Das Murmeln der Welt

Der Dienstwagen des Premiers und ein profaner Jeep: Zwei Ausstellungen des französischen Nationalarchivs erzählen in Paris, wie der Staat durch die Bewegung von 1968 in die Krise geriet

Das National­archiv zeigt dieses Agenturfoto aus dem Hallenviertel, dessen Straßen unter aufge­schütteten Kisten ver­schwanden Foto: Alain Berry/Archives Nationales

Das renommierte französische Nationalarchiv („Archives nationales) hat sechs über das Land verteilte Standorte. Die beiden wichtigsten liegen in Paris – einer mitten im historischen Stadtteil Marais (4. Arrondissement), der andere im Vorort Saint-Denis (Pierre­fitte-sur-Seine). An den beiden Pariser Standorten sind jetzt Ausstellungen zu 68 zu besichtigen, überschrieben „Les archives du pouvoir“ („Die Archive der Macht“), die aus den Beständen der beiden Archive zusammengestellt wurden.

Im Hof des prächtigen Stadtschlosses Hôtel de Soubise im Marais und im Entree zum Archiv in Saint-Denis präsentieren die Kuratoren allerdings nicht archivalische Dokumente zu 68 – „Flachware“ im Kuratorenjargon –, sondern zwei symbolträchtige Insignien der Macht: im Marais den Dienstwagen des damaligen Premierministers Georges Pompidou, die schwarze „Citroën DS“ – spätestens seit Roland Barthes’„Mythen des Alltags“ (1957) die „Déesse“ („Göttin“) oder „gotische Kathedrale“ unter den Autos. Im architektonisch kühlen Entree der Archives nationales in Saint-Denis steht keine „Göttin“, sondern ein profaner Jeep, wie ihn 1968 die CRS-Mannschaften („Compagnies Républicianes de Sécurité“) benutzten – die wegen ihrer rücksichtslosen Jagd auf Demonstranten berüchtigten nationalen Sicherheitspolizisten.

Das Nationalarchiv nahm nicht nur den 50. Jahrestag der Ereignisse zum Anlass für die Ausstellungen, sondern auch die Tatsache, dass die normale Sperrfrist für dort gelagerte, nichtklassifizierte Dokumente 50 Jahre beträgt. Das Archiv möchte öffentlich machen, wie die „andere“ Seite, das heißt der Staat, die Proteste, die Protestierenden und die medialen Reaktionen darauf wahrgenommen und verarbeitet hat.

Als Archiv ist die Institution dafür besonders geeignet, denn zumindest ein bleibendes Ergebnis der vielstimmigen Protestbewegung von 68 ist unbestritten: Sie hinterließ ein riesiges papierenes Monument aus Flugblättern, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern, aber auch von Fotos, Filmen und Tondokumenten.

Insgesamt verfügen die Nationalarchive über Hunderte von Regalmetern mit Dokumenten zu einer Bewegung, die lediglich ein paar Monate Geschichte umfasst. Allein das bürgt dafür, dass das Ereignis nicht vergessen wird, sondern zum „Geschichtszeichen“ geworden ist, das Akteure, Zuschauer und Nachgeborene verändert hat und verändert.

Das Nationalarchiv kann nur einen kleinen Teil aus seinen riesigen Beständen präsentieren. Es verdankt diese Materialmasse dem „Sammel- und Beschlagnahmeeifer“ von verschiedenen Behörden in der Metropole wie in der Provinz ( Polizei, Justiz, Geheimdienste, Verwaltungen, Universitäten), aber auch dem professionellen Sammelinteresse der Archivare. Da sich das Nationalarchiv, wie viele Behörden, im Mai/Juni 1968 teilweise der nationalen Streikbewegung anschloss, nutzte Michel Quétin, damals ein junger Konservator, die gewonnene Freizeit dafür, täglich bei den Pariser Universitäten und Gymnasien mit dem Fahrrad die neuesten Flugblätter einzusammeln. So kam das Nationalarchiv zu seiner großen Sammlung von Dokumenten aus dem politischen Nahkampf. Die ausgestellten Exemplare belegen die thematische Bandbreite des Protests, der buchstäblich das ganze Leben umfasste.

Insgesamt verfügen die Nationalarchive über Hunderte von Regalmetern mit Dokumenten zu einer Bewegung, die lediglich ein paar Monate Geschichte umfasst

„Zwei verlorene Wochen“

Beide Ausstellungen bewegen sich auf zwei Gleisen: Sie dokumentieren einerseits die Chronik der Ereignisse von dem Ort aus, wo sie stattgefunden haben – auf Straßen und in Versammlungsräumen –, mit Fotos, Filmen und Tondokumenten. Andererseits zeichnen sie mit Berichten und Beschlüssen die vielfältige Staatstätigkeit in einer Krise nach. Zu lesen ist etwa das Protokoll einer Ministerratssitzung, das sehr detailliert die prekäre Lage der Lebensmittelversorgung in der Hauptstadt behandelt, denn die Streiks behinderten die kontinuierliche Belieferung von Paris mit Benzin, Mehl, Fleisch, Obst und Gemüse. Redemanuskripte von de Gaulle und Pompidou belegen in ihrer redaktionellen Überarbeitung die Verunsicherung der Regierenden, während der diplomatische Staatsbetrieb weiterging wie immer: Am 10. 5. 1968 war der Präsident Togos in Paris zu Besuch, am 14. 5. flog Charles de Gaulle nach Rumänien, am 31. 5 kam General Bokassa, der spätere „Kaiser“ Zentralafrikas, nach Paris, um dem General seinen „persönlichen Trost“ zu überbringen.

Als politische Krise nahm der Staatspräsident die Proteste erst am 18. Mai wahr. Resigniert konstatierte einer seiner Berater: „zwei verlorene Wochen“. Lange zuvor schon formulierten nämlich Revolutionäre Aktionskomitees und Gewerkschaften in ihren Flugblättern radikale Minimalforderungen von der 40-Stunden-Woche über die Forderung nach „permanenter, unentgeltlicher und obligatorischer Bildung für alle ab sofort“ bis zur „kultureller Revolution“ und der „Diskussion überall und mit allen“.

Viel enger als in jedem anderen Land war die Verbindung der studentischen Protestbewegung in Frankreich mit der Arbeiterbewegung, obwohl die Beziehungen zwischen den militanten jungen Linken und der kommunistischen Gewerkschaftsbewegung und deren Partei alles andere als harmonisch verliefen. Parteiunabhängige Aktionskomitees bildeten sich in allen Bereichen – unter Arbeitslosen, Krankenschwestern, Hotelangestellten, Wissenschaftlern an staatlichen Forschungsinstituten, Flugbegleitern, Hausbesetzern und Soldaten, um nur einige zu nennen.

Flugblätter von studentischen Aktionskomitees, die sich an „die Arbeitenden“ wandten, waren viel häufiger als solche von Gewerkschaften an die Studenten. Oft übersetzten studentische Organisationen ihre Aufrufe an die „Arbeitenden“ ins Spanische, Portugiesische und Arabische und dokumentierten damit ihren Anspruch, wirklich mit allen ins Gespräch zu kommen.

Ein Helm aus der Zeit der Auseinander­setzung, archiviert vom Staat Foto: Francis Pellier

Zentral war für „die andere Seite der Barrikade“ die Sammlung von Informationen aller Art. Die Ausstellung in Saint-Denis setzt das optisch überzeugend um. Im Zentrum steht ein Würfel mit quadratischer Grundfläche und etwa vier Metern Höhe, ausgestattet mit unzähligen Schubladen für Karteikarten mit den persönlichen Daten (sog. „Fichen“) von Verdächtigen aller Art. Polizei, Justiz und Geheimdienste arbeiteten bei der flächendeckenden Informationsbeschaffung, die Michel Foucault „das Murmeln der Welt“ nannte, eng zusammen. Die Auswertung der Informationen blieb geheim. Eine zentrale Rolle bei der Nutzung der „Erkenntnisse“ über Oppositionelle spielte das während des Algerienkriegs gegründete, 1963 gegen rebellierende Generale eingesetzte und1 968 wiederbelebte Ausnahmegericht für die Staatssicherheit („Cour de sûreté de l’État“).

Die Herkunft der Informationen über Oppositionelle dokumentierte die staatliche Seite in den öffentlich zugänglichen Archivbeständen nicht und vermied sogar das Wort „Spitzel“. Nur ein einziges Dokument verrät schamvoll die offensichtliche Not der Geheimdienste („Ren­seignements généraux“). Ein hoher Beamter erklärt darin einigermaßen umständlich und verquast die Notwendigkeit, jüngere Mitarbeiter zu rekrutieren, wenn „man sich in den Fluren der Universitäten umhören wolle“.

Die Association des Boys-Scouts (ein Pfadfinder-Dachverband) riet seinen Mitgliedern zu strikter Disziplin beim Telefonieren und zur Verweigerung der Unterschrift unter Vernehmungsprotokolle, bei denen Kriminalbeamte mit „Erkenntnissen“ Druck ausübten. Die „Archive der Macht“ bergen viele, weitgehend noch wenig ausgeleuchtete Seiten über die Protestbewegung von 1968.