„Anora“ räumt bei 97. Oscarverleihung ab: Das Independent-Kino als Hoffnung
Bei den Oscars gewann Sean Bakers Komödie „Anora“ über eine Sexarbeiterin als bester Film. Die Veranstaltung setzte nach und nach politische Akzente.
Film ist eine Kunst, die uns hilft, in diesen Zeiten das Chaos zu ordnen, das sagte in der Nacht zum Montag die Gewinnerin des Oscars für den besten Kurzfilm. Ob Film das wirklich kann?
Versucht hat er’s jedenfalls – die 97. Verleihung der US-amerikanischen Filmpreise setzte einen starken Fokus auf Independent-Filmkunst und pochte nach einem so anstrengenden wie beängstigenden Jahr in den USA mit andauernden, politischen Eklats, verzehrenden Großbränden und umfassenden Streiks auf den Kern eines jeden Films: Story und Humanität, nicht Vermarktung oder production value.
Dabei wurde die Stimmung in Los Angeles im Laufe des Abends peu à peu politischer, die Appelle dringlicher. Hatte Moderator Conan O’Brian, der beflissen seine Stand-up-Sicherheit vorführte, anfangs noch eher subtil gegen die eigene Regierung ausgeteilt, so klang er nach den ersten beiden von im Ganzen fünf Oscars für Sean Bakers Sexarbeiter:innen-Porträt „Anora“, in dem ein russischer Kunde brüskiert wird, eindeutiger: „Amerika freut sich anscheinend, dass sich endlich mal jemand gegen einen starken Russen wehrt.“
Sowohl Presenterin Daryl Hannah als auch der Gewinner des besten adaptierten Drehbuchs, Peter Straughan für „Konklave“, machten – symbolisch oder wörtlich – zudem auf der Bühne ihre Unterstützung für die Ukraine deutlich – nach dem skandalösen Verhalten der US-Regierung gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj eine wichtige Geste.
Deutliche Kritik an US-Außenpolitik
Und das israelisch-palästinensische Regiekollektiv des Dokumentarfilms „No Other Land“, bei deren Ehrung auf der letztjährigen Berlinale Publikumsreaktionen zu viel Kritik geführt hatten, verurteilten in der Dankesrede für ihren Oscar ebenfalls deutlich die Außenpolitik der USA.
Am Ende konnte sich der Favorit „Der Brutalist“, die von Brady Corbet inszenierte, opulent gefilmte Geschichte eines fiktiven jüdischen Architekten mit ungarischen Wurzeln, der in die USA emigriert, immerhin über drei Auszeichnungen freuen: „Der Stoff, aus dem Amerika besteht, wurde mit migrantischer Kraft gewebt“, hatte der Regisseur vorher gesagt. Hauptdarsteller Adrien Brody bedankte sich mit verbindenden Worten für seine Trophäe.
Gern hätte man allerdings auch die Reaktion von Sebastian Stan gesehen, der für sein verstörend authentisch wirkendes Porträt der Lehrjahre des aktuellen US-Präsidenten in „The Apprentice“ nominiert war, und gegen Brody verlor. Genau wie der ätherisch-jungenhafte Timothée Chalamet mit seiner nonchalant genuschelten Bob Dylan-Interpretation in James Mangolds vor allem durch die Originalmusik an Tiefe gewinnendem Biopic „Like a Complete Unknown“.
Vielleicht war dieser Film, der am Ende leer ausging, den Academy-Mitgliedern dann doch ein wenig zu routiniert. Coralie Fargeats blut- und gedärmspritzender Genrefilm „The Substance“ ging lediglich mit einem „little gold man“ für „bestes Make-up und beste Frisuren“ nach Hause – und konnte die unterirdische Genderratio der Veranstaltung somit leider auch nicht sonderlich beeinflussen.
Doch ob „Anora“, dessen Etat bei dem mit zwei technischen Oscars geehrten „Dune: Part Two“ vermutlich nicht mal für zwei Minuten Sandwurmanimation reichen würde, ob Jacques Audiards „Emilia Pérez“, für den Zoë Saldaña den Oscar als beste Nebendarstellerin bekam, oder ob Brasiliens couragiertes Drama „Für immer hier“, das unter anderem gegen die deutsche Produktion, den iranischen Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“ als bester internationaler Film gewann: Selten spielten eindeutige politische Themen und Botschaften eine so tragende Rolle in der von Eskapismus und Entertainment geprägten US-Filmindustrie. Insofern ist der Wunsch mehr als ein frommer: Lasst Film bitte, bitte das Chaos ordnen.
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