LeserInnenbriefe

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Sag dem Auto laut adé!

betr.: „Sag dem Diesel leise Servus“, taz vom 20. 6. 17

Hallo Herr Martin Unfried, viel Richtiges in Ihrem Artikel, danke. Aber: Das Patentrezept zur Rettung des Autos (und der Autoindustrie), elektro- oder wasserstoffgetriebene Karossen, lügt uns in Sachen Umwelt heftig in die Tasche. Schon was vom „ökologischen Rucksack“ gehört?

In der taz war er beschrieben, bezogen auf die Batterieherstellung: Klimabilanz mies, entsprechend 30.000 und 100.000 Kilometer Fahrstrecke eines Benziners je nach Kilowattstärke des Motors. Und dabei sind die anderen Rohstoffe noch nicht eingerechnet: Kupfer zum Beispiel, pro Motor bei (im Vergleich zu heutigen PS-Monstern höchst bescheidenen 68 PS) mit 45 Kilogramm verbaut, macht umgerechnet so viel aus, dass die Hälfte der Emissionseinsparungen im Betrieb des Autos gegenüber einem Verbrenner zunichte gemacht wird.

Die seltenen Erden, die das E-Auto wie alle anderen elektrisch-elektronisch betriebenen Geräte braucht, sind eine weitere Quelle gigantischer Umweltschäden – insbesondere für die angeblichen automatischen Zukunftsautos. Aber auch andere Rohstoffe (Stahl, Aluminium) und die verwendeten Kunststoffe tragen einen gewaltigen ökologischen Rucksack.

Das Klima ist nur dann auf dem in Paris angepeilten Steigerungsniveau von 1,5 – 2 Grad zu halten, wenn eine konsequente industrielle Abrüstung, ein Rückbau der hypertrophierten Industrie und des Verkehrs, durchgesetzt wird. Das könnte auf den – sehr guten – Ökobiz-Seiten der taz Klarheit schaffen, wo die Reise hin gehen muss. WOLFGANG NEEF, Berlin

Antisemitismus im Schafskleid

betr.: „Der Antisemit braucht keine Juden“, taz vom 19. 6. 17

Ambivalent! Es ist wichtig, die Verbindung des islamischen Antisemitismus mit dem Nationalsozialismus aufzuzeigen und auch, dass der sogenannte Antizionismus das „Schafskleid“ eines modernen Antisemitismus abgibt. Ebenso richtig ist es, dass die Aktivitäten mancher NGOs unter der Fahne von Antiimperialismus, Israelkritik, Israelboykott und Palästinasolidarität auf Antisemitismus hinauslaufen. Da liegen die Verdienste des Films. Sein Mangel ist, manches nur anzureißen und zu behaupten, statt nachzuweisen und zu begründen.

Wichtig wäre es zum Beispiel, argumentierend aufzuzeigen, wo Kritik an Israels Politik in Antisemitismus umschlägt. So bleibt der Eindruck, als sei solche Kritik generell unerwünscht oder nicht legitim. Zudem bleibt manches unbelegt im Raum stehen. So die Behauptung, Brot für die Welt würde antisemitische Projekte unterstützen. Auch der richtige Hinweis, Antisemiten würden sich heute besser tarnen, gerät zu einer haltlosen Unterstellung, wenn gesagt wird, früher hätten die Antisemiten vom „internationalen Finanzjudentum“ gesprochen und heute nur noch vom „internationalen Finanzwesen“.

KLAUS-PETER LEHMANN, Augsburg

Sozialbeiträge der Gutverdiener

betr.: „Steuerlügen für die ‚Mitte‘“, taz vom 16. 6. 17

Ulrike Herrmann hat völlig Recht mit der Beschreibung, dass die Sozialbeiträge die ungerechtere Belastung sind im Vergleich mit der Steuer.

Anders als Steuern steigen die Beiträge bei höherem Einkommen nicht an – und was sie nicht erwähnt: Die Beiträge hören bei hohem Einkommen sogar auf. Für jeden verdienten Euro über 4.350 Euro im Monat hinaus fallen für Arbeitnehmer (und Arbeitgeber!) null Cent Krankenversicherungsbeiträge an, ab 6.350 Euro (im Westen) fallen auch die Rentenversicherungsbeiträge weg.

Für den 6.400sten verdienten Euro wird vielleicht eine relativ hohe Steuer von 40 Prozent fällig, aber keine Sozialversicherung. Belastung: 40 Prozent. Für den 4.000sten verdienten Euro der Facharbeiterin werden vielleicht nur 30 Prozent Steuern fällig, aber plus 20 Prozent Sozialversicherungsbeiträge. Belastung: 50 Prozent.

Hohe Gehälter erhöhen ist also kein Sturz in den Mittelstandsbauch, sondern im Netto-Brutto-Vergleich sehr attraktiv. Auch für die Arbeitgeberin, die dann ebenfalls keine Sozialversicherungsbeiträge mehr zahlt. Diese höchst ungerechte Entlassung von hohen Einkommen aus dem Solidarsystem gilt für die Bruttolöhne, während das zu versteuernde Einkommen immer niedriger als der Bruttolohn ist und je nach Situation gesenkt werden kann. Mit Geschick können also Beitragsfreiheit für einen Teil des Einkommens und ein niedriger Steuersatz kombiniert werden. STEFAN DIEFENBACH-TROMMER, Marburg

Mythos Agenda 2010

betr.: „Ist doch nicht unsere Schuld“, taz vom 16. 6. 17

Vielen Dank für den guten Überblick bezüglich der „Exportüberschüsse“.

Wäre es nicht möglich – gerade auch im Hinblick auf die zukünftige Macron’sche Wirtschaftspolitik – einen vergleichbaren „Schwerpunkt“ hinsichtlich des Mythos Agenda 2010 zu veröffentlichen? Zurzeit erleben wir ja erneut deren Seligpreisung, die alleinig aus dem „kranken Mann Europas“ eben jenes Wirtschaftswunderland gezaubert haben soll.

Gerade im Bekanntenkreis erlebe ich immer häufiger diese Meinung – eigentlich immer „abgesicherte KomfortzonlerInnen mit Eigentumswohnung/Haus, Erbschaft und (zukünftiger) Beamtenpension“, gepaart mit dem Verständnis, in Deutschland gebe es mit Hartz IV doch eine gute „Hängematte“ … ALBERT EBERT, Berlin