schlagloch

Der letzte Bayer

100 Jahre Freistaat und 200 Jahre Verfassungsstaat Bayern. Glückwunschan ein erfundenes und von Hamlets Geist durchdrungenes Gebilde!

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Georg Seeßlengeboren 1948 in München, Studium der Malerei an der Kunsthochschule München, ist freier Journalist und Autor. Er lebt in Kaufbeuren und Italien. Sein neues Buch „Is This the End? Pop zwischen Befreiung und Unterdrückung“ erschien im Februar bei Edition Tiamat, Berlin.

Die Schlagloch-Vorschau:

11.4. Mathias Greffrath

18.4. Nora Bossong

25.4. Ilija Trojanow

2.5. Charlotte Wiedemann

9.5. Jagoda Marinić

16.5. Hilal Sezgin

Neulich war ich auf dem Westfriedhof, am Grab der Marieluise Fleisser. Da habe ich ihr erzählt, dass der Horst aus Ingolstadt jetzt Heimatminister in Berlin ist und eine Obergrenze will und dass man den Islam nicht für deutsch hält. Mei, was hat sie gelacht, die Fleisserin. Und das war schön, weil in ihrem Leben in Bayern hat sie nicht so viel zum Lachen gehabt. Und dann hab’ ich ihr noch erzählt, dass man dieses Jahr in Bayern gleich ein doppeltes Jubiläum feiert: 100 Jahre Freistaat und 200 Jahre Verfassungsstaat Bayern. Also seit 200 Jahren sind wir hier so eine Art Staat, und seit 100 Jahren haben wir probiert, eine Republik zu werden. Da hab’ jetzt ich lachen müssen, aber die Fleisser nicht, sie hat gesagt, ich soll sie mit dem Schmarrn in Ruhe lassen und sie will jetzt weiterschlafen.

Ich hätt’ sie schon noch gern gefragt, was sie davon hält, dass ich meine, dass Bayern sowieso nur eine Erfindung ist. Also nicht so eine Erfindung wie Bielefeld. Denn man kann einer Stadt leicht nachsagen, dass sie nur erfunden ist, wenn eh keiner dort hinwill. Aber Bayern ist ja genau das Gegenteil. Alle wollen sie nach Bayern. Die Berliner, die Sachsen, die Chinesen, die Japaner, die Amis, die Italiener, die Spanier, sogar einen Rumänen hab’ ich einmal gesehen, aber der hat da arbeiten müssen.

Die These, dass Bayern nur erfunden ist, bezieht sich nicht nur auf das Trachtendulljöh für die Touristen, die glauben, dass sie bloß genauer hinschauen müssten, und dann würden sie dahinter ein echtes Bayern sehen. Weil eine Kultur, die so verlogen und korrupt ist wie die bayrische, unbedingt eine Kehrseite gebraucht hätte. Hinter jedem falschen Bayern im „G’wand“ müsste ein richtiger stehen, hinter jedem Fachmenschen für Klischeeverkauf ein beinharter Vertreter der Authentizität. Erwarten Sie diesbezüglich nicht zu viel. Jeder Bayer, dem das Bier nicht bekommen ist oder der keinen gescheiten bayerischen Beruf ergriffen hat, bildet sich weiß Gott was drauf ein, dass er zu einem „anderen Bayern“ gehört. Manchmal glaub’ ich, dass das andere Bayern noch mehr erfunden ist als das eine. Wenn Sie die Paradiesfolie von Bayern abziehen, bleibt bloß ein Gebirge aus Müll und Geld. Es schaut, mit anderen Worten, genauso aus wie überall.

