Kommentar Politik und Individuum

Das Politische ist privatisiert

Die deutsche Gesellschaft hat sich mit der Agenda 2010 zu einem Regime der Eigenverantwortung entwickelt. Dagegen hilft nur ein starkes Wir.

Drei Menschen unterhalten sich vor einer Treppe

Ohne Ich gibt es keine Gemeinschaft – aber ohne Wir keine Gesellschaft Foto: Alexis Brown/Unsplash

Das Private ist politisch. Das ist heute kein Slogan mehr, sondern eine Tautologie. Es müsste vielmehr heißen: Das Politische ist privatisiert. Zwar wird immer noch demonstriert oder im Gespräch mit der Nachbarin über „die da oben“ geschimpft. Aber die Menschen sind gefangen in der Vorstellung, auf sich allein gestellt zu sein.

Das Politische scheint sich kaum mehr herauszutrauen aus den Ichs. Ich merke das an den Gesprächen, die ich im Bekanntenkreis über das Thema Broterwerb führe. Ob LehrerInnen, Hartz-IVlerInnen, MusikerInnen, HandwerkerInnen oder Angestellte – allen ist gemeinsam, dass sie sich zwar über Bezahlung, prekäre Bedingungen oder Stress im Job beschweren, das alles aber gleichzeitig irgendwie hinzunehmen scheinen. Die Verzweiflung wird oft zynisch weggelächelt oder man gibt sich selbst die Schuld. Selten wird die persönliche Misere als Indikator für den Zustand der Gesellschaft verstanden.

Dabei hatte doch der anfangs zitierte 68er-Aphorismus dazu beitragen wollen, die Probleme des Individuums mit der Gesellschaft zu verschalten. Die größte Errungenschaft dieser Bewegung war es, die Gesellschaft als Kategorie ins Bewusstsein zu holen und den verrückten, abweichenden, sexuell befreiten Menschen nicht als Solitär, sondern als ein mit anderen verbundenes Wesen zu verstehen.

Dieser Gedanke aber scheint immer weniger anschlussfähig. Die Nachkriegsgesellschaft war auf Disziplin gebaut – lange Haare unter Männern oder außereheliche Beziehungen galten mindestens als verdächtig. Aus diesem Korsett befreiten sich die 68er. Heute können wir zwar so rumlaufen, wie wir wollen. Gleichzeitig aber herrscht die Vorstellung, dass wir uns vor allem um unser eigenes Selbst kümmern, wir selbst sein sollen. Wir leben in einer Welt, für die der Satz Margaret Thatchers immer noch gilt: „Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen.“

Wettbewerbskultur, die Individualismus produziert

Die deutsche Gesellschaft hat sich spätestens seit der Agenda 2010 mit ihren Kernzielen Senkung der Lohnnebenkosten, Flexibilisierung der Arbeit, massive Kürzung staatlicher Leistungen in ein Regime der individuellen Autonomie, persönlichen Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung entwickelt. Wir sind immer mehr auf uns selbst zurückgeworfen.

Das klingt abstrakt, wird aber konkret im Job, in der Kultur, der Gesundheit oder beim Konsum sichtbar. Die meisten Jobs etwa sind heute flexibel, beruhen auf Zeitarbeit oder Teilzeitstellen. Nach der „neoliberalen“ Deregulierung sollen Menschen möglichst ihre eigenen Chefs sein, um mit anderen zu konkurrieren, sei es innerhalb oder außerhalb des Jobs. Und indem für die meisten, nicht auf Ämtern arbeitenden Menschen Arbeit und Freizeit kaum zu trennen sind, wird das, was außerhalb der Arbeit erledigt wird, zum Vermögenswert.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

War die Hinwendung zum Eigenen mal ein Versprechen auf Selbstbefreiung, ist es heute geradezu ein Muss, sich selbst zu sein. Die Sozialen Medien machen uns zu hypernervösen Kuratoren der eigenen Identität – immer auf der Suche nach der effektivsten Ego-Bildpolitik, sei es, wenn wir Fotos der eigenen Cupcakes, des Covers des neuen Lieblingsromans oder des eigenen, vor Palmen posenden Gesichts hochladen.

Jener Individualismus ist mehr als ein Kollateralschaden aus den Konflikten der wilden Siebziger, er ist auch die perfekte Voraussetzung für eine Umwelt, die davon profitiert, dass Menschen sich als Einzelkämpfer verstehen. Das spiegelt sich wiederum in einer Wettbewerbskultur, die einen neurotischen Individualismus produziert. All die Kunst-, Musik- oder Förderpreise, die Mitarbeiter-der-Woche-Auszeichnungen bei Starbucks, Obi und Co. oder Fernsehshows wie „DSDS“ oder „Kochduell“ mögen vergleichsweise harmlos wirken, erzeugen aber ein ständiges Konkurrenzgefühl.

Ein Ich, das sich um sich selbst dreht

Das Politische wird damit weniger zur Frage des Ichs, das sich zum Wir öffnet, sondern eine des Ichs, das sich um sich selbst dreht. So könnte in der Privatisierung des Politischen auch eine der Ursachen dafür liegen, dass sich große Teile der Bevölkerung nicht mehr „angesprochen“ fühlen oder sie aus Frust antiliberale rechtspopulistische Parteien wählen.

