berliner szenen

Wehe, du spielst mit mir

An meinem Nachbartisch vor einem Café sitzen eine Frau und ein Mann. Beide sind etwa Mitte fünfzig. Sie ist blondiert und tätowiert und trägt viel Goldschmuck, er ist braungebrannt wie nach einer Kreuzfahrt durch die Karibik oder vielen Flügen auf die Solaren, mit Lederkluft, Zopf und Bandana. Ich hatte mich zeitgleich mit den beiden an den letzten freien Tisch gesetzt, um in der Sonne zu lesen, und finde nun nicht in mein Buch hinein: Die zwei sind so laut, dass auch die älteren Herrschaften an den anderen Tischen immer wieder unangenehm berührt zu ihnen hinübersehen.

„Süßer!“, ruft die Frau, als ich meine, dass es mir nun endlich gelingt, die Schmatzgeräusche und das Gekicher neben mir auszublenden, „du bist so ein Tier!“ Säuselt dann: „Ein wilder Hengst“, um daraufhin zu drohen: „Wehe, du spielst mit mir wie mit all den anderen! Die Wahrsagerin hat gesagt, ich muss aufpassen, dass ich mich nicht an dir verbrenne.“ Er gibt ihr einen stürmischen Kuss. Sie entzieht sich seiner Umarmung: „Ich habe erzählt, dass du auf Verheiratete stehst.“ Er lacht, während sie noch sagt: „Und nicht nur die Wahrsagerin warnt. Alle, denen ich von dir erzählt habe, sagen, du hast es nur auf mein Geld abgesehen.“

Er zieht sie am Haarschopf zu sich, leckt ihr über das ganze Gesicht und haucht: „Unsinn, ich habe es nur auf deinen geilen Arsch abgesehen.“ In dem Moment wird ein anderer Tisch frei. Ich schnappe Kaffee und Buch und stehe so hastig auf, dass ich beinahe den Tisch mitreiße.

Zu meinem Erstaunen nimmt die Frau ihre Umgebung wahr. Sie ruft: „Kein Stress, Süße! Wir hauen ab“, zieht den Mann aus dem Stuhl, gibt ihm einen Klaps auf den Hintern und flüstert: „Los, auf zur nächsten Runde! Wenn wir schnell machen, haben wir eine Stunde.“

Eva-Lena Lörzer