Zahl der Pendler 2016 auf Rekordniveau

Verkehr 18,4 Millionen Menschen arbeiten nicht in ihrer Wohngemeinde. Schlecht für Gesundheit und Umwelt

Immerhin eine umweltfreundlichere Variante des Pendelns: S-Bahn fahren Foto: Bodo Marks/dpa

von Anna Parrisius

BERLIN taz | In Deutschland gibt es immer mehr Pendler. Wie das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) mitteilte, wohnten 2016 rund 18,4 Millionen Menschen in einer anderen Gemeinde als da, wo sie arbeiteten. Im Vorjahr waren es nur knapp 18 Millionen gewesen. Der Anteil der Pendler an den Beschäftigten stieg demnach um 0,2 Prozentpunkte auf 59,4 Prozent.

Auch die Pendel-Entfernungen werden immer länger. So betrug die Länge des einfachen Arbeitswegs laut Bundesinstitut im vergangenen Jahr im Schnitt 16,91 Kilometer, im Jahr davor waren es 16,76, 1999 nur 14,59 Kilometer.

Nach den aktuellsten Daten des Statistischen Bundesamtes fuhren 2012 66 Prozent der Pendler mit dem Auto. Nur 14 Prozent nutzten öffentliche Verkehrsmittel, jeweils 9 Prozent fuhren mit dem Rad oder gingen zu Fuß.

„Mit steigendem Verkehr steigt auch der Ausstoß des Treibhausgases CO2, Lärmemissionen nehmen zu, und der Bau immer neuer Straßen sorgt dafür, dass der Lebensraum vieler Tieren zerschnitten wird“, sagte Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik des Naturschutzbunds (Nabu), der taz.

Er sieht deswegen die Politik in der Pflicht, Wohn- und Arbeitsorte wieder näher zueinander zu bringen. „Neubaugebiete sollten in jedem Fall an die öffentlichen Verkehrsmittel angeschlossen sein“, so Oeliger. Alternative Verkehrsmittel zum Auto müssten attraktiver werden, fordert der Umweltschützer. Die Bundesregierung müsse mehr in den Ausbau der Schieneninfrastruktur und der Radschnellwege investieren. „Es ist ein Armutszeugnis, dass der Bundesverkehrswegeplan 2030, der für die nächsten 15 bis 20 Jahre gilt, weiterhin den Schwerpunkt auf Straßeninfrastruktur legt.“

Außerdem seien steuerliche Anreize wie eine höhere Mineralölsteuer nötig, so Oeliger. Am meisten setzten sich hierfür die Grünen ein, in abgeschwächter Form auch die Linke.

Alternativen zum Auto müssten attraktiver werden, fordert der Naturschutzbund

Sabine Zimmermann, Vizefraktionschefin der Linken im Bundestag, sagte: „Der Preis der erhöhten Mobilität ist zunehmender Stress, insbesondere bei den sogenannten Fernpendlern, bis hin zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen.“ Die Arbeitgeber müssten flexiblere Arbeitszeitmodelle finden, die dem Pendelstress entgegenwirken.

Die Verteilung der Pendler zeigt Zimmermann zufolge, dass die Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland immer noch nicht gleichwertig seien. Während 404.000 ostdeutsche Beschäftigte in die alten Bundesländer pendeln, gibt es auf der Westseite nur 158.000, die in einem ostdeutschen Bundesland beschäftigt werden.

Als Hauptursachen für den Anstieg der Pendlerzahlen benennt das BBSR hohe Miet- und Immobilienpreise in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder München. In München gibt es mit 365.000 Betroffenen die meisten Einpendler. Daran schließt sich Frankfurt am Main mit 352.000 Pendlern an, was zwei von drei Arbeitnehmern der Stadt entspricht. Thomas Pütz, Experte des BBSR: „In Regionen mit vielen kleinen Städten haben es die Menschen dagegen oft weniger weit zur Arbeit.“

1,3 Millionen Beschäftigte wohnten 2016 mehr als 150 Kilometer von ihrem Arbeitsort entfernt. Unter ihnen sind Tages-, aber auch Wochenpendler. Seit Ende der 2000er Jahre stagniere die durchschnittliche Distanz, während der Anteil der Pendler weiter leicht zunehme, wie Experte Pütz erläuterte. (mit dpa)

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