Azubi über Handwerksbranche: „Die Atmosphäre ist für queere Menschen unerträglich“
Sexismus im Handwerk: Der Lübecker Tischler-Azubi Linus rechnet anlässlich seiner Freisprechungsfeier mit seiner männlich dominierten Branche ab.

taz: Linus, Sie setzen sich für Frauen und queere Personen im Tischlerhandwerk ein. Warum ist das wichtig?
Linus: Es wird totgeschwiegen, dass es hier eine strukturelle Diskriminierung gibt. Den Personen werden einfach Kompetenzen abgesprochen. Es wird von Grund auf gesagt, sie seien zu schwach für den Job, oder zu klein. Diskriminierung wird im Handwerk überhaupt nicht aufgearbeitet. Stattdessen heißt es: „So ist eben das Handwerk – da muss man halt durch.“
taz: Ihre Handwerksausbildung haben Sie nun offiziell beendet. Was wollen Sie jetzt machen?
Linus: Ich gehe meinen Weg weiter und werde Sozialpädagogik studieren. Ich fühle mich mega unwohl, in einem Umfeld zu arbeiten, das überhaupt nicht offen für Reflexion ist.
taz: Also verlassen Sie das Tischlerhandwerk komplett?
Linus: Gegebenenfalls werde ich noch Projekten nachgehen, die sich mit diesem Thema befassen. Mein Traum ist es, eine Plattform zu schaffen, wo sich Menschen, insbesondere Frauen und queere Personen, über Ausbildungsplätze austauschen können.
21, hat gerade seine dreijährige Ausbildung zum Tischler abgeschlossen. Am 29. August findet seine Freisprechung in Lübeck statt. Hier wird er eine Rede für Frauen und queere Personen im Handwerk halten.
taz: Werden trotz Fachkräftemangels noch immer Interessierte aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung oder Hautfarbe abgelehnt?
Linus: Leider ja. Mehrere Frauen erzählten mir, dass sie sich bei Tischlereien beworben hatten und sie teilweise direkt zurückbekommen hatten: „Tut mir leid, wir nehmen keine Frauen.“ Oder auch, dass Betriebe am Telefon gesagt haben, dass sie nicht ausbilden, nachdem klar war, dass die bewerbende Person eine Frau ist. In der Berufsschule gab es dann später Klassenkameraden, die in diesem Betrieb einen Ausbildungsplatz bekommen haben und sich auch deutlich später beworben hatten.
taz: Sind bei denen, die es doch geschafft haben, während der Ausbildung Unterschiede zu merken, wie sie behandelt werden?
Linus: Auf jeden Fall. Bei mir im Betrieb ist mehrmals vorgekommen, dass weiblichen Auszubildenden gesagt wurde, dass sie zu schwach seien. Auch dass der Arm irgendwie festgehalten und geschüttelt wurde, um zu zeigen, wie schwach die Person doch ist, passierte mehrmals. Das Klima mit Frauen im Betrieb ist einfach ganz anders.
taz: Inwiefern?
Linus: Die Gesellen gehen komplett anders mit den Frauen um. Es gibt dann Gespräche, zum Beispiel über das Sexleben der Auszubildenden. Das hat sie überhaupt nicht zu interessieren. Frauen werden auch eher nur in der Werkstatt eingesetzt und nicht auf Baustellen mitgeschickt. Hier könne ja etwas zu Schweres zu tragen sein.
taz: Also wird ihnen weniger zugetraut als Männern?
Linus: Total, es wird auch alles doppelt erklärt, damit sie es auch wirklich verstanden haben. Und macht eine weibliche Auszubildende einen Fehler, ist im Nachhinein klar, dass sie das ja nicht konnte. Wenn das bei einem männlichen Auszubildenden passiert, ist das etwas total Normales, einfach mal ein dummer Fehler.
taz: Wie weit geht die Diskriminierung?
Linus: Teilweise so weit, dass auch der körperliche Kontakt zu weiblichen Auszubildenden mehr provoziert wird. Auch in der Schule. Die Lehrkräfte stellen sich dann irgendwie näher an die Auszubildenden ran, wenn sie versuchen, denen etwas zu erklären. Wird das Problem angesprochen, dann wird das als lächerlich behandelt. Das sei übertrieben und einfach eine falsche Wahrnehmung.
taz: Wie ist das konkret für queere Menschen?
Linus: Die Atmosphäre in der Werkstatt ist für queere Menschen einfach unerträglich. Von Anfang an wird das Leben lächerlich gemacht. Es wird über Sexualität und sexuelle Orientierung gelacht. Es gibt auch Begriffe, die einfach in anderem Kontext benutzt werden.
taz: Zum Beispiel?
Linus: Ein transparentes Silikon wird gerne Transe genannt. Darüber wird sich dann lustig gemacht. Als ein queerer Mensch, der vielleicht auch gerade in seiner Transition ist, ist eine Ausbildung im Handwerk einfach mega hart. Man kriegt von allen Seiten zu hören, dass man nicht richtig sei. Als ich mir Ohrringe stechen ließ, musste ich mir Kommentare anhören, dass ich schwul sei.
taz: Outen Menschen sich bewusst nicht?
Linus: Es ist halt überhaupt nicht das Umfeld, offen darüber zu reden. Man merkt sofort, wenn man in den Betrieb kommt, dass man, wenn man sich outet, eine richtig beschissene Ausbildung haben wird. Vor allem gegen Schwule wird viel gehatet. Irgendwie gibt es so eine Angst von Gesellen vor Schwulen. Sie wollen die auf jeden Fall nicht haben, und gibt es welche, werden die halt rausgeekelt.
taz: Setzen sich die Betriebe damit auseinander?
Linus: Überhaupt nicht. Und als Auszubildender traut man sich auch nicht, etwas zu sagen. Man steht so weit unten und muss gucken, dass man sich mit seinem Ausbildungsbetrieb gut stellt. Man ist halt total abhängig von denen. Wenn man dann doch mal was sagt, dann wird das nicht ernst genommen. Das wird dann, wie alles andere, weiter ins Lächerliche gezogen.
taz: Kann man sich extern darüber beschweren?
Linus: Es gibt keine richtige Beschwerdestelle. Auch keine Infos darüber, die zeigen, wo man sich bei Diskriminierung im Handwerk melden kann. Man kann natürlich in eine Gewerkschaft eintreten, dort gibt es Hilfe. Das wird einem aber auch nicht beigebracht, da muss man selber drauf kommen.
taz: Was braucht es für ein offenes Handwerk?
Linus: Das Bewusstsein in den Betrieben fehlt einfach komplett. Es braucht Betriebe, die von sich aus offen sagen: Wir können Frauen und queere Personen ausbilden, und das in einem sozialen Umfeld, in dem angesprochen werden kann, wenn man sich unwohl fühlt. Und es muss Konsequenzen geben. Es ist so krass, dass es einfach nicht möglich ist, als Frau einen ganz normalen Berufsweg zu gehen. Es braucht Anlaufstellen und Betriebe, die da mithelfen.
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