Sanft segeln die Papierflieger

Die Kunst der Entscheidungsfindung und das Falten von Papier: In „Faltet eure Welt“ im Grips-Theater, mit dem ägyptischen Gastkünstler Ossama Helmy, geht es um Freiheit

„Faltet eure Welt“ mit Esther Agricola, Jens Mondalski und Ossama ‚OzOz‘ Helmy Foto: Jörg Metzner

Bevor Ossama Helmy von Ägypten nach Deutschland reisen darf, muss er in der deutschen Botschaft in Kairo Fragen beantworten: Wie lange wird sein Aufenthalt sein? Wann fährt er wieder? Was will er in Deutschland? Als Künstler hat er es leichter als viele seiner ägyptischen Freunde, ein Visum zu bekommen, seine Origami­faltkunst ist sein Ein­tritts­ticket. Am 7. Dezember muss OzOz – so stellt sich der Künstler im Grips-Theater vor – erneut zur Botschaft. Dann entscheidet sich, ob er im Januar nächsten Jahres zu den nächsten Aufführungen zurück nach Berlin kommen kann.

Szenen auf Arabisch und Deutsch mit großen Papierbahnen, so könnte die Produktion „Faltet eure Welt“ zusammengefasst werden. Das von Ossama Helmy 2011 gegründete Arab Origami Center hat sich dafür mit der Berliner Gruppe suite42 zusammengetan. Die Regisseurin Lydia Ziemke, Mitbegründerin von suite42, ist häufig in den arabisch-persischen Raum gereist und lernte dort Helmy kennen, der seit 2003 mit Origamikunst Geschichten auf der Bühne erzählt. „Faltet eure Welt“ entstand nach Gesprächen mit jungen Menschen aus Ägypten und Deutschland und dreht sich um die Vorstellung von Freiheit.

Auf der mit weißer Plane ausgelegten Bühne stellen sich drei Menschen vor: neben OzOz die Grips-Schauspieler Esther Agricola und Jens Mondalski. „Meine größte Freiheit ist, dass ich mein Herz schenken kann, wem ich will“, sagt Esther, bastelt ein gelbes Herz aus Papier und schenkt es dem Publikum. „So richtig stinkreich“ möchte hingegen Jens werden. Er wolle sich seine Freiheit leisten können, sagt er. Geld mache ihn frei von Sorgen. Frei müsse er sein, um glücklich zu sein, sinniert er weiter. Das Publikum murmelt zustimmend.

„Freiheit ist für mich, Nein zu sagen. Zu sagen, was ich will“, sagt OzOz auf Arabisch, die deutsche Übersetzung wird eingeblendet. Er kommt aus einem Land, in dem diese Freiheit nicht selbstverständlich ist. Mit wechselnden Papierfiguren erzählt er davon, wie es ist, sich als ägyptischer Mann gegen eine arrangierte Ehe zu wehren, seine Familie zu enttäuschen, schließlich abzuhauen.

Auch die großen Planen auf der Bühne selbst werden gefaltet. Für Ossama Helmy ist die japanische Papierfaltkunst ein geeignetes Stilmittel. Eigene Entscheidungen zu treffen sei vergleichbar mit den unzähligen Möglichkeiten, Papier zu falten – die Linien, die Falten bleiben sichtbar, selbst wenn man den Zettel wieder öffnet. So beschäftigen sich die Hände der Schauspieler stets mit Papier, konzentriert schaut man zu, während sie Fragen stellen: Kann die eigene Freiheit andere Menschen einschränken? Wann und warum wird sie mir genommen? Plötzlich klingt der Satz „Ich will nur dein Bestes“ in einer alltäglichen Vater-Tochter-Szene wie eine Drohung.

Natürlich wird in der Studiobühne des Grips-Theaters das Publikum bald selbst zur Schulklasse. Gemeinsam wird Papier gefaltet, überlegt und geschrieben. Ein paar Minuten später lässt das Publikum weiße Papierflieger auf die Bühne segeln. Die drei Schauspieler wandern durch ein Meer von Fliegern, heben immer wieder welche auf und lesen: Liebe, Zeit für mich zu haben, aber auch: Patriotismus. Ein Raunen geht durch den Saal.

Es sind simpel formulierte Sätze zum Thema Freiheit, die an diesem Abend im Grips-Thea­ter in kurzen Sketchen fallen. Das Stück richtet sich an Schüler und Jugendliche. Nach einigen der Vorstellungen werden Origamiworkshops angeboten. Trivial ist das Stück aber nicht: „Faltet eure Welt“ zeichnet sich durch feinfühlige Sprachgewandtheit aus, die Dia­lo­ge entwickeln einen Rhythmus, rhythmisch gefaltet wird auch das Papier. Ein feministischer Monolog, der an die aktuelle Sexismusdebatte erinnert, bekommt ebenso Raum wie die Wünsche, lieben zu können, wen man möchte, oder „nicht immer nur der Flüchtling“ zu sein. Kon­stru­iert wirkt das nicht, sondern zeigt schlüssig und humorvoll, wie vielschichtig der Blick auf Freiheit ist.

Sanft und versöhnlich segeln schließlich Papierflieger zurück ins Publikum. Ich drehe einen auf meinem Knie gelandeten um und lese: Selbstverwirklichung und Liebe.