Thailand Statt vor Gericht auf ihr Urteil zu warten, taucht die 50-Jährige unter

Ex-Regierungschefin Yingluck entwischt

BERLIN taz | Damit hatte wohl kaum jemand gerechnet: Am Freitagmorgen warteten Richter, Polizisten, Journalisten und Tausende Anhänger von Yingluck Shinawatra darauf, dass sie vor dem Obersten Gericht in Bangkok erschien. Doch die thailändische Ex-Premierministerin tauchte nicht auf: Jüngsten Berichten zufolge, die sich auf Quellen aus dem Dunstkreis ihrer Partei beziehen, hat die 50-Jährige das Land verlassen.

Die Zeitung Khaosod meldete, sie habe sich über die Grenze nach Kambodscha und dann weiter über Singapur nach Dubai abgesetzt. Dort lebt ihr Bruder Thaksin Shinawatra im selbst gewählten Exil. Thaksin war früher ebenfalls Premierminister, wurde 2006 von der Armee gestürzt und 2008 wegen Amtsmissbrauchs zu zwei Jahren Haft verurteilt. Yinglucks Anwälte hatten zunächst erklärt, sie sei erkrankt. Das nahmen ihr die Richter nicht ab und erließen Haftbefehl.

Nun spekuliert Bangkok darüber, wie Yingluck ohne Wissen des Militärregimes fliehen konnte. Entweder habe der gesamte Überwachungsapparat der Junta versagt – oder die Ex-Regierungschefin hatte Helfer in den Reihen von Beamten, Polizei und Armee, heißt es. Dort gehören längst nicht alle zum ultrakonservativen, royalistischen Establishment. Manche sympathisieren durchaus mit Yingluck und ihrer gestürzten Partei Pheu Thai.

Womöglich kannte die Junta Yinglucks Pläne – und ließ die Flucht zu, weil sie Yingluck lieber als Flüchtige im Ausland weiß denn als Märtyrerin im eigenen Land. Juntachef Prayuth Chan-ocha höhnte: „Ich dachte, sie wäre mutig genug, vor Gericht zu erscheinen.“ Er ordnete an, sie zu jagen und die Grenzen zu überwachen.

In ersten Reaktionen äußerten viele Verständnis für ihre Flucht: In dem politisch motivierten Verfahren hätte Yingluck niemals ein gerechtes Urteil erwarten können. Im Fall eines Schuldspruchs drohen ihr bis zu 10 Jahre Haft. Die Justiz wirft ihr Pflichtverletzung im Zusammenhang mit einem staatlichen Reissubventionsprogramm vor, bei dem Milliarden Dollar versickert sein sollen. Das Urteil soll am 27. September verkündet werden. Nicola Glass