Ein halbes Jahr #MeToo

Es hat sich etwas bewegt

Sechs Monate läuft die durch Harvey Weinstein ausgelöste Debatte um Sexismus nun schon. Und sie hat Dinge bewirkt. Ein Überblick.

Eine Frau hält ein Schild mit Aufschrift "No means no"

Im Zuge von #MeToo gab es in vielen Ländern Proteste – wie hier in Neu-Delhi Foto: Mihai Surdu/Unsplash

Es gibt Meldungen, bei denen einem der Kopf vornüber auf die Tastatur kippt. Dass die Produktionsfirma Bavaria-Film nach eigenen Angaben in einer internen Prüfung keine Belege für mögliche sexuelle Übergriffe von Dieter Wedel gefunden hat, zum Beispiel. Es sei festgestellt worden, „dass die in der Presse erhobenen Anschuldigungen des sexuellen Missbrauchs durch Dieter Wedel bei den genannten Produktionen nicht belegt werden können“, teilte die Bavaria-Film am Donnerstag in München mit.

Das Zeit Magazin hatte im Januar einen großen Artikel über den Regisseur veröffentlicht, in dem mehrere Schauspielerinnen ausführlich von ihren Erfahrungen mit Wedel berichteten.

Nicht nur Bavaria-Film kommt zu diesem Ergebnis. Auch das ZDF war vor rund sechs Wochen zu dem Schluss gekommen, dass nach dem Sichten der Unterlagen und Gesprächen mit Mitarbeiter*innen keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe gefunden worden seien. Das mutet extrem merkwürdig an, zumal eine betroffene Schauspielerin sich im Zuge der Berichterstattung direkt an das ZDF gewandt hatte, wie der Sender erklärte.

Ein weiteres Beispiel: Kreml-Sprecher Dmitri Peskow hat die Frauen als „Prostituierte“ bezeichnet, die Missbrauchsvorwürfe gegen Hollywood-Produzent Harvey Weinstein erhoben haben. So berichtet es die französische Nachrichtenagentur afp und beruft sich auf den Radiosender Moskauer Echo. „Vielleicht ist er ein Schuft, aber keine von ihnen ist zur Polizei gegangen. Nein, sie wollten zehn Millionen Dollar verdienen“, sagte Putins Sprecher demnach vor Studenten. Und weiter: „Wie nennt man eine Frau, die für zehn Millionen Dollar mit einem Mann geschlafen hat? Eine Prostituierte“, sagte Peskow.

Der Fall offenbarte, wie ein Geflecht aus Macht zu systematischer Unterdrückung führt.

Es war dieser Fall Weinstein, der vor einem halben Jahr eine breite Debatte über Sexismus und sexualisierte Gewalt auslöste: #MeToo. Im Oktober letzten Jahres hatten die ersten Frauen gemeldet, dass der Produzent sie sexuell belästigt oder vergewaltigt habe. Mittlerweile sind es mehr als 80 Frauen.

Der Fall offenbarte, wie ein Geflecht aus Macht zu systematischer Unterdrückung führt. Tausende Frauen berichteten in Sozialen Netzwerken von ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen – und zeigten, dass jenes Machtgeflecht keine Sache Hollywoods, sondern allumfassend und alltäglich ist.

Wir sind noch nicht fertig

Die Debatte läuft nun ein halbes Jahr. Und sie ist noch nicht beendet. Natürlich nicht. Das ist sie erst, wenn sexualisierte Gewalt aufhört. Wenn zugehört wird, statt Opfer zu Schuldigen zu machen. Wenn nicht nur das Verhältnis von Frauen und Männern in den Blick genommen wird, sondern auch alle anderen geschlechtlichen Identitäten toleriert werden. Wenn die Machtstrukturen, die Gewalt gegen marginalisierte Gruppen begünstigen, aufgebrochen sind. Das wird, da kann man ehrlich sein, noch eine Weile dauern. Es wird Kraft kosten.

Ein Grund, um kurz innezuhalten und zu sehen, was die Debatte schon bewirkt hat. Wie sie sich ausgeweitet hat. Denn auch, wenn die Meldungen um Wedel und Peskow anders anmuten, hat sie das durchaus.

