Kolumne Ohrenrausch

Mund halten, Podcasts hören!

Eine Hommage an den Podcast und wie wir plötzlich mehr Expertise erlangen können – und zwar vom Bett aus, statt in der Uni.

Ein Köpfhörer liegt auf einer rosa-blauen Fläche

Bunt hören: Nutzen wir Podcasts als Sprachrohr sozialer Minderheiten Foto: Icons8 team/Unsplash

„Ich habe mal gehört, dass kurdische Frauen zu Hause das Sagen haben.“ So etwas sagen Freunde, na ja, Bekannte eher, und glauben dann besonders klug zu sein – Autsch! Autsch auf ganz vielen Ebenen. „Ich habe mal gehört“ ist zuallererst kein ansprechender Anfang für eine Diskussion. Auch wenn meine Mutter zu Hause das Sagen hat, hat das wohl wenig mit ihrer Verwurzelung in Kurdistan zu tun. Und mit welchen Frauen werden die kurdischen hier eigentlich verglichen?

Im medialen Zeitalter besitzen wir die unbegrenzten Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung. Und plötzlich wissen alle alles. Und vor allem weiß jede*r immer etwas mehr über mich als ich selbst: Wie schwer mein Leben als schwarzhaarige Frau in Deutschland ist, das kann mir Markus aus Halberstadt dem Anschein nach besser erklären als ich.

Fordern wir eine gesellschaftliche Transformation, ist die Auseinandersetzung mit den Erfahrungsberichten betroffener Menschen elementar. Wenn sich unser demokratisches Grundverständnis aus der Partizipation aller an allen Diskursen speist, dann sollte dieser Diskurs jedoch so geführt werden, dass das eigene Weltbild durch die Inhalte primär betroffener Menschen bereichert wird. Denn eine emanzipierte Debatte nährt sich durch Erfahrungsberichte, die zu einer Sensibilisierung führen können. Eine Sensibilisierung, die nur auf eine Weise entstehen kann: im Dialog mit anderen Meinungen.

Nur was tun, wenn es keine Vertreter*innen sozialer Minderheiten in der unmittelbaren Nähe gibt? Erstens, hinterfragen Sie diesen Zustand. Nachdem dies getan ist, suchen Sie die Betroffenen!

Ab 17. April übernehmen 50 junge Menschen aus ganz Deutschland zwischen 14 und 24 Jahren die taz, um mit uns eine Jubiläumsausgabe zum 40. Geburtstag der taz zu gestalten. Mehr unter taz.de/40

Der Einfachheit halber ein Vorschlag, bei dem Sie nicht einmal das Haus verlassen müssen: Podcasts. Wenn wir uns für diversere Lebensrealitäten interessieren, können wir Linus Giese in „eine Stunde Liebe“ (Deutschlandfunk Nova) zuhören, der seine Geschichte als trans Mensch selbst erzählt. Wenn wir die strukturelle Diskriminierung einer schwarzen Frau in Deutschland nachvollziehen wollen, dann können wir Josephine Aprakus Geschichte in „eine Stunde Talk“ hören.

Und wenn wir mehr über sexuellen Missbrauch von Frauen lernen wollen, dann können wir den Betroffenen auf „SWR2 Tandem“ zuhören. Und so können wir dieses „Ich hab mal gehört“ durch ein „im Podcast von letzter Nacht habe ich gelernt“ ersetzen. Nutzen wir Podcasts als Sprachrohr sozialer Minderheiten und lassen wir diese Menschen ihre Geschichten selbst erzählen! So erweitern wir nicht nur das eigene Weltbild, sondern vielleicht auch jenes unserer Dozierenden.

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