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Hochtouriges Sheng

Nairobi zum Zweiten: Der Sampler „#Nu Nairobi“ porträtiert die vitale Szene der kenianischen Hauptstadt

Von Ole Schulz

Für Fußgänger wie Autofahrer bestehe „erhöhte Gefahr Opfer eines Raubüberfalles“ zu werden, schreibt das Auswärtige Amt zur Sicherheitslage in Nairobi. Man solle „selbst kürzeste Entfernungen mit einem Taxi zurückzulegen.“ Als ich dort bin, traue ich mich kaum allein zu Fuß aus dem Hotel. Am Ende aber ist es in den Mittelklasse-Vierteln, in denen ich unterwegs bin, alles halb so wild.

Eine Karte von Nairobi zum Downloaden, wie sie zur digitalen Kompilation „#Nu Nairobi – Kenya’s music hub“ von Outhere Records verfügbar ist, hätte mir jedenfalls geholfen – sowohl um mich zu orientieren als auch um mir ein entspannteres Gefühl zu geben. Die Karte verweist nicht nur auf die Viertel, aus denen die an dem Album beteiligten Künstler:innen stammen, sondern führt auch Kulturzentren, Konzertvenues, Plattenlabel und Radiostationen auf. Sie nennt auch einige sinnvolle Apps – „Ma3route“ ist etwa für alle Neuankömmlinge unerlässlich, die sich im labyrinth­artigen Transportsystem der Matatu-Kleinbusse zurechtfinden wollen.

Die Hauptstadt Kenias boomt nicht nur wirtschaftlich, sondern vibriert auch musikalisch, was das Münchener Label dazu bewegt hat, eine vom Nairobi-Kenner Georg Milz kuratierte Kompilation rauszubringen. Los geht diese mit Just A Band – jener Gruppe, die als Vorreiter der vor rund zehn Jahren aufpoppenden Nu-Nairobi-Szene gilt, weil sie früh Multimedia-Kunst und elektronische Musik zusammenbrachte. In ihren Musikvideos kreierten sie mit der Figur Makmende einen fiktiven Superhelden, der viral ging. Auf der Kompilation sind Just A Band nun mit dem groovenden „Dunia ina Mambo“ vertreten – einem Cover, mit dem sie die Mighty Cavaliers würdigen, eine legendäre kenianische Afro-Rock-Band aus den 1970er Jahren.

Den elektronischen Underground, der in obigem Text beschrieben wird, sucht man auf „#Nu Nairobi“ zwar vergebens, aber ansonsten gibt das Album einen guten Überblick über die zeitgenössische Musikszene der Stadt – von urbanen Versionen traditioneller Stile wie dem von Soukous und dem kongolesischen Gitarren-Fingerpicking beeinflussten Benga („Kisumu bound bus“ von Makadem) über Vokal-getriebenen Afropop („Nambee“ von Sauti Sol) bis zu Dancehall („Mwanake“ von Wyre feat. JB Maina) und dem omnipräsenten HipHop, der auch „#Nu Nairobi“ ganz klar dominiert.

Ein Teil der Rap-Songs ist auf Englisch gesungen und klingt manchmal fast wie US-Produktionen („Feelin it“ von Muthoni Drummer Queen; Camp Mulla mit „Fresh All Day“). In Titeln wie „Tokelezea“ von Abbas Kubaff (feat. Chantelle), einst Teil des HipHop-Duos K-South, oder auch in „Something for you“ vom tollen Rapper Octopizzo aus dem Kibera-Slum zeigt sich aber, dass auch der Swahili-Englisch-Straßenslang Sheng wunderbar für Reime, auch in Hochgeschwindigkeit, geeignet ist.

Einige kenianische Hits der vergangenen Jahre sind auf dem Album ebenfalls vertreten: Neben besagtem „Tokelezea“ und Camp Mullas seichter Debütsingle „Party don’t stop“ auch „Bonoko“ von DJ Nickstyles. Zu einem eingängigen Beat wird hier die alltägliche Polizeigewalt zum Thema: Zu hören ist die gesampelte Stimme eines jungen Rasta, der den Mut hatte, vor laufender TV-Kamera darauf zu beharren, dass ein von der Polizei erschossener vermeintlicher Krimineller in Wahrheit ein mit ihm befreundeter Straßenverkäufer war; die bei ihm gefundene Waffe sei eine „Fake gun“ (im Slang „Bonoko“) und sei ihm von der Polizei untergeschoben worden. Denn wirklich gefährlich ist Nairobi weniger für „Whities“ wie mich, sondern vor allem für die Getto-Jugend.

Various Artists: „#Nu Nairobi – Kenya’s music hub“ (Outhere Records): www.nunairobi.com, erscheint Anfang Juni