wie machen sie das?

Die Mut-macherin

Ulrike Bergmann arbeitet seit 26 Jahren selbstständig als Mutmacherin. Sie hilft Menschen dabei, berufliche Neuanfänge zu wagen.

taz am wochenende: Frau Bergmann, Sie helfen Menschen, mutiger zu sein. Wie machen Sie das?

Ich organisiere Workshops, betreue Coachinggruppen und gebe Einzelcoachings. Ganz praktisch gesehen filtere ich mit den Menschen gemeinsam heraus, was sie sich von Herzen wünschen, bislang aber nicht erreicht haben. Für manche ist das ein schwerer Schritt, weil da ganz massive Deckel auf diesen Wünschen liegen.

Was für Deckel?

Geld ist zum Beispiel häufig ein Faktor. Oder dass man seine Ideen für absurd hält, weil sie so außergewöhnlich sind. Vor 25 Jahren war mal eine Frau bei mir, die sagte: „Ich erzähl Ihnen was, und ich hoffe, Sie halten mich nicht für verrückt.“ Was sie tun wollte, war ganz und gar nicht verrückt – aber eben nicht das, was damals alle anderen machten.

Sind wir mutiger geworden?

Damals war es nicht selbstverständlich, dass man sein Leben mit Mitte 40, Anfang 50 noch mal dreht. Das hat sich verschoben. Es ist der Normalfall, dass man seinen Beruf nicht bis zur Rente macht. In letzter Zeit bekomme ich Anfragen von Menschen, die sagen: Ich habe noch 20 Jahre vor mir. Ich kann mir nicht vorstellen, so weiterzumachen. Und da komme ich ins Spiel.

Werden wir ängstlicher, je älter wir werden?

Sicher. Mit fortschreitendem Alter haben wir mehr Bequemlichkeiten und Sicherheiten. Menschen ab 40 aufwärts haben sich oft einen bestimmten Lebensstil angewöhnt. Da ist es schwierig, sich herauszutrauen.

Fallschirmsprung und Selbstständigkeit – ist der Mut, den wir dafür brauchen, der gleiche?

Ich habe 1993 einen Fallschirmsprung gemacht, das war fantastisch! Aber nein. Bei einem Fallschirmsprung wissen Sie, das ist nach einer Stunde durch. Bei der Selbstständigkeit müssen Sie dauerhaft auf einem Hochseil balancieren. Da sollte man zwar ein Sicherheitsnetz haben, aber es besteht die Gefahr, dass man abstürzt. Wichtig sind Menschen, die nicht sagen, „hab ich dir doch gleich gesagt“, sondern einen unterstützen, wenn man fällt. Und natürlich ein finanzielles Netz. Da empfehle ich einen Teilzeitjob, der die Grundsicherung bringt und etwas Druck nimmt.

Sie arbeiten viel mit Frauen. Brauchen die mehr Hilfe beim Mutigsein als Männer?

Nein, das hat nichts damit zu tun. Aber da ich über 20 Jahre mit Frauen gearbeitet habe, sind sie und ihre Themen einfach viel klarer für mich zu erkennen.

Ist es leichter in der Gruppe mutig zu sein?

Definitiv. Viele Menschen, die zu mir kommen, haben niemanden in ihrem Umfeld, der sich schon mal selbstständig gemacht hat. Da stärkt eine Gruppe sehr. Interview: Lin Hierse