: Lieber den Ruhm statt der Ächtung
Fünf Literaturkritikerinnen stellen in einem großen Sammelband „100 Autorinnen in Porträts“ vor
Von Dirk Knipphals
Zu meinem 16. Geburtstag schenkte mir meine Mutter (ich hatte es mir gewünscht) ein unscheinbares königsblaues Suhrkamp-Taschenbuch; das war vielleicht das folgenreichste Geschenk, das ich je bekommen habe. „Zeit-Bibliothek der 100 Bücher“ lautete der Titel, und es kostete offenbar fünf Mark, was ich heute kaum glauben kann, aber (ich habe das Exemplar immer noch) so auf der Rückseite vermerkt ist.
Ein Kanon von 100 Büchern wurde hier aufgemacht, und ich weiß bis heute zum Beispiel noch, wie befriedigt ich war, dass Kafka zweimal auftauchte, mit seinen Erzählungen und dem „Schloss“. Egal. Was heute aber vor allem der Punkt ist: Es ging um 99 Autoren und tatsächlich um exakt eine Autorin, Anna Seghers. Selbst Virginia Woolf, Jane Austen, Ingeborg Bachmann oder Emily Dickinson: Fehlanzeige.
Wie viele interessante Lebensschicksale – und Bücher! – damit im Kernbereich der Hochkultur außen vor gelassen wurden, lässt sich jetzt in dem Band „100 Autorinnen in Porträts“, geschrieben von den Literaturkritikerinnen Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler, Ursula März und Elke Schmitter, nachvollziehen. Porträtiert werden 100 Schriftstellerinnen, „von denen die meisten eine Ausnahme gewesen sind“, wie es im Vorwort heißt: „Sie hatten kaum Vorbilder für ihre Begabung, erfuhren mehr Widerstand als Ermutigung, und am Ende von allem stand oft nicht der Ruhm, sondern die Ächtung.“
Literarisch viel bewegt
Von Sappho bis Chimamanda Ngozi Adichie reicht dieser Gegenkanon. Woolf, Austen, Bachmann, Dickinson, alle drin, und Zadie Smith, Sibylle Berg, Hilary Mantel, Elena Ferrante, Simone de Beauvoir, Clarice Lispector und viele andere. Kritischer Abstand bleibt gewahrt. Wie fragwürdig die Bücher Monika Marons zuletzt etwa geworden sind, schreibt Julia Encke auf, und wenn Ursula März die Autorin Juli Zeh als Erbin von Günter Grass zeichnet, inklusive seiner Meinungsfreude, dann hat das auch etwas Distanzierendes. Schön, dass Autorinnen wie Annie Ernaux, Virginie Despentes und Joan Didion, die zuletzt literarisch viel bewegt haben, berücksichtigt sind. Auch schön, wie viele unterschiedliche Schreibweisen vorgestellt werden. Neben Rachel Cusk kommt Joanne K. Rowling vor, neben Nelly Sachs Agatha Christie.
Verena Auffermann u. a.: „100 Autorinnen in Porträts“. Piper Verlag, München 2021, 592 Seiten, 24 Euro
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