Fangen wir bei Weinstein und den USA an. Er wurde von seiner Produktionsfirma gefeuert, das Unternehmen hat inzwischen Konkurs angemeldet. Der Produzent soll sich derzeit in Therapie befinden. Seine Frau ließ sich scheiden, die von ihm gegründete Filmfirma, die inzwischen Insolvenz anmelden musste, entließ ihn. Von der Filmindustrie drang die Debatte in viele weitere Branchen vor, neue Anschuldigungen von Frauen und Männern wurden laut und viele verloren ihre Jobs.

Rücktritte und Ermittlungen

In Großbritannien hat die Debatte besonders Politiker getroffen. Belästigungsvorwürfe führten zu Rücktritten von Regierungsmitgliedern, sowohl Verteidigungsminister Michael Fallon als auch Kabinettschef Damian Green verloren ihre Posten. Ähnliche Vorwürfe wurden in der Film-, Musik- und Modebranche bekannt. So ermittelt im Fall Weinstein auch Scotland Yard.

Fast 200 britische und irische Schauspieler*innen gründeten eine Initiative, um Frauen in ihrer Branche zu unterstützen. Ihr Appell: „Lasst uns 2018 zu dem Jahr machen, in dem die Zeit für sexuelle Belästigung und Missbrauch um ist.“

In Österreich ermittelt die Staatsanwaltschaft Innsbruck wegen Vorwürfen zu systematischen Machtmissbrauch im Skisport. In Schweden sammelten zehntausende Betroffene verschiedener Sparten Berichte und Unterschriften und stellten konkrete Forderungen nach Arbeitsplätzen frei von Diskriminierung, Untertönen und Belästigung. Mehrere Politiker und Fernsehmoderatoren verloren ihre Jobs. Außerdem führte die schwedische Regierung ein Gesetz ein, nach dem jeder Sex, bei dem nicht alle Beteiligten ausdrücklich und erkennbar einverstanden sind, als Vergewaltigung gewertet wird.

Schon kurz nach nach dem ersten Gebrauch des Hashtags #MeToo in sozialen Netzwerken schlossen sich Frauen in Indien der Kampagne an. Im Libanon zeigte die „Es ist nicht okay“-Kampagne, die das neu geschaffene Frauenministerium zusammen mit der Amerikanischen Universität Beirut durchführte, Wirkung. Dort wurde auch ein Gesetz vorgestellt, das Belästigung strafbar machen soll. Muslima schlossen sich #MeToo an, indem sie unter dem Hashtag #MosqueMeToo über sexuelle Belästigungen auf Pilgerfahrten nach Mekka twitterten.

Deutschland? Mau.

Und Deutschland? Bisher leider ziemlich mau, wie schon der Umgang mit Dieter Wedel zeigt. Zwar gab es viele Debatten, die – denkt man sich die „Man wird ja wohl noch flirten dürfen“-Anteile weg – auch Prozesse des Verstehens und Verstehen-Wollens, hier und da auch ein Umdenken zeigen. Doch die Ergebnisse einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur sind ernüchternd:

Auf die Frage, ob sie von der MeToo-Debatte schon mal gehört haben, antworteten 53 Prozent mit Ja. Von denen, die sie mitbekommen haben, meinen 44 Prozent, die Diskussion habe keine Veränderung gebracht und 43 Prozent gaben an, die Auseinandersetzung sei „übertrieben“ geführt worden. Genau richtig im Umfang findet sie ein Drittel. Zwei Drittel der Erwachsenen in Deutschland (65 Prozent), die die MeToo-Debatte kennen, sagten außerdem, diese Debatte habe bisher keinen Einfluss auf ihr persönliches Leben gehabt.

Das lässt sich ändern – in Deutschland und allen anderen Ländern, die sich von #MeToo bisher kaum bewegen ließen. Es ist ein guter Vorsatz für das nächste halbe Jahr, um weiter zuzuhören, sich weiter zu solidarisieren, weiter zu kämpfen. (mit dpa/afp)

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben