen mit meiner Freundin Gisela Opper. Aber ab 1933 wurde alles mit einem Schlag anders. Ich bekam eine gelbe Studentenkarte und durfte nicht mehr in die Mensa gehen. Aus Freundschaft betrat auch Gisela die Mensa nicht mehr.

Und es geschah Erschreckendes: Der Anatomieprofessor Poll, ‚Halbjude‘, aber durch und durch deutsch und assimiliert, wurde plötzlich geschmäht. Während die Studenten ihm zuvor mit ängstlicher Ehrfurcht begegnet waren, standen sie nun auf, als er herein kam, hoben den Arm und brüllten den Hitlergruß. Es war ein riesiger, voll besetzter Hörsaal. Als er mit seiner Vorlesung beginnen wollte, scharrten sie mit den Füßen und machten einen solchen Lärm, dass er abbrechen musste und unter Gejohle den Hörsaal verließ.

Er verließ die Universität und Deutschland als gebrochener Mann, wanderte mit seiner Frau nach Schweden aus und hat sich schließlich dort gemeinsam mit ihr das Leben genommen. Sehr rasch war fast der gesamte Lehrkörper ‚gleichgeschaltet‘.

1937 haben Gisela und ich, zusammen mit zwei befreundeten Kommilitonen, unser Staatsexamen gemacht. Ich war die einzige in der Vierergruppe, die einen Prüfungsbogen mit gelbem Streifen hatte und damit gekennzeichnet war. Einige Prüfer empfanden mich als Belastung, aber es gab auch wenige mutige, wie der Pädiater Professor Degkwitz. Er war zwar in der NSDAP, hatte eine niedrige Parteinummer, bekam aber wegen seiner oft kritischen und nicht linientreuen Haltung immer wieder Ärger.“ (In den vierziger Jahren hat er sich gegen die Euthanasie im Hamburger Kinderkrankenhaus Rothenburgsort gewandt. 1943 wurde er von Kollegen denunziert, wurde verhaftet, kam vor den Volksgerichtshof und wurde von Freisler nicht zum Tode verurteilt, sondern „nur“ zu sieben Jahren Zuchthaus, „weil er durch seine Masernprophylaxe 40.000 deutschen Kindern das Leben gerettet hat.“ So die Urteilsbegründung. Anm. G. G.)

„Er gab mir eine Eins in Pädiatrie. Ich bekam nach dem Studium eine Stelle als Assistenzärztin im Israelitischen Krankenhaus in Hamburg und schrieb meine Doktorarbeit. Professor Degkwitz war mein Doktorvater. Er hat die Arbeit zwar anerkannt, aber zur mündlichen Verteidigung Anfang 1938 wurde ich – trotz seiner Fürsprache – nicht mehr zugelassen. Er hat mir dann schriftlich bestätigt, dass ich meine Doktorarbeit zwar eingereicht habe, aber auf Grund der geltenden Promotionsordnung nicht mehr zur Prüfung zugelassen werden kann. Ich galt ja nach den Rassengesetzen als ‚Mischling ersten Grades‘, war damit ‚jüdischer Herkunft‘ und von der Promotion ausgeschlossen.

Diesem Papier von ihm verdanke ich, dass mich im Mai 2015 der Dekan der Medizinischen Fakultät in Hamburg zugelassen hat zur Verteidigung meiner Doktorarbeit. Am 9. Juni bekam ich dann, 77 Jahre verspätet sozusagen, in einer feierlichen Zeremonie im Universitätsklinikum Hamburg meine Promotionsurkunde überreicht. Ich darf mich jetzt Professor Doktor Doktor nennen.“ Sie schmunzelt amüsiert und wird dann wieder ernst: „Es ist mir gar nicht so sehr um mich selbst gegangen, es ging mir ums Prinzip. Ich habe die Urkunde auch zur Erinnerung an all diejenigen entgegengenommen, die in einer weit schlimmeren Situation waren als ich.

1938 spätestens war es unausweichlich, dass wir auswandern müssen, dass ich Deutschland verlassen muss. Die Verwandten aus dem Rheinland, die schon früher ausgewandert waren, gaben meiner Mutter ein Affidavit für mich, und damit bekam ich ein deutsches Visum für die USA. Später gaben sie auch meiner Mutter eins. Ich war die Erste, die auswanderte. Meine Mutter hat mich noch bis Aachen begleitet, dann fuhr ich allein weiter nach Belgien.

