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Auf zum Brexit Punk Rock Break Down

Am 29. März verlässt Großbritannien die EU doch noch nicht. Egal: Feiern, trauern, streiten, singen, abtanzen – das geht auch so. Außer bei Pub-Landlady Louise

Aus London Daniel Zylbersztajn

„Bis Dienstag hofften wir alle, dass wir am Freitag, dem Tag des Brexit, hier eine große Feier haben würden.“ So hatte Louise Emery, die Wirtin des 100 Jahre alten Wirtshauses „Three Horse Shoes“ im nordenglischen Doncaster, das seit sechs Monaten in der Planung. „Wir verschieben es jetzt auf den nächsten Auszugs­termin – wenn er kommt“, betont sie. Dann wird es endlich Pasteten, Wurströllchen und Häppchen zu dunklem Bier geben. Begeistert erzählt Emery, dass der 14-tägige Protestmarsch der Brexitanhänger*Innen gegen den drohenden „Verrat“ am EU-Austritt direkt an ihrem Pub vorbeiging.

Der Marsch selber endet nun an diesem Freitag, dem legendären 29. März, mitten in London vor dem britischen Parlament. Brexit-König Nigel Farage, Labour-Brexitoma Kate Hoey und andere Brexit-Veteranen wollen noch einmal klarstellen, was sie sich eigentlich einst für den 29. März 2019 vorgestellt hatten: der letzte Tag in der Europäischen Union und dann in der Nacht „Freiheit“ für das Vereinigte Königreich. Dabei kann Farage selbst nur anderweitig ans Rednerpult kommen, von einer Teilnahme an der letzten Etappe des Marschs durch London rieten ihm Sicherheitskräfte ab. Er ist nicht der Einzige, der wegen der derzeitigen Spannungen unter besonderem Schutz steht.

Bei einer dreitägigen Veranstaltung im Battersea-Kunstzentrum in Südlondon versucht sich der in Marokko geborene Kurator Saad Eddine-Said gegen die Polarisierung dieses „historischen Momentes“ zu stellen.

„Ich habe eine Verantwortung, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle Menschen, die für und gegen den Brexit sind, mit ihren Ängsten zu einer Ansammlung ganz diverser Künstler*innen verbinden können“, erzählt Eddine-Said. Für den 29. März hat er eine Tanzparty für Flüchtlinge geplant.

Diskutiert wird über den Brexit keineswegs nur im britischen Unterhaus. Akademische Diskurse sind an den Universitäten Manchester und Edinburgh geplant. An der London School of Economics (LSE) geht man der Frage nach, inwiefern Brexit auf unverarbeitete Empire-Nostalgie zurückgeht. Das führende außenpolitische Forschungsinstitut Chatham House lässt den ehemaligen britischen EU-Botschafter Ivan Rogers und die grüne Abgeordnete Caroline Lucas auf den Vorsitzenden des bundesdeutschen Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen (CDU), treffen.

Die größte Veranstaltung läuft im riesigen Londoner Queen-Elizabeth-Kongresszentrum direkt gegenüber vom Parlament, koordiniert durch die Denkfabrik „UK in a Changing Europe“ und seit vier Monaten in der Planung. „Wir wollen mit einem Tag zum Artikel 50 eine Reflexion über die letzten zwei Jahre ermöglichen“, sagt eine Sprecherin.

Auch in der Musik und Clubszene tut sich heute einiges. So läuft in Belfasts Menagerie Club ein Fuck Brexit Rave, im südwest­englischen Bristol ein Brexit Punk Rock Break Down und im schottischen Dundee die „Bollocks to Brexit“-Nacht mit der Beschreibung: „Lasst die guten Zeiten andauern, während uns Westminster auf einem Karren in die Hölle schiebt.“ Da ist das „Konzert für Europa“ im Londoner St. John’s Smith Square schon moderater, aber auch hier sollen die Sorgen kurz vergessen werden können, erzählt Violinist Steward Poyfer.

Sein eigens gegründetes Freiwilligenorchester mit Chor wird hier Beethovens Neunte aufführen, mehr als nur ein EU-Symbol, laut Poyfer. „Es spricht deutlich davon, dass es uns allen besser geht, wenn wir gemeinsam und über Grenzen hinweg agieren.“

Wird es wegen der Brexit-Verschiebung später noch ein Konzert geben? „Nein,“ sagt Poyfer. „Aber wenn wir in der EU bleiben, dann auf alle Fälle.“