Wie hältst du’s mit dem Hidschab?

An Englands Schulen geht man mit religiöser Kleidung und Symbolen lockerer um als in Deutschland. Doch sogar im kosmopolitischen London kommt es immer wieder zu Kontroversen. Viele Schulen reden allerdings nicht gern darüber

Sichtbare Diversität im Londoner Stadtteil Whitechapel: Hier leben Muslime, Sikh, Hindu, Christen und VertreterInnen anderer Religionen zusammen Foto: Alex Webb / Magnum Photos/Agentur Focus

Aus London Daniel Zylbersztajn

Die bislang letzte heftige Debatte über religiöse Kleidung an Schulen begann im November letzten Jahres. Eine Grundschule in Ostlondon hatte von heute auf morgen entschieden, ihren muslimischen Schülerinnen den Hidschab zu verbieten. Als sich dann noch die staatliche Schulprüfungsstelle OFSTED einschaltete, flammte der Streit so richtig auf: Leiterin Amanda Spielman sah in dem Hidschab schon vor der Pubertät eine unnötige „Sexualisierung von Mädchen“. Sie begrüßte die Entscheidung der Schulleitung.

Eine ihrer lautesten GegnerInnen war Naila Naidoo. Was die 34-jährige Mutter und andere MuslimInnen störte: Sikh-SchülerInnen durften weiter Turban und Armring als Zeichen ihrer Religion tragen. Doch nur der Hidschab, den muslimische Mädchen aus religiösen Gründen ab der Pubertät tragen sollen, sei plötzlich suspekt gewesen. „Es war eine einseitige Maßnahme, die uns muslimischen Familien die Wahl nahm“, schimpft sie. Und: In diese Entscheidung hätte die Schulleitung sie nicht mit einbezogen. Die Positionierung der Schulprüferin, die sich erst im Juli wieder gegen religiöse Symbole im Unterricht ausgesprochen hat, habe das Fass zum Überlaufen gebracht.

Das britische Erziehungsministerium überlässt es staatlichen Schulen, selbstständig zu entscheiden, welche Art von religiöser Kleidung sie bei LehrerInnen und SchülerInnen für zulässig halten. Doch die Wahlfreiheit sorgt immer wieder für Aufregung.

2008 urteilte ein Gericht, dass ein Sikh-Mädchen den religiös vorgeschriebenen Armring in ihrer Schule tragen durfte. In einem anderen Fall wollte ein Sikh-Junge seinen traditionellen Dolch auch im Unterricht tragen. Unmöglich aus Sicht der Schule. Um den Religionsanspruch des Schülers nachzukommen, gewährte ihm die Schulleitung einen kleinen Minidolch.

Ein anderer Fall landete sogar vor dem Obersten Gerichtshof. Eine staatliche Schule in der Kleinstadt Luton in der Nähe von London verbot einer Schülerin, den Hidschab zu tragen. Das Urteil aus dem Jahre 2006 ist wegweisend. Denn in ihrer Begründung hielten die RichterInnen fest, dass die Schülerin nicht diskriminiert worden sei. Erstens, weil die Schulregeln von vornherein eindeutig gewesen seien. Zweitens hätte es eine andere staatliche Schule in der Nähe gegeben, in der sie einen Dschilbab hätte tragen können.

Das Hidschab-Verbot an der Londoner Schule, das zuletzt für Aufregung gesorgt hat, wird aber wohl nicht mehr vor Gericht landen. Der Druck auf die Grundschule von außen wurde so groß, dass die Schulleitung die Entscheidung innerhalb eines halben Jahres wieder aufhob. Seitdem ist der Hidschab dort also wieder erlaubt. Die Mutter Naidoo ist dennoch nicht befriedet. Sie vermutet, dass einer der Schulverwalter islamophobe Ansichten trage. „Er versteht Islam als wahre Gefahr, und als er sich einmal in dieser Richtung verplapperte, wurde er dennoch als Schulverwalter beibehalten“, so Naidoo.

Hierbei muss angemerkt werden, dass sich in England jede/r BürgerIn als Vorstandsmitglied in Schulen bewerben kann. Vorstände treffen an den Schulen die wichtigen Entscheidungen. Naidoos Tochter, die in einer anderen staatlichen Schule ist, trägt derzeit keinen Hidschab, doch in der Familie gibt es Diskussionen, welche Kleidung in der weiterführenden Schule richtig wäre. Ob das traditionelle Überkleid für Frauen (Abaja) oder doch Jeans – Naidoo ist am Ende wichtig, dass ihre Tochter die Entscheidung selbst fällt. Von einem Zwang in der Religion hält sie nichts.

Mit ihrer Kritik am Hidschab-Verbot steht sie nicht allein da. Die Vorsitzende der muslimischen LehrerInnen, Rukhsana Yaqoob, sagt, dass sie selbst kein Kopftuch trägt. Sie glaubt, dass einer der Grundsteine britischer Schulen die Einbeziehung aller ist. 95 Prozent der muslimischen Kinder, schätzt Yaqoob, gingen auf staatliche Schulen. Ein Bann religiöser Kleidung sei da das falsche Signal. Ihr ist wichtig, dass Nichtmuslime verstehen, dass die muslimische Gemeinschaft sich keineswegs homogen darstellt, weder ethnisch noch in der Ausübung des Glaubens.

Rund drei Millionen MuslimInnen leben in Großbritannien, knapp 5 Prozent. Und die sind nicht die Einzigen, die religiöse Symbole mit an die Schulen bringen. Rund 800.000 Menschen sind Hindu, 420.000 Sikh, 260.000 jüdisch und 240.000 buddhistisch. Und so wie Musliminnen Kopftuch tragen, tragen vor allem männliche Sikh Turban (Dastar), Dolch (Kirpan) und Armreif (Kara), seltener sind jüdische Kippa oder weite muslimische Gewänder (Dschilbab) zu sehen. Yaqoob glaubt, dass nur 20 Prozent der MuslimInnen – aus Sicht des Islam – „sittliche“ Kleidung tragen. Kinder imitierten gern ihre Vorbilder. Auch Naidoo berichtet Ähnliches. „Manchmal trägt meine Tochter Dschilbab, manchmal Hidschab, manchmal Jeans. Sie zieht sich so an, wie sie sich fühlt, und spielt mit den Möglichkeiten.“

Lehrerin Yaqoob erkennt sogar eine regelrechte Renaissance des Kopftuchs in London – als modisches Accessoire. Tatsächlich sieht man auf den Straßen viele Teenager und Frauen, die sowohl Hidschab als auch westliches Make-up und Jeans zusammen tragen. „Hidschab zu tragen und Feministin zu sein ist kein Widerspruch“, sagt Yaqoob. In Zeiten, in denen islamophobe Hassverbrechen so hoch sind wie noch nie, sei das ein politisches Statement.

Doch wofür das Kopftuch steht, ist unter Londoner MuslimInnen umstritten. Eine der Frauen, die findet, ein Hidschab habe an der Schule nichts verloren, ist Amina Lone, Ko-Direktorin der Denkfabrik Social Action and Research Foundation (SARF). Lone ist selbst Muslimin und fordert, dass der Hidschab aus der Grundschule verbannt wird. „Ich glaube an die Trennung zwischen Religion und Staat“, sagt Lone der taz. Vor allem würde verkannt, dass in England die konservative Auslegung des Islam auf dem Vormarsch sei.

Das Problem sei, dass Mädchen schon mit vier oder fünf Jahren Hidschab tragen sollen. Das ließen die Schulen teilweise zu. „Der Liberalismus hier ist zu großzügig.“ Bei älteren Schülerinnen und Lehrerinnen findet sie den Hidschab aber völlig in Ordnung. Hier könne man auch von Entscheidungsfreiheit sprechen.

Die Sorge Lones vor einem zu konservativen Islam ist nicht unbegründet. Vor vier Jahren stand der Vorwurf im Raum, Schulen in muslimisch geprägten Stadtteilen von Birmingham – Englands zweitgrößter Stadt – würden einen fundamentalistischen Islam gezielt verbreiten. Eine Behauptung, die die Stadtregierung zumindest teilweise bestätigen musste. Eine Überprüfung durch das Erziehungsministerium und der Schulprüfungsstelle ergab, dass einige Schulen den Musik- und Sexualunterricht gekürzt und andere Glaubensrichtungen herabgesetzt hatten. Diese Richtung sei von einzelnen SchulverwalterInnen vorgegeben worden, die sich untereinander ausgetauscht haben.

Einer von ihnen war Razwan Faraz, Vizeschulleiter der Nansen Grundschule in Birmingham, der durch homophobe Kommentare aufgefallen ist. „Ich bin nicht stolz auf meine damaligen Ansichten“, räumt Faraz heute ein. Er habe seine Meinung hierzu vollkommen geändert. Heute spricht er sich offen gegen Schwulenhass aus. Dennoch behauptet er, dass an seiner Schule stets Respekt für andere kultiviert worden sei. Auch an einer Schule, an der 99 Prozent MuslimInnen seien, so Faraz, sollte die Religion nicht dominieren. Einen Hidschab zu verbieten hält er jedoch für falsch. „Ein Kind erfährt dann: So, wie ich bin, darf ich nicht sein.“

In London hingegen scheint man nicht so gern über das Thema zu sprechen. Von den 15 Londoner Schulen, die die taz für diesen Bericht anschrieb, waren nur wenige überhaupt zu einer Stellungnahme bereit. Diejenigen, die sich äußerten, wollten anonym bleiben. Wie Schulleiterin Luzy Sheldon, die in Wahrheit anders heißt. Sie berichtet, dass es an ihrer Schule – neben der Schuluniform – keine ausdrücklichen Vorschriften für religiöse Kleidung gebe. An der Grundschule trügen zahlreiche Mädchen Hidschab, viele Familien stammen aus Bangladesch und Somalia. Die einzigen Vorschriften richteten sich an LehrerInnen. Die Kleidung muss angemessen sein. So würde man traditionelle Gewänder bei Lehrkräften genauso oft sehen wie kurze Röcke. Sheldon glaubt, dass dies ein „einzigartiges Beispiel für die Kinder“ abgebe. „Wir haben absichtlich keine festen Richtlinien für die Schülerinnen.“ Für Sport könne ein kurzes Kopftuch getragen werden, „ein Kompromiss“, sagt Sheldon, beim Schwimmen sogar ein Burkini. Denn Stoff ist Stoff: Kinder müssten schwimmen lernen, ohne Wenn und Aber, und sie bleibe stark gegen einige wenige Beschwerden von Eltern, die etwas gegen die Vermischung von Mädchen und Jungen hatten.

Und was sagt die Schulleiterin zum Hidschab-Verbot? Die momentane Handhabung würde „Hidschab weder befürworten noch verbieten“, sagt Sheldon pragmatisch. Wichtig sei ihr vor allem, dass die Kinder an ihrer Schule genau diese Wahl hätten und zu nichts gezwungen würden. „Wir erlauben diese Freiheit innerhalb der Schule.“ Die Kinder sollten das auch so spüren. Deshalb würden sie an der Schule versuchen, sich nicht an der Kontroverse zu beteiligen. Im Verbot erkennt Sheldon eine Gefahr: Menschen, die schon kontroverse religiöse Positionen einnehmen, würden sich zunehmend in ihrer Ecke verschanzen. Im schlimmsten Fall wenden sie sich noch extremeren Ansichten zu.