Die Passage von Rotterdam nach New York wurde von meiner Mutter und meinem jüngerer Bruder organisiert. Ich besaß nur so einen mit Holzrippen verstärkten Kabinenkoffer, voll mit Kleidung und Büchern. Meine Barschaft betrug 38 Mark, mehr wurde mir von den Nazis nicht zugestanden. Der Dampfer sollte zehn Tage unterwegs sein, es wurden aber zwölf Tage, weil wir unterwegs in einen riesigen Hurrikan gerieten, alle Verbindungen brachen ab. Ich hatte keine Angst, war nicht mal seekrank. Irgendwie geriet ich auf die Brücke des Kapitäns und schaute dem gewaltigen Schauspiel voller Bewunderung zu.“ (Als die zerlegte Freiheitsstatue 1885 nach New York verschifft wurde, geriet der Dampfer auch in einen Hurrikan und wäre beinahe untergegangen. Wer hätte dann die Immigranten begrüßt? Anm. G. G.)

„Ich glaube, ich darf sagen, dass ich mit dazu beigetragen habe, die Kindersterblichkeit messbar zu senken“

Zwei Tage später, als die Skyline von New York auftauchte im rosigen Morgenlicht, war es wie das Leuchten einer neuen Zukunft für mich. Aber der zweite Blick auf die Stadt war niederschmetternd. New York, die Bronx, war dunkel, schmutzig, verwahrlost. So habe ich es in Erinnerung. Anfangs schlief ich bei Verwandten auf einem Sofa im Flur. Ich wollte so schnell wie möglich Arbeit finden. Aber ohne einen akademischen Grad musste ich mich lange mühsam durchschlagen, arbeitete in verschiedenen Krankenhäusern, nur gegen Room & Board in unbezahlten Internships.

Deutschland schien weit weg. Aber ich erinnere mich noch genau an den September 1939, es war ein schöner Tag, da hörte ich die Nachricht vom Polenüberfall, von Hitlers Reichstagsrede und von seinem Satz: ‚Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.‘

Wir hatten das nie so ganz ernst genommen, wenn schon kurz nach 1933 von manchen Leuten in Hamburg gesagt wurde: ‚Hitler bedeutet Krieg‘. Nun zeigte es sich, dass das ein Fehler war. Ich machte mir zwar Sorgen, aber ich hatte mit meinen eigenen Existenzsorgen in Amerika zu ringen. Mein Englisch war anfangs nicht sehr gut, und ich musste mich an ein anderes Maßsystem gewöhnen. Ich hatte kaum noch Hoffnung, arbeitete in einem YWCA-Feriencamp für Kinder am Eriesee. Da kam plötzlich die Nachricht: Ich hatte ein Stipendium gewonnen, vom reaktionären Zeitungskonzern Hearst. Tausend Dollar, für ein Studium am Woman’s Medical College in Philadelphia, es wurde sogar einmal verlängert. 1942 graduierten wir mit dem ersehnten MD (Medical Doctor). Ich war Jahrgangsbeste, was wegen meiner Vorkenntnisse aber nicht verwunderlich war.

Nun hatte ich endlich meinen Doktor, arbeitete längere Zeit am Johns Hopkins Hospital in Baltimore, wo ich viel lernte. 1944, ich wollte unbedingt Kinderärztin werden, bewarb ich mich am renommierten Children’s Hospital and Research Foundation in Cincinnati (Ohio), einem Krankenhaus mit Lehre und eigenem Forschungsinstitut. Ich wurde angenommen. Dort habe ich gleich an meinem ersten Tag Mitja gesehen, er macht gerade Visite mit den Professoren und er funkelte mich an. Es war wie ein Donnerschlag. Es war um mich geschehen.

Eigentlich wurde er in den USA ‚Sam‘ gerufen, aber ich sage lieber Mitja. Er war ein sehr anziehender und vor Intelligenz und Witz sprühender Mann. Eigentlich immer in guter Stimmung, oft ein wenig spöttisch. Ich habe ihn nur einmal totenblass und vollkommen fassungslos gesehen. Das war 1945 während einer Parteiveranstaltung. Mitja trat ins Zimmer und berichtete mit heiserer Stimme, dass er gerade im Radio vom Abwurf der Atombomben über Japan gehört hatte. Es hat uns allen die Kehle zugeschnürt. Ich brauchte allerdings Wochen, um das ganze Ausmaß zu begreifen.

Wir haben uns dann sehr engagiert gegen den Einsatz solcher Massenvernichtungswaffen. Auch das schweißte uns zusammen. 1946, nach einigen Hindernissen, haben wir endlich geheiratet. Erst kamen die Kinderchen und dann … ja dann kam McCarthy.

Wir engagierten uns in der CP USA (Kommunistischen Partei), traten ein für die Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung, für die Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter, wir verkauften den Daily ­Worker, und ich sammelte tausend Unterschriften für den Stockholmer Appell zum Stopp der Atombombenversuche. Obwohl Mitja von Präsident Truman nach dem Krieg das Certificate of Merit für seine Forschung zur längeren Haltbarkeit von Blutkonserven verliehen bekam, drohte ihm dennoch 1950 eine Vorladung wegen ‚unamerikanischer Umtriebe‘ vor dem berüchtigten McCarthy-Untersuchungsausschuss.

Nach dem ‚Smith Act‘ durften Kommunisten nicht mehr außer Landes gehen. Jede Sonntagsnummer des Cincinnati Enquirer brachte Artikel mit Verleumdungen und Anschuldigungen gegen uns. So diffamiert zu werden hat uns natürlich alarmiert.

Die Rettung war für uns ein Pädiatriekongress in der Schweiz, den wir besuchten. Danach fuhr Mitja zu seinen Eltern nach Israel. Ich war hochschwanger, flog nach Cincinnati, habe heimlich mit Hilfe meiner Mutter – die in Amerika blieb – das Nötigste gepackt und bin mit unseren drei kleinen Kindern zurück nach Zürich geflogen. So verloren wir unsere zweite Heimat, mussten unser Haus, unsere Arbeit, unsere Freunde, den Hund und die Katze, unser gesamtes bisheriges Leben für immer zurücklassen. Dennoch empfinde ich immer noch große Dankbarkeit gegenüber den USA.

„Immer hatte ich das Gefühl des Nichtdazugehörens. Meine ‚halbjüdische‘Herkunft und auch der soziale Abstand machten sich diskret bemerkbar“

Von Zürich aus ging es nach Wien, Mitja versuchte Arbeit zu finden, aber McCarthy verfolgte uns auch hier. Die CIC hatte gedroht, der Universität die US-Subventionen zu streichen. Auch die Botschaft der UdSSR winkte ab, man wollte keinen ‚Westemigranten‘. Auch in England und Frankreich fand sich keine Stelle. Durch Vermittlung der KPÖ bekamen wir schließlich das Angebot, in die DDR zu gehen.

Im Januar 1952 kamen wir in Berlin an, in eine vom Krieg gezeichnete Stadt. Man quartierte uns im Seitenflügel des abgebrannten Hotel Adlon ein. Wir hatten freie Kost und Logis, es war kalt, es zog, es gab kein heißes Wasser zum Baden der Kinder und zum Waschen der Windeln. Aber bald konnten wir in dieses Haus hier einziehen. Unsere Nachbarn hatten alle ein ähnliches Schicksal, sie waren aus dem KZ oder aus der Emigration zurückgekehrt. Freundschaften entwickelten sich, die Kinder lernten Spielgefährten kennen. Wir hatten eine neue Heimat gefunden. Mitja baute sein Institut für Physiologische und Biologische Chemie auf und wurde zu einem der bedeutendsten Vertreter der Biochemie in der DDR. Seine ‚Medizinische Biochemie‘ wurde zum Standardlehrbuch und in mehrere Sprachen übersetzt.

Auch für mich waren die Arbeitsjahre hier in der DDR meine schönste und produktivste Zeit, voller Initiativen, herzlicher Kollegialität und einem guten Verhältnis zwischen den Studenten und mir. Es gab nicht diese Hier­archie, diese Kluft zwischen Ärzten und Schwestern, Ärzten und Studenten, Arzt und Patient. 1959 habilitierte ich mich, 1968 wurde ich zur Professorin berufen, machte Forschung und Lehre. Bis zu meiner Emeritierung 1973 arbeitete ich an der Kinderklinik der Charité, baute die Neugeborenen-Heilkunde auf und hatte den einzigen Lehrstuhl für Neonatologie in Europa inne.

Ich glaube, ich darf sagen, dass ich mit dazu beigetragen habe, die Kindersterblichkeit messbar zu senken. 1984 bekam ich dafür den Nationalpreis der DDR. Da war ich schon 72 und wir ahnten nicht, was fünf Jahre später kommen wird, dass wir wieder eine Heimat verlieren werden, dass wir ab 1989 sozusagen ‚im Westen‘ leben würden. Mit all den Folgen.

Also, ich muss sagen, die DDR war, was das Gesundheitswesen anbetrifft, medizinisch bei Weitem das Fortschrittlichste und Beste, was ich gesehen habe. Zwar ist das heutige Gesundheitswesen in Deutschland sicher besser als in anderen kapitalistischen Ländern, aber es fehlt doch deutlich spürbar an der Verflechtung zwischen Sozialem und Medizinischem.

Ich war und bin der Meinung, dass die Medizin ein Sektor der Gesellschaft ist, in dem kein Profit gemacht werden darf. Das Arztsein, das Verhältnis zwischen Arzt und Patient, verträgt sich nicht mit einem merkantilen Rahmen. Überhaupt wünsche ich mir, dass die Welt gerecht verteilt wird, dass ethische Prinzipien das Handeln bestimmen und ein Weg gefunden wird, eine friedliche und für alle erfreuliche Gesellschaftsordnung zu schaffen.

Du fragst, was ich jetzt noch vorhabe?“ Lebhaft beantwortet sie meine Frage: „Ich möchte noch ein bisschen protestieren gegen die Kriegshetzerei.“