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Linker PopulismusNett war gestern

Leon Holly
Essay von Leon Holly

In den USA postet der Demokrat Gavin Newsom auf einmal wie Donald Trump. Aber das macht noch keinen linken Populismus. Und den braucht es, auch hierzulande.

Demokrat, der jetzt auf Metaphern aus dem Boxsport setzt: Kaliforniens demokratischer Gouverneur Gavin Newsom Foto: Mykle Parker/Zuma/imago

D en Nutzern der Plattform X bot sich Mitte August ein seltsames Bild. Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien, begann da auf einmal so „präsidial“ zu posten wie Donald Trump. „TRUMP IST GERADE VOM ­PODIUM MIT PUTIN GEFLOHEN – KEINE FRAGEN, NICHTS! TOTAL LOW ENERGY“, begann ein Post, der auf das Treffen in Alaska mit ­Wladimir ­Putin anspielte. Newsoms Team hatte das wohl als einmaligen Witz gedacht.

Doch der Post ging durch die Decke. Seitdem hat sich der Account des Demokraten zur Trump-Parodie entwickelt – und seine Followerzahl etwa verzehnfacht. Nun erscheint dort ein Bild von ­Newsoms Antlitz neben denen anderer Präsidenten, und zwar in den Mount ­Rushmore gemeißelt („WOW!“); ein Aufruf, ihm doch den Friedensnobelpreis zu verleihen („EINE EHRE, DANKE!“); und auch die für Trump typische Schlussformel („DANKE FÜR EURE AUFMERKSAMKEIT IN DIESER SACHE!“).

Gehört sich das für einen Gouverneur der respektablen Demokratischen Partei? „Wenn Sie Probleme mit dem haben, was ich veröffentliche, sollten Sie sich verdammt noch mal Gedanken darüber machen, was er als Präsident veröffentlicht“, antwortete Newsom auf Fragen der Presse.

In der Tat freut man sich nach der brutalen Wahlniederlage der Demokraten im Herbst erst mal über deren Lebenszeichen. Die betagten Parteigranden um Nancy ­Pelosi und Chuck Schumer wussten nicht, wie ihnen geschehen war, und schon gar nicht, was sie auf die diabolische Energie der MAGA-Bewegung antworten sollten. Jetzt endlich gibt es mal so etwas wie eine Gegendynamik.

Er will Feuer mit Feuer bekämpfen

Newsom bringt sich also als Herausforderer Trumps in Stellung und schielt dabei mit einem Auge auf die Präsidentschaftskandidatur 2028. Dabei helfen ihm die Konflikte in der Bundespolitik. Im Juni befahl Trump den Einsatz der Nationalgarde in Kalifornien und dachte laut darüber nach, ­Newsom zu verhaften. Newsom zeigte sich unbeeindruckt und zog gegen Trumps Entscheidung vor Gericht.

Als die Republikaner in Texas den Zuschnitt der Wahlkreise zu ihren Gunsten vorantrieben, um sich weitere Sitze im Repräsentantenhaus zu sichern, kündigte Newsom an, in Kalifornien mit dem sogenannten Gerrymandering dagegenzuhalten. In einer Rede begrub Newsom dann auch indirekt das Bonmot von Michelle Obama „When they go low, we go high“. Seine neue Devise lautet: „Wir bekämpfen Feuer mit Feuer.“

Doch wie sieht das Feuer der Demokraten genau aus? Eine enthemmte Trump-Parodie und schmutzige Polittricks können ja nicht alles sein. Und war es nicht genau das Problem von Kamala Harris, dass niemand wusste, wofür sie als Präsidentschaftskandidatin eigentlich stand? Auch sie hatte für ein paar Wochen ihr Meme, Kamala als brat (Göre), Videoschnipsel, hinterlegt zu Songs der Sängerin Charli xcx.

Woran es aber der Bundespartei – und auch Newsom – bislang mangelt, ist ein progressives Gegenmodell zu Trumps Verfallserzählung. Es fehlt ein linker Populismus, der nicht einfach die respektable Hülle durch krasse Rhetorik ersetzt, sondern die Interessen der arbeitenden Bevölkerung gegen Trumps Elitenklüngel in Stellung bringt. Auch in Deutschland können wir von diesem Lehrstück über Inhalt und Form linker Politik profitieren.

