Kreuzberger Schulterschluss

1. MaiAuf dem Kreuzberger Oranienplatz soll es in diesem Jahr ein explizit politisches Programm als Teil des Myfests geben – die Organisatoren sind keine Unbekannten

Soll friedlich bleiben, aber politischer werden: die Myfest-Bühne auf dem Oranienplatz, hier im sonnigen Mai 2014 Foto: Mike Wolff/picture alliance

von Malene Gürgen

Kommerzialisierter Ballermann hier, ritualisierter Krawall dort: Das Verhältnis von Myfest und Revolutionärer 1.-Mai-Demonstration war jahrelang von wechselseitigen ­Pauschalvorwürfen geprägt. Nach ersten zarten Annäherungsversuchen im letzten Jahr gibt es nun eine Art erste offizielle Kooperation zwischen linksradikaler Szene und Myfest: Unter dem Namen Block Party soll auf dem Oranienplatz ein politisches Festival mit Musik und Redebeiträgen stattfinden, gemeinsam organisiert von dem kleinen Label 36 Kingz, das seit Jahren die HipHop-Bühne auf dem Myfest verantwortet, und der linksradikalen Gruppe Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin.

Wichtiger als die Gruppennamen sind die Personen, die sich dort zusammengetan haben: Michael Prütz ist dabei, jahrzehntelang Anmelder der 18-Uhr-Demonstration. Jonas Schiesser, der eigentlich anders heißt und dessen Stimme jeder kennt, der schon mal auf dieser Demo war, für die er jahrelang nicht nur den Pressesprecher, sondern auch die Moderation von den überdimensionierten Lautsprecherwagen herunter machte. Marcus Staiger, bekannte Figur der Berliner Rapszene und seit einigen Jahren immer stärker politisch engagiert. Turgay Ulu, wichtiges Gesicht des Flüchtlingsprotests vom Oranienplatz. Der Rapper PTK, aufgewachsen in Kreuzberg, für den der 1. Mai „eine Art Nationalfeiertag“ ist. Und 36-Kingz-Chef Senol Kayacı, in seiner Jugend Mitglied der Kreuzberger Gang 36 Boys, später dann Verfechter der Kooperation zwischen AnwohnerInnen und Polizei am 1. Mai.

Seine Bühne sei schon immer eine Plattform für die gewesen, die „von der Gesellschaft an die Seite gedrängt werden“, sagt Kayacı am Dienstag bei der Pressekonferenz der Veranstalter. Insgesamt verstehe er aber die Kritik, das Myfest habe sich zu einem „unpolitischen Karneval“ entwickelt – deswegen habe er sich in diesem Jahr dazu entschieden, seine Bühne für ein politisches Programm zur Verfügung zu stellen, bei dem die Kritik an Gentrifizierung sowie deutscher Flüchtlingspolitik im Mittelpunkt stehen soll.

„Wir lassen uns nicht in gute und schlechte, gewaltbereite und friedliche Kreuzberger spalten“, sagt Jonas Schiesser. Der Konflikt zwischen 18-Uhr-Demo und Myfest sei von der Polizei und den Medien aufgebauscht. Dass die Demonstration in diesem Jahr am Oranienplatz beginnen und durchs Myfest laufen solle, sei auch im Sinne der Myfest-Veranstalter; dass Politik und Feiern zusammengeht, werde außerdem ihre Veranstaltung zeigen. „Die Probleme, die wir in Kreuzberg haben, sind wichtiger als unsere Grabenkämpfe und Eitelkeiten.“

Konfliktfrei ist der Zusammenschluss nicht: Während Schiesser Ausschreitungen am 1. Mai mit dem Verweis auf das „viel brutalere Oktoberfest“ relativiert, betont Kayacı, Aufrufe zu Gewalt nicht zu dulden. Und auch bei einem anderen wichtigen Kreuzberger Thema dürften sie sich nicht einig sein: Während die linke Szene und auch die 18-Uhr-Demo sich mit den Kurden und türkischen Oppositionellen solidarisieren, gilt Kayacı als AKP-Anhänger.

Dennoch: Für diesen 1. Mai machen sie gemeinsame Sache. Von 12 bis 22 Uhr werde es Musik, Redebeiträge und Stände politischer Initiativen auf dem O’Platz geben, pünktlich zum Start der 18-Uhr-Demonstration werde die Musik für eine Stunde ausgestellt, um den störungsfreien Beginn der Demonstration zu ermöglichen. Dass der Plan des Demobündnisses, mitten durchs Myfest zu laufen, für Probleme sorgen könnte, glaubt Schiesser nicht: „Niemand hat vor, das Myfest zu crashen.“