Das mit der Erfindung fängt schon an im gallischen Krieg. Ganz Gallien war von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein, ein kleines Dorf leistet Widerstand. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wo immer dieses Dorf gelegen sein mag, da, wo heute Freistaat und Verfassungsstaat draufsteht, war es bestimmt nicht, und Bier ist auch kein Zaubertrank. Damals gab es hierzulande weder Bajuwaren noch Bayern, sondern nur gewaltige Haufen von Kelten. Und Römer – beides wilde Mischungen. Unter den römischen Legionären waren syrische Bogenschützen prominent vertreten. Die keltischen Frauen und die syrischen Bogenschützen haben offenbar eine gewisse Anziehungskraft aufeinander gehabt und sie haben das getan, was die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis „schnackseln“ nennt. Eine dieser Keltengruppen hat sich „die Boiern“ genannt. Und dann haben die Nachfahren der syrischen Bogenschützen und der keltischen Frauen, die unbedingt eine „Identität“ haben wollten, einfach behauptet, das wären die Ur-Bayern gewesen. Jetzt gehörte das schöne Land ihnen, und wer da durchwill, der muss entweder bezahlen oder selbst ein Bayer werden. Was so lange der genetischen Vielfalt gedient hat, bis man am Beginn eines neuen Zeitalters, da man sich zwischen Modernisierung und Beharrung nie recht hat entscheiden können, eine gewaltige Erleuchtung gekriegt hat. Aus dem ewig weißblauen Himmel erscholl die Stimme des Heiligen Bayerischen Geistes und verkündete zwei frohe Botschaften: „Mia san mia.“ Und: „Dahoam is dahoam.“ Für den Bayern die Erlösung, denn jetzt hat er gewusst: Das Erfundene ist ab jetzt das Wirkliche.

Und dann hat es auch noch die Wittelsbacher gegeben und ein Königtum, das genauso war wie der Rest von Bayern, nur anders herum. Weil es in der Wirklichkeit nicht viel verloren gehabt hat, hat es sich selbst erfunden und es prompt wieder übertrieben. Wie ja auch das mit dem Freistaat übertrieben war, weil es nämlich eine Revolution in München gegeben hat. Aber da war Bayern schon so wirklich, dass es die Neu-Erfindung durch eine Revolution nicht hat dulden können. Weil in Bayern so viel Erfindung ist, tendiert die Wirklichkeit hier dazu, besonders blutig zu sein.

Wenn Sie die Paradiesfolie von Bayern abziehen, bleibt bloß ein Gebirge aus Müll und Geld

Gerade nach solchen Erschütterungen und nach dem Ersten Weltkrieg hat sich das bayerische Volk besonders auf seine Gründungslegenden und „Traditionen“ besonnen. Das „Mia san mia“ wurde zum Programm. Jetzt haben natürlich irgendwelche preußischen Gelehrten gesagt, das sei alles ein Schmarrn. Bayern ist vielmehr im Lauf des 19. Jahrhunderts entstanden, weil man damals nach Wegen gesucht hat, wie man aus der Rückständigkeit eines Agrarstaates ein Geschäft machen kann, und das hat einerseits wunderbar gepasst, weil man ja gelernt hat, mit der Mischung aus dem Erfundenen und dem Wirklichen umzugehen. Aber es hat auch etwas Gespenstisches, so dass Bayern als Gemütszustand betrachtet durchaus hamletisch wirkt und man zu jedem Bayern vor seinem Bierkrug einen eigenen Geist dazudenken muss. Gelegentlich bringt das große Kunst hervor, im Allgemeinen aber eine sehr spezifische Mischung aus Bigotterie und Spezlwirtschaft. Damit hat der Bayer einerseits seit FJ Strauß erfolgreich die Entstehung einer deutschen Demokratie bekämpft, ist aber andererseits auch mit seinen Gespenstern zurückgeblieben.

Und der letzte Bayer schaut in sein Bier und ist stolz wie Uncas, melancholisch wie Hamlet und einsam wie ein syrischer Bogenschütze auf dem Karwendel. Dann geht er noch mal zum Grab der Marieluise Fleisser und hört sie sagen: „Was meinen Sie, wie es bei mir ausschauen würd’, wenn ich nicht aufräumen tät?“ Und dann ist er doch wieder zufrieden damit, dass es auch eine sehr bayerische Art von Weisheit gibt.