Populismus ist zum Schimpfwort geworden

Den Menschen in New York City bot sich am vorletzten Augustwochenende ein seltsames Bild. Dort kamen im Stadtteil Queens Tausende Menschen zusammen, die an einer Schnitzeljagd durch die Stadt teilnehmen wollten. Sie waren dem Aufruf von Zohran Mamdani gefolgt, dem 33-jährigen demokratischen Sozialisten, der für die Demokraten als Bürgermeisterkandidat antritt.

Nach der Niederlage bei den Bundeswahlen im Herbst 2024 hatte der damals noch unbekannte Mamdani ein Video veröffentlicht. Es zeigt ihn auf der Straßen im Gespräch mit New Yorkern, die Trump oder gar nicht gewählt hatten. Er fragte sie, warum sie sich von den Demokraten enttäuscht fühlten. Die hohen Preise, die Mieten, der Genozid in Gaza, so lauten manche der Antworten. Mamdani stellt daraufhin kurz sein Programm vor und verkündet, dass er im kommenden Jahr als Bürgermeister kandidieren will – zur Freude seiner Gesprächspartner. Das Video ging viral.

Nun kann man von Schnitzeljagden als Wahlkampfspektakel, von der Gamification der Politik halten, was man will. Klar aber ist: Mamdani entwickelt gerade eine neue Art der Ansprache und des Auftretens in den sozialen Netzwerken, mit der er es gegen alle Erwartungen geschafft hat, den demokratischen Establishmentkandidaten ­Andrew ­Cuomo zu schlagen.

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Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Dabei wäre es falsch, Mamdanis Erfolg nur auf sein volksnahes Auftreten zu reduzieren. Er wurde gewählt, weil dahinter ein linkes populistisches Programm steht. So will Mamdani Mieten deckeln, Sozialwohnungen bauen, den Busverkehr und die Kinderbetreuung gratis machen und ein Modellprojekt mit Supermärkten in öffentlicher Hand ausprobieren.

Mit diesen Forderungen konnte er gleich in zweifacher Hinsicht als Kandidat gegen das Establishment auftreten: sowohl gegen Trumps MAGA-Kult in Washington als auch gegen die parteiinternen Eliten, in diesem Fall repräsentiert durch den besonders windigen Andrew Cuomo, Frauengrabscher und früherer Gouverneur von New York. Das Kapital wusste indes, wo seine Interessen liegen. Der Demokrat Cuomo bekam Hunderttausende Dollar von republikanischen Großspendern, von denen mindestens ein Dutzend auch Trump die Taschen gefüllt hatten.

Mittlerweile dürfte jedem klar sein, dass Trumps Hofstaat keine Bastion des „vergessenen Amerikas“ ist, sondern ein Selbstbedienungsladen für die Superreichen. In diesem Sinne ist seine Politik auch nicht populistisch, auch wenn er sich in seinen Reden gerne als Tribun der einfachen Leute aufspielt.

Es fehlt ein linker Populismus, der nicht einfach die respektable Hülle durch krasse Rhetorik ersetzt

Der wahre Populist ist weder Trump noch dessen Parodist Newsom, es ist Mamdani. Wenn sich das irritierend falsch anhört, dann vielleicht deshalb, weil Populismus in den letzten Jahrzehnten zum Schimpfwort geworden ist. Populisten, das sind doch Trump, Orbán, Weidel, rechte Widerlinge eben.

Dabei hat der Populismus seinen Ursprung eigentlich am linken Rand, und zwar in den USA. Hier gründete sich 1892 die agrarisch-sozialdemokratische Populist Party, die unter anderem einen Achtstundentag, eine gerechte Steuerpolitik und die Direktwahl von Senatoren forderte. Mit anderen Worten: eine wirtschaftliche und politische Demokratisierung.

Doch ab Mitte des 20. Jahrhunderts wandelte sich die Bedeutung von Populismus. So beschrieb der Historiker Richard Hofstadter 1955 die Populist Party in den USA als einen Haufen rückwärtsgewandter Agrar­nostalgiker, der sich, getrieben von der Angst vor Statusverlust, gegen das Aufkommen der industriellen Moderne wehrte. Ihr Populismus war für Hofstadter eine im Grunde irrationale, ressentimentgeladene Bewegung.

Diese Verschiebung hat gehalten. In den USA führte sie etwa dazu, dass Trump und sein rassistisches Projekt als populistisch bezeichnet werden, während es sich die Demokraten in der Rolle der aufgeklärten Technokraten gemütlich gemacht haben. Newsom versucht nun, zumindest den Anstrich des Anstands abzuwerfen.