Das Wir wird entweder ignoriert, weil es nicht zum eigenen Stil, Geschmack oder der politischen Einstellung passt, oder gar abgelehnt, weil es nicht zur eigenen „Nationalität“ oder „Ethnie“ passt. Während Erstere ihre Vereinzelung in kleinen Zellen der kulturellen Distinktion genießen, ist für Letztere derart kulturelles Gehabe ein Zeichen einer „linksversifften“, bioessenden Elite, die es genauso wie vermeintliche Eindringlinge in ihr Territorium abzulehnen gilt.

Gewiefte Demagogen haben dieses Wir-Vakuum erkannt und arbeiten emsig daran, die individuell erfahrene Ohnmacht in kollektive, fremdenfeindliche Machtfantasien zu bündeln. Dass dies in einer Zeit passiert, in der Öffentlichkeit als Raum, der verhindert, dass Menschen „gleichsam über- und ineinanderfallen“, wie die Philosophin Hannah Arendt schrieb, einer zunehmenden Erosion öffentlicher Institutionen zum Opfer fällt, scheint nicht zu verwundern. Denn die Öffentlichkeit kommt heute eher zu uns als wir zu ihr. Wir sitzen zwar alleine am Schreibtisch, sind aber zugleich „connectet“.

Jenes vernetzte Einsiedlertum zeigt sich auch in einem auseinanderdriftenden Alltagswissen. Stehen in Zeitungen als Organ politischer Willensbildung noch relativ ähnliche Inhalte über den Ist-Zustand der Welt, sehen die Timelines, sortiert nach politischer Gesinnung, Status und kulturellen Interessen, alle unterschiedlich aus.

Die Filterblasen liefern allen die passenden Erklärungen

Auf kuriose Weise hat sich das bei den Demos der Gelbwesten in Paris gezeigt. Dort haben sich Millionen Menschen aus ihrer Vereinzelung bewegt, doch eint sie oft nicht mehr als das Symbol, das sie tragen. Es gibt unter ihnen Rechte wie Linke, Abgehängte wie Mittelständler, die gegen zu hohe Benzinpreise oder die Arroganz der politischen Elite protestieren. Aufrufe auf Facebook haben sie mobilisiert, doch ihre Begründungen sind sehr unterschiedlich, weil die Filterblasen allen die passenden Erklärungen liefern.

Und jetzt? Um das Politische wieder zu sozialisieren, wäre viel gewonnen, wenn die neoliberale Fiktion überwunden werden würde, nach der wir auf uns alleine gestellt sind. Menschen sind keine atomisierten, sondern molekulare, also miteinander verbundene Wesen. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass die Welt gemacht, kaum noch Wälder ohne menschliches Zutun gewachsen – und keine Demokratie entstanden ist, ohne ein Bewusstsein über die eigenen Stärken, vor allem aber auch Schwächen.

Anknüpfen ließe sich dort, wo zuletzt ein neues demokratisches Wir sichtbar wurde, bei den Demonstrationen gegen Nazis in Chemnitz („Wir sind mehr“) oder in Berlin („Unteilbar“). Zudem könnte die Klassenfrage wiederbelebt werden, liegt doch gerade hier ein Zusammenhang, den zu knüpfen eine der wichtigsten Aufgaben einer inklusiven, antifaschistischen, emanzipatorischen Politik ist.

Es ist ja gerade die Neue Rechte, die jenes Vakuum eines Wir-Zusammenhangs für sich zu nutzen weiß, während vermeintlich positive Ansätze wie die Sammlungsbewegung zwar die Klassenfrage stellt, diese aber mit der Identitätsfrage ausspielt, als würde die Stärkung von Minderheiten, also Differenzen, einer Mehrheit schaden – und ihr nicht einfach zugute kommen, als Zeichen einer Menschheit, die radikale Unterschiede und Mehrdeutigkeiten aushält.

Zu oft Unterschiede, zu selten Gemeinsamkeiten

Dennoch werden zu oft Unterschiede und zu selten Gemeinsamkeiten betont. Großes Potenzial birgt neben der Klassen- auch die Mietfrage, die in Großstädten zur existenziellen Bedrohung wird. Eine geflüchtete Familie, eine transsexuelle Bäckerin und ein alleinstehender Oberstudienrat, die zusammen in einem Mietshaus wohnen, haben mehr gemeinsam als sie trennt. Hier könnte das alte, eigentlich nichtliberale Phänomen der Solidarität helfen.

Vorsicht ist hier nur vor bestimmten Formen von Wir geboten. Wenn sich das Ich aber wieder mehr zum Wir öffnen soll, muss es wissen, dass die Ablehnung eines Wirs teilweise aus „guten“ (neurechten) und teilweise „schlechten“ (marktradikalen) Gründen erfolgt ist. Sind es doch gerade Parteien wie die AfD, denen es gelungen ist, aus der individuellen Ohnmacht kollektive Machtfantasien zu basteln, während es neoliberale Aspekte sind, für die ein allzu stark ausgeprägtes Wir, etwa Betriebsräte oder Gewerkschaften, nur hinderlich sind.

Um diesen blinden Fleck zu überbrücken, benötigt es beides: ein Subjekt, das das eigene Leiden zum Maßstab für die Bewertung der Umwelt nimmt und sich zugleich als Teil eines großen Ganzen sieht, das niemanden ausschließt.

Ohne Ich gibt es keine Gemeinschaft, aber ohne Wir keine Gesellschaft.

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