„Nicht sofort einordnen“

Das Festival „Nordwind“ präsentiert diesmal neben Kunst aus nordischen Ländern auch afrikanische Künstler. Leiterin Ricarda Ciontos über Postkolonialismus, offene Landschaften und Kunst als Raum des Austauschs zwischen Norden und Süden

Auseinandersetzung mit Grenzen als Horizont für die einen und als Hindernis für die anderen: „Lost in Horizon“ des Samowarteateret aus Kirkenes Foto: Samowarteateret

Interview Robert Matthies

taz: Frau Ciontos, was verbindet Künstlerinnen und Künstler aus dem arktischen und dem afrikanischen Raum?

Ricarda Ciontos: Bisher haben wir vor allem Kunst aus urbanen Zentren präsentiert, vor drei Jahren haben wir uns dabei aber auch mit der Auseinandersetzung mit der Natur beschäftigt. Das war der Anknüpfungspunkt, auch zu fragen, was sich in den entlegenen, arktischen Regionen tut. Dabei habe ich festgestellt, dass viele Künstlerinnen und Künstler dort, vor allem Angehörige von Minderheiten wie den Sámi oder den Inuit, immer noch mit den Folgen des Kolonialismus kämpfen und sich damit auseinandersetzen.

Arktische und afrikanische Kunst verbindet also vor allem die postkoloniale Situation?

Das Postkoloniale ist bei afrikanischen Künstlerinnen und Künstlern natürlich auch ein zentraler Punkt und andererseits auch der Wille, sich in einem zeitgenössischen Kunstkontext zu artikulieren. Wir haben dann aber noch viele Parallelen festgestellt.

Welche zum Beispiel?

Sehr viele versuchen erst einmal, sich gegen so einen exotisierenden Blick zu verwehren oder sich davon zu lösen, weil ihnen das ja immer wieder begegnet. Diese Thematik und wie sie mit ihrer eigenen Geschichte umgehen, unterscheidet jedenfalls im Norden solche Künstlerinnen und Künstler von denen, die in einer urbanen Umgebung arbeiten. Auch in Bezug auf die Ästhetik.

Im Festivalprogramm wird eine weitere Parallele aufgegriffen: der Umgang mit offenen Landschaften.

Genau, da geht es um Orte und Landschaften, in denen ich die Orientierung erst mal nicht über Schilder und Straßen herstellen kann, sondern ich muss meine Sinne benutzen. Beide geografischen Gegenden, die Arktis und Teile von Afrika, sind durch Landschaften geprägt, die nicht orientieren. Auf Fotos etwa ist oft fast nicht erkennbar, ob es sich jeweils um eine Schnee- oder Eislandschaft oder eine Sandwüste handelt. Deshalb war ich sehr neugierig, diese Künstler zusammenzubringen.

Steht das in Zusammenhang mit der Beschäftigung mit Schamanismus und Ökologie, der sie diesmal einen eigenen Themenblock widmen?

Schamanistische Praktiken sind sowohl im arktischen wie afrikanischen Raum prägend, und zwar jenseits esoterischer Ausformungen. Das Thema Klima und Ökologie findet kontextualisiert auch in etlichen Arbeiten während des diesjährigen Schwerpunktes seine Spiegelung. Zum Beispiel in der Arbeit „Lost in Horizon“ des Samowar-Theaters oder auch im Filmkonzert „Pathfinder“, in dem Musikerinnen und Musiker der nordischen Jazz- und samischen Musikszene den oscarnominierten Film von Nils Gaup vertonen.

In der Kunst geht es dann um das Verhältnis des Körpers zur Umgebung?

Es geht da eher um quasi Instinkte, um unmittelbare Reaktionen, auch um Reaktionsfähigkeit. Das findet sich dann in Aspekten wieder, die etwas mit dem Tanz zu tun haben, und bei performativen Geschichten.

Wie schlägt sich das im Programm nieder?

Wir zeigen zum Beispiel Arbeiten des französischen Choreografen Laurent Chétouane und des südafrikanischen Choreografen Vincent Mantsoe. In Berlin wurde uns dann gesagt, man könne doch nicht einen Konzeptkünstler wie Chétouane einfach jemandem gegenüberstellen, der so ganz naiv mit dem Thema Körper umgehe. Aber das war genau der Umstand, an dem ich interessiert war: Ich wollte sehen, wie man mit anderen Ästhetiken umgehen und sie inkludieren kann, ohne dass wir nur mit unserem mitteleuropäisch-westlichen Blick daraufschauen und sofort kategorisieren, einordnen, aburteilen.

Ein Ansatz ist diesmal, gerade in Zeiten zunehmenden Rechtspopulismus, Begriffe wie Nation, Identität oder Heimat aus einer dekolonialen Perspektive neu zu denken. Was bedeutet das?

Geschichte wird von unterschiedlichen Seiten und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Oft ist es aber leider so, dass diese Positionen nicht reflektiert sind. Ich bin überzeugt, dass man erst mal gucken muss: Wer ist betroffen? Und das Narrativ, die Erzählung also, noch mal zurückspielen und ihnen überlassen. Die andere Sache ist die postkoloniale Verletzbarkeit. Wie geht man mit dieser Verletzbarkeit so um, dass sich ein konstruktiver dritter Raum öffnet, der weder aus der Opfer- und Täterperspektive besteht – diese Geschichte haben wir ja schon relativ oft erzählt – noch aus Begrenzung. Dass heißt, erst mal die Geschichte als solche mitzunehmen und einen dritten Raum aufzumachen, der im Austausch besteht.

„Nordwind“-Festival: bis 16. 12., Kampnagel, www.nordwind-festival.de