Jakutisches Filmfestival in Berlin: Ein jakutischer Wes Anderson in Berlin
Die Republik Sacha, genannt Jakutien, im Osten der Russischen Föderation kennen nur wenige. Ein Filmfestival hilft, die ferne Kultur vorzustellen.
H aben Sie sich schon einmal gefragt, weshalb Russland eigentlich so groß ist? Grund sind die kolonialen Eroberungen unter den Zaren, die im 16. Jahrhundert begannen – indigene Völker wurden gewaltsam gefügig gemacht, russifiziert und christianisiert. Als das Sowjetimperium vor 35 Jahren zerfiel, riefen zahlreiche dieser von Russland kolonisierten Regionen ihre Unabhängigkeit aus, doch der Kreml ließ das nicht zu. Angehörige der indigenen Völker, die in der Russischen Föderation Minderheiten bilden, leiden unter Rassismus und sind besonders häufig von Armut betroffen.
Im Fernen Osten der Russischen Föderation liegt die größte dieser Regionen, die Republik Sacha, auch bekannt als Jakutien. Benannt ist sie nach dem Turkvolk der Sacha, das eine eigene Sprache, Kultur und Religion besitzt. Dass diese trotz vieler Jahrhunderte russischer Hegemonie erhalten geblieben sind, konnte man Ende September beim ersten Jakutischen Filmfestival in Berlin erleben.
Bei einer Diskussionsveranstaltung mit jakutischen Filmemachern in der Kulturfabrik Moabit schilderte die in Istanbul lebende Produzentin Marianna Siegen, dass ihrer Erfahrung nach kaum jemand wisse, wo ihre Heimat eigentlich liegt – auch nicht im Westen Russlands, wo sie für eine Ausländerin gehalten werde. Sie berichtet in ihrer Muttersprache Jakutisch, das ins Englische gedolmetscht wird, dass sie mit der Sacha-Religion aufgewachsen sei, in der die Sonne das Zentrum bildet.
Ihr Kollege, der Regisseur Er Sanaa Oh-Khotor, ergänzt, die Sacha sähen sich als Kinder der belebten Natur, der Sonnenstrahlen. Schamanen würden in der jakutischen Gesellschaft nach wie vor mit viel Respekt behandelt, da sie die drei Welten – die mittlere, in der die Menschen leben, die untere und die obere, die den Geistern vorbehalten sind – miteinander verbinden können. Trotz der Verdrängung durch das Russische in der Öffentlichkeit bewahre man die jakutische Sprache in den Familien.
Eingeleitet wurde das Festival mit dem Dokumentarfilm „Silis“ (2022), „Wurzeln“, der Regisseurin Diana Khudaeva. Er zeigt die von althergebrachten Bräuchen bestimmte Lebensweise der Jakuten zu den vier Jahreszeiten, von denen der harte Winter die längste bildet. Unterlegt ist der Film mit einem eigens für ihn verfassten epischen Sacha-Gedicht, einem Oloncho, das allerdings entgegen der Tradition von einer Frau rezitiert wird und so bewusst mit ihr bricht.
Spuk auf der Mülldeponie
Mein persönliches Highlight war der Spielfilm „Timir“ (2023). Bei der eingängigen, bittersüßen Tragikomödie in Retro-Ästhetik handelt es sich um den Debütfilm von Nikolai Koryakin. Die tableauhaft inszenierte Handlung spielt in einem jakutischen Dorf, in das der Protagonist, der kleine Timir, nach dem Tod seiner Mutter geschickt wird. Dort lernt er seinen Vater kennen, einen schweren Alkoholiker.
Als der Junge den Gerüchten über Spuk auf der Mülldeponie im Wald nachgehen möchte, nimmt sein tristes Leben eine unerwartete Wendung. Denn er trifft dort auf eine in der mittleren Welt der Menschen gefangene Seele – einen hilfsbereiten Geist mit CCCP-Baseballkappe.
Bei der Diskussion merkte der Regisseur an, er habe einen Sacha-Film im Wes-Anderson-Stil drehen wollen. Das ist ihm gelungen.
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