Konstant gehaltener Rauschpegel

Überleben in Zeiten der Mittellosigkeit und der engen Handlungshorizonte: In Ştefan Agopians Kurzroman „Handbuch der Zeiten“ wird viel getrunken und melancholisch rebelliert

Der Alkohol und die Poesie sind die großen Protagonisten in Ştefan Agopians surrealem Kürzestroman „Handbuch der Zeiten“. Agopian, der auch Herausgeber einer Satirezeitschrift ist, gilt heute als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Rumäniens. Sein melancholisch-märchenhaftes „Handbuch“ erschien bereits 1984 im Original und versteckt inmitten poetisch herbeigerufener Naturschönheit und grotesker Verzerrungen der Wirklichkeit eine unüberhörbar bissige Obrigkeitskritik. Dennoch konnte der Roman der strengen Zensur des Ceaușescu-Regimes entgehen – nicht zuletzt deshalb, weil die Handlung trickreich ins 19. Jahrhundert verlegt wurde.

Wobei von Handlung im engeren Sinne keine Rede sein kann. Auf den knapp 100 Seiten stolpern die beiden eigentlichen Hauptfigürchen, Ioan der Geograf und der Armenier Zadic, von einer finsteren Nacht in die nächste und treffen dort auf sprachbegabte Vogelungeheuer, geschichtenerzählende Dämonen und mit Heilpraktiker-Wissen ausgestattete Engel. Ihr zielloses Herumstreunen kommt nirgendwo her und führt nirgendwo hin. Sie sind klassische Schelmenromanhelden, mittellose Hochstapler und waschechte Kyniker, was unmissverständlich daran zu erkennen ist, dass sie einmal in einem Fass lebten und „wie die Hunde in den Schoß Seiner Heiligkeit“ urinierten. Das unbestimmte Warten vertreiben sie sich mit billigem Schnaps und dem Fabulieren allerlei unglaubwürdigen Unsinns – die Zeche wird entweder geprellt oder mit stümperhaft gefälschten Wertpapieren beglichen.

Wie immer, wenn zwei nur dem Vornamen nach bekannte Antihelden durch spirituelles Brachland trotten, liegt der Gedanke an „Godot“ nahe. Aber Agopian erweist sich vielmehr als Schüler von Rabelais. Denn die Vergeblichkeit des Daseins ist zwar die Grundstimmung dieses Romans, aber sie wird nicht durch abstraktes Gemurmel erzeugt, sondern mithilfe einer Philosophie­ der Körpersäfte. Dass diese auch die durchgängige Herrschaftskritik des Buches beherrscht, lässt sich in einer herrlichen Szene beobachten, wo plötzlich ein unerwartet „großes und neugieriges Ohr“ in der Wand erscheint – einer von zahlreichen Momenten, der auf die allgemeine Verwanzung der Gesellschaft anspielt. „Sie urinierten in den Trichter jenes Ohrs, dann spuckten sie hinein und das Ohr zog sich zurück in die schimmelige, feuchte Mauer.“

Anarchisch wie seine Figuren ist Agopians­ „Handbuch“, in dem es nichts, zumindest nichts Nützliches nachzuschlagen gibt. Am ehesten ist das Buch noch eine auf engsten Raum zusammengedrängte Enzy­klopädie der fantastischen Literatur. Aber vor allem­ ist es ein verspieltes Anti-Märchen, das keine Moral bereithält und keinen anderen­ Trost als jene selige Benommen­heit, die aus einem konstant gehaltenen Rauschpegel resultiert.

Ein Funken Hoffnung liegt dann aber vielleicht doch in der Art, wie Agopian aus fast nichts einen spröde-melancholischen Text zusammenschustert – voller eigenartiger Geräusche, „so als hätte jemand ein nasses Laken in den Wind gehängt“. Eine Art Handbuch des Überlebens in Zeiten der Mittellosigkeit und der immer enger werdenden Handlungshorizonte. Wer es zur Hand nimmt, wird möglicherweise mit demselben versöhnlichen Gefühlsdurcheinander belohnt, das Ioan und Zadic schon ganz am Anfang des Buches überkommt: „Sie fühlten­ sich eine Weile frei von Wünschen, dann hatten sie wieder Lust zu trinken und diese Lust überschwemmte sie wie ein düsterer Nebel und jeder dachte an etwas Schönes, um zu vergessen.“