das portrait

Fußballer Franck Ribéry lässt zum Abschied seinen Gefühlen freien Lauf

Foto: Andreas Gebert/reuters

Mit den Tränendrüsen von Franck Ribéry hätte man in den letzten Tagen wohl eine Hälfte eines Münchner Gewächshauses bewässern können – die andere Hälfte hätte sein ebenfalls sehr nah am Wasser gebauter Mentor Uli Hoeneß ohne große Anstrengung übernommen. Angesichts des nahenden Abschieds beim FC Bayern München glänzen die Augen des 36-jährigen Franzosen seit geraumer Zeit sehr wässrig. Und als sich am Samstag am letzten Bundesligaspieltag nach zwölf Jahren Ribérys letzter Auftritt im roten Trikot anbahnte, übermannten ihn bereits beim Aufwärmen die Emotionen. Präsident Honeß flennte bei dessen Einwechslung auf der Tribüne völlig haltlos mit.

Der Abschied von Ribéry wurde zu einem bewegenden Rührstück. Gemeinsam mit Arjen Robben, dem am Samstag ebenfalls ein letztes Mal gehuldigt wurde, hat er über viele Jahre der Bundesliga zu ein wenig Glanz verholfen. Sie verkörperten ein Stück Weltklasse in einem eher mittelmäßigen Unterhaltungsbetrieb. Und sie verhalfen dem FC Bayern maßgeblich zu seiner goldenen Ära, die 2013 gar den Champions-League-Sieg einbrachte. Beim letzten Spiel ließ Ribéry diese Weltklasse noch einmal aufblitzen mit einem ausnehmend schönen Solo und anschließendem Treffer. Sogleich öffneten sich bei Franck Ribéry wieder alle Schleusen.

Diese herzergreifende emotionale Überwältigung erzählt einiges über Ribéry, aber auch über den FC Bayern. Die Sprache der Emotionen ist dem Franzosen seit jeher vertrauter als jede andere. In seiner Heimat machte man sich schon früh über die vermeintliche Schlichtheit des in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen Fußballprofis lustig. In Deutschland schlug er sich über eine Dekade lang mit einem sehr bescheidenen Wortschatz durch. Beim FC Bayern wurde er aber für das geschätzt, was er kann: wunderbar Fußball spielen. Und wenn er von außen angegriffen wurde – sei es wegen einer Sexaffäre mit einer Minderjährigen oder des Verzehrs eines Goldsteaks –, rückte der Verein zusammen und verteidigte ihn.

Wie eine Familie, schluchzte Ribéry am Samstag, sei dieser Verein für ihn. Und wie viel ihm Familie bedeutet, demonstrierte er in der Münchner Arena. Während seine Mitspieler sich mit Weißbierduschen beschäftigten, holte er seine Frau, fünf Kinder und etliche Verwandte in den Innenraum und posierte mit ihnen für eine Art Mannschaftsfoto. Danach beschwor er die Münchner „Mia san mia“-Parole, die Losung der Bayern-Familie.

Neben Ribéry weiß vermutlich nur der einstige Gefängnisinsasse Uli Hoeneß das Refugium der Bayern-Familie so sehr zu schätzen, wo er nach Verbüßung seiner Haftstrafe mit großem Applaus wieder zum Präsidenten gewählt wurde. Es ist ein emotionales Pfund, mit dem der Verein auch künftig im kühlen Wettbewerb des Profigeschäfts wuchern kann. Franck Ribéry hat schon angekündigt, dass er auf jeden Fall zum FC Bayern zurückkehren will. Irgendeinen Job werden sie für ihn schon finden – vielleicht als Beauftragter für Emotionen.

Johannes Kopp