berliner szenen

Du machst Unglück in die Luft

Erst hieß es, der Sommer kommt und es wird alles noch viel schlimmer als letztes Jahr. Doch jetzt ist immer alles voller Wolken und kalt. Am Morgen regnet es sogar. Schwere Tropfen treffen in Moabit auf schwere Gemüter. Vor meiner Haustür steht eine Frau mit einem azurblauen Übergangsmantel und schwer zerrüttetem Haar. Sie schreit in ihr Handy. „Nein! Ich schwöre. Ich bin voll am Abheulen. Seit drei Uhr in der Nacht. Du machst Unglück in die Luft! Du bist krank. Du bist ein Arsch! Ja. Leck dich selber an deinem Arschloch!“

Ein Mann kommt vorbei. Alt, würdevoll, mit edlem Einkaufskorb und einem verschlissenen braunen Mantel aus Wolle. Der Mantel hat Streifen an den Ärmeln. Sie sind aus Plaste und glänzen in den Regentropfen. Der braune Wollmantel bleibt neben dem azurblauen Übergang stehen. Er beugt sich leicht runter zu ihr. „Entschuldigen Sie bitte, ich mische mich ungern ein. Aber die Eigenbeleckung eines Arschloches erfordert eine sehr hohe Beweglichkeit des Körpers. Hat Ihr Telefonpartner diesen wunderbaren Körperbau?“

„Waas?“ Im Handy schreit es auch. „Nein, hier ist ein Typ, der fragt, ob du dir dein Arschloch selbst lecken kannst. Er glaubt es nicht. Weiß er, dass du fett bist?“ Im Handy wird es noch lauter. „Nein, ich kenn ihn nicht. Nein, ich steh auf der Straße. Ich schwöre. Der ist nicht bei mir.“

Der alte Mann räuspert sich. „Wir können auch zu Ihnen gehen. Ich kann Ihnen Couscous mit frischen Sardinen machen.“

„Ey, der Typ spinnt. Ich schwöre. Komm lass uns treffen am Leo. Ich heule auch nicht mehr. Wirklich!“ Sie geht. Der Mann schaut ihr nach.

Dann schaut er mich an. „Kennen Sie den Geruch frischer Minze, wenn man sie etwas in der Toilette liegen lässt?“ Theresa Heinewald