piwik no script img

Die Furcht vor der Dunkelheit

Emin Alper verwehrt in „A Tale of Three Sisters“ den Einblick in die andere Welt, jenseits des anatolischen, noch vormodern strukturierten Dorfes. Man kommt auch als Zuschauer aus diesem Gefängnis nicht raus

Von Carolin Weidner

So mühelos fügt sich das anatolische Bergdorf in die Landschaft, dass es beinahe unsichtbar wird. Eine einzige Straße führt aus ihm hinaus. Und die Autos, die auf ihr fahren, bringen Hoffnung und nehmen sie nicht selten auch gleicher wieder mit.

Nun hockt das Mädchen Hav­va auf der Rückbank eines Wagens. Man hat sie zurück in ihr Dorf geschickt. Zurück zu ihrem Vater und zu Reyhan, ihrer älteren Schwester, die sich genauso liebevoll um ihren Säugling kümmert wie sie ihren Mann Veysel verabscheut.

Havva war, wie ihre anderen beiden Schwestern, eine „besleme“: So nennt man hier junge Frauen aus kläglichen Verhältnissen, die Anstellung und Unterkunft in einer wohlhabenderen Familie finden. Ein mitunter praktisches Prinzip, um den Frauen neue Chancen im städtischen Terrain zu eröffnen – hinter den Felsen wartet noch eine andere Welt.

Emin Alper, Regisseur des Films „A Tale of Three Sisters“, verwehrt den Einblick in diese andere Welt jedoch. Man kommt als Zuschauer aus dem Dorf nicht raus. Man bleibt in ihm genauso eingesperrt wie die Frauen und Männer, die in ihm leben – und bereits einige Verhaltensauffälligkeiten entwickelt haben: Eine Alte bewegt sich etwa vorzugsweise im Purzelbaum über die Wiesen, und Nurhan, die dritte Schwester im Bunde, schabt ein sonderbares Pulver aus den Felsen, das sie gierig verspeist. „Hast du wieder damit angefangen?“, fragt Reyhan ihre Schwester. Nurhan aber tut, als wüsste sie von nichts. Regisseur Alper inszeniert ein archaisches, halb abgeschottetes Gefängnis, in dem einige Männer das Lesen noch nicht gelernt haben (Veysel) und unter Wiegen Skorpione krabbeln. Hier gibt es sie noch, die Furcht vor der Dunkelheit.

Ort des Erzählens

Dass Alper diese Vormoderne als einen Ort des Erzählens betrachtet, ist nur konsequent. „A Tale of Three Sisters“ vermittelt sich über einen nahezu unablässigen Dialogstrom, der, wenn man des Türkischen nicht mächtig ist, doch nicht wenig von den Bildern ablenkt, die Alper nach eigener Auskunft im Stile niederländischer Meister entworfen hat: angeleuchtete Gesichter vor schwarzem Grund.

Dabei ist der Regisseur, der neben seiner Filmtätigkeit Neuere Geschichte an einer Universität in Istanbul unterrichtet, sehr wohl begabt darin, Bild- und Textebene auf kluge Weise in Beziehung zu setzen. Fast schon witzig eine Szene, in der Nurhan und Reyhan den Ayran in einem Fass schleudern, indem sie sich den aufgehängten Hohlkörper gegenseitig zustoßen, derweil das Gespräch um den Geschlechtsakt kreist. Das fertige Joghurtgetränk macht sich anschließend aber leider ohne die beiden auf den Weg in Stadt.

17. 2., 19 Uhr, Friedrichstadt-Palast

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen