Tempelhofer Freiheit

Womöglich nie zuvor war die Stadt so international – der Anziehungspunkt auch für alle sexuell Andersbegabten.
Heißt aber auch, dass die anderswo wegziehen und dort vielleicht fehlen, wenn sie auf das Ticket nach Berlin setzen

Foto: Machen, was man will. Einfach mal sein: im Freien des Tempelhofer FeldsFoto: Pierre Adenis/laif

Von Martin Reichert

Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin, wo die Verrückten sind, ja, da musst du hin!“ Diese Liedzeile, die womöglich tatsächlich einst aus der Feder des österreichischen Operettenkomponisten Franz von Suppé floss, ist so etwas wie die informelle Nationalhymne eines Großteils der Neu-Berliner und insbesondere jener, die sich als Teil der Buchstabensuppe begreifen, LGBTI*, oder auch als queer bezeichnen.

So sie denn Deutsch überhaupt verstehen oder gar sprechen: Berlin ist nach dem Mauerfall ja längst wieder geworden, was es in der Vorkriegszeit schon einmal war, nämlich queer capital von Europa (mindestens, um im Berliner Superlativ zu bleiben). Und das bedeutet, dass sich hier schon seit vielen Jahren nicht nur Markus aus Bielefeld und Sabine aus Osnabrück beim jährlichen CSD treffen, sondern die sexuell Andersbegabten aus der ganzen Welt, nur angefangen mit den direkten Nachbar*innen aus dem nur wenige Kilometer entfernten Polen.

Wirklich belastbare Zahlen darüber, wie viele der jungen Männer, die über die Balkanroute nach Deutschland kamen, sich sexuell zu anderen Männern hingezogen fühlen und auch daher motiviert waren, alles auf eine Karte zu setzen, gibt es nicht. Und doch scheinen es recht viele zu sein, die sich nach Deutschland aufgemacht und schließlich in Berlin gelandet sind, blickt man sich in Dating-Apps um. Aber vielleicht sind es sogar noch mehr US-Amerikaner*innen, die sich in New York gelangweilt haben und lieber die im Vergleich übrigens erstaunlich viel größere, intaktere queere Infrastruktur Berlins nutzen. Dann gibt es da noch das in Berliner Schwulenkreisen beliebte Bonmot, dass es in Italien keine schwulen Männer mehr gibt, weil ja eigentlich alle in Berlin sind – was man mit einigem Recht wohl auch von Spanien behaupten könnte.

Begibt man sich in die Epizentren dieser neuen, queeren Berliner Welt, herrscht einerseits babylonische Verwirrung und andererseits Einmündigkeit: Die verbindliche Sprache ist bad english und gemeinsam isst man Avocado-Toast und trinkt Club-Mate, verzehrt Vegan Bowls und starrt auf Smartphone-Bildschirme.

Es ist ein bisschen wie mit dem Berghain, dem ja ursprünglich queeren Notre Dame Berlins, in dem die schwarz gekleidete Weltjugend Schlange steht. Berlin, ein globaler Check-in-Bereich, in dem Nationalität und sexuelle Identität dann eigentlich keine Rolle mehr spielen. Lost in Translation, hier sind alle gleich und warten auf den Flieger.

Eine Freiheit, die ein bisschen unwirklich ist, so wie ein Spaziergang auf dem Tempelhofer Feld an einem Samstag. Wieder ein Flughafen. Kann es denn wirklich sein, dass eine so riesige Fläche mitten in der Stadt brachliegt und jeder macht, was er will – für immer?

Und kann man den Rest seines Lebens wirklich von irgendeinem 700-Euro-Job in einer Internet-Company bestreiten, und nebenbei noch ein bisschen für Foodora Veggie-Burger ausfahren?

Und ist das wirklich die Lösung: Alle, die es satt haben, aufgrund ihrer sexuellen Orientierung eingeordnet, stigmatisiert und unterdrückt zu werden, kaufen sich ein Ticket nach Berlin und trinken Gösser-Bier am Landwehrkanal?

Nein, man kann es eigentlich niemanden verdenken, dass er einfach seine Ruhe haben will, einfach sein will. Der Nachtigall lauschen in der Hasenheide, „Krusta“ essen im Südblock, tanzen im SO36 und und singen im Monster Ronson’s Ichiban Karaoke. Zu Sexparties gehen und zum Flohmarkt.

Die Tempelhofer Freiheit, sie ist ja nicht vom Himmel gefallen, sie wurde erkämpft

Womöglich nie zuvor war Berlin so international, und für die Stadt sind all diese Menschen, die herkommen, ein Gewinn.

Wie ein riesiger Staubsauger zieht Berlin kluge, junge, kreative Menschen insbesondere aus Europa an, verursacht so aber auch einen Brain-Drain: Wenn die „Verrückten“ alle in Berlin sind, wer sorgt dann in den jeweiligen Heimatländern dafür, dass es vorangeht? Haben die progressiven Kräfte in Polen genug Unterstützung, wenn so viele wegziehen? Nach Berlin gehen? Wer sorgt dafür, dass die in Slowenien durch ein Referendum der Rechtspopulisten wieder kassierte Öffnung der Ehe erneut angestrebt wird? Was passiert da in Österreich, in Italien, in Ungarn? Und nicht nur dort.

Die Tempelhofer Freiheit, sie ist ja auch nicht vom Himmel gefallen – die Gleichberechtigung von LGBTI* musste erkämpft werden, und auch das Feld ist frei nur aufgrund von bürgerlichem Engagement.

Siebzig Jahre ist es her, dass über den Flughafen Tempelhof die Berliner „Insel“ quasi künstlich ernährt wurde. In mancher Hinsicht, und vor allem für LGBTI*, ist Berlin das schon wieder: eine Insel.

Am anderen Ende des Regenbogens: ein Blick nach Polen 44–45