wie machen sie das?

Die Märchen-erzählerin

Meike Kipper, 50, ist Erzählkünstlerin. Auf Familienfeiern, Firmenevents und Bühnen trägt sie unter anderem Märchen vor – immer in freier Rede. Sie lebt in Reinfeld in Schleswig-Holstein.

taz am wochenende: Frau Kipper, Sie müssen sich sehr viele Geschichten merken und dürfen dabei die Handlungen nicht durcheinander bringen. Wie machen Sie das?

Meike Kipper: Ich eigne mir jede Geschichte einzeln an. Manchmal ist das sehr aufwendig, zum Beispiel wenn das Märchen in sehr altertümlicher Sprache geschrieben ist. Dann schreibe ich es mir erst mal in meiner Sprache auf.

Und dann?

Danach lerne ich die Geschichte nicht auswendig, sondern verinnerliche die Handlung und wiederhole sie mit verschiedenen Formulierungen. Das geht am besten, wenn ich in meinem Wohnzimmer auf und ab gehe. Der Zettel mit der Geschichte liegt dabei immer in Reichweite.

Haben Sie eine bestimmte Strategie, um sich die Handlung zu merken?

Viele Kollegen malen die einzelnen Szenen auf. Aber ich kann sehr schlecht malen. Deshalb bastle ich mir im Kopf einen Film zurecht. Ich muss ein Bild von den Figuren haben, wenn ich sie darstelle – sind die dick oder dünn, groß oder klein, wie sprechen die, was ist ihr Charakter? Haben die Figuren Gestalt angenommen, entwickelt sich ganz automatisch der Film mit der Handlung.

Ist es nicht langweilig, Märchen zu erzählen, die alle kennen?

Es gibt so viele schöne Märchen auf der Welt, da muss ich nicht auf Grimms Sammlung zurückgreifen. Wenn ein Publikum doch mal einen Klassiker hören will, erzähle ich den aus einer anderen Perspektive, um Abwechslung reinzubringen.

Wie sieht das dann aus?

Hänsel und Gretel erzähle ich aus der Sicht der Hexe, die dann gar nicht mehr so böse ist, sondern den Kindern ja eigentlich geholfen hat – zumindest möchte sie das die Welt glauben machen. Und ich verfrachte die Handlungen gerne an andere Orte. Der Sommernachtstraum spielt bei mir zum Beispiel in Reinfeld, wo ich lebe.

Schreiben Sie auch selbst Märchen?

Nein. Das wären dann nur irgendwelche netten Geschichten, aber keine richtigen Märchen. Alte Volksmärchen, die durch viele Generationen gewandert sind, haben eine unglaubliche Tiefe. Da steckt so viel drin, dass für jeden Zuhörer etwas dabei ist, das er mitnehmen kann. Aber ich verändere die Handlung der Märchen manchmal.

Auch das Ende?

Ja! In einem thailändischen Märchen werden einem Räuber und einem Prinzen die Köpfe getauscht – die Frau des Prinzen muss dann sagen, wer der wahre Prinz ist. Im Original entscheidet sie sich. Ich lasse das Ende lieber offen. Interview: Christina Spitzmüller