Nachruf Klaus Wildenhahn

Ein Meister der Grautöne

Klaus Wildenhahn hat in den 60er-Jahren den deutschen Dokufilm neu erfunden. Ein Nachruf auf einen, der keine Scheu vor dem Alltäglichen hatte.

Der Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn

Er zeigte den Alltag, die Provinz, oft in Schwarz-Weiß: der Dokufilmer Klaus Wildenhahn Foto: WilmaGisela/wikimedia (CC4.0)

Wer in 100 Jahren wissen will wie Westdeutschland war, welche Tonalität und Gesten, welche Gefühle (versteckte vor allem) es gab, wird vielleicht in Klaus Wildenhahns Dokumentarfilmen fündig werden. Künstler und Arbeiter, Politiker und Kneipenbesucher, Tänzerinnen und gewöhnliche Leute bevölkern diese Filme. Alltag, oft Provinz, oft in Schwarz-Weiß. Mit vielen Grautönen.

Wildenhahn zeigte in den 70er- und 80er-Jahren Arbeitskämpfe, etwa in „Emden geht nach USA“ oder „Rheinhausen“. Seine Helden waren mitunter schweigsame, willensstarke Männer. Er mochte, glaube ich, die Filme von John Ford. Wildenhahn war seinen Figuren nah, er sympathisierte mit ihnen und er fühlte sich einer ethisch rückgekoppelten Ästhetik verpflichtet.

„Wenn die Menschen, die wir filmen, in ihrem Bereich souverän sind und uns – unausgesprochen – mitnehmen mitschwingen lassen“- das war sein Ziel. Dieses Konzept mag uns in Zeiten von scripted reality fern vorkommen wie die künstlerischen Gebote der Ikonenmalerei.

Wildenhahn galt damals als Arbeiterfilmer. Aber das war ungenau. Jedes Bild in seinen fast 50 Filmen ist eine Beobachtung. Das ist nicht banal. Es gibt darin keine Bilder, die etwas beweisen sollen. Das Agitatorische war ihm fern, schon habituell. Er ruhte in sich selbst und strahlte eine Besonnenheit aus, die sich in der Genauigkeit seiner Filme spiegelte.

Das Agitatorische war ihm fern

Einer seiner ersten Filme, ein viertelstündiger Film über den Parteitag der SPD in Hamburg 1964, zeigt nicht nur das Ereignis -Wahl, Reden, Machtkampf – ,„sondern auch das Inoffizielle im Offiziellen“. Das Nebensächliche, Übersehene, Banale. Das, wenn man es Jahrzehnte später anschaut, als das Eigentliche erscheinen mag.

Wildenhahn entdeckte das direct cinema für das deutsche Fernsehen. Ende der 50er Jahre gab es mobile Kameras und damit eine Technik, die die filmische Erfassung des Spontanen ermöglichte. In den USA lösten D.A. Pennebaker und Richard Leacock den Dokumentarfilm aus seinen Fesseln, Wildenhahn tat es ihnen für die Bundesrepublik nach.

Er war mehr als 30 Jahre Redakteur beim NDR. Auch das ist nicht banal. Es klingt 2018 wie ein Märchen aus vergangener Zeit. Die Fernsehredaktionen sind weitgehend zu Formatierungsmaschinen ohne kreativen Esprit geworden. Schwer vorstellbar, dass sich Sender einen eigenwilligen dokumentarischen Autorenfilmer leisten, der seine künstlerischen und technischen Freiheit nutzt. Jemand wie Wildenhahn würde heutzutage kaum mehr Redakteur beim öffentlich-rechtliche Rundfunk werden können.

Er zeigte Kunst als Arbeitsprozess

Seine schönsten Filme zeigten Künstler, John Cage, Pina Bausch, Merce Cunningham. Aber das waren keine Künstlerportraits, die das eigene Medium, das im Feuilleton damals eher verachtet wurde, mit höheren Bildungsweihen versehen sollte. Wildenhahn zeigte Kunst als Arbeitsprozess, so wie alltägliche Szenen in Ostfriesland oder Duisburg-Rheinhausen plötzlich leuchten konnten wie Momente der Kunst. „Vielleicht“, schrieb er 1974, „steckt die größte Könnerschaft im Dingfestmachen der Leerstellen, des sich ausbreitenden Schweigens.“

Gelernt hat er diesen Blick im Kino. Auch in Filmen des japanischen Regisseurs Ozu. Dort, sagte er mal, „habe ich das Gefühl entdeckt für die tausend Dinge, die im Alltag passieren, und für die Pausen, die dabei entstehen“.

Die Pausen, die kaum mehr in TV-Formate passen.

Klaus Wildenhahn starb am 9. August in Hamburg im Alter von 88 Jahren.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de