Die Linken aber wollen weitergehen – sie wollen sich den Populismus zurückholen. Die linken Demokraten Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez setzen etwa mit ihrer Kampf-gegen-die-Oligarchie-Tour den Ton. Dabei reisen sie quer durchs Land, um vor teils Zehntausenden Zuhörern die Verstrickung von Unternehmen und Milliardären mit der Trump-Regierung anzuprangern.

Blickt man nach Deutschland, dann kann man ebenfalls beobachten, dass die Linkspartei mit einem populistischen Rezept Erfolg hat: junge Ansprache auf Social Media, Bürgernähe im Haustürwahlkampf (abgeschaut aus den USA) und Fokussierung auf populäre wirtschaftspolitische Forderungen („Wir sind die Steuersenkungspartei für die Mehrheit“).

Im Unterschied zu den US-Linken müssen sie dabei nicht mit einem Zweiparteiensystem arbeiten, sich nicht wie bei den Demokraten in einer großen Koalition mit Liberalen und Zentristen behaupten. Die deutschen Linken können sticheln und auf Angriff gehen, wie sie wollen – gegen die AfD, na klar, gegen die Merz-CDU, aber auch gegen SPD und Grüne.

So funktionieren die rhetorischen Spitzen von Heidi Reichinnek, die ja schon in Tiktok-Geschwindigkeit spricht. So funktioniert ebenfalls der argumentationsstarke Jan van Aken, der auch mal poltern kann. Allerdings: Wenn van Aken im TV-Duell Sahra Wagenknecht anblafft („Halt doch mal den Mund“), dann wird sichtbar, dass der konfrontative Stil auch schnell maskulinistische Züge annehmen kann.

Die lassen sich auch im verbalen Zweikampf Newsom gegen Trump kaum übersehen. Auf X gingen einige Newsom-Anhänger sogar dazu über, die Physiognomie des jungen Gouverneurs und dessen markante Kieferpartie mit dem rundlicheren Gesicht des jungen J. D. Vance zu vergleichen – was zeigt, dass manche rechte Argumentationsmuster besser rechts verbleiben.

Die Ironie des neuen Pöbelpopulismus ist, dass er eigentlich mal Strategie eines Teils der 68er war, mit derber Sprache die Befindlichkeiten der Spießer aufzumischen. Heute sind es die Rechten, die sich als gegenkulturelle Revolutionäre aufspielen und die vermeintlichen Sprachregeln des Mainstreams brechen. Und da sollen Linke jetzt wieder in die Lehre gehen? Vielleicht sollten sie sich lieber von Zohran Mamdani abschauen, dass man Erfolg haben kann, ohne nur in Großbuchstaben zu posten und zu sprechen. Ja, Mamdani weiß, wie Tiktok funktioniert, aber er trägt Anzug, ist eloquent und zugewandt. Und wirkt damit wie eine modernisierte Verkörperung der alten marxistischen Losung: radikal im Inhalt, konservativ in der Form.

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Leon Holly
Jahrgang 1996, studierte Politik und Nordamerikastudien in Berlin und Paris. Von 2023 bis 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Schreibt über internationale Politik, Kultur, und was ihn sonst so interessiert.
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2 Kommentare

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  • Auch in den USA geht es nicht so sehr um das "Wie" sondern vor allem um das "Was". TikTok, ein markantes Aussehen usw hilft längerfristig nur dann wenn man wirklich etwas zu sagen hat das die Bevölkerung interessiert. Und genau da hakt es bei den Demokraten. "Kampf gegen die Oligarchie" ist etwas für Sanders und seine intellektuellen Freunde, wird aber sonst kaum jemand interessieren.



    Anderer Blickwinkel: In Washington D.C. hat Trump die Nationalgarde eingesetzt um die Sicherheit zu verbessern. Es gab seit 14 Tagen keinen einzigen Mord. 2024 waren es im Durchschnitt ein Mord in 2 Tagen., 2024 2 Morde in drei Tagen. Trump zeigt den Menschen dass seien Regierungsweise ihnen direkt hilft. Und die Demokraten haben da nichts entgegenzusetzen ausser irgendwelche legalistischen Argumente die aber die Mordstatistik kaum beeinflussen. Man muss erstmal Substanz aufbauen bevor man an die Medien denken kann. Sonst geht es wie bei Kamala nach hinten los. .

  • Kann ich nur zustimmen, Schluss mit der politischen Rigidität. Wir Demokraten müssen endlich flexibler werden und uns anpassen, wie wir die Gegnerschaft besiegen können.



    "Be Water.", sprach einst ein namhafter Kampfkünstler.