Nachtkerze wird ungeduldig

„Dekameron“ im Berliner Ensemble ist eine Koproduktion mit dem Ramba Zamba Theater. Gespielt wird in einer finsteren Nekropole. Mit Blumen, Toten und Puppen wird gesprochen, und die Zuschauer müssen mitmachen

Diese Dame (Thomas Bo Nilsson) wachte in der siebten Nacht nahe dem Eingang, gab Anweisungen und soufflierte dem Zeremonienmeister Foto: Luca Fuchs

„Packen Sie das Heft weg, das macht mich nervös.“ Die Schauspielerin, deren Rolle Nelke heißt, fuhrwerkt eh schon hektisch durch ein enges Schlafzimmer, die Decken sind zerwuselt und fleckig. Erst vier, dann acht Zuschauer stehen um das Bett herum und haben noch keine Ahnung, was passiert. Eine Puppe liegt im Bett, Nelke stellt sie als Filastrato vor und bittet um Hilfe, um seine Arme mit Strippen zu bewegen, obwohl das dann nie passiert. Man wartet auf einen Diener, Tindaro. Dann will Nelke erzählen, wie sie in ihrer Rolle als Sekretärin mit Filastrato schläft, während Elissa, dessen Frau, daneben im Bett liegt. Aber bevor es dazu kommt, holt eine Krankenschwester sie ab.

Die enge Kammer ist Teil von „Dekameron“, einer Theaterinstallation im Berliner Ensemble. Der schwedische Bühnenbildner Thomas Bo Nilsson hat sie zusammen mit Julian Wolf Eicke eingerichtet. Es ist ein enger und dunkler Parcours mit Schlafzimmer, Krankenstation, dunklen Durchgängen. Nilsson und Eicke führen auch Regie. Als Gäste sind Schauspieler des koproduzierenden Ramba Zamba Theaters dabei und viele Performer, die nach ihrer Sexiness gecastet zu sein scheinen.

Hier muss sich der Zu­schauer verbeugen, ständig

Dass dies eine Nekropole ist, lässt uns, die 30 Besucher, auch Ehrengäste genannt, anfangs ein Zeremonienmeister wissen. Er redet mit der Stimme eines Grafen Walter, erteilt Regeln, vor wem man sich verbeugen muss, wem man keinesfalls den Rücken zukehren darf. Es ist die siebte Nacht, in der gespielt wird, das Thema verändert sich jeweils, angelehnt an Giovanni Boccacios Novellenzyklus „Dekameron“. Heute geht es um Frauen, die ihren Männern einen Streich spielen.

Aber bevor es zu einer solchen Geschichte kommt, wird mir eine Sonderaufgabe zugeteilt: Platz nehmen auf einem verdächtig aussehenden Zahnarztstuhl, den Körper herleihen für den verwesenden Herrscher Dioneos. Leider redet der, während ich ihn vertrete, reichlich patriarchalen Stuss, kunstreligöse Überhöhung, von seinem „‚Œuvre“, das sein Sohn, der vor mir kniet, in die Ewigkeit retten soll. Derweil habe ich eine Perücke auf, werde geschminkt, Nägel an Füßen und Händen lackiert, die plötzlich Hufe heißen, meine Füße werden geküsst von Griselda Quak, und ich werde als schönes Pony angesprochen. Der Teil gefällt mir am besten, auch wenn ich ihn nicht mit dem Rest zusammenkriege.

Der Mann, der nach mir als Dineos Körper Platz nehmen muss, ein „Sodomiter“ wird gesucht, ist jung. Hilfe, der wird gleich ganz ausgezogen, (während ich noch Socken und Schuhe wieder anziehe) und sexuell befriedigt. Ich fliehe aus dem Raum, kein Zuschauer hält bei dieser Szene an. Später scheint es mir, als würde ein Teil des Publikums einen Teil der Schauspieler schon kennen.

„Dekameron“ ist immersives Theater, fordert den Gästen Mitspielen ab, sonst passiert wenig, und es wird langweilig. Die Darsteller mit den Blumennamen, die Männer fast alle engelhaft schön, sind teils ein bisschen aggressiv, Nachtkerze ist ungnädig mit unserer Rat- und Tatlosigkeit am Bett von Filostratus. Die Anwesenheit der Schauspieler von Ramba Zamba, die als schwarzgekleidete Diener auftreten, ist dagegen beruhigend, sie mögen es auch nicht, wenn ihr Publikum angepisst wird. Sie, die Diener, bekommen Essen gebracht während des Abends, die anderen Spieler dagegen betteln das Publikum an um ein paar Euro, um sich ein Getränk zu kaufen. Eine Klassentrennung, die sich über die anderen Erzählebenen stülpt.

Auf vier Stunden ist der Aufenthalt angelegt, nach drei Stunden hatte ich genug. Von Anleitungen, in der Rolle des Gärtners den Mann von Filomena zu verprügeln, von suchenden Darstellern, die „Ist hier ein Sadist? Wir brauchen einen Sadisten!“ unter die Besucher rufen, von den ständigen Ermahnungen, mich zu verbeugen, von hochtrabendem, mysteriösen Wortgeklingel.

Und von zu wenig „Dekameron“. Ja, es gab echten Sex, aber wenig von der Stimmung des Verlangens. „Benutzt euren Verstand“, herrschte der Zeremonienmeister zwei Besucherinnen an, aber der Verstand bekam an diesem Abend nicht viel zu tun. Wenn eingangs der Liebe und der Intelligenz die Macht über den Abend übertragen wird, so entpuppt sich das doch als bloße Floskel.

Okay, ich bin kein Freund des immersiven Theaters. „Dekameron“ am Berliner Ensemble konnte mich keines Besseren belehren. Hinterher hat man zwar Anekdoten zu erzählen, aber das ist es denn auch. Sich mit der Liebe in Gedanken zu beschäftigen könnte produktiver sein. Zudem ist die Einbeziehung des Ramba-Zamba-Ensembles, großteils Schauspieler mit Behinderungen, zu dekorativ ausgefallen, inhaltlich haben sie nicht viel mitzugestalten. Das ist dann doch traurig.