Anna Klöpper
Der Wochenendkrimi

Selbstfindungstrip im Nordhessischen –leider ohne die notwendige Tiefenschärfe

Der Film erforscht mit heiligem Ernst die Abgründe, in die Menschen sich begeben, um sich selbst zu retten Foto: HR

Also, mal ehrlich, das ist doch Quatsch: Da sitzt dieser aalglatte Fernsehmoderator Maarten Jansen (Barry Atsma) in U-Haft, verdächtig, seinen Stiefsohn kaltblütig ermordet und obendrein auch noch zerstückelt zu haben, während zugleich einen Verhörraum weiter die minderjährige Nachbarin des Moderators unter Tränen zusammenbricht und ihn der Vergewaltigung bezichtigt.

Man weiß dann nicht genau, wie, aber offenbar können die ErmittlerInnen im Frankfurt-„Tatort“ zaubern, wenn es sein muss, denn als der aalglatte Fernsehmoderator ein paar Minuten später auf den Flur der Polizeiwache tritt, stehen ihm schon – hex hex! – in einer wohl choreografierten Mauer aus verschränkten Armen und ernsten Mienen alle Frauen gegenüber, die er sonst noch (gegen ihren Willen?) flachgelegt (sprich: vergewaltigt) hat.

Irgendwas haut da mit dem Raum-Zeit-Kontinuum nicht so ganz hin oder die KommissarInnen ermitteln wirklich mit Warp-Geschwindigkeit. Aber gut, die kleinkarierte Spießerei beiseite, schließlich soll so ein „Tatort“ ja vor allem immer noch eins: unterhalten.

Das schafft der neue Frankfurt-Fall auf relativ bescheidenem Niveau. Lichtblicke sind Margarita Broich und Wolfram Koch, die das ErmittlerInnen-Duo Jannecke/Brix mit einer Art pragmatischen Humor ausstatten, der gar nicht nervig ist (was ja schon mal gut ist).

Koch kann wirklich schön ergeben-genervt gucken (und zwar ohne die Augen zu verdrehen), als sein Chef Cariddi (Bruno Cathomas) ihn ganz nach Kassel schickt, also quasi ins nordhessische Ausland, weil man dort nämlich die Leichenteile von Luke gefunden hat. „Manchmal muss man weit gehen, um zu sich zu finden“, schubst ihn Cariddi aus der Tür. „In Kassel?“, fragt Brix perplex.

Joa, da dürfte zumindest das hessische Publikum drüber lachen (was ja auch schon mal gut ist).

Eigentlich will dieser Krimi aber nicht witzig sein. Stattdessen erforscht er mit heiligem Ernst, aber leider ohne die dafür notwendige Tiefenschärfe, die Abgründe, in die Menschen sich begeben, um sich selbst bzw. ihre Karriere zu retten. Nebenbei wird auch noch eine Anklageschrift gegen die bigotte Fassade des TV-Showgeschäfts aufgebaut. Das geht in Ordnung, ist aber nicht neu und recht konservativ erzählt. Da hat man zuletzt schon innovativere „Tatorte“ gesehen – zum Beispiel den Wiesbaden-„Tatort“ mit Ulrich Tukur in „Täglich grüßt das Murmeltier“-Manier.

Frankfurt-„Tatort“: „Das Monster von Kassel“, So., 20.15 Uhr, ARD